Handel

Hugo Heinzen hofft auf eine Zukunft der Plattenkiste

Hugo Heinzen zählt mit seiner Plattenkiste in Bad Neuenahr zu den Betroffenen der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands. In MusikWoche berichtet der AMM-Mitbegründer von den Geschehnissen und der ersten Verzweiflung, aber auch von der großen Hilfe von vielen Seiten.

30.07.2021 12:09 • von
Große Verluste, allerdings glücklich bloß materieller Natur: 98 Prozent der CDs, LPs und DVDs in der Plattenkiste wurden vernichtet (Bild: Fotos: Plattenkiste Hugo Heinzen; Layout: MusikWoche)

Hugo Heinzen zählt mit seiner Plattenkiste in Bad Neuenahr zu den Betroffenen der Hochwasser­katastrophe im Westen Deutschlands. In MusikWoche berichtet der AMM-Mitbegründer von den ­Geschehnissen und der ersten Verzweiflung, aber auch von der großen Hilfe von vielen Seiten:

"Heute, Sonntag, den 25. Juli, elf Tage nach dem Unvorstellbaren, und noch immer ohne Grundversorgung wie Wasser und Strom, sitze ich bei Freunden im Asyl und versuche einen Blick in die Zukunft der Plattenkiste zu wagen.

Am Mittwoch, den 14. Juli, war die Welt noch in Ordnung. Trotz starken Regens hatte ich gut zu tun in meiner Vinyl-Welt. Die letzten Schallplatten zum bevorstehenden Record Store Day waren angeliefert und sortiert worden. Zwei genehmigte Retouren gepackt und versandfertig. Einen Kunden hatte ich mit einem ­Exemplar der »Udopium«-Vinyl-Box von Udo Lindenberg zum fairen Fachhandelspreis glücklich machen können, und so weiter. Ein ganz normaler Tag.

Wir waren über ein mögliches Hochwasser informiert. 30 bis 50 Zentimeter über dem letzten von 2016 bedeuteten für mich, dass ich die Kellerfenster und Haustür meines Wohnhauses in Ahrweiler, direkt am Ahrufer, sichern musste. Mein Mitarbeiter, der 15 Kilometer die Ahr aufwärts in Kreuzberg wohnt, war schon am Nachmittag heimgefahren.

Am Abend standen wir dann mit Nachbarn an der Ahr und beobachteten den steigenden Pegel. Besorgte Gespräche und ein letztes aufmunterndes »wird schon nicht so schlimm« waren vorbei, als gegen 23:15 Uhr jemand sagte, dass alle Häuser, die näher als 50 Meter zur Ahr stehen, evakuiert werden. 30 Minuten später flohen wir in den ersten Stock und waren von den Wassermassen eingeschlossen. Die Flutwelle, die uns überrollte war fast drei Meter über dem Straßenniveau.

Rund elf Stunden vergingen, davon sechs ohne Kontakt zur Außenwelt, bis wir das Haus verlassen konnten.

Seitdem sind wir bei Freunden untergekommen und schuften jeden Tag bis zur Erschöpfung, um die Folgen der Flutwelle in den Griff zu bekommen. Unterstützt von einer gewaltigen Solidarität kämpfen wir täglich um ein Stück Normalität.

An fast jeder Ecke, in vielen Straßenzügen, beklagen wir den Verlust von Menschenleben.

Die Plattenkiste, die ich seit 1988 mit viel Liebe und Herzblut betreibe und zu einem Treffpunkt von Musik- und Vinylfans aus der ganzen Region zwischen Köln und Koblenz aufgebaut habe, wurde, obwohl fast 400 Meter weit weg vom Fluss, bis auf 1,60 Meter geflutet. 98 Prozent der Schallplatten und CDs wurden vernichtet. Meine Computer-Hardware, gerade mit Hilfe eines Förderprogramms im Rahmen von Neustart Kultur erneuert, versank im Schlamm. Raritäten und limitierte Boxen, auch oberhalb des Wasserstands, sind unbrauchbar geworden. Sicherlich nur materielle Werte, aber auch Teil meines Lebens. Die Entsorgung mussten Freunde und Verwandte übernehmen, während ich heulend zusah.

In den ersten Tagen war an eine Zukunft der Plattenkiste nicht zu denken.

Aufräumen, Schleppen, Schlamm schaufeln trieben das Adrenalin so hoch, dass der Verstand die Dimensionen dieser Katastrophe noch nicht realisiert hat - bis heute.

Jedoch lassen der Zuspruch, mittlerweile aus allen Teilen der Welt, meiner Familie, von Freunden und Kunden sowie die Spendenbereitschaft vieler Menschen in mir die Hoffnung keimen, dass die Plattenkiste eine Zukunft hat.

Sicherlich nicht in den nächsten Monaten, aber vielleicht Anfang 2022, wenn die Stadt, das Tal mit seinen willensstarken Menschen und die Infrastruktur wieder voll da sind, wird es wieder einen musikalischen Hot Spot im Ahrtal geben.

Ich danke an dieser Stelle schon einmal den Kollegen aus nah und fern, Freunden, Kunden und unbekannten Spendern, den Firmen Warner Music, Universal Music, Sony Music, GoodToGo und Zyx für erlassenene Rechnungen und Aufbauhilfen, der Musikpresse (»Mint« und MusikWoche) und den vielen anderen für ihre beispiellose Unterstützung.

Text: Hugo Heinzen