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Erster Deutscher Jazzpreis im Rückspiegel der Branche

Jüngst feierte der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausgelobte und von der Initiative Musik ausgerichtete Deutsche Jazzpreis seine Premiere - als hybride Veranstaltung mit 31 Preisträger*innen. MusikWoche holte dazu bei ausgewählten Akteuren aus der deutschen Jazzwelt ein Stimmungsbild ein.

09.06.2021 12:20 • von
Sieht den Deutschen Jazzpreis als "wichtiges Zeichen für die Unterstützung von Jazz durch die Politik": Alexandra Lehmler, Vorstandsmitglied der Deutschen Jazzunion und Beiratsmitglied des Deutschen Jazzpreises 2021 (Bild: Frank Schindelbeck)

Am 3. Juni 2021 feierte der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ausgelobte und von der Initiative Musik ausgerichtete Deutsche Jazzpreis seine Premiere - als hybride Veranstaltung mit 31 Preisträger*innen. Preisgeldern von jeweils 10.000 Euro und einer rund dreistündigen Verleihungszeremonie an vier Standorten.

Die Deutsche Jazzunion gratuliert im Anschluss an das Event allen Gewinner*innen des Deutschen Jazzpreises: "Der Deutsche Jazzpreis ist ein wegweisender Schritt für mehr Aufmerksamkeit für unsere Szene in Deutschland und darüber hinaus". kommentierte Alexandra Lehmler, Vorstandsmitglied der Deutschen Jazzunion und Beiratsmitglied des Deutschen Jazzpreises 2021 in einer Mitteilung des Verbands. "Mit der jährlichen Auszeichnung aktiver Künstler*innen und Jazzakteur*innen setzt die Bundesregierung ein wichtiges Zeichen für die Unterstützung von Jazz durch die Politik. Nun gilt es den Preis weiterzuentwickeln und zu etablieren. Darauf freuen wir uns als Deutsche Jazzunion sehr!"

_____"Ich könnte mir musikalisch noch eine größere Bandbreite vorstellen oder auch einen Nachwuchspreis." Georg Löffler, GLM Music.

MusikWoche holte darüber hinaus bei ausgewählten Akteuren aus der deutschen Jazzwelt ein Stimmungsbild zur Premiere des Deutschen Jazzpreises ein:

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Georg Löffler, GLM Music: Es ist gut, wieder einen Jazzpreis zu haben, der den Künstlern nicht nur die Ehre, sondern auch ein Preisgeld zukommen lässt. Die Umsetzung online mit verschiedenen Locations zeigt, dass auch Streaming-Veranstaltungen erfolgreich durchgeführt werden können. Herzlichen Glückwunsch an die Preisträger und für die Durchführung an die Veranstalter!

MusikWoche: Welchen Wunsch hätten Sie für die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises?

Georg Löffler, GLM Music: Die Umsetzung durch eine umfangreichen Jury-Auswahl ist sicher die richtige Vorgehensweise. Ich könnte mir musikalisch noch eine größere Bandbreite vorstellen oder auch einen Nachwuchspreis. Für die Künstler wird der Preis seine Wertigkeit steigern, wenn er auch langfristig Bestand hat und sich über die Zeit dann auch International etablieren kann.

_____"Es wäre wünschenswert, dass sich der Preis langfristig als Key Event in der globalen Jazz-Community etabliert und damit eine weitere Plattform für herausragende Künstler:innen schafft." Miho Nishimoto, Warner Music.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Miho Nishimoto, Warner Music: Gerade vor dem Hintergrund der pandemiebedingten Einschränkungen der vergangenen Monate, auch für die Jazz-Künstler:innen, war die Premiere des Deutschen Jazzpreises umso wichtiger. Ich persönlich habe mich sehr über die spannenden Live-Acts und emotionalen Momente gefreut, die zumindest einen Teil der nationalen und internationalen Jazzszene gezeigt haben. Da wir uns bereits seit vielen Jahren für Jazz engagieren, freut es uns besonders, dass neben unserem zweifachen Preisträger Tigran Hamasyan auch Kinga Glyk und Joshua Redman von der unabhängigen Jury nominiert waren. In ihrer Vielfalt hat die Preisverleihung wieder einmal unterstrichen, dass Jazz eine Plattform für grenzenlose Experimente und Interkulturalität ist. Es ist eben nicht nur ein Genre, sondern eine Kunstform, die ein wichtiger Impuls-Geber auch für andere Stilrichtungen ist.

MusikWoche: Welchen Wunsch hätten Sie für die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises?

