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Musiksommer 2021: Eher Erinnerungskultur als Normalzustand

Die aktuellen Lockerungen machen - wenn auch stark eingeschränkt - einen Livebetrieb wieder möglich. MusikWoche nennt Beispiele, was derzeit konkret an Veranstaltungen geplant ist, wobei viele Konzertagenturen lieber auf 2022 warten wollen.

14.07.2021 16:29 • von Dietmar Schwenger

Die aktuellen Lockerungen machen - wenn auch stark eingeschränkt - einen Livebetrieb wieder möglich. MusikWoche nennt Beispiele, was derzeit konkret an Veranstaltungen geplant ist, wobei viele Konzertagenturen lieber auf 2022 warten wollen.

"Derzeit gibt es weder einheitliche noch verbindliche Perspektiven, die für eine sinnvolle Öffnung essentiell wären", klagt Marek Lieberberg, President Live Nation GSA. "Die Lockerungen ähneln einem Flickenteppich und differieren von einem Bundesland zum anderen. Vor allem gibt es keine belastbare Aussage zur Bespielbarkeit von Sälen und Arenen in ihren eigentlichen Kapazitäten. Deshalb sind Tourneen im Sommer und Herbst 2021 nur mit erheblichen Einschränkungen durchführbar, was insbesondere für ausländische Künstler keinen Anreiz bietet und auch nationalen Künstlern keine relevanten Einnahmen sichert." Nach wie vor gelte deshalb, dass endlich bindende Zusagen erforderlich seien, damit verschobene und neue Tourneen nunmehr uneingeschränkt stattfinden können, so wie dies der New Yorker Gouverneur Cuomo für den Broadway und alle anderen Spielstätten zu 100 Prozent zugesichert habe, so Lieberberg weiter. Der Live-Nation-Chef kritisiert auch, dass die Veranstalter bisher noch überhaupt nicht vom Sonderfonds profitieren, der bürokratisch überfrachtet sei. "Es bleibt abzuwarten, inwiefern die Kompensationen Projekten im neuen Jahr zugute kommen. Der einzig richtige Weg besteht darin, angesichts sinkender Infektionen und Inzidenzen bei gleichzeitig steigenden Impfungen endlich wieder zur Normalität zurückzukehren, wobei Impfausweis oder negativer Test ausreichend Schutz bieten. Dann kann man auf Alimentierung verzichten."

In der Tat bleibt die Lage volatil. So sollen aktuell etwa große Sportverstaltungen mit bis zu 25.000 Zuschauern unter bestimmten Voraussetzungen wieder möglich werden. Bei bestimmten Veranstaltungen sollen sogar mehr Teilnehmer erlaubt sein, wie die dpa aus einem Beschluss der Arbeitsgruppe Großveranstaltungen der Chefs der Staatskanzleien vom 6. Juli zitiert. Für einige der großen Veranstaltungsagenturen aus dem Musikbereich bietet das jedoch keinerlei Perspektive, sodass auf Nachfrage von MusikWoche viele erklären, dass sie es vorziehen, alle Tourneen von 2021 ins nächste Jahr zu verlegen und auch nicht Konzerte mit eingeschränkter Kapazität ausrichten zu wollen - weil es sich schlichtweg nicht rechne.

Ähnlich sieht das Christian Doll, Geschäftsführer C2 Concerts: "Wir planen den Sommer 2021 ohne Sonderkonzepte oder anpasste Veranstaltungsformate trotz der guten Erfahrungen, die wir mit dem Kulturwasen 2020 gemacht haben, aber: Ein solches Konzept und Mammutprojekt ist nicht beliebig wiederholbar! Der große Teil unserer Open Airs, Sommerveranstaltungen und zum Beispiel das Kessel Festival wurden schon vor einiger Zeit verlegt. Wir können bei den nach wie vor geltenden Einschränkungen nicht wirtschaftlich arbeiten, dafür sind Kapazitäten von rund 85 bis 90 Prozent nötig, und von reinen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen halte ich nichts." Vielmehr halte C2 Concerts auch weiterhin an den gebuchten Konzerten für Winter und Frühjahr fest - in der Hoffnung, dass die Impfkampagne soweit fortschreite, dass Veranstalten wieder ohne große Einschränkungen - aber trotzdem sicher! - möglich sein werde. "Auch werden uns erst Winter und Frühjahr lehren, was die aufgelegten Sonderfonds wirklich wert sind. Wir bleiben optimistisch und hoffen auf 2022."

