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Carsten Haupt zum Vinylboom: "Das habe ich so noch nicht erlebt"

Angesichts der Entwicklung im Vinylgeschäft fragte MusikWoche bei Presswerken, Labels und Vertrieben nach, ob mit weiteren Zuwächsen zu rechnen ist oder ob der Markt auf eine Kapazitätsgrenze zusteuert? Bei Celebrate Records berichtet Carsten Haupt auf Anfrage von MusikWoche von einem anhaltenden Boom und der Hoffnung in den nächsten Monaten dennoch wieder "auf ein normales Maß" an Lieferzeiten zurückzukommen.

19.07.2021 12:57 • von
Zeigt sich zuversichtlich, dass der Markt bei den Lieferzeiten in den nächsten Monaten wieder ein »normales Maß« erreicht: Carsten Haupt von Celebrate Records. (Bild: Foto: Celebrate Records; Layout: MusikWoche)

»Wer hätte gedacht, dass in der Pandemie ein neuer Vinylboom ausbricht? Wir jedenfalls nicht«, antwortet Carsten Haupt auf Anfrage von MusikWoche zur Lage am Markt. Der Geschäftsführer von Celebrate Records ergänzt: »Im ersten Halbjahr 2020 war zwar direkt mal Langeweile ausgebrochen und wir konnten unsere technischen Anlagen warten sowie neue Technik nach- und aufrüsten. Jedoch sollte sich das im Herbst 2020 schlagartig ändern!«

Viele Vinylliebhaber(innen) waren im Homeoffice oder wegen Kurzarbeit zuhause, und die Webseiten wurden nach coolen Platten durchsucht. Der Zeigefinger war wohl immer schnell auf dem Bestellbutton - und wenn man im Internet kauft, dann ist der Warenkorb schneller voll als im Ladengeschäft um die Ecke. Klick - klick - meins! sorgte für ausverkaufte Lager! Schnell stieg somit die Zahl der Nachbestellungen.«

_____Lange Wartezeiten keine Seltenheit

Die Künstler wiederum hätten die Zeit der COVID-Pause genutzt, um neue Alben zu produzieren, beobachtet Carsten Haupt. »Diese kamen und kommen nun zusätzlich alle auf einmal auf den Markt.« Dieser »Doppeleffekt«, so Haupt, habe die Lieferzeiten »mit einem Schlag explodieren« lassen. »Wartezeiten von einem Jahr sind momentan keine Seltenheit.«

Zudem habe die personelle Lage zum Anstieg der Auslieferungszeiten beigetragen, berichtet Haupt, »denn nicht wenige unserer Mitarbeiter(innen) mussten sich in den letzten Monaten um die Betreuung ihrer Kinder kümmern« und standen somit in der Fertigung nicht zur Verfügung.

»Ein sehr großer Anteil der gefragten Vinyls bestehen jedoch aus Nachauflagen, zum Beispiel Special-Vinyls in Farbe oder auch Fan-Boxen. Momentan verzeichnen wir bei den Labels und Vertrieben sogar einige Panikkäufe wegen der langen Lieferzeiten. Hier werden dann schon mal Nachauflagen drei- bis vierfach bestellt. Ob die Platten dann in dieser Menge tatsächlich verkauft werden? Auf alle Fälle macht das die Produktionsslots auch noch zusätzlich dicht.«

Darüber hinaus berichtet Haupt von schnell steigenden Rohstoffpreisen: »Aktuell gibt es nur eine Preisrichtung: steil nach oben. Die Knappheit von Granulat und Papier wirken sich ebenso auf die Lieferzeiten aus - stellen uns aber auch vor ganz neue Herausforderungen.« Niemand könne absehen, wie lange Rohstoffe noch zur Verfügung stehen, so gebe es zum Beispiel bei der Beschaffung von Granulatfarben teils bereits Probleme: »Das habe ich so bisher in meiner Laufbahn auch noch nicht erlebt!«

_____Rohstoffpreise zeigen steil nach oben

Dennoch gibt sich Carsten Haupt zuversichtlich: »Nun sind wir aber im Sommer 2021 angekommen - der Aktionsradius aller wird wieder größer, der Sommerurlaub steht, und die Freizeitangebote vergrößern sich blitzartig. 2022 werden - glücklicherweise - auch wieder Tourneen und Festivals stattfinden, und nicht jeder Künstler produziert alle zwölf Monate ein neues Album. Somit werden wir in den nächsten Monaten wieder auf ein normales Maß an Lieferzeiten und Produktionskapazitäten zurückkommen.«

Seit Fazit: »Auch dieser Vinylhype ist wohl irgendwann vorbei! Wichtig ist uns aber immer, dass wir kreative neue Musik am Markt haben und diese dann für den Vinylliebhaber interessant umsetzen können.«

Angesichts der Entwicklung im Vinylgeschäft hatte MusikWoche bei Presswerken, Labels und Vertrieben nachgefragt, ob mit weiteren Zuwächsen zu rechnen ist oder ob der Markt auf eine Kapazitätsgrenze zusteuert?

Text: Knut Schlinger