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Hellwig, Chialo und Geibel bilden ­Airforce1-Koalition

Am 26. September entscheidet sich, ob Joe Chialo in den Bundestag einzieht. Schon vorab hat der Musikmanager zusammen mit Jörg Hellwig und Dirk Geibel die Weichen gestellt, wie es bei Airforce1 weitergeht. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die drei die Details, ­stellen Schwerpunkte fürs Saisongeschäft vor und analysieren digitale Potenziale.

22.09.2021 10:52 • von
Beim Dreh für ein aktuelles Santiano-Video bei Flensburg: Jörg Hellwig und Joe Chialo. (Bild: Foto: Laura Besch; Layout: MusikWoche)

Am 26. September entscheidet sich, ob Joe Chialo in den Bundestag einzieht. Schon vorab hat der Musikmanager zusammen mit Jörg Hellwig und Dirk Geibel die Weichen gestellt, wie es bei Airforce1 weitergeht. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die drei die Details, ­stellen Schwerpunkte fürs Saisongeschäft vor und analysieren digitale Potenziale.

»Die Entscheidung, mich politisch zu engagieren, habe ich voller Zuversicht getroffen, dass ich mein Ziel erreiche und in den Bundestag einziehe, um dort unter anderem für Künstlerinnen und Künstler einzutreten und eine Situation herbeizuführen, die von Realititätssinn geprägt ist, denn das ist bislang nicht immer der Fall«, sagt Joe Chialo. Dass er nun kürzlich ins Zukunftsteam von Armin Laschet eingezogen sei, bedeute vor allem, dass »die Kultur bei der CDU weiter ins Zentrum des Interesses gerückt« sei und dort auch künftig eine Rolle spielen werde. »Es bedeutet aber nicht, dass ich nun in irgendeiner Form zum Minister in spe ausgerufen wurde.« Er habe »als aktiver Unternehmer in die Politik gehen« wollen, betont Chialo, warum er trotz seiner politischen Ambitionen dem Musikgeschäft auch weiterhin treu bleiben wolle. Zudem verweist er auf zahlreiche Abgeordnete, die es geschafft hätten, ihre jeweiligen Unternehmen weiterhin zu führen und das mit den Aufgaben des Bundestagsmandats unter einen Hut zu bringen. »Ich habe das Glück, dass ich im Berliner Bezirk Spandau kandidiere, und die Wege von meinem Büro in den Bundestag oder zu Universal Music sehr kurz sind.«

Die Auswirkungen auf seine Aktivitäten im Musikgeschäft habe er »schon zuvor mit dem wunderbaren Team bei und Electrola« besprochen. Schließlich verbinde einander eine langjährige und erfolgreiche Partnerschaft: »Zuallererst mit Jörg Hellwig und Dirk Geibel, aber selbstverständlich genauso mit Frank Briegmann und Tom Bohne.« Man habe die Zusammenarbeit nun so aufgestellt, »dass alles reibungslos weiterlaufen wird«, verspricht Chialo, der sich in dem auch weiterhin in den drei Bereichen Management, Label und Verlag aufgestellten Unternehmen Airforce1 künftig vor allem um die Beziehungen zu den Kreativschaffenden und um A&R-Aufgaben kümmern will.

_____»Joes ganz große Stärke ist das Erkennen von künstlerischem Potenzial.« Jörg Hellwig, Electrola.

»Joes ganz große Stärke ist das Erkennen von künstlerischem Potenzial, die Fähigkeit, Acts dann für sich und das Label zu gewinnen und ihnen zu helfen, die kreativen PS auch richtig auf die Straße zu kriegen«, lobt Jörg Hellwig als Managing Director Electrola. Das habe Chialo immer wieder unter Beweis gestellt. An dieser Stärke werde sich auch trotz politischer Aktivitäten nichts ändern, gibt sich Hellwig zuversichtlich, »und wir sorgen im Tagesgeschäft dafür, dass der Unterbau stimmt.«

Die Zusammenarbeit beider Seiten begann vor elf Jahren: »Seitdem hat sie sich Stück für Stück fortentwickelt«, bestätigt Jörg Hellwig. »Joe hat uns zunächst noch bei der einstigen Koch Music im A&R-Bereich beraten.« Das habe bereits zu schnellen Erfolgen geführt, was bei Chialo den Wunsch befeuert habe, auch selbst Acts auf einem eigenen Label zu entwickeln. »Der dritte Schritt war dann ein Joint-Venture-Label.« Den 2014 geschlossenen Vertrag habe man bald verlängert. »In so einer langen Zusammenarbeit entwickelt man auch großes persönliches Vertrauen«, unterstreicht Hellwig. Schließlich schweiße Erfolg zusammen. Angesichts seiner politischen Ambitionen habe Chialo ganz offen dafür gesorgt, dass alles in geordneten Verhältnissen über die Bühne gehe. »Und dabei spielt nun unter anderem die verstärkte Einbeziehung von Dirk Geibel eine bedeutende Rolle, der bereits im Tagesgeschäft viel stärker in alle Entscheidungen eingebunden ist als zuvor.«

