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Schulz und Schwarte: "Endlich findet wieder alles in Präsenz statt"

Nach der digitalen Ausgabe 2020 rüstet sich das Reeperbahn Festival für eine Präsenzveranstaltung - wenn auch unter Einschränkungen. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die beiden Geschäftsführer Alexander Schulz und Detlef Schwarte, wie das diesjährige Konzept zustande kam und wo inhaltliche Schwerpunkte liegen.

14.09.2021 11:03 • von Dietmar Schwenger
Kehren mit dem Reeperbahn Festival als Hybrid Event zurück: Alexander Schulz (iinks) und Detlef Schwarte (Bild: Niklas Marc Heinecke)

Nach der digitalen Ausgabe 2020 rüstet sich das Reeperbahn Festival für eine Präsenzveranstaltung - wenn auch unter Einschränkungen. Im Gespräch mit MusikWoche erläutern die beiden Geschäftsführer Alexander Schulz und Detlef Schwarte, wie das diesjährige Konzept zustande kam und wo inhaltliche Schwerpunkte liegen.

Sie hatten ja in diesem Jahr zunächst eine Rückkehr zur Normalität für das Reeperbahn Festival erhofft. Wann wurde Ihnen klar, dass das nicht klappen würde und wie kam es dann zum Hybrid-Konzept?

Alexander Schulz: Seit dem ausgehenden Frühjahr hatten wir damit gerechnet, dass die lange prognostizierte Normalität nicht bis zum Herbstanfang einsetzen würde. Verordnungen dürfen von Regierungen richtigerweise nur noch für eine Dauer von maximal vier Wochen ausgesprochen werden. Insofern war uns klar, dass wir frühestens Ende August verbindlich die Rahmenbedingung für das diesjährige Reeperbahn Festival kennen können. Anders als noch im vergangenen Jahr veranstalten wir in sämtlichen Programmbereichen zwar in eingeschränkter Kapazität, aber in Präsenz - das ist neben der zurück gekehrten Internationalität in allen Programmen das wesentliche qualitative Unterscheidungsmerkmal zu 2020. Es gibt dazu in einigen Programmangeboten hybride Ergänzungen, wie zum Beispiel bei den Formaten Matchmakings und den Sessions, wenn Unternehmerinnen und Speakerinnen medial teilnehmen oder ein Präsenz-Panel ergänzen. Da machen wir uns das zunächst notgedrungen Erlernte aus dem vergangen Jahr, als vieles noch gar nicht on-site möglich war, als Add-On zu den Präsenz-Angeboten zunutze.

2G und steigende Inzidenzen in Hamburg: Welche Auswirkungen wird das für das Reeperbahn Festival vor Ort haben?

Schulz: Zum Reeperbahn Festival 2021 haben genesene, geimpfte und geteste öffentliche Besucherinnen und Fachbesucherinnen Zutritt. Die für das Reeperbahn Festival geltende 50. Eindämmungsverordnung der Freien und Hansestadt Hamburg enthält auch die 2G-Option. Sie ist richtig und gut, denn jede Möglichkeit Schritte zurück zur Normalität unternehmen zu können, ist für unsere Branche ein starkes Signal, das wir nutzen sollten, wenn immer es irgendwie darstellbar ist. Wir waren bis zuletzt in sehr enger Abstimmung mit Politik und Verwaltung über die Details zur Anwendung für das Reeperbahn Festival. In der derzeit vorliegenden Form ist die ¬2G-Option für ein derart komplexes und heterogenes Konstrukt wie das unsrige, dazu in dieser Kurzfristigkeit nicht anwendbar. Ich bin mir aber sicher, dass andere Bundesländer das 2G-Modell adaptieren werden, sodass wir noch vor Weihnachten in einigen Teilen der Veranstaltungswirtschaft, vor allem in weniger komplexen Einzelanwendungen als nun gerade beim Reeperbahn Festival, einen großen Schritt in Richtung Rückkehr zur Normalität erleben werden. Für das diesjährige Reeperbahn Festival haben wir sehr brauchbare Durchführungsszenarien mit den zuständigen Behörden verabredet. Sie ermöglichen uns, eine Gesamtveranstaltung abzubilden, die in Bezug auf die letzte pandemiefreie Ausgabe in 2019 etwa 50 Prozent Angebotsvolumen in allen Programmbereichen für Fachbesucherinnen und öffentliches Publikum vorhält und eine räumliche Gesamtkapazität von etwa 40 Prozent zu 2019 aufweist. Wir erwarten also etwa 20.000 Besucherinnen.

