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Nachhaltigkeit ist nicht das Problem, sondern die Lösung

Nicht erst seit dem verschärften Klimaschutzgesetz steht die Livebranche vor der Herausforderung, Veranstaltungen möglichst umweltschonend auszurichten. In einer neuen Serie schreibt Booker und Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann in MusikWoche, wie das in der Praxis aussehen könnte.

07.07.2021 16:18 • von Dietmar Schwenger

Nicht erst seit dem verschärften Klimaschutzgesetz steht die Livebranche vor der Herausforderung, Veranstaltungen möglichst umweltschonend auszurichten. In einer neuen Serie schreibt Booker und Nachhaltigkeitsexperte Stefan Lohmann in MusikWoche, wie das in der Praxis aussehen könnte.

Was antwortest du auf die Frage deiner Kinder, was du konkret gemacht hast, um den Klimawandel zu stoppen? Und was hat die Firma unternommen, für die du arbeitest oder die dir gehört? Spätestens seit Fridays For Future und Scientists For Future kann niemand mehr behaupten, die Dringlichkeit sei nicht bekannt gewesen. Warum wir jetzt nur noch ein Zeitfenster von grob zehn Jahren haben, und warum wir das 1,5 Grad Ziel erreichen müssen, ist allen klar, oder?

Ein nachhaltiger Neustart bietet unserer Branche eine einmalige Chance dafür zu sorgen, dass ein Großteil der riesigen Mengen an CO2, Energie- und Ressourcenverschwendung und Abfällen nicht mehr anfallen. Jetzt ist die Gelegenheit, Events entsprechend mit einem nachhaltigen Konzept und mit einem positiven Impact auf Natur und Gesellschaft zu planen.

Unsere Branche ist der sechstgrößte Wirtschaftszweig, mit 1,5 Millionen Beschäftigen und mit 130 Milliarden Euro Umsatz. Wir sind also keine Nischenbranche, wie manche Politiker bisher gedacht haben. Da haben #Alarmstuferot und die Rifel-Studie großartige Aufklärungsarbeit geleistet - auch innerhalb der Branche. Allein durch die Größe der Veranstaltungswirtschaft entsteht aber auch gleichzeitig eine große Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und gegenüber der Natur. Dieser Verantwortung wird unsere Branche aktuell nicht gerecht.

Denn unsere Art der Veranstaltungsumsetzung verursacht eine Verschwendung von Ressourcen und Energie, wie sie kaum woanders zu finden ist. Das hohe Aufkommen von CO2-Emissionen und Abfall ist ein klares Zeichen von Missmanagement und Ineffizienz. Große Festivals haben einen Stromverbrauch von Kleinstädten - Rock am Ring kommt auf mehr als 100.000 Kilowattstunden. Den Energiebedarf kann man senken, aber vor allem kann man mit Ökostrom und Generatoren mit Ersatzkraftstoffen viel CO2 einsparen. Die Aufnahmen von den Müllbergen bei Festivals hat jeder schon gesehen, aber was große internationale Messen an Müllbergen produzieren, ist für die meisten Menschen unvorstellbar.

Die weltweite Wissenschaft, vertreten durch Scientists For Future ist sich einig. Mittlerweile haben sich über 28.000 Wissenschaftler*innen der Initiative angeschlossen. Auf YouTube findet sich ein fünfminütiges Kurzvideo von Scientists For Future bei der Bundespressekonferenz, das die Dringlichkeit sehr deutlich zusammenfasst. Insbesondere Volker Quaschning und Maja Göpel sind in der Lage, die aktuelle Situation auf den Punkt zu bringen.

Das Bundesverfassungsgericht hat Deutschland dazu aufgefordert, das Klimaschutzgesetz nachzubessern, so dass es für die folgenden Generationen nicht zu einer ungerechten Verteilung der Belastungen und Freiheitseinschränkungen durch Umweltkatastrophen kommt. Daraufhin wurde das Klimaschutzgesetz verschärft und es gilt jetzt, dass Deutschland bis 2030 insgesamt 65 Prozent CO2 einsparen muss, um 2045 klimaneutral zu sein. Das bedeutet natürlich auch, dass alle Künstler*innen, Veranstalter*innen, Lieferant*innen, Locations, Hotels, Unternehmen etc. eine Nachhaltigkeitsstrategie benötigen, um diese Klimaziele zu erreichen.