Geibel übernimmt demnach nun zusätzlich zu seinen bisherigen Aufgaben als Marketing Director von Electrola & Airforce1 auch den Posten als General Manager beim Label Airforce1. Bei Electrola kommt parallel die Beförderung zum Senior Marketing Director hinzu. »Als Zeichen der Wertschätzung«, wie Hellwig unter anderem mit Verweis auf gemeinsame Erfolge und die gute Zusammenarbeit betont: »Es ist ein Traum, mit zwei solchen Managern wie Joe und Dirk arbeiten zu dürfen.« Damit verantwortet Geibel fortan die operative Leitung des Joint Ventures samt der gesamten Vermarktungsaktivitäten bei Electrola und Airforce1. »Für mich ist es eine große Freude, bei all der Arbeit mit Künstlern wie Ben Zucker, Alvaro Soler oder der Kelly Family einen Partner an der Seite zu haben, der die Künstlerinnen und Künstler und die Inhalte schon lange kennt, und auf den ich mich auch in den entscheidenden und nicht immer einfachen Momenten voll verlassen kann«, sagt Joe Chialo. Das Tagesgeschäft im Managementbereich von Airforce1 leitet fortan Anke Friedel.

Mögliche Probleme zum Beispiel in Hinblick auf eine eventuell unterschiedliche Behandlung von Act des Stammhauses Electrola hier und des Joint-Venture-Labels Airforce1 dort weist Hellwig entschieden zurück: Gedanken, bei dem jeweils anderen Label vielleicht besser aufgehoben zu sein, seien ihm nicht bekannt: »Die Künstlerinnen und Künstler, die bei Airforce1 unter Vertrag stehen, haben sich ganz bewusst dazu entschieden, dorthin zu gehen, weil sie genau diese kleine Unit mit dem sehr direkten Kontakt gesucht haben.« Chialo führt zum Beleg dafür die Kelly Family an: »Die Kelly Family ist bei Airforce1 gesignt, die einzelnen Mitglieder stehen hingegen bei Electrola unter Vertrag. Wenn nun wir, Jörg, Dirk und ich, miteinander nicht so vertrauensvoll umgehen würden, wie wir es tun, spüren die Künstlerinnen und Künstler das sofort. Sie alle kennen die Zusammenhänge hier sehr genau, und bislang hat es nie ein Problem gegeben.«

Dirk Geibel freut sich derweil »sehr über das von Jörg und Joe in mich gesetzte Vertrauen sowie darauf, bei Airforce1 mehr Verantwortung übernehmen zu dürfen«. Mit beiden Managern verbinde ihn seit 2014 eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, zudem sei er in seiner bisherigen Funktion ebenfalls längst massiv ins Marketing beim Label Airforce1 eingebunden. »Wir haben eine gute Basis, um miteinander schnelle Entscheidungen treffen zu können und Joe dennoch im Tagesgeschäft den Rücken freihalten zu können.«

Letzeres bedeutet in einem sich schnell wandelnden Marktumfeld aber noch lange kein »weiter so«: So erläutert Joe Chialo denn auch, dass man sich bei Airforce1 weiterhin digital erneuern wolle, wodurch sich auch der Fokus weg vom Album und hin zu kleineren Schwerpunkten verschiebe. Dass dieser Umbau für eine Delle sorgen könne, sei bereits einkalkuliert. Passend dazu habe man sich in den vergangenen zwölf Monaten von einigen Acts getrennt, »für die beiderseits eine weitere Zusammenarbeit perspektivisch nicht mehr so attraktiv gewesen wäre«. Als konkretes Beispiel nennt Chialo die Metalband Beyond The Black, »mit der wir wahnsinnig gern zusammengearbeitet haben«, die aber einen »unabhängigeren Weg« gehen wollte.

_____»Wir sind jetzt im Dance-Game mit am Start, und stellen uns viel trackorientierter auf.« Joe Chialo, Airforce1.

»Wir haben auch unsere Signing-Politik verändert und zum Beispiel einen Dance-Act wie Noel Holler unter Vertrag genommen, der mit Daniel Standke zusammenarbeitet, der schon Felix Jaehn zum weltweiten Durchbruch verhalf«, berichtet Chialo. »Wir sind jetzt im Dance-Game mit am Start und stellen uns viel trackorientierter auf - das ist eine ganz bewusste strategische Entscheidung, und noch einmal etwas ganz anderes, als Acts zu signen, mit denen wir dann Platten verkaufen wollen.«

Mit dem ebenfalls noch jungen Signing Unprocessed habe man »einen unfassbar talentierten Act unter Vertrag genommen«, mit dem man eine jüngere Zielgruppe anpeile: »Die Jungs sind mit das Beste, was Universal Music gerade an jungen Talenten zu bieten hat«, gibt sich Chialo selbstbewusst und kündigt nach ersten Titeln der Wiesbadener Rockband für 2022 bereits ein Album an. »Unprocessed bauen wir auf in dem Wissen, dass unser Investment in diese Band eines in die Zukunft ist«, sagt Chialo. »Wir wollen unsere Acts perfekt und konsequent auf den digitalen Markt ausrichten, da ist die aktuelle Delle für unser strategisches Fortkommen bereits eingepreist.«

Anders sei das noch bei Acts wie Ben Zucker: »Viele seiner Fans erwarten noch ein Album. Aber auch hier verändert es sich, wie wir dieses Album ausspielen.« Hier begreifen sich die Teams von Electrola und Airforce1 als »Innovationsmotor«, um Künstlerinnen und Künstler auch in der digitalen Welt weiterhin zu Erfolgen führen zu können.