Wie hoch ist derzeit der Stand der Registrierungen für das Reeperbahn Festival?

Detlef Schwarte: Für die von Alex genannten Kapazitäten im öffentlichen Programmbereich sind die Tickets weitgehend ausverkauft. Für das Konferenzprogramm haben wir aktuell rund 1000 Tickets abgesetzt und werden noch bis etwa 1500 weiter verkaufen. Daneben gibt es ja auch wie 2020 die Möglichkeit, den Großteil des Konferenzprogramms rein digital mitzuerleben und sich mit allen Delegierten - egal ob live vor Ort oder digital dabei - zu vernetzen.

Wird es wieder Clubkonzerte geben und wie würden diese umgesetzt?

Schulz: Wir zeigen in diesem Jahr über 300 Konzerte in etwa 30 Spielorten indoor und weiteren fünf outdoor. 15 der Spielorte sind bestuhlt und 20 unbestuhlt. Die genehmigte Auslastung in Bezug auf die eigentliche Kapazität variiert je nach Spielort zwischen 30 und 70 Prozent. Etwa 120 der 300 Konzerte finden im Rahmen von Showcases statt, unter anderem aus Kanada, Italien, Niederlande, Frankreich, Dänemark, Ungarn, Tschechien, Ukraine, Österreich, Schweiz und Litauen. Aber auch nationale Organisationen und Unternehmen präsentieren ihre Künstlerinnen live, wie der Verband für PopkulturBayern, PopNRW, die Popakademie Ba-Wü, VUT, Tonali, IHM e.V., Ereignisraum Berlin, Deutsche Grammophon oder BMG (Modern Classical).

Wie wird das Konferenzprogramm aussehen? Wird es wieder vorab aufgezeichnete Sessions geben? Wird es Zugangsbeschränkungen und sonstige Restriktionen wie lüftungsbedingte Verkürzungen der Panel-Dauer geben?

Schwarte: Wir werden am Donnerstag und Freitag des Festivals 50 Sessions live produzieren, die alle auch zeitgleich auf unserer digitalen Konferenzplattform gestreamt werden. Dafür nutzen wir die bewährten Bühnen im Schmidt Theater, Schmidtchen und im East Hotel. Dreiviertel der beteiligten Sprecher*innen nehmen live on stage teil, auch viele aus den benachbarten Ländern.

Die Talks und Panels werden in der Tat eher zwischen 30 und 50 Minuten dauern, aber vor allem, weil wir die Themen insgesamt etwas kompakter als in der Vergangenheit aufbereiten wollen. Ergänzt wird dieses Liveprogramm um weitere 30 Sessions, die dann zusätzlich exklusiv auf der Plattform als Video on Demand oder live produzierte Video-Chats abrufbar sind. Für die Auslastung der Räume gibt es natürlich ähnliche Einschränkungen wie im öffentlichen Bereich und wir kommen auf rund 40 Prozent der Sitze in Session-Räumen, die wir 2019 hatten. Alle Sessions werden etwa 90 Minuten nach dem jeweiligen Ende auf der Plattform abrufbar sein. Sollte es also mal zu wenige Plätze vor Ort geben, muss niemand etwas verpassen.

Wie wichtig sind beim Konferenzprogramm soziale Themen im Vergleich zu wirtschaftlichen Themen?