Miho Nishimoto, Warner Music: Ich hoffe, dass die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises eine noch größere Bandbreite der nationalen und internationalen Jazzszene präsentieren kann, was dieses Jahr pandemiebedingt nicht möglich war. Es wäre wünschenswert, dass sich der Preis langfristig als Key Event in der globalen Jazz-Community etabliert und damit eine weitere Plattform für herausragende Künstler:innen schafft. Die Herausforderung der Zukunft bleibt die alte: Jazz darf nicht nur in einer Blase stattfinden, sondern sollte eine breitere Öffentlichkeit suchen, ohne seine Authentizität preiszugeben.

_____"Ich bezweifle, dass eine längliche Online-Veranstatung mit sehr viel Worten und vergleichsweise wenig Musik die gewünschte Begeisterung erzeugen kann." Stefanie Marcus, Traumton Records.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Stefanie Marcus, Traumton Records: Grundsätzlich begrüßen wir, dass mit dem neu geschaffenen Deutschen Jazzpreis für die Jazz-Szene und das Genre mehr Aufmerksamkeit geschaffen werden soll. Schade dabei finde ich, dass eine solche Auszeichnung nicht wirklich neu gedacht wurde und bei der konventionellen Form Preisgeld - Galaverleihung nur ein knappes Drittel des zur Verfügung stehenden Etats wirklich den Künstlern zu Gute kommt. Insbesondere in der aktuellen Situation, in der viele Künstlerinnen und Künstler im letzten Jahr mit massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, ist das mehr als realitätsfern. Zudem bezweifle ich, dass eine längliche Online-Veranstatung mit sehr viel Worten und vergleichsweise wenig Musik die gewünschte Begeisterung erzeugen kann. Insofern wünsche ich dem Jazzpreis für die zweite Ausgabe ein etwas erweitertes Bewusstsein.

_____"Kommerzieller Erfolg darf kein Makel sein." Bernd Skibbe, Skip Records.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Bernd Skibbe, Skip Records: Die Implantierung eines Deutschen Jazzpreises ist zu begrüßen. Um einen Nachfolgepreis für den Echo kann es sich dabei offenbar nicht handeln, denn es sind meiner Einschätzung nach "populäre" Jazz-Künstler*innen, die beim Publikum "gut ankommen", weitflächig unberücksichtigt geblieben, während Künstler*innen, die offenbar bei den Jurys als "künstlerisch wertvoll" bewertet, aber leider beim Publikum nur bedingt akzeptiert, überproportional häufig ausgezeichnet wurden. Von daher würde ich eher von einem Kritikerpreis sprechen, der das Klischee des künstlerisch Wertvollen bedient, aber kommerziell erfolgreiche Projekte aussperrt . Das halte ich für fatal, denn wenn der Jazz aus der Nische heraus will, muss er auch auf Akzeptanz beim Publikum setzen, und das scheint in der jetzigen Form leider nicht gelungen. Der Preis in seiner aktuellen Umsetzung wird den Weg des Jazz aus der Nische heraus nicht unterstützen. Das kann nicht im Interesse des Genres und ihrer Player*innen liegen. Der Lebenswerkpreis für Karsten Jahnke hat mich persönlich gefreut, ist er doch an eine Person verliehen, die wie kaum eine andere dem Jazz seit Jahrzehnten Türen öffnet.

MusikWoche: Welchen Wunsch hätten Sie für die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises?

Bernd Skibbe, Skip Records: Natürlich ist es ein Wunsch, den Jazz in seiner Diversität abzubilden, von daher würde ich mir erhoffen, dass auch Künstler*innen, die ein breiteres Publikum erreichen, ausgezeichnet werden , kommerzieller Erfolg darf kein Makel sein. Oder man ist so konsequent und ruft einen Nachwuchspreis aus, bei dem aufstrebende Künstler*innen mit dem Preisgeld die Gelegenheit erhalten, Ihre Ideen umzusetzen , aber dann vielleicht nicht in zwanzig+ Kategorien , sondern nur in fünf. Gefehlt hat mir auch die Wertschätzung der Booking Agenturen, Verlage oder Labels, die sich seit vielen Jahren mit viel Herzblut und unter großen finanziellen Risiken für Themen einsetzen und ein wichtiges Rückgrat des Genres sind, auch sie sollten in ihrer Rolle gesehen und herausgehoben werden.

_____"Überraschung gelungen, danke für den schönen Abend!" Tom Glagow, C.A.R.E. Music Group & www.club.radio.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Tom Glagow, C.A.R.E. Music Group & www.club.radio: Das Wichtigste vorab: Der Preis wird mit 10.000 Euro dotiert! Ganz großartig, dass freut mich für die Künstler! Ich war gespannt was die Jury gezaubert hat. Sie hat einige Künstler belohnt, die ich so nicht wirklich eingeschätzt hätte. Überraschung gelungen! Die Dankesrede von Lucia Cadotsch hat mich voll erwischt, danke. Unter den Bedingungen mit über 30 Kategorien war die Länge der Veranstaltung zu erwarten. Fast wie früher, als bei den Grammys noch die Jazz Grammys in einer langen Pre-Televison-Veranstaltung verliehen wurden. Gelungen, danke für den schönen Abend!

