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Dossier Publishing: "Für viele bahnt sich eine wirtschaftliche Katastrophe an"

Während das Geschäft mit Recorded Music wächst und die Livebranche auf erste Lockerungen zusteuert, bemerken viele Musikverlage die Corona-Krise erst im laufenden Jahr. Vor diesem Hintergrund wollte MusikWoche von Akteuren aus dem Publishing wissen, wie sie die geschäftlichen Auswirkungen der Pandemie beurteilen?

22.07.2021 10:38 • von
Die Rückgänge im Bereich der Aufführungsrechte treffen viele Musikverlage hart (Bild: Foto: Frank Winkler, Pixabay; Layout: MusikWoche)

Während das Geschäft mit Recorded Music wächst und die Livebranche auf erste Lockerungen zusteuert, bemerken viele Musikverlage die Corona-Krise erst im laufenden Jahr. Vor diesem Hintergrund wollte MusikWoche von Akteuren aus dem Publishing wissen, wie sie die geschäftlichen Auswirkungen der Pandemie beurteilen?

»Die Pandemie trifft die gesamte Musikbranche hart - so auch die Verlagsseite«, weiß Benjamin Budde: »Das können wir besonders ab diesem Jahr spüren.« In erster Linie liege das daran, »dass die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften größtenteils ein Jahr später ausgezahlt werden«, sagt der CEO von Budde Music. Nachdem Musik über anderthalb Jahre fast ausschließlich über Streaming konsumiert wurde - »das heißt: keine Konzerte, keine Liveshows, keine Musik im Einzelhandel, Budgetkürzungen für Musik in der Werbung - fanden demnach an den Stellen auch keine beziehungsweise stark reduzierte Zahlungen an die Verwertungsgesellschaften statt«, fasst Budde zusammen. »Dies wirkt sich entsprechend auf die Verlage und somit auch auf die Urheber aus.« Er prognostiziert: »Durch die stets zeitversetzten Ausschüttungen wird der Verlagsbereich die finanziellen Einbußen auch in den kommenden Jahren spüren. Das laufende Jahr ist auch stark von den Effekten der Pandemie geprägt, und es wird in vielen Bereichen sicherlich noch einige Zeit bis zur Erholung dauern.«

Mit den Auswirkungen der Pandemie hätten sich »selbstverständlich« auch »die internationalen und deutschen Musikverlags-Verbände auseinandergesetzt, um zu identifizieren, wie man dem großen Verlust entgegenwirken kann«, berichtet Budde. »Viele Pakete der Politik konnten hierbei nicht in Anspruch genommen werden, da die Zeitverzögerung der Ausschüttungen viele Auswirkungen erst jetzt und nicht 'in der heißen Phase' der Pandemie sichtbar werden ließ.« Daher würden die allgemeinen Hilfsprogramme im Musikverlagsbereich bisher nur unzureichend wirken, »um die massiven und bedrohlichen finanziellen Einbußen auszugleichen, sodass einige Verlage die Pandemie leider nicht überleben werden«.

_____Nachhaltige Lösungen fürs Digitalgeschäft

Budde verweist zudem auf den zunehmend digitalen Musikkonsum: »In diesem Bereich stehen noch nachhaltige Lösungen für die Vergütung von Urhebern und Verlagen aus, die gefunden werden müssen. Diese sind jedoch essenziell, damit die Situation der Urheber und damit auch die der Verlage wieder florieren kann.«

Grundsätzlich aber zeigt sich Budde zuversichtlich: »Ich bin trotz allem positiv gestimmt, dass wir Lösungen und Wege aus der Krise finden werden. Denn durch die gezwungene Fokussierung, die die Pandemie mit sich brachte, konnten neue Ideen entwickelt werden und natürlich auch viele neue wundervolle Werke entstehen, an denen wir noch lange unsere Freude haben werden.«

»Der Rückgang im Bereich der Aufführungsrechte trifft uns selbstverständlich auch in beträchtlichem Maße, aber wir kommen gut vorbereitet durch die Krise«, sagt Alexandra Ziem, Director Creative bei Sony Music Publishing. »Unsere Bemühungen zielen vor allem darauf ab, die Autoren und Autorinnen in diesen harten Zeiten bestmöglich zu unterstützen.« Sie verweist dazu unter anderem eine große Zahl an Remote Sessions, die man möglich gemacht habe: »Dadurch haben sich oftmals Türen für Newcomer-Autoren und -Autorinnen eröffnet, die vorher verschlossen waren, nun aber die Möglichkeit hatten, mit sogenannten A-List-Writern zu arbeiten, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.« Das zum Erliegen gekommene Livegeschäft habe zudem für etablierte Livekünstler Freiräume geschaffen, »ihre Songwriting Skills auch mit anderen Autoren und Autorinnen zu teilen«, hat Ziem beobachtet. »So entstanden Zusammenarbeiten, die es vor Corona in dieser Form nicht gegeben hätte. In kreativer Hinsicht konnten wir somit auch positive Effekte erzielen.«

