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Für Inga Rumpf hat "Musik heute keinen Wert mehr"

Am 2. August wird Inga Rumpf 75 Jahre alt. Mit MusikWoche spricht die Hamburger Sängerin, die ihre Karriere bei wichtigen Bands wie den City Preachers, Frumpy und Atlantis begann, über den Wandel im Musikgeschäft, aber auch über ihre aktuelle Veröffentlichung bei earMusic.

02.08.2021 09:18 • von Dietmar Schwenger

Am 2. August 2021 wird Inga Rumpf 75 Jahre alt. Mit MusikWoche spricht die Hamburger Sängerin, die ihre Karriere bei wichtigen Bands wie den City Preachers, Frumpy und Atlantis begann, über den Wandel im Musikgeschäft, aber auch über ihre aktuelle Veröffentlichung bei earMusic.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit earMusic?

Ich habe mit Edel in der Vergangenheit bereits einige spannende Sachen gemacht. So hat Edel 2004 den Vertrieb meines eigenen Labels 25th Hour Music übernommen und 2014 hatte ich mit der Edel-Division Contraire von Dirk Mahlstedt zu tun. Als ich dann 2019 anfing, meine Autobiographie zu schreiben, durchsuchte ich mein Audioarchiv und fand dabei all diese unveröffentlichten Aufnahmen. Daraus entstand die Idee, das Buch zeitgleich mit einer Platte zu veröffentlichen, wie eine musikalische Zeitreise, die man hören und lesen kann. Damit haben wir uns dann an Edel gewandt, auch wenn man sich dort dann nur für das Album entschieden hat.

War denn gleich geplant, alte und neue Songs auf einem Doppelalbum zu veröffentlichen?

Nein, ursprünglich hatte ich nur vorgehabt, die Archivsongs gleichsam als Soundtrack für die Autobiographie zu nutzen, aber mein Manager meinte dann zu mir, so leicht käme ich nicht weg. Ich war aber zunächst skeptisch und wusste nicht, ob von mir noch etwas Neues kommen würde. Aber ich habe mich dann hingesetzt, meine kreativen Schleusen geöffnet und mir auch einige unvollendete Songs neu vorgenommen. Der Produzent Dieter Krauthausen, ein Freund von mir, hatte dann einen Plan, wie man diese Songs unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie realisieren könnte. So habe ich die Songs bei mir zuhause als Demos aufgenommen, und er hat sie dann in die USA geschickt, wo die Musiker, die er aus seiner Zusammenarbeit mit Westernhagen kannte, dann ihre Parts eingespielt haben. Den Schlagzeuger Martin Ditcham erwischten wir in Brasilien, und weil ihm die Musik so gefiel, mietete er vor Ort ein Studio und ein Schlagzeug und nahm seine Schlagzeugspuren dort auf und schickte sie dann an Dieter, der wiederum mir die Aufnahmen zurückschickte. So ging das hin und her, die Musiker und ich haben uns während der gesamten Produktion nicht persönlich gesehen.

Die neuen Songs wirken recht zurückgenommen, war das eine bewusste Entscheidung?

Ich hatte die Demos ja nur mit Klavier und etwas Slide-Gitarre aufgenommen, das war schon einmal ein Ansatzpunkt für die Bearbeitung durch die Musiker. Auch der Pianist hat sich an das gehalten, was ich da am Midi-Keyboard gespielt hatte. Am Ende hat dann Dieter alles so instrumentiert, wie er sich das vorgestellt hat, ich selber habe nur ein wenig dazu beigetragen. Am Ende war ich sehr glücklich und brauchte nur die Tracks abzuhaken, wenn wieder einer fertig war. Und jedes Mal konnte ich sagen: "Wow, das klingt wirklich gut!" Gleichzeitig steckt hinter den reduzierten Arrangements auch die Idee, dass die Songs in die Zeit passen sollten. Wir wollten nicht aufdrehen in dieser pandemischen Zeit, sondern etwas ruhiger sein. Das ganze Projekt trug ursprünglich den Arbeitstitel "Hausmusik". Denn es sollte Musik sein, die man auch zuhause oder am Lagerfeuer, nur mit einer Gitarre, spielen kann. Und so ist es dann auch gekommen.

Mit "More Precious" ist ein sehr persönlicher Song zu den Erfahrungen in der Pandemie auf dem Album.

Ich hatte ja ganz viel Zeit und habe tief in mich hineingeschaut und konnte all die Gefühle, die sich schon beim Schreiben der Autobiographie angesammelt hatten, nun auch in den Songs verdichten. Auf diese Weise sind sehr persönliche Texte entstanden. Denn wenn ich schon neue Musik aufnehme, sollte da eine große Ehrlichkeit sein.

