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Modellprojekt Firebirds Festival zieht Bilanz

Vom 2. bis 4. Juli richtete die Band The Firebirds in Sachsen das Firebirds Festival aus - ein wissenschaftliches Modellprojekt ohne Abstand und Maskenpflicht. Als Fazit melden sie nun, dass "mit einem intelligenten Testkonzept Festivals auch unter Pandemiebedingungen möglich sind."

29.07.2021 10:52 • von Dietmar Schwenger
Fungierte als Modellprojekt: das Firebirds Festival (Bild: Philipp Kumbier)

Vom 2. bis 4. Juli 2021 richtete die Leipziger Rock'n'Roll-Band Band The Firebirds am Schloss Trebsen in Sachsen das Firebirds Festival aus - ein wissenschaftliches Modellprojekt ohne Abstand und Maskenpflicht sowie ohne Verbote in Sachen Alkohol oder Zelten. Als Fazit melden sie nun, dass "mit einem intelligenten Testkonzept Festivals auch unter Pandemiebedingungen mit kalkulierbarem Risiko möglich sind."

Voraussetzung sei ein gezielt geplantes Testkonzept, was den Veranstaltern allerdings einen erheblichen Mehraufwand beschert. Wenn der Staat diese Kosten übernehme, könnten Künstler auftreten und müssen nicht in ihrem Lebensunterhalt unterstützt werden. Für die Besucher sei das Kulturerlebnis zudem "in der Gemeinschaft eine wichtige Energiequelle, gerade in Krisenzeiten".

Das zum damaligen Zeitpunkt bundesweit einmalige Musikfestival war nur möglich durch seinen Status als "Modellprojekt". Es wurde durch Wissenschaftler der TU Dresden begleitet, die ein strenges Testregime empfahlen. Außerdem wurden die Gäste gebeten, im Anschluss einen Fragebogen zu beantworten. Jetzt ist die Auswertung des Festivals abgeschlossen.

"Aufwändige Testkonzepte sind eine Möglichkeit, um Veranstaltungen unter pandemischen Bedingungen durchzuführen", sagt Ingo Röder, Professor für Medizinische Statistik und Biometrie an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden. "Gezielt geplante Testprozeduren sind in der Lage, das Risiko eines Infektionseintrags bei einer Veranstaltung erheblich zu senken. Das eröffnet Spielraum für die Durchführung von Veranstaltungen auch bei höheren Infektionszahlen, als sie beim Firebirds-Festival in der Region zu verzeichnen waren."

Die Veranstalter sind dankbar für das Modellprojekt als bundesweit erstes Festival und für die wissenschaftliche Begleitung. Sie hoffen, dass die Ergebnisse bei den politischen Entscheidern intensiv ausgewertet und künftig berücksichtigt werden. "Dieses Resümee macht Hoffnung", sagt Konrad Schöpe, Bassist bei den Firebirds. "Ich bin überzeugt, dass Kunst und Kultur sehr wichtig sind für die seelische Gesundheit - gerade in Krisenzeiten. Daher ist es folgenschwer, wenn man die Branche monatelang stilllegt."

"Anstelle den Künstlern mit einem Hartz IV Angebot den Lebensunterhalt anteilig zu sponsern, sollten staatliche Mittel eingesetzt werden, um Sicherheits- und Testkonzepte für Kulturveranstaltungen zu finanzieren. Daraus schöpfen die Menschen viel Energie und die Künstler ebenso. Die Menschen, die sich auf dem Festival nach dem Testregime wieder normal begegnen durften, waren einfach nur glücklich", so Schöpe weiter

Die Auswertung ergaben beim Infektionsgeschehen ergaben nur zwei positive von insgesamt 6164 Tests vor Ort. Diese wurden beim anschließenden PCR-Test im separaten Labor auf dem Festivalgelände als falsch positiv identifiziert. Zum Zeitpunkt des Festivals lag der 7-Tage-Inzidenzwert deutschlandweit bei fünf.

Die Auswertung von 784 freiwillig ausgefüllten Fragebögen nach dem Konzert ergab, dass 43,8 Prozent solch ein Testkonzept auf jeden Fall und 30,3 Prozent in Ausnahmefällen akzeptieren. Mehr als drei Viertel der Gäste fühlten sich sehr sicher auf der Veranstaltung, nur 0,7 Prozent "eher nicht".

Auch Impfstatus und Impfbereitschaft der Gäste waren abgefragt worden. 49 Prozent der Fragebogenteilnehmer gaben an, bereits vollständig und 17 Prozent teilweise geimpft zu sein. Diese zu diesem Zeitpunkt im Vergleich recht hohen Werte lägen vermutlich auch am hohen Durchschnittsalter der Gäste von 51 Jahren, meinen die Veranstalter. Aber auch die generelle Impfbereitschaft war mit 79 Prozent groß. Allerdings beruhen die Ergebnisse dieser Auswertung nicht auf zufällig erhobenen Daten, sondern freiwillig eingereichten Fragebögen. Die Auswertung sei daher nur begrenzt repräsentativ, betonen die Veranstalter.

Die veranstaltenden Firebirds merken darüber hinaus an, dass die Testzentren vor Ort zum Nadelöhr im Ablauf geworden seien und die Gäste auf eine Geduldsprobe gestellt hätten. Das liege auch daran, dass die technischen Lösungen, um die Daten der Zuschauer zu erfassen und Testergebnisse auf dem Handy anzuzeigen, nicht zuverlässig funktionierten oder von den Gästen nicht beherrscht wurden.

Auch bedeuten solche Veranstaltungen ein hohes wirtschaftlich hohes Risiko. Denn durch die Tests und Kontrollen seien "enorme Mehraufwendungen" für zusätzliches Einlass- und Sicherheitspersonal entstanden. Diese waren 123 Prozent höher als vor zwei Jahren bei der letzten Ausgabe des Festivals.

Die Mehrkosten wurden allerdings durch Fördergelder durch den Status als Modellprojekt anteilig ausgeglichen. "Im Normalfall könnte ein Veranstalter sie nicht schultern. Er könnte sie aber auch nicht auf die Ticketpreise umlegen", unterstreichen die Festivalmacher.

Spürbaren Einfluss auf das wirtschaftliche Ergebnis beim Firebirds Festival hatte auch die Stornierung und Auszahlung von 400 Tickets im Vorfeld gehabt. Das Stornierungsverhalten kann auch daran liegen, dass der Festivaltermin nicht passte, da er von 2020 auf 2021 verschoben worden war. Außerdem gab es im Unterschied zu den Vorjahren fast keine Ticketkäufe an der Abendkasse. Das Testkonzept hat Spontangäste "offenbar abgeschreckt". 17 Prozent der Ticketkäufer waren zum Festival gar nicht angereist.

Als Fazit urteilen die Veranstalter, dass die Mehrzahl der Gäste den höheren persönlichen Aufwand durch ein Testkonzept zumindest im Ausnahmefall akzeptieren würde. "Jedoch entstehen enorme Mehrkosten, welche die Veranstalter nicht tragen und die Gäste als Umlage auf die Ticketpreise nicht akzeptieren würden. Deshalb sollte dieser finanzielle Mehraufwand vom Staat bezuschusst werden."

Die Firebirds schlagen vor: "Um den Test- und Einlassprozess zu beschleunigen, wäre eine bundesweit einheitliche und datenschutzkonforme Corona-App sinnvoll, in der man neben dem Impf- und Genesen- Status auch Testergebnisse speichern und abrufen kann. Das würde auch den personellen Aufwand enorm senken. Die Corona-App als Basis ist eigentlich vorhanden."