Bei Sony Music Publishing habe man zudem, wie Karina Poche als Senior Director Business & Legal Affairs berichtet, »auch während der Krise stetig Newcomer unter Vertrag genommen und bestehende Verträge vorzeitig verlängert, um den Autoren und Autorinnen Sicherheit zu geben«. Zusammenfassend lasse sich sagen, »dass Corona große Herausforderungen mit sich gebracht hat, die noch längst nicht alle gemeistert sind, aber auch neue Türen geöffnet und Grenzen verschmolzen hat«, bilanziert Poche. »Jetzt ist jedoch auch der Staat gefragt, die Kreativen und Verlage zu unterstützen, damit die Vielfältigkeit unserer Branche erhalten bleibt.«

»Es mag ein Aphorismus sein, aber jede Krise birgt eine Chance«, weiß Gareth Davies, der bei Sheffield Communications Publishing inzwischen als Head of Publishing fungiert: »Natürlich sind die fehlenden Public-Performance-Einnahmen ein harter Schlag, aber auf der anderen Seite haben uns die letzten anderthalb Jahre gezeigt, dass es möglich ist, in solchen Zeiten trotzdem sehr produktiv und kreativ zu sein.« Laut Davies hätten die bei Sheffield unter Vertrag stehenden Autoren in der Krise digitale oder hybride Song Camps »extrem gut« nutzen können, »und der kollaborative Geist bei solchen Sessions, nicht nur bei den Musikern und Produzentenn sondern auch unter den Verlagen, ist ein absoluter Gewinn für alle Beteiligten«.

Für den relativ jungen Verlag sei es daher »erfreulich zu sehen, wie umtriebig unsere Artists und ­Writers sind - wir haben einige bei uns im Roster, die sonst als DJs oder Live Acts unterwegs sind, aber sie lassen die Köpfe nicht hängen, sondern stecken viel Energie ins Studio«.

Um den Wert von Verlagen und Katalogen macht sich Davies angesichts der jüngsten Millionendeals im Markt keine Sorgen: »Die Welle von Akquisitionen im Verlagsbereich, die Aktivitäten von Sony und Hipgnosis zum Beispiel, ist ein deutliches Zeichen, dass das Verlagsgeschäft künftig sogar noch viel wertvoller wird.«

»Ich glaube, dass es fast allen so ging: Wir dachten, die Sache würde sich noch im Jahre 2020 erledigen«, erinnert sich Hille Hillekamp, Inhaber von Grand H Music. »Nun aber sind wir schon im Sommer 2021, und noch immer gibt es zu viele Probleme, die uns wohl auch noch im Herbst dieses Jahres beschäftigen werden.« Den Ausfall der GEMA-Einnahmen aus dem Livebereich oder den Ausfall der speziell für seine Firmen wichtigen Diskothekeneinnahmen habe er nach den Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr für 2021 schon eingeplant, »noch ein Jahr ohne diese Einnahmen trifft die gesamte Musikverlegerschaft jedoch schon härter«, mahnt Hillekamp. »Und wenn dann 2022 wirklich wieder alles läuft, kommen unsere diesbezüglichen GEMA-Einnahmen erst in 2023.« Bis dahin heiße es wohl durchhalten, meint Hillekamp. »Dass ich als kleiner Verleger keinen großen Kostenapparat zu unterhalten habe, kommt mir in diesen Zeiten jedenfalls sehr zugute.« Entsprechend gibt sich der Verleger »optimistisch«. Er freue sich schon heute »auf ein Reeperbahn Festival 2021, ein Amsterdam Dance Event 2021 und auf die Midem 2022« und darauf »endlich wieder alle Freunde und Partner aus aller Welt persönlich treffen zu können«.

