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Dossier HD-Streaming: Fette Sounds zum schmalen Preis

Ob nun HD, Dolby Atmos oder Lossless, zunächst blühten hochauflösende Formate im Musikstreaming eher in der Nische. Jetzt aber erreichen sie den Massenmarkt. So gab es Mitte Mai einen Doppelschlag in Sachen HD-Streaming.

25.06.2021 12:37 • von
Neue Dimensionen der Klangqualität: Was hier David Byrne mit seiner Installation »Playing The Building« 2009 im Roundhouse auslotete, soll nun auch das Streaming erreichen. (Bild: Imago, Jonathan Short, LFI; Layout MusikWoche)

Ob nun HD, Dolby Atmos oder Lossless, zunächst blühten hochauflösende Formate im Musikstreaming eher in der Nische. Jetzt aber erreichen sie den Massenmarkt. So gab es Mitte Mai einen Doppelschlag in Sachen HD-Streaming.

Zunächst hatten sich Firmen wie Deezer, Tidal oder Qobuz beim Thema HiFi positioniert. Mit Apple und Amazon gaben zwei Schwergewichte im Markt für Musikstreaming beinahe parallel Neuerungen in Hinblick auf ihre hochauflösenden Angebote bekannt. So will Apple den Abonnent*innen von Apple Music künftig eine »komplett neue Dimension« an Musik eröffnen, und setzt dazu auf 3D-Audio mit Unterstützung für Dolby Atmos. Zudem sollen Nutzer mehr als 75 Millionen Songs in Lossless Audio hören können, wie das Unternehmen Anfang Juni auf der Entwicklerkonferenz WWDC noch einmal bestätigte. Die Preise fürs Musikabo hält Apple dabei auf dem bekannten Niveau. Bislang hatten die Akteure im Streamingmarkt ihre HD-Angebote preislich etwas höher positioniert.

Auch bei Amazon, wo man bereits seit der Einführung von Amazon Music HD im Jahr 2019 auf hochauflösende Formate setzt, weitet man das Angebot nun aus: Ab sofort sollen die Kunden von Amazon Music Unlimited Zugang zu mehr als 70 Millionen Songs in High-Definition-Qualität erhalten, mehr als sieben Millionen Songs sollen zudem in Ultra HD verfügbar sein und ein »stetig wachsender Katalog an 3D Audio, inklusive Songs in Dolby Atmos und Sony 360RA«. Auch hier läuft die Qualitätsoffensive für Nutzer »ohne zusätzliche Kosten«. Zuvor kostete Amazon Music HD hierzulande 12,99 Euro pro Monat für Prime-Mitglieder sowie 14,99 Euro pro Monat für Kunden ohne Prime-Mitgliedschaft.

»Als wir 2019 unser HD-Angebot gestartet haben, taten wir dies mit dem Versprechen, unseren Kunden stets die beste verfügbare Aufnahmequalität im Streaming zu einem bahnbrechenden Preis zu bieten«, erläutert Jillian Gerngross als Director Amazon Music Europe den Vorstoß auf Nachfrage von MusikWoche. »Gleichzeitig hofften wir, die Musikindustrie auf dem Weg zur Bereitstellung von hochwertigem Audio für Kunden im großen Maßstab anzuführen.« Nun sei man »begeistert, dass wir HD-Audio nun noch mehr Kunden zur Verfügung stellen können«. Für Jillian Gerngross ist klar: »Wir sind sehr stolz darauf, diese Entwicklung zum nächsten Evolutionsschritt des Musikstreamings eingeleitet zu haben.«

_____HD-Offensive kontert Spotifys Preisaktion

Steve Boom, Vice President von Amazon Music, hatte sich bereits bei der Bekanntgabe der Pläne begeistert gezeigt: »Alle Musikfans sollten Zugang zu Musik in Premium-Qualität haben und wir haben das möglich gemacht!«

