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Spielstätten werden "noch mit ­Einschränkungen leben müssen"

MusikWoche fragte ausgewählte Arenenbetreiber, ob sie nach der Verschärfung der Sicherheitsauflagen nach den Terroranschlägen befürchten, dass die zusätzlichen Hygieneregeln den Zuschauern den Spaß am Veranstaltungsbesuch verleiden oder sie gar ganz von einem Besuch abhalten könnten.

20.05.2021 09:38 • von Dietmar Schwenger
Werden derzeit vielfach als Impfzentrene genutzt: Hallen in Deutschland (Bild: Wallmüller, Imago)

MusikWoche fragte ausgewählte Arenenbetreiber, ob sie nach der Verschärfung der Sicherheitsauflagen nach den Terroranschlägen befürchten, dass die zusätzlichen Hygieneregeln den Zuschauern den Spaß am Veranstaltungsbesuch verleiden oder sie gar ganz von einem Besuch abhalten könnten.

Sybil Franke, Geschäftsführerin Velomax Berlin Hallenbetriebsgesellschaft: Bestimmte Veranstaltungen wie Rock-, Metal- und Punk-Konzerte werden wohl erst dann wieder in gewohnten Größenordnungen stattfinden, wenn sich alles wieder normalisiert hat, die Rahmenbedingungen den gewohnten Spaß zulassen und man wieder eng an eng zusammen abfeiern kann. Das sollte dann Open Air theoretisch früher wieder möglich sein als in Innenräumen. Wohingegen Comedy- und Sportevents, bestuhlte Shows früher und unter schärferen Hygienemaßnahmen stattfinden und dann hoffentlich trotzdem die gewohnte Euphorie im Publikum auslösen werden, einfach deswegen, weil sie endlich wieder stattfinden.

Nils Hoch, stellvertretender Geschäftsführer und Leiter Veranstaltungen Olympiapark München: Natürlich ist es so, dass Veranstalten komplizierter und noch aufwändiger wird. Aber wir haben absolut keine Sorgen, dass den Leuten der Spaß dadurch verloren gehen wird. Das sieht man ja überall, wo schon gelockert wird. Die Leute wollen abrocken und lechzen geradezu nach Unterhaltung. Für's Livegeschäft ist mir nicht bange, wenn es denn endlich wieder richtig losgeht!

Daniel Hopp, Geschäftsführer SAP Arena: Dies ist sicherlich eine Frage, die sich nicht pauschal und nur sehr individuell beantworten lässt. Wir befinden uns aktuell in einer Sondersituation, die hoffentlich in nicht allzu langer Zeit wieder unserer alten Normalität weicht. Der völlig sorglose Besuch einer Veranstaltung, das kollektive Mitfiebern oder Feiern unter Tausenden an Gleichgesinnten, ein gemeinsames Bier im Besucherfoyer - das sind die Szenen und Momente, die sich die Menschen zurückwünschen. Ich hoffe sehr, dass dies bald wieder möglich sein wird. Im Zuge der Rückkehr zur Normalität werden wir vielleicht in einer Art temporären Übergangsphase noch mit Einschränkungen leben müssen. Für eine langfristige Wiederbelebung des kulturellen Lebens und zur Sicherstellung des wirtschaftlichen Überlebens unserer Branche benötigen wir aber die Freiheit, die wir bis Anfang 2020 hatten. Und ich bin überzeugt davon, dass dies der Fall sein und wir mittelfristig unsere alte Normalität wiederbekommen werden - darauf warten wir alle sehnlichst.