Wer glaubt, das betrifft seine Firma nicht, der sollte mal zu den Nachbarn in den Niederlanden schauen, dort wurde Shell gerade erfolgreich verklagt. Aktuell werden Klagen in Deutschland vorbereitet, die Firmen dazu zwingen umweltfreundlicher zu werden. Wenn Deutschland und Europa klimaneutral werden müssen und das sogar einklagbar ist, dann ist es nur logisch, dass auch die Veranstaltungswirtschaft klimaneutral werden muss. Dabei wird auch das Lieferkettengesetz in Zukunft eine Rolle spielen, nicht nur bei den ganz großen Konzernen. Schon heute fliegen Firmen von den Lieferantenlisten, weil sie nicht belegen können, dass sie Kinderarbeit ausschließen können und weil sie die CO2 Emissionen nicht berechnen können, geschweige denn vermeiden würden. Das betrifft im Tourneegeschäft und bei Festivals zum Beispiel die Logistik, Vermietung von Generatoren, Stromlieferanten, Catering oder Locations.

Fast alle größeren Firmen haben mittlerweile Umweltmanagementsysteme eingeführt und Corporate Social Responsibility Manager*innen eingestellt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das auch in den Eventabteilungen ankommt. Große Autokonzerne schicken teilweise schon CO2-Rechner mit für die Angebots-einreichung. Die Veränderungen sind unaufhaltsam. Die Pandemie, Fridays For Future und auch die #Meetoo Debatte haben die Gesellschaft verändert. Studien belegen, dass sich das Konsumverhalten stark geändert hat, und dass Nachhaltigkeit, Umweltaspekte und die Haltung einer Marke zu gesellschaftlichen Themen eine wichtige Rolle spielen bei der Kaufentscheidung.

Das Publikum hat sich verändert. Als die Veranstalter von Rock am Ring das Line-Up für 2022 angekündigt haben, gab es wohl viele Beschwerden, denn man sah sich gezwungen, öffentlich Stellung zu beziehen zu dem fast rein männlichen Line-Up. Das Publikum lässt sich nicht mehr alles gefallen. Manche Sachen kann man heute einfach nicht mehr machen. Einwegplastik ist auch keine Option mehr. Neue, bessere und nachhaltige Lösungen müssen jetzt umgesetzt werden. Was aber auch neue Chancen bietet und neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Diese Chance sollten wir nutzen, bevor unserer Branche das gleiche Image wie der Billigfleischindustrie oder Tabakindustrie droht. Wir haben jetzt noch grob ein Zeitfenster von zehn Jahren, um das Schlimmste zu verhindern. Aber wenn wir die Klimaziele von Paris und das 1,5-Grad-Ziel nicht erreichen, dann werden uns die nachfolgenden Generationen - also auch unsere eigenen Kinder - vorwerfen, dass wir die letzte Generation waren, die eine katastrophale Veränderung der Lebensumstände hätte verhindern können. Sie werden uns vorwerfen, dass wir sie verraten haben und nicht alles getan haben, um den Klimawandel zu stoppen. Nutzen wir die einmalige Chance des aktuellen Stillstandes der Branche. Lasst uns gemeinsam die Branche auferstehen lassen wie Phönix aus der Asche, und lasst uns gemeinsam die Branche auf ein neues Level heben als klimaneutrale und nachhaltige Kreislaufwirtschaft mit Vorbildcharakter: die beste und dazu kostenfreie Werbung für unsere Branche.

Unsere Branche muss keinen Tesla erfinden und auch keine Infra¬struktur von mehreren Milliarden Euro aufbauen. Wir müssen nur die bereits vorhandenen nachhaltigen Lösungen anwenden und die nachhaltigen Lieferant*innen buchen. Zum Thema Nachhaltigkeit gibt's in jeder Zeitung in jedem Magazin, in jedem Fachblatt viele Artikel. Auch für die Eventbranche gibt es unzählige Tipps, Tricks, Workshops, Seminare, Artikel, Podcasts und Leitfäden. Ein paar davon durfte auch ich schreiben und in Fachmagazinen veröffentlichen und aufnehmen. Unter anderem der Sustainability Rider mit der Checkliste - der komprimierteste Leitfaden für die Veranstaltungsbrache, damit wirklich alle nachhaltige Veranstaltungen umsetzen können.

Lasst uns die vielen Ausreden endlich überwinden! Ich höre oft: "Wir haben mit der Pandemie viel größere Probleme, wir können uns jetzt nicht auch noch damit beschäftigen." Ich verstehe absolut die Notlage vieler Unternehmen, dennoch ist die Einschätzung und die Priorisierung falsch, denn eine Klimakatastrophe wird viel schlimmere Auswirkungen haben als die aktuelle Pandemie. Denn gegen den Virus wurden Impfstoffe entwickelt. Diesen Impfstoff wird es gegen den Klimawandel aber leider nicht geben. Und die Auswirkungen, wenn wir den Klimawandel nicht verlangsamen, sind bekannt.

