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Christian Kellersmann: "Fairness, Transparenz und Service werden bei uns gelebt"

Ende 2019 hob BMG mit Modern Recordings ein neues Label aus der Taufe und betraute Christian Kellersmann mit der Leitung dieses ersten Imprints seit der BMG-Gründung 2008. Nur wenig später kam Corona. Nach 18 Monaten Modern Recordings zieht Kellersmann im Gespräch mit MusikWoche Zwischenbilanz.

11.06.2021 10:42 • von
Zieht anderthalb Jahre nach dem Start von Modern Recordings bei BMG Zwischenbilanz und kündigt für das laufende Jahr zahlreiche VÖs an: Christian Kellersmann (Bild: Foto: Gregor Hohenberg; Layout: MusikWoche)

Ende 2019 hob BMG mit Modern Recordings ein neues Label aus der Taufe und betraute Christian Kellersmann mit der Leitung dieses ersten Imprints seit der BMG-Gründung 2008. Nur wenig später kam Corona. Nach 18 Monaten Modern Recordings zieht Kellersmann im Gespräch mit MusikWoche Zwischenbilanz.

»Die letzten anderthalb Jahre waren voll von Überraschungen, die unser aller Leben verändert haben«, blickt Christian Kellersmann als Senior Vice President New Classics & Jazz bei BMG auf die Zeit seit der Gründung von Modern Recordings zurück. »Angesichts dieser Bedingungen bin ich absolut zufrieden mit dem, wo wir jetzt stehen.« Denn mit Modern Recordings, das ist für Kellersmann klar, habe sich BMG ungeachtet der Corona-Krise ein Alleinstellungsmerkmal unter den großen Musikunternehmen erarbeitet: »Es gibt meiner Ansicht nach derzeit keine andere Firma, die ein vergleichbares Experiment wagt und ein derart genre-offenes Label aufstellt.« Allenfalls Warner Music verfolge mit dem lang etablierten Nonesuch einen vielleicht noch vergleichbaren Ansatz. »Bei BMG an diesem besonderen Projekt mitwirken zu können, erfüllt mich mit einer unglaublichen Freude und einem ebensolchen Stolz, weil das auch stark meiner persönlichen Herangehensweise an Musik entspricht.«

Die BMG-Philosophie in Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den Acts spielt dabei auch für Modern Recordings eine entscheidende Rolle: »Fairness, Transparenz und Service werden bei uns gelebt«, betont Kellersmann. »Unsere Artist-Services-Deals sind transparent und offen. Wir besprechen mit den Künstler:innen oder ihren Managements schon vorab detailliert die Kampagnen, zum Beispiel in Hinblick auf Zahlen oder in welchen Ländern man was an den Start bringen will, aber auch die Zusammenstellung der Teams.« Manche Partner würden dabei genaue Vorstellungen einbringen, andere würden gern auf Beratung vertrauen: »Der Service-Gedanke steht bei uns immer im Mittelpunkt.«

____Extrem schneller Austausch

BMG sei denn auch »völlig anders aufgestellt als andere Unternehmen«, stellt Kellersmann fest. »Vor allem die internationale Kommunikation und der Austausch sind extrem schnell.« Das habe bereits bei verschiedenen Veröffentlichungen des neuen Labels eine ganz besondere Dynamik mit sich gebracht. »Das war für mich eine wirklich positive Überraschung.« Dies führe auch dazu, dass die Kernzelle von Modern Recordings zwar noch recht klein sei, wie Kellersmann mit Verweis auf ein dreiköpfiges Team für Produktmanagement, Social Media und Assistenz einräumt, sich dank der Zusammenarbeit mit den internationalen BMG-Niederlassungen »aber sehr viel größer anfühlt«. Unterm Strich könne er sich deshalb »voll und ganz ums Produkt« kümmern.