Auch Christian Diekmann, COO/CDO DEAG, richtet den Blick lieber ins Jahr 2022: "Nach zahlreichen coronakonformen Veranstaltungen im vergangenen Jahr wie den Kulturwasen mit über 70 Events in Stuttgart oder der Stage Drive Kulturbühne an der Jahrhunderthalle in Frankfurt konzentrierten wir uns in diesem Jahr bisher auf die Vorbereitung der Konzerte im Jahr 2022. Die bisherigen Vorverkaufsstarts zeigen, dass die Menschen sich wahnsinnig auf Konzerte freuen und keine Zweifel haben, dass die Einschränkungen im nächsten Jahr überwunden sein werden und dass alles stattfindet." Diekmann betont aber, dass für die Durchführung von Konzerten in diesem Jahr die Planungssicherheit bisher nicht gegeben sei. "Die Corona¬schutzverordnungen auf Länderebene sind sehr unterschiedlich.

Verlässliche Aussagen zu den demnächst gültigen Regelungen fehlen. Hinzu kommen die Reisebeschränkungen, die die Planung mit Künstlern aus dem Ausland für die nächsten Monate unmöglich machen. Wir freuen uns daher über das Konzert mit den Berliner Philharmonikern jüngst in der Berliner Waldbühne, mit 5000 Besuchern und unter zahlreichen Auflagen - ein sehr wichtiges positives Signal. Auch die Potsdamer Schlössernacht am 20. und 21. August wird unter Auflagen wohl stattfinden dürfen." Der DEAG-Vorstand weist darauf hin, dass sehr viele Argumente dafür sprächen, dass nach dem Sommer die Umsetzung der 3G-Regel sinnvoll und anerkannt sowie Maßgabe auch für große Veranstaltungen sein werde. Daher sei man zuversichtlich, am 11. September Ruhr in Love in Oberhausen durchzuführen, auch wolle die DEAG ihre Open Air Light Trails, ein Familien-Event im Dezember, der dieses Jahr auf 14 Standorte in vier Ländern angewachsen ist, stattfinden lassen. "Wir gehen davon aus, dass im vierten Quartal mit der 3G-Regel und eventuell auch unter Einbindung des Sonderfonds für Kulturveranstaltungen zahlreiche weitere Konzerte und Events mit Rahmenbedingungen so ermöglicht werden, dass sie auch wirtschaftlich sinnvoll sind."

Dieter Schubert und Michael Bisping, Geschäftsführer a.s.s. concert & promotion, schildern, dass sie vor allem mit den Büros in NRW in Köln, Dortmund und Dinslaken als örtlicher Veranstalter eine breite Vielfalt von Künstlern auf die coronakonforme Bühne bringen. "Wir sind im Programm der dortigen Open-Air-Flächen JunkYard Open Air, Freideck Open Air, Juicy Beat Park Sessions und Sommerkultur Dinslaken gut vertreten, mit Acts wie Wincent Weiss, Lea, Fury In The Slaughterhouse, Bukahara, Dota, Culcha Candela, Patrice oder Pohlmann." Als Tourveranstalter bietet a.s.s. Sommershows mit Jupiter Jones, Silly und Kabarettisten wie Andy Ost und Bernd Stelter.

Zudem hat sich a.s.s. am 1. Juli beim Sonderfonds Kultur registriert und meldet, falls notwendig, Kompensation an. "Natürlich nützt alle Bezuschussung nicht, wenn die mit geringen Kapazitäten und Hygienekonzept geplanten Shows sich dann nicht ausreichend verkaufen und der Break Even auch mit Kompensation nicht erreicht wird. Was uns Sorge bereitet ist die Tatsache, dass das Kaufverhalten trotz aller Euphorie unsererseits über stattfindende Shows darnieder liegt." Das gelte weniger in der jungen Zielgruppe, die nehme alles dankbar an, was geboten werde. Vielmehr betreffe dies ältere Zielgruppen, die eigentlich bereits geimpft sind. "Die Politik hat mit ihren endlosen, wenn auch verständlichen Warnungen und den immer präsenten Diskussionen um Corona in den Medien scheinbar eine so große Verunsicherung erreicht, dass viele sich nun zurückhalten, obwohl sie mit 3G-Regelung (Geimpft, Genesen oder Getestet) auf dem Gelände sehr sicher wären! Man ist dabei, so - unabsichtlich - die eigenen Staatshilfen zu unterlaufen. Eine positivere Darstellung seitens der Medien wäre hier wünschenswert."

