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CTS Eventim und Verbraucherschützer interpretieren Urteil ganz anders

Das Urteil des Landgerichts München I zur Klage der Verbraucherzentrale NRW gegen CTS Eventim vom 9. Juni bewerten beide Parteien völlig unterschiedlich. Die Verbraucherzentrale verbucht einen "Teilerfolg", da der Tickethändler die Rückzahlung von Vorverkaufsgebühren nicht mehr pauschal verweigern dürfe. CTS begrüßt die "Klarstellung", dass bei verschobenen oder abgesagten Events "stets alleine der Veranstalter" Ansprechpartner der Ticketkäufer sei.

10.06.2021 16:03 • von Frank Medwedeff
Sieht das Urteil als "großen Erfolg" im Sinne der Verbraucher: Wolfgang Schuldzinski (Bild: Verbraucherzentrale NRW)

Das Urteil des Landgerichts München I zur Klage der Verbraucherzentrale NRW gegen CTS Eventim vom 9. Juni 2021 bewerten beide Parteien völlig unterschiedlich.

Mit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 hatte die Verbraucherzentrale NRW "massiv Beschwerden" über die Geschäftspraxis von CTS Eventim registriert. Viele Verbraucher:innen beklagten demnach, dass Eventim die Erstattung von Tickets für coronabedingt verschobene Veranstaltungen verweigere. Außerdem habe Eventim bei ersatzlos abgesagten Veranstaltungen "in nicht nachvollziehbarer Weise" Gebühren einbehalten und "nicht den vollen Kaufpreis" erstattet. Dagegen klagte die Verbraucherzentrale NRW vor dem Landgericht München I und sieht jetzt mindestens "einen Teilerfolg" erstritten.

In den vorliegenden Fällen des Verfahrens sei CTS Eventim von den Veranstaltern mit der Rückerstattung beauftragt worden. Das Landgericht München I habe nun die Auffassung der Verbraucherzentrale NRW bestätigt, dass Eventim bei abgesagten Veranstaltungen die Rückzahlung des vollen Kaufpreises nicht pauschal unter Verweis auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verweigern dürfe. Dies gelte ebenfalls in den Fällen, in denen Eventim im eigenen Namen auf fremde Rechnung handele (dem sogenannten Kommissionsgeschäft), wobei Ticketkäufer:innen grundsätzlich der gesamte Ticketpreis inklusive der Vorverkaufsgebühren zu erstatten sei.

Die verwendete Allgemeine Geschäftsbedingung, die eine Rückerstattung der Vorverkaufsgebühr im Falle der Absage oder Verlegung ausschloss, benachteilige Verbraucher:innen deshalb unangemessen - zumindest bei Kommissionsgeschäften, wie es das Gericht jetzt festgestellt habe. Zudem sei laut dem Urteil die Klausel "intransparent", da die Höhe der Vorverkaufsgebühren beim Ticketkauf oftmals gar nicht angegeben worden sei.

"Wir gehen davon aus, dass in einer Vielzahl der Fälle Eventim zu Unrecht Geldbeträge einbehalten hat, statt Verbraucher:innen den gesamten Ticketpreis zurückzuzahlen", kommentiert Wolfgang Schuldzinski, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW. "Wurde Eventim bei Veranstaltungsabsagen mit der Rückzahlung beauftragt, können Betroffene mit Verweis auf das Urteil nun Eventim zur Zahlung der ausstehenden Beträge auffordern. Das ist ein großer Erfolg."

Das Landgericht München I halte allerdings den Verweis von CTS Eventim, dass Tickets für Nachholtermine ihre Gültigkeit behalten und deswegen nicht zurückgegeben werden können, für eine "zulässige Rechtsmeinung" und folge in diesem Punkt nicht der Auffassung der Verbraucherzentrale NRW. "Wir werden diesbezüglich die Urteilsgründe prüfen und voraussichtlich in Berufung gehen", kündigt Schuldzinski an. "Nach unserer Auffassung handelt es sich bei termingebundenen Veranstaltungen um relative Fixgeschäfte, die mit dem Termin stehen oder fallen, so dass es keinen Raum für eine Vertragsanpassung gibt."

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. "Sollten sich Verbraucher:innen jedoch aktuell in einem Rechtsstreit mit Eventim befinden, können sie auf das Urteil verweisen und Eventim anbieten, die Zahlung vom Ausgang eines möglichen Berufungsverfahrens abhängig zu machen", rät Schuldzinski. "Denn bereits der Verweis auf das Urteil kann das Unternehmen zum Entgegenkommen bewegen." Hierzu bietet die Verbraucherzentrale NRW einen Musterbrief an.

CTS Eventim bewertet das Urteil des Landgerichts München I indes völlig anders und begrüßt es als "Klarstellung", dass demnach im Falle von verschobenen oder abgesagten Events "stets alleine der Veranstalter der Ansprechpartner von Ticketkäufern" sei, und nicht etwa CTS Eventim als Ticketingunternehmen.

In seiner Entscheidung betont das Gericht nach Ansicht des Konzerns "ausdrücklich", dass CTS Eventim selbst "weder zur Erstattung des Ticketpreises noch der Vorverkaufsgebühr verpflichtet" sei, sondern sich entsprechende Ansprüche "allenfalls" gegen den Veranstalter richteten.

Durch das Urteil ergebe sich damit weder für Ticketkäufer noch für CTS Eventim oder die Veranstalter "eine neue Rechtslage oder Situation bei Veranstaltungsabsagen". Die erwähnte vom Gericht beanstandete Klausel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) verwende CTS Eventim zudem seit Oktober 2020 nicht mehr.

Der Konzern habe stets betont, der "falsche Adressat" der Klage der Verbraucherzentrale NRW zu sein. Jegliche Entscheidung - ob es eine Verlegung der Veranstaltung, einen Gutschein oder eine Geldrückzahlung gebe - treffe ausschließlich der Veranstalter als "Vertragspartner der Ticketkäufer".

CTS Eventim begrüße darüber hinaus, dass das Gericht "wesentliche Teile" der Klage der Verbraucherzentrale im Zusammenhang mit Ticket-Rückabwicklungen aufgrund der Corona-Pandemie abgewiesen habe, nachdem die Klägerin bereits einen ihrer Anträge habe zurückziehen müssen. Damit sieht sich der von Klaus-Peter Schulenberg geleitete Konzern in der Sicht bestärkt, "dass die Vorwürfe der Verbraucherzentrale NRW vor allem der PR in eigener Sache dienen".

CTS Eventim sieht sich "an der Seite von Kunden und Verbrauchern. Mit unserem Eintreten für die Gutscheinlösung zu Beginn der Pandemie haben wir beigetragen, zahlreiche Veranstalter vor der Insolvenz zu bewahren, durch die Ticketinhaber am Ende leer ausgegangen wären. Wir setzen nach wie vor enorme Ressourcen ein, um im Auftrag der Veranstalter Lösungen für Ticketbesitzer zu finden, die von der Absage oder Verlegung zehntausender Veranstaltungen durch Corona betroffen sind. Dass uns angesichts der Millionen von Tickets, für die wir die Vermarktung übernommen haben, anteilig nur sehr wenige Beschwerden erreichen, bestärkt uns", verlautet der Ticketing- und Live-Entertainment-Konzern.