Maik Klokow, CEO & Produzent der Mehr-BB Entertainment: Wir glauben, dass die Hygienekonzepte in unseren Spielstätten unseren Gästen ein sicheres Gefühl vermitteln werden. Wir tragen Verantwortung für unser Publikum und dieser müssen wir gerecht werden. Die letzten Monate waren geprägt von Verunsicherung, viele von uns sind durch die Pandemie direkt betroffen - sei es durch Krankheit oder berufliche Einschnitte. Die Corona-Pandemie ist allgegenwärtig, genauso wie die Lust auf ein unbeschwertes Leben, wie wir es vor über einem Jahr noch hatten. Unsere Kundenumfragen zeigen, dass die Lust auf Kultur ungebrochen ist und es eine große Sehnsucht gibt unsere Theater und Shows wieder zu besuchen. Wenn ich nun vor einem Theaterbesuch, falls ich noch nicht geimpft wurde, einen Test machen muss, Abstand halten oder eine Maske tragen soll, dann verschafft das mir und all den anderen im Saal Sicherheit. Das ist eine gute Voraussetzung, um einen schönen Abend im Theater zu verbringen. Unsere Shows und Theater werden im Oktober eröffnen. Bei dem aktuellen Impftempo wird bis Ende Juli bereits aller Voraussicht nach jedem Impfwilligen eine entsprechende Impfungen angeboten worden sein und somit steht einer Herdenimmunität dann nichts mehr im Wege.

Christof Strimitzer, Leitung Marketing und Kommunikation Messe Congress Graz Betriebsgesellschaft (MCG): Es ist wichtig, nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Gesundheit unserer BesucherInnen zu schützen. Wir setzen alles daran, unseren Gästen einen angenehmen und freudigen Aufenthalt in unseren Spielstätten zu bieten. Gewisse Vorkehrungen und Prozedere können hierbei in Zeiten wie diesen aber einfach nicht gemieden werden. Eine gut durchdachte und bestens ausgeführte Organisation im Vorfeld und vor Ort ist hierbei natürlich das A und O. Wenn diese klaren Strukturen vorhanden sind, kommt auch der Spaß bei Events nicht zu kurz. Aus diesem Grund glauben wir, dass sich ZuschauerInnen nicht davon abhalten lassen, Veranstaltungen zu besuchen und Livemomente mit allen Sinnen zu erleben.

Stefan Fenderl, Verantwortlicher für Marketing & Sales König-Pilsener-Arena: Wir gehen davon aus, dass unsere Besucher unsere durchgeführten Maßnahmen nicht abschrecken - ganz im Gegenteil. Der Schutz unserer Gäste hat höchste Priorität und dafür tun wir alles, um dies sicherzustellen. Es werden alle Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen soweit gestaltet, dass es zu keinem negativen Konzerterlebnis kommt. Es soll zu keiner Zeitverzögerung beim Einlass kommen beziehungsweise zu keiner Behinderung von entsprechend gewünschten Konzertbedürfnissen. Mit einem hohen Investment erfüllen wir die Maßnahmen ohne das Konzerterlebnis von unseren Gästen zu stören. Ganz im Gegenteil, die Befragung einer Vielzahl unserer Besucher hat ergeben, dass genau dies der richtige Weg ist. Unsere Besucher fühlen sich in unserem Hause sicher und können hier vom Alltag abschalten und Veranstaltungen sowohl sicher vor Anschlägen als auch sicher vor einer Corona-Ansteckung erleben. Eine Strategie, die wir sehr befürworten und stets weiterentwickeln werden. Zum Wohle unserer Besucher.«

Philipp Franke, Geschäftsführer ZSL Betreibergesellschaft: Zunächst einmal hoffen wir alle, endlich im zweiten Halbjahr Veranstaltungen durchführen zu können. Wir alle möchten die einzigartigen und emotionalen Momente bei Veranstaltungsbesuch wieder erleben. Mit Wiederaufnahme des Betriebes sollten alle verantwortlichen Stellen der Veranstaltungskette ein hohes Interesse daran besitzen, den Besuchenden einen den gestiegenen Anforderungen entsprechend hohen Hygienestandard anzubieten. Mit sicheren und gut organisierten Veranstaltungen wollen wir unsere Gäste wieder willkommen heißen.

Andreas Kuchajda, Geschäftsführer Bochumer Veranstaltungsgesellschaft: Nach aktuellem Kenntnisstand wird die Wiederaufnahme von Veranstaltungen von einigen Herausforderungen begleitet. Dabei werden Fragen wie Impfstatus und Tests eine erhebliche Rolle spielen. Die ersten Bespiele aus Israel zeigen jedoch, dass die Menschen relativ schnell wieder in einen Vor-Corona-Modus zurückfinden. Das wird auch bei Veranstaltungen der Fall sein. Wichtig wird die Glaubwürdigkeit und der Komfort der Maßnahmen sein, wie zum Beispiel die Erfassung des Impfstatus und die Teststrategien. Des Weiteren muss die Bedeutung, die Weiterentwicklung und Kompatibilität neutraler, digitaler Registrierungsverfahren auf Bundes- und Landesebene weiter voranschreiten. Dann stehen die Zeichen für den Weg in die Normalität und damit auch für Veranstaltungen auf grün. Wir sind vorbereitet und freuen uns darauf.