_____Faire Verteilung von Streamingeinnahmen

»Durch die Ausschüttung periodenfremder ZPÜ-Einnahmen im ersten Halbjahr wurden bei den meisten GEMA-Autoren und -Verlagen die substantiellen Rückgänge aus Konzerten, Clubs, >General Licensing7 Deaths Of Maria Callas< von Marina Abramovic in der München Staatsoper eine bedeutende Uraufführung feiern konnten«, berichtet Tilman Kannegießer, der bei Concord als Publishing Director für Boosey & Hawkes sowie Bote & Bock fungiert. »Für 2021/22 zeichnet sich ab, dass die Bühnen mindestens in dieser kommenden Spielzeit auf Sicherheit setzen und versuchen, durch gemeinfreie Werke das Budget zu schonen.« Helmuth Kreysing, bei Concord als Publishing Director Sikorski aktiv, ergänzt: »Im Verkauf von Musikalien verzeichnen wir nur leichte Umsatzrückgänge und erfreulicherweise eine Steigerung der Verkäufe bei Kinderliederbüchern. Unsere Promotion-Abteilungen arbeiten mit Verve an neuen Kooperationen und Platzierungen.« Darüber hinaus freue man sich besonders auf die Premieren von »7 Deaths Of Maria Callas« in sieben Ländern sowie Uraufführungen unter anderem von Michel van der Aas »Upload« bei den Bregenzer Festspielen oder Detlev Glanerts »Violinkonzert Nr. 2« in Edinburgh.

_____Dramatische Rückgänge

»Die Auswirkungen der Corona-Krise zeigen sich für die Musikverleger erst in diesem Jahr in ihrem ganzen Ausmaß«, fasst Götz von Einem, Managing Director Peermusic GSA, de Lage zusammen: »Die diesjährigen GEMA-Ausschüttungen beziehen sich auf Nutzungen im Jahre 2020 und sind insbesondere im Livebereich, aber im kleineren Rahmen auch im Fernseh- und Radiobereich, wie zu erwarten, dramatisch zurückgegangen.« Die Klassikverleger hätten den Einbruch im Aufführungsgeschäft bereits zu Beginn des ersten Lockdowns zu spüren bekommen, erinnert von Einem - »und das Geschäft kommt mit der Hoffnung auf Konzerte im Herbst nur langsam wieder in Schwung«. Wenigstens das Synch-Geschäft aber habe sich »nach einer kurzen Delle im Frühjahr 2020 wieder einigermaßen erholt«. Auch sei das Onlinegeschäft zwar »im Rahmen der Marktentwicklung gewachsen«, habe die Verluste in anderen Bereichen jedoch »bei Weitem« nicht auffangen können.

»Beeindruckend war insofern, wie schnell im letzten Jahr Hilfsprogramme im Zusammenwirken von BKM, GEMA und anderen aufgesetzt werden konnten«, bilanziert von Einem. »Es war auch richtig, sich hier zunächst auf die diejenigen Autor*innen und Künstler*innen zu konzentrieren, denen der Lockdown von heute auf morgen sämtliche Auftritts- und Verdienstmöglichkeiten genommen hatte.« Umso wichtiger sei es aber, »dass jetzt weitere Hilfsprogramme folgen, die - über die weiterhin hilfsbedürftigen Autor*innen hinaus - auch die Verlage umfassen«, fordert der auch im Deutschen Musikverleger-Verband aktive Manager. »Dabei muss auch bedacht werden, dass im ersten Halbjahr 2021 weiterhin keine nennenswerten Konzerte stattgefunden haben und dieses auch im zweiten Halbjahr nur mit erheblichen Einschränkungen möglich sein dürfte.« Angesichts dieser Ausgangslage sei denn auch im Jahre 2022 nicht mit relevanten Ausschüttungen im Livebereich zu rechnen, mahnt von Einem.

»Hervorzuheben ist außerdem, dass die Musik- und Veranstaltungswirtschaft in ihrer großen Breite und Vielfältigkeit geeint gegenüber der Politik aufgetreten ist und auftritt. Dies unterstreicht die Bedeutung der Kulturbranche insgesamt und aller hieran Beteiligten - diejenigen, die die Werke erschaffen, und diejenigen, die sie dabei unterstützen.« Denn schließlich zeige die Krise, »wie sehr die Musikautor*innen weiterhin auf den Livebereich angewiesen sind, da die Erlöse aus dem Onlinebereich nur den wenigsten Autor*innen bisher ein vernünftiges Auskommen ermöglichen.« Für von Einem ist klar: »Hieran müssen wir gemeinsam arbeiten. Denn die Songs, die sie schreiben, sind weiterhin die ­Grundlage der gesamten Musikbranche.«