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion, erzählt, dass die Agentur von Ende Juli bis Anfang September 26 Konzerte beim Stadtpark Open Air im Hamburger Stadtpark ausrichtet - unter anderem mit Anna Ternheim, Johannes Oerding, Lotte, Rea Garvey, Alice Merton, Fury In The Slaughterhouse, Sophie Hunger und José Gonzaléz. Zeitgleich veranstaltet Karsten Jahnke 21 Shows beim Cruise Inn, wo vor der Hamburger Hafenkulisse unter anderem Max Giesinger, Lea, Alvaro Soler, Jan Delay, Wincent Weiß und Grossstadtgeflüster zu sehen sind. Mit den Vor Deiner Tür Open Airs gastiert die Karsten Jahnke Konzertdirektion mit individuellen Programmen in Oberhausen (fünf Konzerte), Erfurt (vier Konzerte) und auf Schloss Holte-Stukenbrock (elf Konzerte). Bei diesen Shows treten etwa Rea Garvey, Revolverheld, Sido und Bosse auf. Darüber hinaus veranstaltet das Unternehmen Tourneen mit Lina (vier Konzerte), Johannes Oerding (40 Konzerte in 26 Städten), Rea Garvey (21 Konzerte), Max Giesinger (29 Konzerte) und Milow (17 Konzerte).

"Da für uns Veranstaltungen mit Kapazitäten unter 500 Personen wirtschaftlich nicht sinnvoll sind, werden wir frühestens ab dem August 2021 vom Sonderfonds Kultur profitieren können. Grundsätzlich sind alle von uns in diesem Sommer durchgeführten Veranstaltungen und Shows so sparsam und effizient kalkuliert, dass sie bei entsprechendem Ticketverkauf auch ohne die Sonderfonds kostendeckend umsetzbar wären." Es sei jedoch beruhigend zu wissen, dass im Falle erneuter Einschränkungen wie zum Beispiel durch die weitere Ausbreitung der Delta-Variante eine Absicherung durch den Sonderfonds gegeben sei, so Mitha weiter. "Als größte Hilfe sehen wir hierbei vor allem die Ausfallabsicherung für unsere Tourneen beginnend ab Herbst 2021 an, da sie uns ermöglicht, mit unseren Planungen, die oft mit entsprechenden Anschubkosten verbunden sind, fortfahren zu können, ohne dass diese bei pandemiebedingtem Ausfall der Tourneen existenzbedrohend für das Unternehmen werden."

Michael Hilgers, Geschäftsführer Sparkassenpark Mönchengladbach und als Veranstalter des Strandkorb Open-Airs gleichsam ein Pionier der Corona-Veranstaltungen, hat im Rahmen der Strandkorb Open Air Tour 2021 rund 450 Veranstaltungen in ganz Deutschland im Verkauf. Diese sind aufgeteilt auf 16 Städte und zehn Bundesländer. Alle Shows finden im Rahmen der gleichen Hygiene- und Coronaregeln statt, bei denen die Konzertgänger in verschiedenen Inseln aufgeteilt sind, mit zwischen 200 und 400 Besuchern pro Insel, jeweils mit eigenen Eingängen und Toiletten. "In den meisten Bundesländern gilt die 3G-Regel bei Einlass plus Luca-App und ein geregelter Ausgang über unser Good Bye Bingo, was die Zuschauer aufstehen und gehen lässt, wenn auf den LED-Wänden ihre Strandkorb Nummer erscheint. Das erfolgt in einem zeitlichen Abstand von zehn Sekunden, sodass der geregelte, mit Abstand erfolgte Auslass gewährleistet ist." Gleichzeitig biete man einen Komplettservice im Gastrobereich an, nämlich in Form eines Online-Gastroshops, in dem man sich schon vorher, aber auch live vor Ort, die gewünschten Produkte bestellen kann und diese dann in der eigenen Kühlbox am Strandkorb vorfindet oder dorthin geliefert bekomme. Aufgrund der Online-Bezahlfunktion gebe es hier auch keinen Kontakt mit dem Gastro-Personal. Ambivalent sieht Hilgers den Sonderfonds Kultur: "Da der Fonds erst zum 1. August mit der Kapazität bis zu 2000 Besuchern startet, profitieren wir, wenn überhaupt, erst deutlich später, als wir gestartet sind. Hier muss man leider feststellen, dass die Veranstalter, die sehr früh an Veranstaltungen geglaubt haben, nun durch die zeitliche Eingrenzung der Wirtschaftlichkeitshilfe bestraft werden. Und vor allem im Juni und Juli wäre die Hilfe angebracht, da wir zurzeit ein absolutes Behördenchaos in Bezug auf Genehmigungen, Kapazitäten und Auslastungen verzeichnen müssen. Was in Bayern verboten, ist in Hessen erlaubt, was in NRW vorgeschrieben, ist in Bayern verboten und so weiter. Genau jetzt bräuchten wir die Hilfen, aber bekommen sie nicht!"