Mehr als zehn Acts zählen bereits Mitte 2021 zum Künstlerstamm des BMG-Labels; bis Jahresende, so plant Kellersmann, sollen es 15 oder 16 sein. Allerdings sei das noch abhängig davon, »wie es mit der Pandemie weitergeht«. Der Veröffentlichungsplan jedenfalls stehe bereits bis Anfang 2022: »Dabei sind international bekannte Künstler:innen, die in ihrem jeweiligen Genre bereits einen Namen haben, aber auch neue Talente. Ohne die Pandemie wäre ich vermutlich etwas mehr unterwegs gewesen und hätte versucht, den einen oder anderen Act mehr für Modern Recordings zu gewinnen«. Das sei unter den gegebenen Bedingungen allerdings nur bedingt möglich gewesen. »Dennoch bin ich wirklich stolz auf dieses Artist Roster, das wir binnen kurzer Zeit aufgebaut haben, und auf die bisherigen und anstehenden Veröffentlichungen.«

Mit »Road To The Sun«, dem ersten Album von Pat Metheny für das BMG-Label, konnte Modern Recordings Mitte März 2021 sogar bereits einen Top-10-Erfolg in den Offiziellen Deutschen Charts verbuchen - der zweithöchste Einstieg des Künstlers hierzulande nach mehr als 40 Alben zuvor - sowie einen zweiten Platz in der Klassik-Hitliste des Monats. »Pat Metheny begleitet mich als großer Name und herausragender Künstler bereits seit vielen Jahren«, erinnert sich Kellersmann unter anderem an einen Auftritt des Musikers in den 70er-Jahren im Hamburger Club Onkel Pö. »Deshalb war es für mich allein schon eine große Ehre, dieses Album bei uns global veröffentlichen zu dürfen.« International hievte BMG den Longplayer zum Beispiel in den USA an die Spitze der dortigen Klassikcharts.

_____Große Künstlerbandbreite

Darüber hinaus veröffentlichte das Label Werke auf einer Spannweite vom längst etablierten Craig Armstrong mit einer Nummer eins in den britischen Klassikcharts über das Beethoven-Tribute von Pianist Sebastian Knauer und Arash Safaian - »für mich einer der interessantesten Komponisten auf dem internationalen Klassikmarkt«, betont Kellersmann - bis zur jungen Komponistin Meredi, die mit den Titeln ihres Debütalbums inzwischen international die Marke von fünf Millionen Streamingabrufen ansteuere.

Bei der Gründung hatte man Modern Recordings im Hause BMG als Label für Veröffentlichungen aus den Bereichen Neue Klassik, Jazz und elektronische Musik präsentiert - ein durchaus weites Feld: »Es geht uns um interessant Projekte, interessante Alben und spannende Musik«, umreißt Kellersmann das Profil. »Music That Matters - daran orientieren wir uns.« Er selbst denke dabei zwar zunächst vor allem an das Album als Format, »aber in der heutigen Zeit ist man sehr viel flexibler und kann zum Beispiel auch mal eine Single veröffentlichen«. Das sei im Klassik- oder im Jazzgeschäft noch vor ein paar Jahren kaum denkbar gewesen, »da gab es höchstens mal einen Remix«. So kommt es denn auch, dass zum Beispiel Van Dyke Parks in Zusammenarbeit mit Verónica Valerio bei Modern Recordings mit »Only In America - Solo En América« in Kürze eine 10-Inch-Vinyl mit vier Songs veröffentlicht, ausgestattet mit einem von Klaus Voormann gezeichneten Cover. »Aber zunächst liegt unser Fokus auf Alben, verbunden vielleicht mit einer Single vorab oder als Fade-out.« Das sei auch für ihn »eine ganz neue Herausforderung«, schmunzelt Kellersmann: »Plötzlich sitzt Du vor einem Album und fragst Dich, was denn die Single dazu ist?«

Streaming steuert auch bei dem aufs Album fokussierten Ansatz von Modern Recordings längst das Gros der Einnahmen bei. »Wir machen aber zu beinahe allen Veröffentlichungen eine CD und meist auch eine LP.« Allerdings sei es in den vergangenen Monaten im physischen Bereich durchaus eine Herausforderung gewesen, den Erwartungen der Künstler:innen in Hinblick auf die Absatzzahlen der Tonträgerformate zu entsprechen: »Viele unserer Acts erreichen ihre Fans gerade auch live und verkaufen nach den Auftritten viele CDs und LPs - das aber fiel zuletzt aus.« Hier hoffe er auf eine baldige Besserung mit mehr Konzerten und auch Verkäufen vor Ort.