Uns bleibt keine andere Wahl und keine Zeit. Wir müssen selber als Branche zusammen aktiv werden. Als einer der größten Wirtschaftszweige mit einer riesigen Reichweite in alle anderen Wirtschaftsbereiche hinein, haben wir eine besondere Verantwortung. Es geht dabei auch darum, die anderen Wirtschaftszweige von der Notwendigkeit zu überzeugen, indem wir die Machbarkeit demonstrieren bei all unseren Veranstaltungen. Nur gemeinsam haben wir eine Chance und müssen deshalb auch auf internationaler Ebene aktiv werden. Wir als Branche mit den beliebten Künstler*innen und einer unglaublichen Medienreichweite haben eine riesige internationale Wirkungs- und Lenkungskraft, deren sollten wir uns bewusst werden und dies für einen positiven Impact nutzen.

"Die nachhaltigste Veranstaltung ist die, die nicht sattfindet!" Diese Ausrede ist sehr beliebt bei Leuten, die verhindern wollen, dass sie sich selbst mit dem Thema beschäftigen und sich selbst und die Arbeitsabläufe ändern müssen. Es ist eine reine Blockadehaltung. Diese Menschen wollen ihre Jobs so weiter machen wie bisher. Spoiler: Das wird aber nicht passieren! Weil es in einem klimaneutralen Land beziehungsweise Kontinent nicht mehr funktioniert, eine Umweltsau zu sein. Das Thema ist erledigt und einklagbar.

Es gibt aber auch noch eine andere Art von Menschen, die nutzen diese Ausrede, weil sie Angst haben. Sie haben Angst davor, dass sie ihren Job verlieren, wenn sich Klimaneutralität und Nachhaltigkeit wirklich durchsetzen. Diese Angst kann ich einerseits verstehen, allerdings ist die Angst unbegründet, weil die Nachhaltigkeit und Veranstaltungen mit einem positiven Impact diese Jobs sichern. Denn es braucht viele Spezialisten.

Nachhaltigkeit ist nicht das Problem der Eventbranche, sondern die Lösung! Wenn es uns gelingt (Spoiler II: Das geht schon heute), Veranstaltungen nicht nur rechnerisch klimaneutral umzusetzen, sondern sogar dafür sorgen, dass Events einen positiven Impact auf Natur und Gesellschaft haben, dann werden die Beschäftigten in der Veranstaltungswirtschaft zu Spezialisten für ein gefragtes Produkt, das sogar dafür sorgt, dass die Nachhaltigkeitsberichte der großen Firmen im Bereich Veranstaltungen einen positiven Effekt in deren Berichterstattung haben.

Diese Spezialisten sorgen auch dafür, dass Energie und Ressourcen geschont werden. Beim Bühnenbau, Stromverbrauch und auch beim Abfallmanagement wird nicht nur receycelt, sondern insgesamt wird dabei Geld eingespart. Veranstaltungen werden nicht nur klimaneutral und nachhaltig, sondern sie werden insgesamt besser, weil Nachhaltigkeit auch immer ein Qualitätsmanagement ist. Und das spart gleichzeitig Kosten und verhindert Verschwendung.

Damit sind Live Erlebnisse nicht nur reines Vergnügen, sondern sie sind im Marketingmix die erfolgreichste Methode, um Käufer für ein Produkt zu begeistern. Events können jetzt zusätzlich dafür sorgen, dass die Natur und die Gesellschaft von Ihnen profitieren. Nachhaltige Konzerte und Festivals lassen sich ohne schlechtes Gewissen besuchen. Jeder sollte bei sich persönlich schauen, was er oder sie ganz leicht ändern kann.

Die einen können vielleicht leichter auf Billigfleisch aus Massentierhaltung verzichten oder reduzieren, die anderen können vielleicht auf den SUV verzichten und als nächstes ein E-Auto kaufen, der nächste kann es sich vielleicht leisten, mehr Bioprodukte zu kaufen oder Seife zu benutzen statt in Plastik verpackte Duschgels. Vielleicht können andere wiederum leichter Energie sparen. Auf jeden Fall können alle zu Ökostrom wechseln, was bei den meisten sogar für Einsparungen sorgt. Wer dann noch prüft, wo man Energie einsparen kann, der verdient damit sogar noch Geld.