»Das Timing dieser beiden ­Bekanntgaben ist, wie soll ich sagen, zumindest interessant« schreibt derweil der britische Analyst Mark Mulligan von Midia Research auf seinen Blogseiten, und verweist im gleichen Satz auf die derzeit bei Spotify als dem weltweiten Marktführer im ­Musikstreaming steigenden Testballons mit etwas höheren Preisen für das bekannte Premium-Abo. ­Mulligan wertet den Vorstoß von Apple und Amazon aber auch als einen Schlag ins Kontor derer, die bislang noch gehofft hatten, mit ­Hi-Res-Ange­boten die ARPU-Erlöse im Streaming steigern zu können, also die durchschnittlich zu erzielenden Ein­nahmen pro Monat (Average Revenue Per User). Angesichts einer zunehmenden Sättigung der Märkte in den etablierten Nationen aber würden die Betreiber der Streamingdienste nach Möglichkeiten suchen, sich vom Wettbewerb zu differen­zieren, meint Mulligan. Und da kämen nun einmal hochauflösende Formate ins Spiel.

Ob nun HD-Streaming zum »normalen Preis« der richtige Weg ist, zufriedene Kunden ans Streaming zu binden, oder doch eher eine verschenkte Möglichkeit für höhere ARPUs? Das wollte MusikWoche auch von ausgewählten Akteuren im heimischen Streamingmarkt wissen.

_____Ein willkommenes Upgrade für Manche

»HD-Streaming zum lange etablierten Premium-Preis ist für einen gewissen Teil der Abonnenten sicherlich ein willkommenes Upgrade«, sagt Michael Pohl zur jüngsten Entwicklung im Markt. Allerdings »betrifft das vor allem solche Nutzerinnen und Nutzer, die auch über das nötige Equipment verfügen, um Musik in hochauflösenden Formaten wirklich genießen zu können«, betont der Geschäftsführer von Kontor New Media. Beim Hamburger Digitalvertrieb stelle man den nationalen und internationalen Plattformen, die ihren Kunden HD-Downloads oder Streams anbieten, bereits seit vielen Jahren entsprechend aufbereitete Kataloge bereit, ergänzt Pohl. Er verweist dabei auf mehr als 2,2 Millionen Titel, die Kontor New Media derzeit vertritt, von denen wiederum mehr als 20 Prozent in HD-Formaten verfügbar seien. »Ob man mit HD-Angeboten aber die durchschnittlich zu erzielenden Abonnementerlöse mittelfristig hätte nennenswert steigern können, wage ich doch zu bezweifeln«, sagt Pohl. »Schließlich hören rund 80 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer ihre Musik vor allem über mobile Geräte - und über Bluetooth-Kopfhörer oder entsprechende Boxen können qualitativ hochwertige Formate, die zudem mehr Speicherplatz oder Bandbreite benötigen, ihre Stärken einfach nicht ausspielen.«

Mulligans These von sich sättigenden Märkten kann Christoph Behm, Senior Director Digital Sales im Hause Sony Music, nicht so ganz unterstützen: »Wir sind in Deutschland immer noch in der Phase eines nicht gesättigten Subscriber-Marktes«, betont Behm. »Insofern helfen in unseren Augen attraktivere Angebote dabei, weitere Subscriber für den Musikmarkt zu gewinnen.« In Sachen Preisgestaltung sieht er noch Möglichkeiten: »Preisanpassungen, auch nach oben, sind denkbar und wünschenswert. Spotify macht es derzeit in vielen Ländern vor.«

_____Deezer legt bei HiFi-Abos kräftig zu

»HiFi kommt langsam im Mainstream an«, beobachtet Alexander Holland. Und der Chief Content & Strategy Officer bei Deezer kann das auch mit Zahlen belegen: »In den letzten zwei Jahren haben wir bei Deezer weltweit ein Wachstum bei den HiFi-Abonnent*innen von über 300 Prozent verzeichnen können.«

Aber auch den Markt der Streamingdienste hat Holland, der seit 2015 für den Streaminganbieter tätig ist, im Blick: »Inzwischen sehen wir, dass einige unserer Mitbewerber HiFi als neuen Standard einführen. Das ist einerseits gut für Konsument*innen, die somit mehr Nutzen aus ihren Streaming-Abos ziehen können und andererseits auch gut für Künstler*innen, denn so können mehr Fans ihre Musik auch in der Qualität hören, wie sie klingen soll.« Andererseits aber, so betont Holland, »ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass HiFi noch lange kein globaler Standard« sei:

