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Die Branche im Parlament Teil 5: Thomas Lechner über politisches Engagement

Nicht zuletzt wegen der Corona-Krise sind die Verbindungen zwischen Musikbranche und Politik enger geworden. Für einige Akteure war die Pandemie ­sogar ein Anlass, sich politisch zu engagieren oder ihre Arbeit zu verstärken. Für MusikWoche spricht Thomas Lechner exklusiv über seine Beweggründe und Ziele in der Politik.

09.08.2021 09:36 • von
Thomas Lechner: Über sein politisches Engagement (Bild: Dominik Parzinger)

Nicht zuletzt wegen der Corona-Krise sind die Verbindungen zwischen Musikbranche und Politik enger geworden. Für einige Akteure war die Pandemie ­sogar ein Anlass, sich politisch zu engagieren oder ihre Arbeit zu verstärken. Für MusikWoche spricht Thomas Lechner exklusiv über seine Beweggründe und Ziele in der Politik.

MusikWoche: Warum und wann sind Sie in die Politik gegangen?

Thomas Lechner: Ich bin seit Jahrzehnten zivilgesellschaftlich aktiv und habe auch mein Handeln als Kultuschaffender immer politisch und gesellschaftspolitisch verstanden. Popkultur ist ja immer auch gesellschaftlich relevant: die Gleichstellung von queeren Menschen zum Beispiel konnte über den kulturellen Ausdruck viel besser eine große breite Debatte anstoßen, lange bevor die unterschiedlichsten Initiativen dazu politisch formuliert waren und an die Politik als Forderungen herangetragen wurden. Auch die Frage, welche Inhalte ich auf »meiner Bühne« abbilde, war für mich immer eine Frage der politischen Haltung. Das bedeutet, dass ich beim Festivalbooking feiwillige Frauenquoten eingeführt habe, lange bevor das eine breitere Debatte war und bei meinem letzten Festival, dem Theatron-Pfingst Openair 2019, hatten wir bereits eine Frauenbeteiligungsquote von mehr als 75 Prozent bei den Bands. Oder dass für mich Rassismus oder Homophobie in keiner Form vertretbar sind, auch nicht als angebliche "kulturelle Überspitzung".

Als sich im Herbst 2015 plötzlich tausende Münchner*innen für Geflüchtete zu engagieren begannen, wollte ich natürlich Teil dieser tollen Bewegung für eine offene und diverse Gesellschaft sein und hab mich auf vielen Ebenen engagiert; sowohl durch praktische Unterstützung, gemeinsame Freizeitgestaltung, Begleitung bei Behördengängen, als auch bei Demos die Asylpolitik und Abschiebungen. Als der offene Rassismus von Seehofer, Söder und Co. 2018 nicht mehr auszuhalten war, habe ich die große #ausgehetzt-Demo mit mehr als 50.000 Teilnehmenden mit organisiert, die im Ablauf durchaus einem Open-Air-Festival glich, weil es uns gelungen ist, zahlreiche Bands, Künstler*innen und Kabarettist*innen zwischen die politischen Redebeiträge aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft zu packen.

Ein halbes Jahr später wurde ich von den Vorsitzenden Der Linken in München angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihr in den Kommunalwahlkampf zu gehen und als deren Bürgermeisterkandidat anzutreten. Letzteres wurde natürlich nix, aber im Wahlkampf habe ich dann so viel stadtweite Aufmerksamkeit generieren können, dass ich auf der Liste nach vorn gehäufelt wurde und jetzt im Stadtrat sitze. Denn im bayerischen Kommunalwahlrecht können einer Kandidat*in bis zu drei Stimmen gegeben werden und man kann Personen auch listen- und parteiübergreifend wählen, sich also sein eigenes Parlament zusammenstellen.

MusikWoche: Welche Ziele wollen Sie erreichen?

Thomas Lechner: Ich habe 20 Jahre lang die queere Party "Candy Club" organisiert und unter anderem ein Konzept für Parties mit Geflüchteten entwickelt, für welches ich den bayerischen Popkulturpreis für Inklusion erhalten habe. Also stehe ich für all das was mich in den letzten 30 Jahren als Booker, Veranstalter und DJ ausgemacht hat: für ein solidarisches, buntes und für alle leistbares München mit Schwerpunkten auf Gleichberechtigung und Gleichstellung, Inklusion und Integration, Teilnahme und Teilhabe. Als bekennender Linker kommen jetzt natürlich viele neue Aufgaben hinzu, vor allem die sozialen Fragen: Mieten- und Bildungsnotstand, Krise des Gesundheitssystems durch Kaputtsparen, die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich, aber auch die Verkehrswende und ein radikaler Wandel in der Klimapolitik, bei der ich es enorm wichtig finde, dass sie alle Menschen mitnehmen kann, im Sinne von, dass die enormen Kosten fair verteilt werden und vor allem auch die Superreichen einen erheblichen Anteil daran leisten.