Schwarte: Gesellschaftliche, soziale und politische Haltung ist vom rein wirtschaftlichen Handeln immer weniger zu trennen. Kein Unternehmen - ganz gleich aus welchem Teilbereich der Branche es kommt - kann sich Fragen der Diversität, der Nachhaltigkeit und politischen Verantwortung entziehen. Gleiches gilt für die Künstler*innen. Das ist ein ganz klarer Trend, der in den letzten zwei oder drei Jahren immer sichtbarerer wird. Und darum spricht ein Michael Krause bei uns über die "Creative Gender Balance". Darum haben wir den dritten "Sustainable Development Goals & Music Summit" im Programm oder den Future Playground im Festival Village, wo nachhaltige Initiativen, Projekte und Produkte gezeigt werden. Darum spricht Danger Dan bei uns über Kunstfreiheit, Katarina Barley über die politische Relevanz der Popmusik oder Maja Göpel über die Notwendigkeit und die Chancen der Transformation. Für mich ist letzteres der Kern aller Betrachtungen: Die Branche steckt weiterhin und in mehrfacher Hinsicht in einem elementaren Prozess der Umgestaltung. Wer da nicht richtig hinschaut, verliert den Anschluss.

Schulz: Ökonomische Nachhaltigkeit, Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit in der Musikwirtschaft auf Basis von gender-balanced Produkten und Angeboten gehören zu den wichtigen Themen des diesjährigen Reeperbahn Festivals: Wir stellen die Ergebnisse unserer Keychange-Studie zu den Geschlechterverhältnissen in der Musikwirtschaft und zum Nutzungsverhalten und den Erwartungen der Konsumentinnen an die Unternehmen unser Branche in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse in den unterschiedlichen Angeboten und Produkten, wie Festival-Line-ups, Hörfunkprogramme, Streaming-Angebote/Playlists am Donnerstag, dem 23. September vor. Die Polit-Ökonomin Maja Göpel nimmt sich des Themas bereits am Vortag in einer Keynote zur Eröffnung des Reeperbahn Festivals an. Und Michael Krause, General Manager Spotify Europe, stellt sich unter anderem den Fragen zu den Erwartungen der Konsumentinnen in Bezug auf gender-balanced Musikprodukte.

Welches Fazit ziehen Sie für die Reeperbahn Focus Sessions? Hatten diese einen inhaltlichen Einfluss auf das diesjährige Konferenzprogramm?

Schwarte: Eine Plattform zu bieten, um Themen zu diskutieren und zu addressieren, ist die ¬gerechtfertigte Erwartung an die Leitveranstaltung der Musikbranche in Deutschland. Dass dafür - in einer für viele extrem problematischen Stillstand-Zeit wie den letzten 18 Monaten - nicht eine Konferenz im Herbst reicht, erklärt sich eigentlich von allein. Und auch sonst wächst die Dynamik in der Branche und ihrem Umfeld und verlangt nach neuen Formen und Formaten. ¬Darum haben wir die Focus Sessions ¬entwickelt und beispielsweise im Januar eine Sendung zu den ¬Corona-Hilfen gemacht, im Februar eine zu den Folgen des Brexit oder im April zur Situation der Festivals. Die wurden alle gut wahrgenommen und haben wichtige Entwicklungen in die Branche ¬getragen. Daneben haben wir aber auch eher klassische ¬Themen vertieft: Musikmarketing, den NFT-Trend oder die Lage des ¬Musikjournalismus. Natürlich haben wir uns dann gefreut, dass ¬MusikWoche schon im Mai schrieb, dass die Focus Sessions sich binnen kurzer Zeit zu einem wichtigen ¬Forum für die ¬Branche entwickelt haben. Die nächste Focus Session werden sich übrigens mit den von Ihnen eben angesprochenen ¬sozialen Aspekten befassen: Im Oktober widmen wir uns dem Thema "Mental Health In Music" und im November dann der Frage, wie die -Musikbranche vom Klimawandel bedroht ist und welche positive Rolle sie in dieser Hinsicht dennoch spielen könnte.

Finden neben der Reception des IMUC und dem Empfang der Berliner Musikwirtschaft noch weitere Networking-Events statt?