Rouven Bönisch, Geschäftsführer RBK Fusion, hat sich bereits Mitte 2020 mit Michael Hilgers zusammengesetzt und frühzeitig den Standort Hoppegarten in Berlin/Brandenburg für Strandkorb Open Airs entwickelt. "Das weitläufige Areal ermöglicht es, in Kombination mit Strandkörben ein coronakonformes Eventerlebnis anzubieten. Momentan sind wir hoffnungsfroh, diesen Sommer mit über 2000 Besuchern endlich wieder große Liveshows spielen zu können." Impf- und Testnachweise seien eine großartige Erweiterung der Maßnahmen, echte Sicherheit werde aber vorerst nur an der frischen Luft mit Abstand möglich sein, fürchtet Bönisch. "Hier würden wir uns mehr Differenzierung vom Gesetzgeber wünschen, der eher private Feiern ohne Rücksicht auf Hygienemaßnahmen zulässt als professionelle Events mit einem hohen Maß an Sicherheit. Erste Shows mit unseren Künstlern, wie Wirtz oder Matija haben gezeigt, dass Menschen auch mit ein wenig Abstand Liveshows in vollem Maße genießen können."

Aktuell beschäftige sich die Agentur "intensiv" mit dem Sonderfonds und plane, einen Großteil der Shows anzumelden. "Leider ergeben sich im Anmeldeprozess viele Fragen und Unklarheiten. Eine ernsthaft sorgenfreie Planung ermöglicht er daher aus unserer Sicht nicht. Hätte man den Fonds früher und mit mehr Transparenz zur Verfügung gestellt, wäre womöglich mehr Kultur im Sommer 2021 möglich gewesen. Trotz allem muss man auch betonen, dass die Bundesregierung der Branche grundsätzlich in weiten Teilen geholfen hat, die Krise durchzustehen - dafür sind wir sehr dankbar", so Bönisch weiter.

Klaus-Peter Matziol, Geschäftsführer Peter Rieger Konzertagentur, berichtet, dass die Agentur in diesem Sommer 16 Open-Air-Konzerte mit Philipp Poisel sowie 25 Konzerte mit Alin Coen ausrichtet, des weiteren eine Sommershow mit Alexander Knappe sowie drei Auftritte von Louka. Auch hätten örtliche Veranstalter mehrere Shows von Peter Rieger im Rahmen der Wirtschaftlichkeitshilfe des Sonderfonds registriert. "Sollten hier Hilfsgelder fließen, so profitieren in erster Linie die örtlichen Veranstalter als Risikoträger der Veranstaltung und gegebenenfalls auch die auftretenden Künstler."

Auch Ernst-Ludwig Hartz, Geschäftsführer E. L. Hartz Promotion, plant im Sommer Veranstaltungen - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass man bestuhlt mit bis zu 2000 Besuchern mit Abstand spielen könne. So wolle man ab dem 5. August auf dem Bonner Kunst!Rasen rund 15 Konzerte ausrichten - Element Of Crime, Alvaro Soler, Antilopen Gang, Rea Garvey, Lea (zwei Shows), Klassik!Picknick, Thees Uhlmann, Jan Delay & Disko No 1 (zwei Tage), Mighty Oaks, Tocotornic und Frontm3n. Alle Konzerte der internationalen Künstler wie Deep Purple, Sting, Kraftwerk, Robbie Williams, Lional Richie oder Melissa Etheridge und auch deutsche Künstler wie Wincent Weiss, BossHoss oder Roland Kaiser musste die Agentur jedoch in den Sommer 2022 verlegen. "Bis jetzt profitieren wir noch nicht vom Sonderfonds Kultur. Und wir planen für 2022: Unsere Reihe 'Weltstars auf dem Roncalliplatz', die coronabedingt 2020/2021 ausfallen musste, findet zwischen dem 28. und 30. Juli 2022 statt - unter anderem mit den Pixies und Tom Jones."