Das Album hört auf mit einer Version des Otis-Redding-Klassikers "I've Been Loving You Too Long" mit einem ungewöhnlichen Arrangement. Wie kam es dazu?

Der Anfang des Songs stammt von einer alten Kassette, wie ich am Klavier eines meiner Lieblingsstücke übe. Dieter hatte das gehört und wollte diese alte Aufnahme wegen ihrer Intensität unbedingt auf dem Album haben. Ich dachte zunächst, das könne man nicht machen, habe mich dann aber doch darauf eingelas¬sen, wollte aber noch einen draufsetzen und habe eine neue Fassung ange¬hängt, einen Ganzton höher und mit schöner Hammond-Orgelbegleitung.

Waren es solche Songs, die Sie auch am Anfang Ihrer Karriere inspiriert haben? Wie ist man denn damals an solche Musik gekommen?

Das war nicht leicht. Einige meiner Freunde hatten ein paar Importplatten, die haben wir regelrecht verschlungen. Das waren etwa Titel von Muddy Waters oder John Lee Hooker. Für mich waren Blues oder Gospel schon immer die Musik, mit der ich mich befreien konnte - das war wie mein Urschrei. Ich bin in einer sehr kleinen Wohnung aufgewachsen, und auch die Denke der Leute in den 50er- und 60er-Jahren war kleinkariert. Blues, Soul und Gospel waren bei meiner ersten Band, den City Preachers, Stilmittel, in denen ich mich am besten ausdrücken konnte, auch wenn ich dann später meinen eigenen Stil entwickelt habe.

Sie haben in wegweisenden Bands gespielt und sind auch als Solistin erfolgreich. Fühlen Sie sich heute dafür genügend wertgeschätzt?

Jede Zeit hat ihre Musik. Es wachsen ja immer neue Generationen mit neuer Musik nach. Ich hatte damals eine gute Zeit. Man könnte sagen, in den Siebzigern war ich ein Superstar, ich habe viele Polls in den Musik-Zeitschriften gewonnen, mit Frumpy waren wir in ganz Europa, mit Atlantis auch in den USA unterwegs. Das, was ich jetzt mache, sind, wenn man so will, Zugaben. Bei den Konzerten sehe ich aber, dass ich auch neue Fans aus einer jüngeren Generation hinzugewonnen habe.

Wie haben Sie das Musikgeschäft in den 70er-Jahren erlebt? Was war anders als heute?

Es war eine ganz andere Zeit. Wir hatten im Vergleich zu heute sehr viel Freiheit, unseren Stil zu entwickeln, denn die Verträge gingen über drei Alben plus der Option für zwei oder drei weitere. Musik ist heute durch die Digitalisierung, durch die Streamingdienste inflationär geworden. Musik hat heute keinen Wert mehr, das war damals anders. Sicher gab es auch früher schon Labels, die eine schnelle Mark machen wollten, wenn man etwa an die Neue Deutsche Welle in den 80er-Jahren denkt. Ich selber habe in der Branche meistens gute Erfahrungen gemacht, auch wenn es ein paar Labels gab, die mein Image als "Rocklady" wieder aufkochen wollten. Ich aber hatte mich zu dem Zeitpunkt weiterentwickelt und wollte das nicht mehr. Deswegen habe ich mich damals ganz bewusst für eine winzige Firma wie Pläne entschieden oder später mein eigenes Label gegründet. Ein weiterer Unterschied zu heute ist, dass es viele Gelegenheiten gab, live zu spielen. Ich habe auch in meiner Zeit als Solistin oft bis zu 100 Konzerte im Jahr gegeben. Das ist für Bands, die in einer musikalischen Nische aktiv sind, heute kaum noch möglich.

Hat sich denn die Situation auch für Newcomer verändert?

Die Möglichkeiten sind da. Es gibt nach wie vor feste Plätze, wo Musik stattfindet, auch wenn sich diese mehr ins Internet verlagert haben. Man muss sich dort, genau wie früher, einen Weg bahnen. Ich könnte nicht sagen, welche Zeit besser war, denn jeder wächst ja in seine eigene Zeit hinein. Man muss sich als KünstlerIn mit den neuen Medien beschäftigen. Es reicht heute eben nicht mehr, einfach nur ein musisches Talent zu haben. Auch als Sängerin geht es um mehr, als einfach nur gut zu singen. Man muss sich mit modernen Technologien befassen und sich vielleicht sogar selbst managen.