Michael Brill, Geschäftsführer D.Live: Aus den Erfahrungen, Beobachtungen und Erkenntnissen der vergangenen zwölf Monate gehen wir davon aus, dass in der Zukunft die Erwartungshaltung und der Anspruch der Besucher*innen für einen sicheren Veranstaltungsbesuch vor allem auf die folgenden drei Aspekte reduziert werden kann: 1. Belüftung, 2. Abstand, 3. Persönliche Schutzmaßnahmen. Eine der wenigen wissenschaftlich eindeutig belegten Faktoren zum Schutz vor Infektionen ist eine effektive Belüftung von Räumen - oder alternativ der Aufenthalt im Freien. Wir müssen daher künftig als Venue-Betreiber sicherstellen, dass neben den objektiven Belüftungswerten (mehrfach pro Stunde vollständiger Luftaustausch mit Frischluft) auch das subjektive Gefühl von "spürbarer" Frischluftzufuhr entsteht. Das steht sicherlich im Widerspruch zu der "Vergangenheit" - so wurde ein gefühlter Luftzug eher als störend empfunden, in Zukunft wird das genau "umgekehrt" bewertet werden. Das Bedürfnis nach "Abstand" steht zunächst im Wiederspruch zu dem Live-Erlebnis, welches sich durch "Nähe" definiert. Der Abstand zwischen Besucher*innen ist ein wirkungsvoller Mechanismus, um die Übertragung von Krankheiten zu vermeiden. Die während der Pandemie erlernten Abstandsregeln werden daher sicherlich an Relevanz behalten - sowohl aus objektiven Gründen als auch aus dem subjektiven Gefühl der Sicherheit durch Distanz. Es scheint sicher zu sein, dass Besucher*innen künftig auf individuelle, persönliche Schutzmaßnahmen zurückgreifen werden. Dieses sind in erster Linie "Handdesinfektion" und das Tragen des "Mund-Nasen-Schutzes". Inwiefern diese Aspekte durch geeignete Maßnahmen umgesetzt werden können, ist heute noch unklar. Wir sind aber der Meinung, dass es für jeden Punkt entsprechende Lösungen geben wird, die keine grundlegenden Auswirkungen auf die Freude und das Vergnügen bei einem Konzert-Besuch haben werden. Wir werden uns, wie es auch immer in unserer Branche der Fall war, flexibel auf die Bedürfnisse einzelner Kundengruppen einstellen können und "a la carte" für jedes Event die Umsetzung entwickeln können, die den Publikums- und Produktionswünschen entspricht. Anders als andere Branchen verfügen wir über eine schnelle Reaktionsfähigkeit in unseren Venues und haben die direkte Rückkopplung aller Beteiligten, um uns rasch anzupassen. Das ist uns in den 90ern bei der Professionalisierung des Crowd-Managements gelungen, in den 00ern bei den Anforderungen an die Customer Journey und in den 10ern bei der Terror- und Gefahrenabwehr. Dann werden wir in den Zwanzigern das Thema Gesundheit und Infektionsschutz zum Standard machen. The show will go on.

Ramona Kloos, Unternehmenskommunikation, Leitung Marketing & Vertrieb bigBox Allgäu: »Menschen werden mit Sicherheit vorsichtiger und überlegen sich was sie wirklich brauchen und was nicht. Es wird aber immer Menschen geben, die gern auf Konzerte und Shows gehen, die die Abwechslung zum Alltag genießen und die ihre Lieblingsband sehen möchten, ganz egal was darum herum passiert.«

Uwe Frommhold, Vice President & COO AEG Germany: Die Umfragen, die uns vorliegen, zeigen, dass ein überwiegender Teil der Befragten einschränkende Maßnahmen in Kauf nehmen würde, um Events wieder besuchen zu können.

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