____Streaming als wichtige Plattform

»Streaming ist aber auch eine dankbare Plattform, weil es global funktioniert und man zum Beispiel mit Künstler:innen, die ihre Fanbase zunächst in Deutschland haben, viel schneller internationale Erfolge erzielen kann. Meredi zum Beispiel zählt mit Abstand die meisten Plays in Amerika. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten - für das Label, aber gerade auch für die Künstler:innen.«

Im vergangenen Jahr brachte Modern Recordings zehn Alben auf den Markt, und jetzt, nach dem Chartserfolg mit Pat Metheny, gehe es »Schlag auf Schlag«, kündigt Kellersmann an: So erschien zuletzt am 28. Mai mit »Change Ringing« ein neues Album von Robert Ames, der als Mitbegründer des London Contemporary Orchestra bereits mit Jonny Greenwood (»Phantom Thread«), Frank Ocean (»Blonde«) oder auch Little Simz arbeitete. Jüngst beim Xjazz Festival präsentierte Ames die Premiere der neuen Stücke, die Kellersmann als »sehr ambitioniert« und »an der Schnittstelle von Elektronik und Klassik« beschreibt. Am 4. Juni veröffentlicht Modern Recordings einen neuen Longplayer von Sebastian Knauer, »The Mozart/Nyman Concert«, der sechs neue Kompositionen enthält, die Michael Nyman für Knauer geschrieben hat. Anfang Juli folgt mit »Freedom Over Everything« ein Album von Vince Mendoza und dem Czech National Symphony Orchestra. Als Gäste mit dabei sind unter anderem die Sopranistin Julia Bullock, der Saxophonist Joshua Redman oder der von The Roots bekannte MC Black Thought.

Anfang August steht dann ein neues Album von Moritz von Oswald an, der sein Trio für »Dissent« diesmal mit der aus Detroit stammenden und in Berlin lebenden US-Künstlerin Laurel Halo und dem sonst mit Julia Hülsmann aktiven Schlagzeuger Heinrich Köbberling besetzte. Kellersmann verspricht hier einen »Hybrid aus Elektronika und Jazz« mit Anleihen an den Miles Davis der 60er-Jahre und Dub. Hinzu kommt zum Beispiel Anfang August mit »Trance« das zweite Werk von Meredi, Ende August gefolgt von »Stitches«, einem neuen Longplayer von Nils Petter Molvaer und seinem Quartet. Im September steht dann noch »Nocturnes For 2 Pianos« von Craig Armstrong auf dem VÖ-Plan. »Und dann warten wir noch in diesem Jahr auf ein weiteres Album von Pat Metheny, aufgenommen in der Besetzung, mit der er hoffentlich ab Mai 2022 auch in Deutschland auf Tournee geht«, kündigt Kellersmann an. Für November plant Modern Recordings die Veröffentlichung des Albums »Live 2017« von Rufus Wainwright & Amsterdam Sinfonietta, eine Produktion mit klassischen Arien, Songs von Rufus Wainwright und American-Songbook-Standards.

Auch im Livebereich will der Musikmanager mit Modern Recordings aktiv werden: Schon fürs vergangene Jahr hatte man Labelabende für das Xjazz Festival und für das Reeperbahn Festival geplant, die dann aber coronabedingt ausfallen mussten. »Für 2021 planen wir wieder mit dem Reeperbahn Festival und haben auch vor, Modern Recordings international auf die Bühnen zu bringen. Das wird künftig ein ganz wichtiger Punkt für uns.«

Text: Knut Schlinger

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