_____ZPÜ-Gelder als Überbrückungshilfe

»Für viele kleine und mittelständische Musikverlage bahnte sich seit dem Frühjahr letzten Jahres eine wirtschaftliche Katastrophe an«, warnt Marcus Zander, Verlagsleiter Lucile-Meisel Musikverlag. »Die erste Abrechnung der GEMA in diesem Jahr in den Live-Sparten war entsprechend frustrierend.« Fast alle Konzerte, Stadtfeste und Festivals seien abgesagt, alle Diskotheken blieben bis heute geschlossen, Tourneen samt Album-VÖs seien teils auf unbestimmte Zeit verschoben »und die Talfahrt des physischen Markts beschleunigte sich«, fasst Zander zusammen. »Im Gegenzug dazu verlagerten sich zwar der Musikkonsum und die Online-Liveangebote der Künstlerinnen und Künstler auf Streamingportale wie YouTube, Spotify, Twitch oder TikTok, aber die Autoren und Verlage gehen bei vielen dieser Nutzungen fast leer aus, denn wer nicht wie einige der Major-Verlage Deals mit den großen Plattformen hat, oder an Content-Systeme angeschlossen ist, muss den Abrechnungen der GEMA vertrauen und sich oft nur mit mageren Zuschlägen begnügen, da der GEMA anscheinend nicht genügend verwertbare Daten vorliegen.«

Die ganz große finanzielle Katastrophe aber habe dank einer außerordentlichen Zuschlagsverteilung aus der ZPÜ in diesem Jahr sowie diverse Hilfsprogramme und dem Schutzschirm der GEMA verhindert beziehungsweise abgefedert werden können, sagt Zander.

»Zusätzlich erforderte die Corona-Krise ein Umdenken bei der Planung und Durchführung von Songwriter Camps, die in unserem Falle regelmäßig in den Berliner Hansa Studios stattfanden und nun in digitale Räume verlagert werden mussten. Erstaunlicherweise haben aber die reinen Online Sessions der Kreativität keinen Abbruch getan und es entstanden trotz der gewöhnungsbedürftigen, neuen Arbeitsweisen großartige Songs«, bilanziert der Musikverleger. »Der persönliche Kontakt und das gemeinsame Erlebnis in einem Studio mit langer Tradition ist beim Songschreiben allerdings durch nichts zu ersetzen. Künftig werden aber alle Kreativen von den technischen Möglichkeiten der Online Sessions oder Hybridveranstaltungen in den Studios profitieren.«

»Die geschäftlichen Auswirkungen sind für sehr viele Musikverleger enorm«, weiß Rudi Schedler als Geschäftsführer von Schedler Music. »In erster Linie durch Absagen und Ausfall von Konzertveranstaltungen, Schließung von Discotheken, Bars oder Gastronomiebetriebe. Während diese mit Umsatzersatzzahlungen vom Staat gut unterstützt wurden, gingen die Musikrechteinhaber beziehungsweise ihre Verwertungsgesellschaften leer aus. Das ist nicht fair!« Schedler hofft, dass es »vielleicht im Nachhinein, wo die ersten Zahlungen der Verwertungsgesellschaften an ihre Mitglieder in vielen Bereichen einen enormen Rückgang aufweisen, und auch die weiteren Ausschüttungen bis Ende 2022 keine Verbesserungen versprechen, eine staatliche Unterstützung der Verwertungsgesellschaften« geben könne. »Ansonsten kommen da schon Gedanken auf, dass die Rechteinhaber ihre Aufführungsrechte den VWGs entziehen und zum Beispiel bis Ende 2022 selbst wahrnehmen und somit die Veranstalter, Discotheken, Bars oder Gastronomiebetriebe die Rechte direkt bei den Urhebern und Verlagen einholen müssen, was natürlich ein Fiasko für beide Seiten wäre - Nutzer wie Rechteinhaber. Aber wenn ohnehin ein Rückgang bis zu 70 Prozent in diesem Bereich auftritt, kommen schon solche Gedanken auf«, formuliert Schedler. »Wir hoffen aber, dass der Staat in Deutschland, Österreich und der Schweiz hier auch noch unsere Verwertungsgesellschaften etwas unterstützt und somit die Musikrechteinhaber nicht im Regen stehen lässt.«