Schulz: Über 70 Künstlerinnen und Musikunternehmerinnen aus zehn Ländern aus unserem EU-Keychange-Programm kommen zu Workshops, Matchmakings, Men¬torings zusammen. Dieses viertägige Networking-Event präsentieren wir gemeinsam mit TuneCore/Believe Digital. Wir präsentieren in Kooperation mit Google und Kontor New Media & Kontor Records "25 Jahre Kontor". Es gibt viele weitere Networking-Events wie zum Beispiel von The Orchard, Reservier, Zebralution, VUT, Berlin oder dem IHM.

Schwarte: Unter den derzeit rund 30 geplanten Networking-Events sind auch verschiedene von internationalen Partnern, die das Reeperbahn Festival nutzen werden, um die Netzwerke in die deutsche und europäische Musikwirtschaft auszubauen. So werden wir Matchmaking-Events mit US-amerikanischen, koreanischen oder schwedischen Branchenvertreter*innen im Programm haben, ebenso wie ganz traditionelle Events wie das Dutch Music Networking Dinner, die Danish Night Reception oder die Swiss Contact Lounge. Den Umfang an Veranstaltungen wie vor Corona werden wie aber in diesem Jahr natürlich noch nicht wieder erreichen, denn viele Branchenpartner haben ihre für dieses Jahr geplanten Aktivitäten unter dem Eindruck der schwierigen Planungslage auf das kommende Jahr verschoben.

Haben Sie in diesem Jahr neben der bisherigen Förderung auch Corona-Hilfen in Anspruch nehmen können? Liegt das Gesamtbudget für 2021 über dem von 2020?

Schulz: Ich gehe fest davon aus, dass die Ausfallabsicherung im Sonderfond der Bundesregierung für Kulturveranstaltungen ab dem 1. September 2021 mit über 2000 Besucherinnen unsere durch die geltende Eindämmungsverordnung evozierten Einnahmeschäden kompensiert. Der Gesamtetat des Reeperbahn Festivals 2021 entspricht in etwa dem aus dem Vorjahr.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie ins Reeperbahn Festival 2021?

Schulz: Überaus positiv und mit einer riesigen Vorfreude. Denn endlich findet wieder alles in Präsenz statt und endlich werden wir wieder den für unsere Künstlerinnen und die Musikunternehmen und unser Publikum so wichtigen internationalen Austausch on-site spüren! Über 50 Prozent aller auftretenden Künstlerinnen kommen aus dem Ausland. Und sogar die Jury für unseren internationalen Talent-Wettbewerb Anchor - Emeli Sandé, Jacob Banks, Tayla Parx, Tom Odell, Yvonne Catterfeld und Tony Visconti- arbeitet in diesem Jahr wieder vollständig in Präsenz. Das Anchor-Board hat die folgenden Acts für den diesjährigen Wettbewerb nominiert: Florence Arman, PVA, Yard Act, Oska, May The Muse und Lie Ning, die alle auch bei der Eröffnung am 22. September vorgestellt werden. Weitere Beiträge in der Eröffnungs-Gala liefern unter anderem RY X und das Kaiser Quartett, Staatsministerin Monika Grütters sowie der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Peter Tschentscher. Das anschließnde Eröffnungskonzert des Reeperbahn Festivals 2021 spielt Joy Denalane.

Schwarte: Ich teile die Vorfreude von Alex total. Das Reeperbahn Festival ist das erste große internationale Branchenevent, das seit dem Winter 2019 mit einer wirklich nennenswerten Zahl an Professionals und Partnerveranstaltungen live vor Ort aufwarten kann. Mit den schon genannten Showcases, Networking-Events, dem Anchor Award, dem VIA - VUT Independent Awards, dem Helga! Festival Award und dem Reeperbahn Festival International Journalism Award werden wir das Comeback der Branche feiern. Und mit den schon oben genannten beteiligten und 150 weiteren Sprecher*innen braucht sich das Reeperbahn Festival 2021 sowieso vor keinem der Vorjahre zu verstecken.