Wer mit seiner nachhaltigeren persönlichen Ausrichtung positive Erfahrungen macht, wird merken, so schwer ist das gar nicht mit der Nachhaltigkeit und man fängt an, Spaß daran zu haben und immer nachhaltiger zu werden, weil es weniger mit Verzicht zu tun hat und mehr mit Entdeckungsfreude und Spaß an dem, was man so erreicht. Auch kulinarisch kann Nachhaltigkeit eine Entdeckungsreise sein. Das Richtige zu tun, ist ein gutes Gefühl und schmeckt auch besser!

Ich war zum Beispiel überrascht, wie leicht es ist, Plastikverpackungen im Badezimmer einzusparen. Und weitestgehend auf Fleisch zu verzichten, fiel mir auch nicht schwer, aber jeder hat so seine Sachen, die einem leicht fallen und manche Dinge, die einem schwer fallen. Das ist aber gar nicht schlimm. Jeder hat seine Schwachpunkte, das ist menschlich, und die kann auch jeder behalten. Es geht nicht darum, dass wir alle perfekt werden. Es geht darum, dass wir alle anfangen und immer besser werden.

Wenn wir es als Branche schaffen einen Anruf zu tätigen, um auf echten Ökostrom umzustellen, zum Beispiel von Greenpeace Energy, EWS, Bürgerwerke, Polarstern, Naturstrom oder anderen, dann sorgen wir dafür, dass Veranstaltungen massiv CO2 einsparen. Das heißt, im Energiebereich muss auch nicht mehr kompensiert werden. Oft spart allein der Umstieg auf Ökostrom schon Kosten. Erst recht, wenn man schaut, wo man überall Energie einsparen kann. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern es spart Geld.

Deutschland und Europa werden klimaneutral und daraus folgt automatisch, dass die Wirtschaftszweige auch klimaneutral werden. Auch die Veranstaltungswirtschaft! Das bedeutet, Klimaneutralität und Nachhaltigkeit machen unsere Branche erst zukunftsfähig. Wer Nachhaltigkeit und Klimaneutralität versteht, der erkennt darin die vielen wirtschaftlichen Chancen. Denn wenn es der Branche gelingt, Events mit einem positiven Impact auf Natur und Gesellschaft als Standard festzulegen, dann wandelt sich unsere Branche vom Image des "Billigfleischanbieters" zum Premiumanbieter mit hoher Relevanz für Kunden, Sponsoren und Fans.

Mit klimapositiven Events werden Veranstaltungen in den Nachhaltigkeitsberichten positiv bewertet. Auch Fans können zu Konzerten und Events gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Zudem verhindert Nachhaltigkeit, dass Billiganbieter aus dem Ausland allein über den Preis den Zuschlag bekommen. Wer diese Fakten berücksichtigt, kommt zu dem Ergebnis, dass Nachhaltigkeit nicht das Problem der Eventbranche ist, sondern die Lösung vieler Probleme. Nachhaltigkeit macht unserer Branche zukunftsfähig in einem klimaneutralen Europa, und es bedeutet das Ende der Umweltverschmutzung in unserer Branche auf Kosten der Gesellschaft. Unsere Branche wird erwachsen und sich seiner Verantwortung bewusst.

Text: Stefan Lohmann

zur Person

Der 1973 geborene Stefan Lohmann ist ein Hamburger Talent Buyer und Artist Relations Manager. 2013 wurde er Head of Artist Booking bei der Agentur Meine Stars Booking bei Bauer Entertainment. Zuvor hat er über zehn Jahre Erfahrung im internationalen Artist Booking gesammelt. 2014 gründete Lohmann seine eigene Booking- und Artist-Relations-Management-Agentur unter dem Namen Stefan Lohmann - Talent Buyer & Booking Agent. Hier arbeitet er seitdem als Einkäufer und Artist Relations Manager und erstellt Live Entertainment Konzepte für Großveranstaltungen, Firmenevents, Festivals, Sportveranstaltungen, TV und Public Events. Als Gründer von Sustainable Event Solutions, Keynote Speaker und Autor macht sich Lohmann für Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsindustrie stark und setzt sich für deren Transformation hin zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Kreislaufwirtschaft ein. Er arbeitete unter anderem für den PRG Live Entertainment Award, Telekom, Audi, den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und den Famab Award. Darüber hinaus lancierte er mit Verbänden der Green Economy und der Eventbranche einen Aufruf zur Förderung einer klimaneutralen und nachhaltigen Veranstaltungswirtschaft. 2015 war er einer der Gründer des nachhaltigen Berlin Show Orchestras.