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Parteien zur Wahl Teil 4: "Let There Be Rock"

Vor der Bundestagswahl bat MusikWoche deutsche Parteien, wie sie zu Themen stehen, die für die Musikbranche relevant sind. Teil vier der Serie beschäftigt sich mit der Gleichstellung der Klassik- und Rock/Pop-Förderung.

17.09.2021 12:08 • von Dietmar Schwenger
Setzt sich für gleichberechtigte Partizipation aller Musikbranchen ein: Erhard Grundl von den Grünen (Bild: Bündnis 90, Die Grünen)

Vor der Bundestagswahl bat MusikWoche deutsche Parteien, wie sie zu Themen stehen, die für die Musikbranche relevant sind. Teil vier der Serie beschäftigt sich mit der Gleichstellung der Klassik- und Rock/Pop-Förderung. So hat der Raad voor Cultuur, ein institutionelles Gremium in der niederländischen Kulturpolitik, hat bereits 2017 einen Beschluss gefasst, die Förderung von Popmusik mit der für klassische Musik gleichzustellen.

Die Frage an die Parteien lautete konkret: Inwieweit würde eine solche politische Richtungsentscheidung von ihrer Partei in der kommenden Legislaturperiode mitgetragen werden?

Erhard Grundl, Bündnis 90/Die Grünen:

"Die grüne Bundestagsfraktion hat bereits zu Beginn der Legislatur in einer parlamentarischen Anfrage (Let There Be Rock - Musikförderung des Bundes, Drs. 19/7880) das Ungleichgewicht der Förderung zwischen Popmusik und klassischer Musik auf Bundesebene aufgedeckt. Aus den Ergebnissen haben wir ein Gesamtkonzept für eine Bundesmusikförderung abgeleitet, das

? eine gleichwertige Förderung der unterschiedlichen Genres mit Fokus auch auf Nachwuchsförderung beinhaltet,

? Programme für die kulturelle Teilhabe und musikalische Bildung wie bspw. ein Sonderfonds für kreative Räume, in denen musiziert werden kann einschließt,

? die Exportförderung ausbaut und neu strukturiert,

? die ökologisch nachhaltige Produktion in der Musikindustrie und -wirtschaft fördert

? sowie die Frauenförderung und Gleichberechtigung stärker und konzeptionell durchdacht in den Fokus stellt.

Dieses Konzept wollen wir in der neuen Legislatur umsetzen und haben es im Rahmen einer gleichen Wertschätzung bei der Finanzierung der Kulturformen im Wahlprogramm verankert. Es geht dabei nicht um ein gegeneinander ausspielen der unterschiedlichen Musiksparten. Es geht vielmehr um eine faire und gleichberechtigte Partizipation aller Musikbranchen an öffentlicher Förderung. Bisher weniger beachtete müssen daher mit in den Fokus rücken.

Denn zeitgenössische populäre Musik, wie Pop, Rock, HipHop, EDM, Indie, Jazz, Punk etc. hat eine herausragende Bedeutung für unsere Gesellschaft. Sie machen einen Großteil der Gegenwartsmusik aus, verändern sich stetig, indem sie neue Musikformen in sich aufnehmen und somit neue Musikstile hervorbringen. Sie sind, ob kommerziell erfolgreich oder nicht, Labore unserer Musikkultur. Sie stehen für eine zeitgenössische, lebendige Kunstform, die von der Mehrheit der Bevölkerung rezipiert und von vielen Menschen aktiv praktiziert wird. Sie sind somit der erste Berührungspunkt junger Menschen mit Musikkunst: Sie prägen Lebensgefühle, wirken für Jugendliche identitätsbildend und sind auch für Erwachsene ein wichtiger Identitätsanker. Popmusik hat eine gesamtstaatliche Bedeutung für unser Land und ist somit auch förderungswürdig - und das auch auf Bundesebene.

Es geht um eine gerechte Wertschätzung aller musikalischen Genres. Und eine Lösung dafür ist: Aufhebung der unsinnigen Unterscheidung zwischen E + U-Musik in der Förderung."

Ein SPD-Sprecher:

Die SPD setzt sich für die Stärkung der Popmusik ein. Es müssen vor allem die Produzenten*innen von Musik, also die Künstler*innen gefördert werden. Mit der "Initiative Musik" besteht eine zentrale Fördereinrichtung für die deutsche Musikwirtschaft. Sie unterstützt u.a. den musikalischen Nachwuchs aus Deutschland, Musiker*innen mit einem Migrationshintergrund sowie Livemusikclubs. Zudem wird die deutsche Popmusikszene einen neuen Preis erhalten. Mit der Gründung des Musikfonds 2016 haben wir eine Förderlücke im Bereich der zeitgenössischen Musik aller Sparten geschlossen.