_____Emotionale Momente mit Santiano

»Bei uns in München ist der Spagat noch ein bisschen weiter, weil wir auch Heritage Artists wie die Kastelruther Spatzen, die schon sehr lange bei uns sind, auch künftig noch bestmöglich betreuen wollen«, ergänzt Jörg Hellwig. »Der Versuch aber, auch das MOR-Repertoire so digital wie möglich zu machen, ist eine große Aufgabe, der wir uns alle gemeinsam stellen.« Hier gelte es, eine gewisse Durststrecke zu überwinden, aber »Tools wie der YouTube-Channel 'Ich find Schlager toll', die ganz klar auch im Fokus der gesamten Universal Music stehen, helfen uns sehr dabei«.

Digitale Themen würden das Tagesgeschäft längst bestimmen, weiß auch Dirk Geibel: »Wir versuchen, die Künstlerinnen und Künstler und Managements viel stärker in der Entwicklung mitzunehmen, auch in der Analyse der richtigen Tools, und wie man sie bespielt. Da haben wir in den vergangenen beiden Jahren bereits schöne Entwicklungen gesehen.« So habe DJ Ötzi binnen kurzer Zeit eine Plattform wie TikTok erfolgreich für sich entdecken können, aber: »Nicht jede Plattform ist für jede Künstlerin und jeden Künstler das Richtige. Auch das gehört zur Beratung dazu.«

_____»Wir haben viele kleine und agile Teams, die an ihren jeweiligen Schwerpunkten arbeiten.« Dirk Geibel, Electrola & Airforce1.

Dirk Geibel verweist ebenso auf anstehende Schwerpunktveröffentlichungen für das Herbstgeschäft, die auch physisch starke Ergebnisse versprechen: »Das läuten wir ein mit Santiano, worauf wir einen großen Fokus legen.« Das neue Album der Band, »Wenn die Kälte kommt«, erscheint am 8. Oktober über We Love Music/Electrola, und lehnt sich an die Geschichte von Roald Amundsen und Robert F. Scott und deren Wettlauf in der Antarktis an. »Aus dieser Geschichte heraus entstehen viele emotionale Momente, die auf diesem Album verarbeitet sind«, verrät Chialo: »Das jüngste Santiano-Video samt Schneesturm haben wir bei Sommertemperaturen in einer Kiesgrube bei Flensburg gedreht.«

Mit diesem Album, dem ersten Studiowerk seit vier Jahren, verbindet das Team von Electrola und Airforce1 die größten kommerziellen Erwartungen. »Hier ist bereits eine große Vorfreude zu spüren«, sagt Geibel. Hinzu kommen Schwerpunkte wie von Howard Carpendale, der am 26. November als Abschluss einer Album-Trilogie mit dem Royal Philharmonic Orchestra zwölf persönlich ausgewählte Weihnachtssongs veröffentlicht. »Außerdem planen wir im November Re-Editions von Maite Kelly und Ben Zucker mit ihren jeweiligen Nummer-eins-Alben«, sagt Dirk Geibel. »Wir haben viele kleine und agile Teams, die an ihren jeweiligen Schwerpunkten arbeiten.« Joe Chialo kündigt zudem eine »Sensation« an, nämlich eine Kooperation von Ben Zucker mit Zucchero.

Und was passiert nun, wenn bei der Wahl zum Bundestag am 26. September der Wähler im Wahlkreis Spandau anders entscheidet? Joe Chialo gibt sich da ganz zuversichtlich und uneitel: »Allein die Tatsache, dass ich nun ins Zukunftsteam von Armin Laschet berufen worden bin, zeigt, dass sich sehr viel bewegt hat, seit ich mich vor einem Jahr entschlossen habe, zu kandidieren. Es ist hier gelungen, ein echtes Ausrufezeichen für die Kultur- und Kreativwirtschaft zu setzen.« Daraus werde sich etwas Gutes entwickeln, für die Branche ebenso wie für die Kreativschaffenden: »Ich möchte diese Reichweite auch später nutzen, um für die Künstlerinnen und Künstler etwas zu bewirken.« Dass das nötig sei, habe er an seinen Bands gesehen und vor allem an deren Umfeld: »Dafür zu sorgen, dass wir für unsere Belange in der Politik mehr Rückhalt bekommen, ist mein erklärtes Ziel. Und für dieses Ziel habe ich neue Mitstreiter gewonnen, auf die ich künftig zählen kann, selbst wenn ich in Spandau nicht gewählt werde. Das ist mir sehr wichtig.«

Text: Knut Schlinger