»Die überwiegende Mehrheit der Musik-Streamer*innen verfügt heute standardmäßig nicht über die Geräte, die Bandbreite oder das Datenvolumen, die zum Streamen und Genießen von Musik in HiFi-Qualität erforderlich sind. Es ist wahrscheinlich davon auszugehen, dass HiFi irgendwann zum Branchenstandard werden wird, aber es bleibt abzuwarten, wann dies der Fall ist.«

Bei Deezer, so viel scheint klar, beschäftigt man sich weiter mit dem Thema: »Wir unsererseits haben noch keine Entscheidung getroffen und evaluieren die Situation sorgfältig, um unseren Abonnent*innen weiterhin den gewünschten Service bieten zu können und gleichzeitig unsere Industriepartner bestmöglich zu unterstützen«, sagt Alexander Holland.

»Jede qualitative Verbesserung des Musik- und Sounderlebnisses ist begrüßenswert«, stellt Oke Göttlich klar, Managing Director Music bei Zebralution: »Es werden in den nächsten Jahren noch einige Neuerungen auf Produzent:innen und Musiker:innen zukommen, die den Schaffungs- und Vertriebsprozess bis hin zum Hörerlebnis verändern werden. Damit werden Kosten steigen und letztlich auch finanziert werden müssen.«

_____Vertriebe liefern Master-Qualität

»High-Quality-Formate sind toll«, findet auch Ralph Böge. Eigentlich, so meint der Managing Director von Paradise Entertainment & Distribution, sollten sie »Standard« zum »Normalpreis« sein, »da wir Vertriebe sowieso schon Master-Qualität an die Stores liefern«. Böge ergänzt: »Apple arbeitet ja via Logic an Spatial Audio - das wird dort nicht nur neue Lizenzeinnahmen generieren, sondern auch den Druck auf die Mitbewerber erhöhen, bessere Qualität im Streaming anzubieten.« Allerdings ist sich auch Böge nicht sicher, wie viel der Qualitätsoffensive schließlich bei den Abonnent*innen ankomme: »Das Problem ist halt immer noch, dass die Abhören auf der Consumer-Seite nicht ganz dazu passen - wenn ich mir Musik auf zum Beispiel IONos oder Bose-Speakern anhöre, dann kommt man schon ins Grübeln.«

»Ich denke, die Nachfrage nach hoher Audioqualität wie Lossless oder Atmos ist in den letzten Jahren stark gestiegen und wird für viele bereits als Standardqualität gewünscht«, sagt Christoph Enzinger, Chief Operating Officer Rebeat Digital. »Auch wir als Vertrieb merken die steigenden Zahlen an HD-Releases und sehen, dass hier auch bei Künstlern das Interesse hoch ist, ihre Musik in bester Qualität anzubieten.« Für den Rebeat-Manager ist klar: »Gerade aus diesem Grund, dass Hi-Res zum Standard am Markt werden soll und Rebeat als Tech-Unternehmen schon immer großen Wert auf guten Sound gelegt hat, kann ich Entscheidungen wie sie kürzlich auch Apple Music gesetzt hat, Lossless zum normalen Preis anzubieten, nur begrüßen.«

Enzinger wirft auch ein Schlaglicht auf die Seite der Kreativschaffenden: »Aus Sicht der Musikproduktion sehe ich durch die schnelle Entwicklung der Technologie beim Aufnahme- und Masteringprozess auch keine großen Mehrkosten beziehungsweise Mehraufwand bei Produzenten oder Künstler. Denen ist es, denke ich, wichtiger, den Anforderungen ihrer Fans nachzukommen und ihnen ihre Musik in der besten Qualität bieten zu können.« Seine Schlussfolgerung: »Daher denke ich, dass ein normaler Preis für HD-Streaming der richtige Weg ist.«

Das sieht man ganz offenbar auch bei Apple ähnlich: »Wir haben das Gefühl, dass wir diesen Markt ankurbeln können, indem wir alle daran teilhaben lassen«, lässt eine Sprecher*in des Konzerns wissen. »Auch Apple hat sich immer sehr bemüht, nicht mehr für höherwertige Versionen desselben Inhalts zu verlangen - als wir zum Beispiel Mastered für iTunes eingeführt haben, haben wir nicht mehr verlangt.«

Text: Knut Schlinger

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