MusikWoche: Welchen Wunsch hätten Sie für die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises?

Tom Glagow, C.A.R.E. Music Group & www.club.radio: Das diese Verleihung nicht wieder von den "Großen", wie beim Echo Jazz, in eine "passende Format-Ecke" im Fernsehen gedrängt wird. Denn sonst wird es solche herrlichen Überraschungen wie Christian Lillinger nicht mehr geben. Ich hoffe auch, dass internationale Künstler wie nationale Künstler weiterhin gleichwertig gewertet werden. Das weiterhin die Clubs mit einbezogen werden finde ich auch ganz wichtig. Ich freue mich riesig auf den zweiten Deutschen Jazzpreis!

_____"Ein Preis muss sich organisch weiterentwickeln und dafür sind Kritik und Reflektion wichtige Größen." Andreas Brandis, ACT Music.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises?

Andreas Brandis, ACT Music: Zunächst einmal ist es toll, dass eine erste Verleihung des Deutschen Jazzpreises in diesem Jahr mit all seinen Herausforderungen und Widrigkeiten überhaupt möglich war. Das sendet ein starkes Signal in die Szene und schafft Aufmerksamkeit für dieses Genre. Daher möchte ich vor allem den Jurys und dem Team der Initiative Musik ein großes Kompliment für ihren Einsatz und ihre Anstrengungen machen.

Da ich selbst in den letzten zwei Jahren ehrenamtlich und intensiv an der Genese des Preises beteiligt war, fällt mein Urteil natürlich geprägt von dieser Tätigkeit und dem Einblick hinter die Kulissen aus.

Für die Premiere eines Preises können denke ich alle Beteiligten mit dem Erreichten sehr zufrieden sein, denn ein ganz wichtiges Kriterium wurde erfüllt: Es gibt wunderbare Nominierte und Preisträger:innen, die stolz auf ihre Nominierungen und Preise sind und dafür gefeiert werden - wovon die Aktivitäten auf den einschlägigen Social-Media-Plattformen in den letzten Tagen ein eindrucksvolles Zeugnis ablegen.

Ein Preis ist an sich ein kompliziertes Ding, weil es nun einmal schwer ist wirklich objektive Kriterien an Kunst und Musik anzulegen und daher die Meinungen über die Ergebnisse immer weit auseinander gehen werden und auch streitbar sind. Gleichzeitig ist er auch eine Chance für ein relativ kleines Genre mehr Gehör zu finden und deswegen würde ich mir gerade in der aktuellen Zeit ein Miteinander wünschen und auch eine größtmögliche Akzeptanz in der Szene.

Natürlich gibt es immer viel Potential zur Verbesserung und sicherlich auch berechtigte Kritik zu dem ein oder anderen Aspekt. Dafür ist es aber ganz wichtig, eine erste Ausgabe umzusetzen, um danach evaluieren zu können, was konzeptionell aufgegangen ist und was nicht funktioniert hat, an welcher Stelle zu viel nachgedacht wurde und hinsichtlich welcher Aspekte zu wenig. Ein Preis muss sich organisch weiterentwickeln und dafür sind Kritik und Reflektion wichtige Größen.

Für den weiteren Entwicklungsprozess wird es bestimmt die Möglichkeit zum offenen Austausch mit der Initiative Musik geben und diejenigen, die sich konstruktiv in die Weiterentwicklung des Preises einbringen wollen, sind sicher gerne dazu eingeladen.

Einen herzlichen Glückwunsch an alle Preisträger:innen und Nominierten und das gesamte Team hinter dem Preis und auf viele weitere Ausgaben.

MusikWoche: Welchen Wunsch hätten Sie für die zweite Ausgabe des Deutschen Jazzpreises?

Andreas Brandis, ACT Music: Ich hoffe sehr, dass die zweite Ausgabe mit einer Verleihung vor Publikum und an einem schönen Ort stattfinden kann. Dadurch wird die Veranstaltung sicherlich deutlich kompakter und noch stimmungsvoller. Zudem lohnt es sich den Aufbau und die Struktur noch einmal genau zu prüfen, um gegebenenfalls die Anzahl der Kategorien zu reduzieren und gleichzeitig die große Vielfalt der Jazzszene noch besser abzubilden.