Im Mai 2021 hat der Deutsche Bundestag mit einem Entschließungsantrag Musikclubs zu Kulturstätten erklärt. Die beschlossene Anpassung der Baunutzungsverordnung bedeutet, dass Clubs und Livespielstätten mit einem nachweisbaren kulturellen Bezug nun mit Theatern, Opern, Museen und Konzerthäusern als Anlagen kultureller Zwecke gleichgestellt werden. Daraus ergeben sich die Konsequenzen, dass dem Clubsterben und der Verdrängung von Clubkultur aus den Innenstädten in Zukunft Einhalt geboten werden kann.

Ein besonderen Schwerpunkt legt die SPD auf der Stärkung des Musikstandortes Deutschland. Für die drei herausragenden Festivals "Reeperbahn" (Hamburg), "c/o pop" (Köln) und Pop-Kultur (Berlin) konnten wir die finanziellen Mittel aufstocken. Auf diesen Festivals können sich deutsche Kreativakteur*innen in weltweiten Märkten positionieren. Ob die Mittel für die vielfältigen Förderlinien der Popmusikförderung künftig ausreichen, muss aus den jeweiligen Verhältnissen geprüft werden.

Ein FDP-Sprecher:

"Unser Ziel ist es, so viele Akteure wie möglich dazu zu befähigen, ohne staatliche Unterstützung ihre Unternehmungen umsetzen zu können. Gleichzeitig haben wir als Freie Demokraten schon seit Langem den künstlerischen und auch unternehmerischen Wert von Popkultur - also Musik, Games, Comics, Science Fiction und Fantasy oder Filme - als Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft erkannt. Damit sollten sie auch gleichwertig an staatlicher Kunstförderung teilhaben können, sofern ein berechtigtes Interesse vorliegt.

Wir befürworten daher solche Förderung, wie etwa durch die Initiative Musik, welche durch vielfältige Programme die zeitgenössische populäre Musik wie Rock, Pop, Jazz, Hip-Hop und elektronische Musik unterstützt. Künstlerinnen und Künstler sowie Clubs profitieren davon gleichermaßen. Aber es geht nicht nur um Förderung, sondern auch Anerkennung: Wir unterstützen eine mögliche Bewerbung bei der UNESCO, elektronische Tanz- und Clubkultur als immaterielles Kulturerbe anzuerkennen, denn elektronische Tanzmusik ist ein Fortschrittstreiber. Sie beflügelt Kunst, Mode, Design und Architektur."

Eine CDU-Sprecherin:

"Die Initiative Musik, die deutsche Musik-Fördereinrichtung des Bundes und der Musikwirtschaft, zählt zu ihren Schwerpunkten auch die Förderung der Popkultur. Wir wollen die Erfolgsgeschichte der Initiative Musik weiter fortschreiben und durch weitere Fördermaßnahmen auch im Bereich der Popkultur Sorge dafür tragen, dass diese Branche einen angemessenen Stellenwert im Vergleich zu anderen Musikzweigen in der kulturellen Landschaft in Deutschland erhält. Für die Union ist der Bereich der Nachwuchsförderung und Jugendarbeit besonders wichtig."

Susanne Henning-Wellsow, Die Linke:

"Da haben wir eine klare Haltung. Popmusik ist gleichwertig zu anderen Musikgenres, wie klassischer Musik und im gleichen Umfang zu fördern! In Deutschland gehört Musikförderung zu den zentralen Aufgaben von Kommunen, die oft ihren Fokus auf klassische Musik legen. Zwar wurde die Bundesförderung von zeitgenössischen populären Musikformen in den vergangenen Jahren ausgebaut, aber von einer Genre-ausgeglichenen und vielfältigen Musikförderung kann nicht die Rede sein. 2010 betrug der Etat für Rock, Pop, Hip-Hop, Elektro und Jazz gerade mal 1,22 Prozent - Tendenz sinkend. Damit popmusikalische Genrevielfalt gegenüber Hoch-subventionierter-Kultur nicht benachteiligt wird, wollen wir die Fördermaßnahmen für Popmusik und -kultur erweitern, indem wir zum Beispiel den Ausbau der bundesweiten Strukturen und Netzwerke der Popförderer ausbauen und nachhaltiger sowie prozesshafter gestalten."

Interviews: Manfred Tari