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Mit Google und Initiative Musik durchs Sommerloch

Wenn Public Private Partnership Stilblüten treibt: Unter der Bezeichnung "Reboot Live" bietet die Initiative Musik zehn kostenlose Workshops von und mit Google fürs Konzertgeschäft.

20.07.2021 09:58 • von Dietmar Schwenger

Wenn Public Private Partnership Stilblüten treibt: Unter der Bezeichnung "Reboot Live" bietet die Initiative Musik zehn kostenlose Workshops von und mit Google fürs Konzertgeschäft.

Nach eigenen Angaben handelt es sich bei der Initiative Musik um die "zentrale Fördereinrichtung der Bundesregierung und der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft." Noch allerdings ist die "Inimu", wie die Initiative Musik in Insiderkreisen liebevoll genannt wird, keine Behörde oder gar ministerialer Bestandteil der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Gleichwohl führt die Fraternisierung zwischen Konzernen und dem Gemeinwohl verpflichteten Institutionen gelegentlich noch öffentlichkeitswirksam zur gesteigerten Anteilnahme. Ein prominentes Beispiel hierfür lieferte ehedem die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) anlässlich eines gemeinsamen Videos mit dem Chef von Nestle Deutschland zum Thema gesunde Ernährung. Der Shitstorm war groß, das Erregungspotenzial erheblich.

Auch wenn die Inimu im Vergleich zur Medienpräsenz von Julia Klöckner nicht mithalten kann, so sind zumindest Nestle sowie Google als mutmaßlich potenzielle "Partner in Crime" durchaus gleichwertigen Kalibers. Während das mediale Intermezzo von Klöckner zugunsten von Nestle immerhin nur werblichen Charakter hatte, geht die Inimu indes in die Vollen und beschert Google gleich einen ganzen Reigen zielgruppengerechter Verkaufsshows. Es sei denn, Programmpunkte wie "Onlinemarketing: Kampagnen in Google Ads", "Google My Business - Unternehmensprofile optimieren" oder "Payment & Ticketing: Sicher, personalisiert und kontaktlos" sind irgendwie anders zu verstehen, zumal die Google-Referenten in den besagten Workshops bestimmt auch auf die Dienste anderer Anbieter, wie Bing, DuckDuckGo oder Ecosia hinweisen.

Wie aber kam es zu diesem Workshop? Hierzu äußert Tina Sikorski in ihrer Eigenschaft als Geschäftsführerin auf Nachfrage von MusikWoche: "Zur Kooperation kam es auf eine Anfrage der Google Zukunftswerkstatt. Tatsächlich arbeiten dort Menschen, die früher für die Musikbranche tätig waren und denen es ein intrinsisches Anliegen gewesen ist, etwas für die Livebranche zu tun. Die Motivation kam also von >untenSEOfördern< ja sogar junge Journalisten", kommentiert Joachim Gauger, Chefredakteur von "Laut.de" mit Verweis auf das von Google initiierte Programm "Digital News Initiative", das ausgestattet mit einem Finanzvolumen von 150 Millionen Euro eine "starke Zukunft für den Journalismus" gewähren soll. Der Unterschied sei halt, so Gauger, dass "weder die jungen Journalisten noch wir, noch die Ticketanbieter und nicht mal die Initiative Musik einen Eid geleistet haben, demzufolge sie das Wohl des deutschen Volkes mehren sollen und nicht das von Google oder Nestle."

Was wiederum den von Sikorski erwähnten "laxen Umgang" von staatlicher Seite betrifft, sei noch erwähnt, dass Google gerade erst von der französischen Kartellbehörde zur Zahlung einer Geldstrafe in Höhe von 500 Millionen Euro wegen Verstößen gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverlage verurteilt wurde. Im November letzten Jahres kam Google in Frankreich mit einer Geldstrafe von nur 60.000 Euro immerhin noch glimpflich davon, nachdem der französische Konzertveranstalterverband Prodiss zuvor eine Klage gegen das Unternehmen angestrengt hatte. Gegenstand des Verfahrens war die werbliche Platzierung von Google Ads' formerly known as Google Adwords, für den Verkauf überteuerter Tickets der Konzerte von Bands wie Rammstein, Drake und Metallica auf Wiederverkaufsplattformen wie Viagogo und Stubhub.

Abschließend bleibt die Frage, wann endlich der Google-Steueroptimierungs-Workshop kommt. Dieser allerdings könnte mittelfristig einer Fördereinrichtung wie der Initiative Musik zum Nachteil gereichen.

Text: Manfred Tari