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KlubNetz mit Modellprojekt "Back To Dance" zufrieden

KlubNetz, der Verband der niedersächsischen Konzertkulturschaffenden, legt den Abschlussbericht des Modellprojekts "Back To Dance", vor, das sich zum Ziel gesetzt hatte, die Rahmenbedingungen für Tanzveranstaltungen unter freiem Himmel zu erproben und wissenschaftlich zu begleiten.

31.08.2021 10:08 • von Dietmar Schwenger
Tanzten für die Wissenschaft: Teilnehmer eines von KlubNetz initiierten Modellprojekts (Bild: Emily Piwowar)

KlubNetz, der Verband der niedersächsischen Konzertkulturschaffenden, legt den Abschlussbericht des bis zum 4. Juli 2021 in Hannover durchgeführten Modellprojekts "Back To Dance" vor. Ziel war es, die Rahmenbedingungen für Tanzveranstaltungen unter freiem Himmel zu erproben und wissenschaftlich zu begleiten.

2000 Menschen nahmen an dem Projekt teil, das von einem Forschungsteam der Leibniz Universität Hannover begleitet wurde. Die Fragestellung war, wie Fans ein Live-Erlebnis unter pandemischen Bedingungen wahrnehmen. Die infektiologische Auswertung des Gesundheitsamt Hannovers hatte schon Ende Juli ergeben, dass auf keiner der vier Veranstaltungen des Projekts Infektionsfälle entstanden waren.

Das Forschungsteam führte vor, während und nach der Veranstaltung quantitative digitale Befragungen wie auch qualitative Interviews mit je vier Besuchern an den vier Veranstaltungstagen durch. Dabei häbe sich gezeigt, dass an dem Modellprojekt Besucher teilnahmen, die die Corona-Infektionsschutzmaßnahmen klar befürworten und sich nach Selbsteinschätzung auch im Alltag pflichtbewusster als andere an diese halten würden.

In den qualitativen Interviews sei zudem deutlich geworden, dass die Probanden auch eine "reflektierte Abwägung" über die Maßnahmen und Risiken des Modellprojektes vor Besuch hinter sich gebracht hätten. So gaben auch einige Besucher Bedenken wegen der Personenanzahl (bis zu 600 Personen) an. Diese Bedenken hätten sich aber vor Ort aufgelöst.

Die befragten Besucher äußerten für alle Szenarien des Modellprojekts ein hohes Sicherheitsgefühl, wobei vor allem die 3G-Regel als Zugangsvoraussetzung auf große Zustimmung traf. Auch eine hohe Bereitschaft für Schnelltests vor dem Events hätte sich klar abgezeichnet. "So dürften auch etwaige PCR-Tests als Zugangsvoraussetzung für bestimmte Veranstaltungsformate bei einfacher und guter Organisation gut angenommen werden", glauben die KlubNetz-Verantwortlichen.

Auf weniger Zuspruch stießen jedoch die Tests trotz vollständigem Impfschutz, die am ersten Veranstaltungstermin nötig waren. Kritisch wurde zudem die Maskenpflicht auf der Tanzfläche beim ersten Szenario wahrgenommen, da sie die soziale Interaktion sehr eingeschränkt habe.

Auch die Sinnhaftigkeit des Masketragens bei hohen Temperaturen und dem schnellen Durchweichen mit Feuchtigkeit wurde in Frage gestellt, wobei die Probanden auf die 3G-Regel als Sicherheitsmechanismus verwiesen. Darüber hinaus wurde die zeitliche Limitierung von maximal sechs Stunden Tanzdauer mit Endzeit 22 Uhr kritisiert. Das fehlende Angebot von organisierten Veranstaltung nach 22 Uhr würde die Gefahr von unkontrollierten, ohne Hygieneauflagen stattfindenden Privatpartys steigern.

Die LUCA-App, die an zwei Tagen als Zugangsvoraussetzung gefordert war, wurde wegen Datenschutzlücken und der fehlerhaften Funktionalität stark kritisiert, sodass gerade für ein junges digitales Publikum andere Anwendung zu empfehlen seien, heißt es aus Hannover.

Das Hauptaugenmerk der sozialwissenschaftlichen Untersuchung lag neben der Wahrnehmung und Bewertung der Corona-Infektionsschutzmaßnahmen auf dem qualitativen Erlebnis der Besucher einer Veranstaltung mit elektronischer Musik. "Im Grunde geht es um die Herstellung eines Gleichgewichts im Leben zwischen Pflichten und Aufgaben von Lohnarbeit und Studium, und den kollektiv erfahrenen, entlastenden und befreienden Momenten. Tanzveranstaltungen haben im Leben der Interviewten einen festen Platz: Um das Leben erträglicher und lebenswerter zu machen", sagt Timon Ahlborn, Leiter der qualitativen Forschung.

Eines der vier Szenarien ging ohne Alkoholausschank über die Bühne, was die Probanden kritisierten. Hervorzuheben sei jedoch, dass bei allen Veranstaltungstagen - unabhängig des Alkoholausschanks - niemand wegen Verstoßes gegen die Infektionsschutzmaßnahmen von der Veranstaltung entfernt werden musste.

Deswegen scheine die Steuerung des Alkoholkonsums kein geeignetes Instrument zur Einhaltung der Maßnahmen zu sein, urteilt die Studie. Vielmehr stelle die konsequente Überprüfung der Zugangsvoraussetzung von 3G, ein qualifiziertes Ordnungspersonal sowie eine Awareness-Struktur für Open-Air Veranstaltung die Möglichkeit dar, ein sicheres und trotzdem intensives Erlebnis zu erschaffen.

Das Modellprojekt war die zum Zeitpunkt des 18. Juni 2021 laut eigenen Angaben größte Open-Air Tanzveranstaltung Deutschlands im laufenden jahr. Sie musste laut Veranstalterangaben mit wenigen finanziellen Ressourcen umgesetzt werden und konnte nur mit großen Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfer realisiert werden.

"Unter den erkenntnisreichen sozialwissenschaftlichen Daten, welche zukünftig Veranstaltenden zur Verfügung gestellt werden, sticht ein Ergebnis heraus: das überwältigende, differenzierte Feedback der Befragten, dass diese Art von Kulturveranstaltungen einen essentiellen Teil ihres Lebens darstellt, der nicht auf den Konsum von Alkohol und Bewegung reduziert werden kann, sondern Räume für ein soziales Miteinander und der psychischen Erholung schafft", heißt es in dem Abschlussbereicht.

Wenn in politischen Diskussionen über Tanzveranstaltungen gesprochen werde, sollte diese Bedeutung dabei unbedingt bedacht werden, betont der Verband. Im September sollen auf der Website von Musikland Niedersachsens eine Handlungsempfehlung für Veranstalter erscheinen, die die Ergebnisse der Untersuchung praxisnah aufbereiten will.