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Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft gegründet

Bei einem zweiteiligen Streaming-Event am 22. Juni nahm die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, hinter der Verbände und Organisationen wie AlarmstufeRot oder forward stecken, den Betrieb auf. Eingeladen als Redner waren Politiker wie Bettina Hagedorn (SPD) oder Janine Wissler (Linke).

23.06.2021 11:17 • von Dietmar Schwenger
Eröffnete die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft: Markus Illig (fwd) (Bild: Screenshot, Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft)

Bei einem zweiteiligen Streaming-Event am 22. Juni 2021 nahm die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, hinter der Verbände und Organisationen wie AlarmstufeRot oder forward stecken, den Betrieb auf. Im ersten Teil stellte sich der neue Zusammenschluss vor. "Die Bundeskonferenz soll der Ort sein, an dem die Branche zusammenkommt und diskutiert", sagte einleitend Markus Illing (Voss + Fischer) als Präsident des einstigen Verbands FAMAB, der sich umbenannt hat zu fwd.

Im zweiten Teil der mehrstündigen Veranstaltung wurden mehrere Politiker zugeschaltet, die in kurzen Interviews den hohen Stellenwert betonten, die die Livebranche für sie habe, wobei Oppositionspolitiker wie Michael Kellner (Bündnis 90/Die Grünen) auch kritisierten, dass die Corona-Hilfen teils zu spät kamen und nicht alle Hilfsbedürftigen wie etwa die Soloselbständigen erreichten.

Auch Janine Wissler (Die Linke) mahnte an, man sollte mehr tun für die Veranstaltungsbranche, da die Hilfen "ungerecht verteilt" seien. Bei den Öffnungsstrategien warnte die Linken-Chefin jedoch, dass man nicht zu früh zu viel lockern dürfe, da man im Herbst 2020 die fatalen Folgen einer zu frühen Öffnung gesehen habe. Man müsse sich jetzt auf das pandemische Geschehen im Herbst vorbereiten. Sie sagte der Livebranche zudem "noch lange Einkommensverluste" voraus, strich aber heraus, dass man nach der Pandemie lokale Strukturen erhalten und stärken sollte. "Kultur ist systemrelevant und die Politik muss sie unterstützen."

Der FDP-Politiker Michael Theurer stellte den Sieben-Punkte-Plan der Partei zur Öffnung vor. "Wir müssen raus aus der Lockdown-Logik." Er warnte jedoch wie Wissler vor zu schnellem Öffnen: "Delta lässt grüßen. Wir brauchen Impfen und Testen." Die FDP wolle aber die Forderung der Livebranche nach Kompensationen unterstützen, deswegen sollte man auch das Infektionsschutzgesetz um bestimmte Punkte ergänzen, die solche Kompensationen ermöglichen sollen.

Brigitte Hagedorn (SPD) erläuterte hingegen die verschiedenen Programme, mit denen das Finanzministerium unter dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz der Veranstaltungsbranche geholfen habe, zuletzt mit dem Sonderfonds Kultur. Eine Schaltung mit dem CDU-Politiker Thomas Bareiß brach jedoch aus technischen Gründen ab.

Die in der Bundeskonferenz zusammengeschlossenen Verbände und Organisationen - Bund deutscher Hochzeitsplaner, Bundesverband der Sicherheitswirtschaft , Wirtschafts- und Arbeitgeberverband, Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe, Bundesverband Deutscher Schausteller und Marktkaufleute, Bundesverband für Pyrotechnik & Kunstfeuerwerk, Deutscher Schausteller Bund, fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft, IG #kulturerhalten, Industrieverband Technische Textilien-Rollladen-Sonnenschutz, Messe- und Veranstaltungswirtschaft Baden-Württemberg, Party Service Bund Deutschland, Verband für Sportökonomie und Sportmanagement in Deutschland und visitBerlin Convention Partner - teilt zum Auftakt zudem mit, dass man den Zeitpunkt nach dem September 2021 fürchte.

"Dann läuft das Überbrückungsprogramm III aus. Es wird aber mit Sicherheit bis Januar keine neue Regierung geben, die Finanzhilfen beschließen könnte. Zudem sind Großveranstaltungen weiterhin nicht möglich, sodass 2021 auch keine Einnahmen entstehen", heißt es in einer Mitteilung.