Auf Veranstaltungen noch im Sommer 2021 setzt dagegen Timo Birth, Geschäftsführer Kingstar: "Bei uns stehen im August die Picknick Konzerte in Hamburg und Münster sowie der Broilers Social Club in Wiesbaden, Berlin, Düsseldorf, Münster, Losheim, Hamburg und Leipzig an. Wir freuen uns natürlich unseren Jobs in diesem kleinen, sehr begrenzten Rahmen endlich mal wieder nachgehen zu können und nicht immer nur Termin-Tetris in den Booking-Kalendern zu spielen." Gleichzeitig weiß Birth: "Aber diese pandemiegerechten Sommerkonzerte dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass damit für niemanden das Arbeits- und Geschäftsjahr bestritten werden kann - weder für die Künstler*innen, noch für die Dienstleister*innen oder Selbstständigen und Agenturen. Das ist eine Handvoll von Konzerten im Vergleich zu mehreren Hundert Konzerten in einem normalen Geschäftsjahr. Die existenzielle Krise, in der sich unsere Industrie befindet, bleibt weiterhin sehr real und ernst."

Zugleich sei es gut, dass es überhaupt Förderprogramme wie Neustart Kultur oder den Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen gebe. "Aber sowohl die Beantragung und Betreuung solcher Programme als auch die Planung und Durchführung der pandemiegerechten Veranstaltungen ist sehr aufwändig, zeit- und arbeitsintensiv. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung darf man da ehrlich gesagt nicht machen. Diese Programme erzeugen den Eindruck in der Gesellschaft, dass die Regierung etwas für die Kultur- und Veranstaltungsbranche macht, ohne dabei zu beachten, dass die existenziellen Probleme unserer Industrie damit nicht im Geringsten gelöst werden." Eine fundierte Evaluation dieser Programme könne man aber erst im Nachhinein vornehmen, betont Birth. "Für uns haben die Pandemie-gerechten Sommer-Konzerte etwas mehr von Erinnerungskultur als von Normalzustand. Aber alle Beteiligten - sprich das Publikum, die Künstler*innen, die Kulturschaffenden, die unzähligen selbstständigen und festangestellten Arbeitskräfte - daran zu erinnern, warum man Teil von Live-Musik geworden ist und auch zukünftig bleiben möchte, das ist von großer Bedeutung und letztlich auch überlebenswichtig für unsere Industrie."

Viel vorgenommen haben sich Johanna Ohrt und Chris Möller (Geschäftsführer Landstreicher Konzerte) sowie Martin Vejmelka (Geschäftsführer Landstreicher Kulturproduktionen), wie sie in einem gemeinsamen Statement ausführen: "Wie bereits 2020 veranstalten wir auch diesen Sommer wieder die Picknick-Konzerte, die wir 2020 via Landstreicher Konzerte und Kulturproduktionen initiiert haben." Diese fanden in coronakonformer Ausführung in Berlin, Dresden, Köln, Leipzig und Münster vor über 30.000 Besuchern statt. "Das Konzept haben wir dieses Jahr deutschlandweit erweitert und bespielen neben den bereits erwähnten Städten zwischen Juni und September zusätzlich noch Erfurt, Hamburg, Konstanz, Ladenburg, Losheim, Magdeburg, Rostock und Wiesbaden. Dabei handelt es sich überwiegend um Shows mit knapp 1000 Konzertbesucher:innen, die nach den aktuellen Corona-Auflagen stattfinden." Insgesamt könne Landstreicher mit acht örtlichen Veranstaltern und Partnern auf diese Weise in 14 Städten über 150 Shows unter anderem mit Milky Chance, Lea, Campino, Blond, Nura, Von Wegen Lisbeth, Giant Rooks, Provinz oder Faber umsetzen.

