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Mental Health: "Dieser Job kann gefährlich für die Birne sein"

In einem Gastbeitrag für MusikWoche schreibt Tim Böning von der Konzertagentur Der Bomber der Herzen über seine eigenen Erfahrungen, wie das Musikgeschäft zu psychischen Erkrankungen führen kann. Zugleich regt er an, wie man die Lage verbessern kann - für Betroffene wie auch die Branche.

15.07.2021 11:38 • von Dietmar Schwenger

In einem Gastbeitrag für MusikWoche schreibt Tim Böning von der Konzertagentur Der Bomber der Herzen über seine eigenen Erfahrungen, wie das Musikgeschäft zu psychischen Erkrankungen führen kann. Zugleich regt er an, wie man die Lage verbessern kann - für Betroffene wie auch die Branche.

Neulich beim Smalltalk mit neuen Bekannten. Da war sie wieder: eine dieser Situationen, die die meisten in der Musik- und Unterhaltungsbranche kennen dürften. Diese großen Augen der Person mir gegenüber, nachdem ich - fast ein wenig peinlich berührt - erzählen musste, was ich beruflich so mache. "Oh wow, Musikbusiness, wie spannend. Da erlebt man sicher tolle Dinge?" Ja, da habe ich wirklich tolle Dinge erlebt, außergewöhnliche Menschen getroffen und in meinen 15 Jahren auf Tour und zehn Jahren als Teil von Der Bomber der Herzen mehr erlebt, als ich mir damals als junger Booker aus Gütersloh hätte vorstellen können. Aber zu den Erinnerungen an diese Zeit mischen sich vermehrt auch andere Situationen, die mich nachdenklich machen, nach über 25 Jahren im Job.

All die langen Tage auf den Shows, das ungesunde Essen, der permanente Lärm, wenig Schlaf in Bussen, Performance-Druck, immer erreichbar sein, wenig Raum für Nähe und Beziehungen, Konsum, Krawall und Remmidemmi, schreiende, tobende Chefs und Agenten, extreme Menschen in extremen Situationen. Das war und ist Alltag. Ich habe das selbst oft romantisiert und verklärt, währenddessen zu selten richtig hinterfragt: Rockstars nehmen eben Drogen, schlafen mit mindestens zwei Frauen gleichzeitig. Menschen im Rock'n'Roll dürfen das. Choleriker sind Impresarios, Menschen mit Angststörung sind melancholische Genies, Suchterkrankte sind Partygranaten und depressive Personen halt "ganz anders, als die anderen" oder eben "heute einfach mal nicht so gut drauf, wird schon wieder morgen".

Ich möchte hier nicht mit meiner Branche abrechnen oder den zum Musikgeschäft gehörenden Hedonismus pauschal problematisieren. Ich möchte zu einer neuen Offenheit ermutigen: einem ehrlichen und angstfreien Umgang mit Sucht oder anderen psychischen Erkrankungen. Über mentale Gesundheit zu sprechen sollte so selbstverständlich sein wie der Flurschnack über die letzte Party.

Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, darüber zu reden, wie gefährlich dieser Job für die Birne sein kann. So langsam fangen wir in der Branche an, das Thema aufzugreifen und uns damit zu befassen. Es wird Teil von Panels und Diskussionsgruppen, und es trauen sich Menschen mit ihren Problemen zu exponieren. Wenn auch noch zu selten. Gesoffen wird auf dem Branchentreff und anderswo dann doch drei Tage am Stück. Wer auf der Award-Aftershowparty noch steht, wird zur Jägermeisterbar getragen.

Nicht Teil davon zu sein ist eine Entscheidung. Und die ist nicht für jeden so einfach zu treffen. Wenn ich nach sechs Stunden Dauerkommunikation bei 130 dB vorziehe, ins Hotel zu gehen, habe ich dann den "Abend des Jahres" verpasst? Oder die neue, heiße Band nicht signen können? Wenn ich wegen Depressionen krankgeschrieben bin, bin ich dann der Booker, der "eh nie genug Power" hatte? Therapie war doch eine Band aus den 90ern, oder?

Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber unseren KollegInnen, den Menschen um uns herum, endlich Raum und Strukturen zu schaffen, mit denen es anders werden kann, als es immer war. Lasst uns darüber sprechen, dass Sex, Drugs & Rock'n'Roll nicht immer sexy sind, sondern dazu führen können, dass man mit 27 Jahren stirbt. In dieser Branche mitzuhalten bedeutet oft psychisch und physisch stark belastende Arbeitsbedingungen, verbunden mit einer massiven Verharmlosung von Suchtmittelkonsum, häufig ohne die Möglichkeit des Ausgleichs, der Supervision oder der Wahrnehmung von Hilfsangeboten, wenn jemand eben mal ins Straucheln gerät.

Ich bin selbst 25 Jahre dieses Tempo mitgegangen, davon zehn Jahre als Agenturchef, bis ich vor zwei Jahren einfach nicht mehr konnte. All die Jahre habe ich traumatisiert gegen eine Depression und Angststörung angearbeitet. Da war immer der sehnliche Wunsch nach Ruhe und nach "Sagen können, was mit mir ist". Ich habe mir die besten Abwehr- und Bewältigungsstrategien angeeignet, sie als Chef dann sogar weitergegeben, bis es eben nicht mehr ging. Mir diese Schwäche einzugestehen, um Hilfe zu bitten und am Ende das Undenkbare zu tun, nämlich "einfach" eine Pause zu machen - das war der schwerste Schritt. Denn es bedeutet loszulassen, mich mit meiner eigenen Ersetzbarkeit zu konfrontieren, mich meinen Kolleg-

Innen anzuvertrauen und mich darauf zu verlassen, dass sie einspringen und am Ende alles gut wird.

Die Pandemie löst sich und es geht jetzt um andere Dinge: Beim Neustart die Gesundheit vorne anzustellen, noch vor den Job und trotz der Furcht vor einem System, das bei Schwäche schnell aussiebt. Mit dieser Erfahrung freue ich mich auf die Zukunft nach Corona, auf neue Aufgaben und neue Strukturen in unserer Firma. Zudem hoffe ich, hiermit ein paar KollegInnen zu ermutigen, mehr auf sich aufzupassen. ?

Text: Tim Böning

zur Person

Tim Böning wurde 1975 in Gütersloh geboren. Sein erster Job in der Branche war 1996 Tourmanager der Band Thumb. Er arbeitete dann zehn Jahre lang als Tourmanager und Accountant für Moderne Welt, die DEAG und die Marek Lieberberg Konzertagentur. Von 2006 bis 2010 war er Production Manager bei der Marek Lieberberg Konzertagentur in Berlin, bevor er 2010 die Konzertagentur Der Bomber der Herzen gründete. Drei Jahre später folgte die Gründung der Silbermöven GmbH mit Peter Spindler, zugleich war Böning von 2013 bis 2016 Geschäftsführer von Die Weberei in Gütersloh. Von 2015 bis 2018 war er zudem als Artist Booking Specialist für Red Bull Deutschland/Austria tätig. 2018 erfolgte der Einstieg von Goodlive in Der Bomber der Herzen. Für 2021 plant Böning den Rückzug aus der operativen Führung bei Der Bomber der Herzen. Zu den von Tim Böning und Alex Arlt betreuten Bands gehören Bilderbuch, Macklemore, Cari Cari, Mavi Phoenix und Bruckner.