Sie waren mit Frumpy mehrmals im bundesweit ausgestrahlten "Beat-Club" zu Gast. Wie steht es seitdem für Musik in den Medien in Ihrer Erfahrung?

Auch in den 80er-Jahren hatte ich noch extrem viele TV-Auftritte, weil sich damals jede Abendshow musikalische Gäste leistete. In den Neunzigern ging das bereits zurück, auch wenn ich immer noch ins Fernsehen eingeladen wurde, obwohl ich kein Mainstream-Star war. Auch gab es politische Sendungen, bei denen meine Musik und meine Meinung gefragt waren. All das gibt es kaum noch, jedoch scheint Musik etwas zurückzukommen in die TV-Formate.

Stichwort Politik: Ist es für heutige Acts schwerer, sich politisch zu äußern?

Ja, es ist schwierig, politische Statements in Songs unterzubringen, weil dann sofort ein Feedback kommt, was möglicherweise für den Künstler nicht günstig ist. Für mich war aber immer wichtig, Flagge zu zeigen. Das ist einfach Teil meiner Persönlichkeit. Und inzwischen bin ich ja im Großmutteralter, da gehört es doch dazu, dass wir Großmütter gemeinsam mit den Enkeln auf die Friday-For-Future-Demos gehen.

Sie haben auch als Dozentin gearbeitet. Kann man denn Rockmusik eigentlich lehren und lernen?

Nicht wirklich. Als DozentIn kann man jemanden nur ermuntern, die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Gerade bei dieser expressiven Art von Musik muss man brennen für das, was man macht. Man muss mit der Musik leben, auf seine Seele hören und die Vibes nach außen tragen. Manchen fällt es da einfach schwer, Gefühle zu zeigen und damit auch verletzbar zu sein.

___Glückwunsch von earMusic/Edel

"Eine Frau wie Dich gibt es nur einmal"

Anja Obersteller, Director Marketing & Rights Exploitation: Liebe Inga, von ganzem Herzen alles, alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag vom gesamten earMusic/Edel Team. So wirklich glauben kann man es nicht, dass das schon der 75. Geburtstag sein soll - strotzt Du doch nur so vor Energie und Tatendrang. So veröffentlichen wir zu Deinem Geburtstag auch nicht nur ein neues Album, sondern gleich zwei: Dein neues Werk und einen Querschnitt dessen, was Du in Deinen Schubladen finden konntest. Ein paar echte Perlen, die mir sofort deutlich gemacht haben, mit was für einer tollen und vielseitigen Künstlerin wir es zu tun bekommen. Und dann kommt ja auch noch Deine Autobiographie, die wirklich jeder lesen sollte. Wir beide haben gleich connected, als wir uns hier bei uns im Haus begegnet sind. Deinen Namen kannte ich schon eine gefühlte Ewigkeit und während ich vor Ehrfurcht vor Deiner Wahnsinnskarriere fast erstarrt bin, wusstest Du meine Neugier und mein Interesse gleich zu schätzen. It's a match! Hamburger Legende und Hamburger Rock-Label - das musste ja auch passen. Nun sind wir zu Deinem 75ten ein ganzes Stück weiter. Das Doppelalbum "Universe of Dreams & Hidden Tracks" ist fertig und die ersten, wundervollen Schritte der gemeinsamen Reise sind unternommen. Möge sie noch lange, lange fortgesetzt werden. Eine Frau wie Dich gibt es nur einmal und ich bin stolz und glücklich, Dich kennengelernt zu haben. Chapeau, liebe Hamburger Rock/Soul/R&B/Gospel-Legende! Deine Anja

___Autobiografischer Doppelschlag von Inga Rumpf

Zu ihrem 75. Geburtstag erscheinen von Inga Rumpf gleich zwei spannende Produkte. Die Doppel CD/LP "Universe Of Dreams/Hidden Tracks" bietet ganz neue Songs, aber auch bislang unveröffentlichte Archivtitel, während sie in ihrer Autobiografie "Darf ich was vorsingen? Eine autobiografische Zeitreise" erstmals ihre eigene Geschichte mit lesenswerten Einblicken in die 60er- und 70er-Jahre erzählt. Aber auch mit ihren neuen Songs wirft sie einen Blick zurück und schlägt in Stücken wie "My Diary", "Back To The Roots" oder einer Neuaufnahme ihres einst auch von Tina Turner aufgenommenen Titels "I Wrote A Letter" eine musikalische Brücke in die Gegenwart.