Gegen den Rechtsruck der Gesellschaft müssen wir außerdem unsere demokratischen Strukturen stärken und ausbauen, also mehr basisdemokratische Prozesse, bürgerschaftliche Mitbestimmung und Partizipation. Das soll jetzt nicht nach Bundestagswahlkampf klingen, weil all diese Themen auch in der Kommunalpolitik stattfinden. Mit dem Vorteil, dass es mehr kleine Parteien und Fraktionen gibt, dass eine fraktionsübergreifende Zusammenarbeit zumindest ab und zu möglich ist und dass wir ganz nahe an den Menschen dran sind, die all das betrifft. Dass wir uns ihre Sorgen und Nöte anhören und - soweit es in unserer Macht steht - Lösungen für diese finden. Als parteiloser Aktivist will ich vor allem erreichen, dass die Menschen sich selbst aktiv für ihre Belange einsetzen und dass sie sich dagegen wehren, wenn Politik über ihre Köpfe hinweg entscheidet. So kann ich auch als Oppositionspolitiker an der Seite von Bürger*innen-Initiativen und Aktivist*innen aus den verschiedensten Bereichen etwas bewirken.

MusikWoche: Was könnte die Musikbranche von der Politik lernen - und was umgekehrt?

Thomas Lechner: Puh, ich denke, dass ist eine Einbahnstraße: Die Politik könnte extrem viel von der Musikbranche und von Kulturschaffenden lernen: dass man sein "Publikum" gleich behandeln muss; dass man ihm auch anspruchsvolle Kost zumuten kann; dass man die Dinge, die man in Aussicht stellt auch einhält, man also berechenbar bleibt, sodass die Menschen wissen, was sie für ihr Geld bekommen; dass man bei der Programmgestaltung nicht vergisst, wie divers unsere Gesellschaft ist und deswegen diese Verschiedenheit auf die Bühne und zur Geltung bringen muss; dass man gegen jedes Hindernis eine kreative Lösung finden kann, vor allem wenn man mit anderen Kreativen in Diskussion geht; dass man in ein gutes Programm investieren und es langfristig konzipieren muss; dass man sich auch mal bei seinem Publikum vergewissert, ob das Programm noch zeitgemäß ist; und dass unsere Kultur nix sein sollte, was sich nur eine auserwählte Gruppe von Menschen leisten kann. Nach 15 Monaten im Stadtrat habe ich aber leider noch nicht wirklich etwas entdeckt, was ich als Empfehlung für Kulturschaffende weitergeben könnte.

MusikWoche: Was haben Sie bislang bewirkt?

Thomas Lechner: Ohne jetzt hier kleinteilig einzelne Anträge aufzuzählen oder Beispiele zu bringen, wo ich durchaus schon mal Betroffenen im Einzelfall weiterhelfen konnte, würde ich sagen: die stärkste Wirkung erzeuge ich durch das Weiterführen einer konsequenten Haltung in allen möglichen Themenbereichen. Es kann nicht darum gehen, den möglichen Kompromiss schon an den Anfang seiner Forderungen zu stellen oder sich bei den Regierenden anzudienen und sie um etwas zu bitten, was selbstverständlich sein sollte. Ich habe den Eindruck, dass die meisten anderen Stadträt*innen mich mit einer Art Hassliebe beobachten: viele finden eigentlich gut, was ich fordere und wofür ich mich einsetze und wie konsequent ich das tue, aber gleichzeitig stört es ihre eigene Bräsigkeit und das Einfach-so-vor-sich-her-Wursteln. Aber ich hab den Mächtigen schon immer gern ans Bein gepinkelt - schön, dass ich jetzt so nah bei ihnen stehe, dass auch der ein oder andere Fuß dabei mal nass wird.

zur Person

Thomas Lechner hat in München als DJ und als Booker sowie Veranstalter für Partys und Festivals gearbeitet, bevor er 2019 als Parteiloser für Die Linke in den Münchner Stadtrat einzog.