"Die Lage ist absurd. Die Regierung hat die Veranstaltungswirtschaft zum Wohle der Bevölkerung ins künstliche Koma versetzt. Der Arzt ist überfordert. Unklar ist, wie lange der Patient im Koma bleiben muss. Sicher ist nur: Im September wechselt der behandelnde Chefarzt. Und die künstliche Ernährung wird beendet", analysiert Jan Kalbfleisch von fwd die Lage. "Trotz regelmäßigen Beteuerungen setzen sich die deutschen Parteien nicht für den unverschuldet notleidenden Wirtschaftszweig ein. Lediglich im Wahlprogramm von Bündnis 90/Die Grünen wird die Branche erwähnt."

Umso wichtiger sei nun die Bundeskonferenz. "Kultur und Veranstaltungen brauchen endlich wirksam politisches Gehör." Der Zusammenschluss steht laut eigenen Angaben für rund 10.000 Mitglieder. "Wir sind Teil der Lösung und nicht das Problem", betont Michael Presinger vom Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe im DEHOGA Bundesverband.

Die Bundeskonferenz soll nun in einem offenen Teilhabeprozess gemeinsame politische Forderungen formulieren, die übergreifend für den gesamten Sektor Gültigkeit haben: vom Soloselbstständigen über Technikdienstleister, Eventagenturen und Caterer bis hin zu Mittelständlern sowie größeren Verbänden und Initiativen. "Diese Interessen sollen mit einer Stimme gegenüber den Regierungen in Bund und Ländern vertreten werden."

Die Herausforderungen der Veranstaltungswirtschaft würden noch weit in die nächste Legislatur reichen, heißt es in der Gründungserklärung. "Wenn das Hochwasser abgeflossen ist, also die akute Krise vorbei ist, werden die langfristigen Schäden erst sichtbar. Fachkräfte und Besucher haben in der Pandemie dem weltweit drittgrößten Veranstaltungsmarkt Deutschland den Rücken gekehrt. Das bedeutet immense Folgekosten für die Branche, die das Schaufenster zur Welt ist für die deutsche Exportwirtschaft", so Christian Eichenberger von #AlarmstufeRot.

"Veranstaltungswirtschaft - das ist nicht Party und Vergnügen. Volksfeste zum Beispiel sorgen für die Weitergabe von Kultur. Wir schaffen Identifikation und menschliche Verbundenheit. Deshalb ist es wichtig, dass die gesamte Branche schnellstens eine Perspektive erhält", sagt Kevin Kratzsch vom Deutschen Schaustellerbund anlässlich der Auftaktveranstaltung. Die Bundeskonferenz ist daher ein inklusiver, über den Herbst hinausgehender Prozess, bei dem alle Akteure, Unternehmen und Organisationen des Wirtschaftszweigs zum Mitmachen eingeladen sind. Im Oktober werden in einem nichtvirtuellen Kongress die vereinbarten Kernforderungen gestellt.

Zudem kritisiert die Bundeskonferenz, dass die Regierung dem Wirtschaftszweig noch immer keine Perspektive gegeben habe. "Der Start von Großveranstaltungen wurde unbestimmt verschoben. Anders als vorab signalisiert wurde gleichzeitig das Überbrückungsprogramm III nur bis zur Bundestagswahl im September verlängert."

Die Branche brauche für den Tag X einen verlässlichen Wiedereröffnungsplan, wie Großveranstaltungen sicher planbar sind. "Die Regierung muss einem klaren Stufenplan zustimmen. Der lang angekündigte Ausfallfonds für die 88 Prozent wirtschaftsbezogenen Veranstaltungen fehlt weiterhin. Durch die Krise ist der Branche obendrein das Fachpersonal abhandengekommen, das abwandern musste. Politiker haben zudem vor Veranstaltungen gewarnt, dass sie Infektionsorte seien. Auch wenn das wissenschaftlich nicht stimmt, wurde bei der Bevölkerung so Vertrauen zerstört. Deshalb ist ein politischer und wirtschaftlicher Wiederaufbauplan für die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft nach der Krise ebenso wichtig wie kontinuierlich politisches Gehör."