Hinzu kommen die Garten Konzerte in der Chemiefabrik Dresden und dem Felsenkeller Leipzig, die Landstreicher in diesem Sommer erstmal veranstaltet. "Das Konzept hierbei ist, auch kleineren Künstler:innen pandemiekonforme Shows vor 50 bis 300 Zuschauer:innen zu ermöglichen. Hier werden unter anderem Mia Morgan, Pabst, Gustav und Rikas auf der Bühne stehen." Ein weiteres neues Konzept seien die Terrassenkonzerte auf der Berliner Trabrennbahn Mariendorf, bei der über 500 Besucher Platz finden - teils auf Decken vor der Bühne, teils auf den bestuhlten Logen der dortigen Ehrentribüne - alles immer unter Einhaltung der Mindestabstände, des Hygienekonzepts und der aktuellen gesetzlichen Auflagen. Hier sind etwa Itchy, Jeremias, Dota und Unter meinem Bett gebucht, die Anfang September an drei Spieltagen dort auftreten. Auch für den Bereich Wortkunst hat Landstreicher ab diesem Sommer eine Veranstaltungsreihe in Berlin auf der Insel der Jugend geschaffen: Von Juli bis September veranstaltet das Unternehmen dort mit einer Kapazität von jeweils knapp 100 Besuchern "Eine kleine Inselbühne präsentiert" mit Lesungen von unter anderem Ilona Hartmann, Max Goldt, Katja Lewina, Linus Volkmann & Felix Scharlau, Live Podcasts von Mama Lauda, Stadt.Land.Schwul und Homegirls, Stand Up Comedy von Sebastian Lehmann oder die Zaubershow von Siegfried & Joy. Das Unternehmen weist zudem darauf hin, dass bei all diesen Events die eigenen Teams am meisten profitierten. "Denn sie können sowohl im letzten Jahr als auch in diesem Jahr an spannenden Projekten arbeiten, die dann auch tatsächlich stattfinden. Zudem können wir mit diesen Konzerten und Konzepten auch unsere Dienstleister:innen mit Aufträgen unterstützen. In einigen Städten haben wir eine Förderung durch die Neustart-Kultur-Förderprogramme. Den neuen Ausfall-Fonds haben wir bisher für unsere eigenen coronakonformen Shows noch nicht angewandt."

Stefanie Held, zuständig für Tourmarketing bei Chimperator Live: "Wir haben via Chimperator Live die Reihe Lost Concerts anstehen. Zudem veranstaltet unsere Schwesterfirma STR Kultur- und Betriebs GmbH, die das Stuttgarter Im Wizemann betreibt, die Reihe 'Quellen Konzerte'. Beides sind Indoor-Events mit sehr kleinen Kapazitäten, Sitzplätzen plus Abstand. Und beides auch nur möglich durch den Neustart-Kultur-Förderfonds, ansonsten wären diese unwirtschaftlich. Das heißt ohne die Förderung hätten wir nicht veranstalten können." Auch hätten weder die auftretenden Künstler noch die beteiligten Dienstleister oder Locations entsprechend Aufträge bekommen. "Genauso können auch endlich mal wieder die Mitarbeiter:innen beziehungsweise meine direkten Kolleg:innen wieder Motivation aus ihrer Arbeit schöpfen, nachdem seit März letzten Jahres alles nur entweder immer wieder verlegt oder abgesagt werden musste. Neben dem finanziellen ist also auch der psychologische Effekt dieser Förderprogramme nicht zu unterschätzen."

Gemischte Gefühle hat Danny Kufner, Geschäftsführerin polarkonzerte: "Aktuell bin ich Teil der Projektleitung 'Kultursommer in der Stadt'. Auch wenn die Möglichkeiten im Vergleich zu Sportveranstaltungen und Außengastronomie sehr ungerecht verteilt wurden, sind wir sehr froh, dass wir nun doch mehrere Open-Air-Projekte realisieren können - unter anderem wieder die Sommerbühne im Olympiastadion, die bereits im Sommer 2020 stattgefunden hat." Auf der anderen Seite ist ihr klar: "Mit polarkonzerte veranstalte ich hauptsächlich Indoor-Konzerte. Das wird sich erst noch herausstellen, wie sehr uns der Sonderfonds hilft. Am Ende muss man sehen, wie viele Tickets verkauft werden. Aktuell läuft der Ticketverkauf in fast allen Bereichen für Indoor Konzerte sehr schlecht und da hilft uns die Aufdopplung der verkauften Karten am Ende nicht, weil wir unter Umständen trotzdem Geld verlieren."