»Die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie haben mit einem Jahr Verzögerung nun auch die Musikverlagsbranche mit voller Wucht getroffen«, analysiert Jens-Markus Wegener, Director Publishing Guesstimate. »Laut GEMA-Geschäftsbericht sind die Gesamtumsätze zwar nur um zehn Prizent zurückgegangen, aber das Inkasso des GEMA-Außendienstes inklusive der Einnahmen aus dem Livebereich sank um über 40 Prozent. Das hat einige unserer Kollegen schwer getroffen.«

Guesstimate habe den erwarteten Umsatzrückgang im Livebereich über vermehrte Auswertungen im Ausland und gute Radioergebnisse mehr als kompensieren können, berichtet Wegener. »Auch die zunehmende Konzentration auf die Auswertung des Kataloges, mehr Veröffentlichungen, die Durchführung von regelmäßigen hybriden Song Camps und die intensive Nutzung der Loftyard Studios werden dafür sorgen, dass Guesstimate für nächstes Jahr eine deutliche Steigerung des Jahresergebnisses erwartet«.

_____Staatliche Hilfe für Verlage bleibt limitiert

»Erschreckend in diesem Zusammenhang war das katastrophale Inkasso der GEMA insbesondere im Rundfunkbereich«, ergänzt Wegener und klagt: »Mehr als die Hälfte aller Radioplays aus den letzten beiden Jahren sind von der GEMA nicht an Guesstimate abgerechnet worden. Trotz intensiver Reklamationen wurden bisher nicht einmal fünf Prozent der zu erwartenden Einnahmen von der GEMA nachverrechnet - in Zeiten, in denen die gesamte Branche durch die Corona-Auswirkungen arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist das eine schlechte Leistungsbilanz der GEMA.« Guesstimate erwartet in diesem Zusammenhang von der Verwertungsgesellschaft »eine deutlich schnellere und vor allem bessere Bearbeitung aller Reklamationen. Hier besteht eindeutig Reformbedarf.«

»Für uns wird die Corona-Krise nur geringe Auswirkungen haben«, sagt bei Roba Music Managing Director Christian Baierle. »Natürlich sehen alle Verlage vor allem im Performing-Bereich Rückgänge. Zu den kumulierten Zahlen haben sich SUISA und GEMA auch schon geäußert. Bei Roba sind wir allerdings sehr breit aufgestellt und verfolgen einen 360-Grad-Musikverlagsansatz für unsere Urheber*innen und Verlagspartner*innen. So haben wir neben unserer Verlagssparte gerade in unseren Bereichen digitale Distribution und weltweite GVL-Rechtewarnehmung überproportionale und oftmals streamingbedingte Zuwächse gesehen.«

Im Verlagsbereich habe man in der Krisenzeit Initiativen starten können, »um die betroffenen Urheber*innen dabei zu unterstützen, weiter tätig zu sein«. So habe man »das erste digitale Songwriting Camp in Deutschland organisiert« und zudem »auch das weltweit erste komplett virtuelle Songwriting ermöglicht«, sagt Baierle. »Zusätzlich haben wir unsere Automatisierung bei den Income-Tracking-Prozessen für Konzerte und Streaming optimiert, wodurch wir nunmehr in der Lage sind, diese noch präziser durchzuführen, was sich schon jetzt in zusätzliche Erträge von Verwertungserlösen für unsere Urheber*innen und Partner ausgezahlt hat.«

»Uns Verlegern war schon sehr früh in der Pandemie klar, dass wir erst mit einiger Verzögerung von den Einbrüchen betroffen sein werden«, bilanziert Benjamin Bailer, Inhaber Bailer Music: »Allerdings war uns auch bewusst, dass wir noch stärker zu leiden haben werden als andere Branchen. Natürlich war uns im März 2020 noch nicht klar, dass es auch sechs Monate im Jahr 2021 betreffen würde. Insofern steht bereits jetzt fest, dass die Schwierigkeiten bis ins Jahr 2023 andauern werden.« Staatliche Hilfe sei limitiert, weiß Bailer, »denn wir können als indirekt Betroffene immer nur unter erschwerten Bedingungen auf Töpfe zugreifen, die anderen Branchen wie dem Livebereich direkt zugestanden wurden«.Schwierig sei für die Situation der Musikverleger zudem »die immer noch viel zu geringe Vergütung für Onlinenutzungen von Werken«, ergänzt Bailer. »Die Labelindustrie wächst und gedeiht in der Krise, und die Autoren als Wertschöpfende haben das Nachsehen. Die Vergütungen müssen auch in dem Bereich angepasst werden und es besteht dringender Handlungsbedarf.«

Text: Knut Schlinger