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Klaus Doldinger im Interview: "Weltoffenheit halte ich für erforderlich"

Am 12. Mai wird Klaus Doldinger 85 Jahre alt. Im ausführlichen Gespräch mit MusikWoche lässt der Grandseigneur der deutschen und europäischen Jazzszene und Großmeister der Film- und Fernseh-Soundtracks sein bewegtes Leben Revue passieren.

12.05.2021 09:00 • von Frank Medwedeff

Am 12. Mai wird Klaus Doldinger 85 Jahre alt. Im ausführlichen Gespräch mit MusikWoche lässt der Grandseigneur der deutschen und europäischen Jazzszene und Großmeister der Film- und Fernseh-Soundtracks sein bewegtes Leben Revue passieren.

MusikWoche: Wie begehen Sie ihren 85. Geburtstag im anhaltenden Lockdown?

Klaus Doldinger: Mit meiner Familie zu Hause in Icking. Wir sind 1968 nach Icking gezogen, unsere Kinder sind hier aufgewachsen, auf dem Land. Wir sind eine ziemlich umfangreiche Familie geworden. Es ist sehr schön, ein gemeinsames Leben führen zu können in der wunderbaren Umgebung außerhalb von München mit Blick auf die Alpen. Es gab hier auch immer schon eine sehr aktive Jazzszene hier in Bayern, und da haben sich viele Kontakte ergeben, was dann auch für meine Weiterentwicklung von Bedeutung war.

MusikWoche: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihr bisheriges Leben und ihre lange und erfolgreiche Musikerkarriere zurück?

Klaus Doldinger: Mit sehr positiven Gefühlen natürlich. Ich bin ja in Berlin geboren. Wir sind dann oft umgezogen, erst nach Köln, dann ist mein Vater nach Wien versetzt worden, 1940. In Wien habe ich meine ersten Jahre als Schulkind verlebt. Die Entwicklung hin zur Musik hat sich erst nach dem Krieg im Rheinland ergeben, als wir nach Düsseldorf gezogen sind, wo mein Vater Oberpostdirektor beim ­Fernmeldebauamt war. Da kamen schnell Kontakte zustande zu Menschen, die etwas mit Musik zu tun hatten. Da gab es auch Konzerte und Leute, die sich für Jazz interessierten. Das hat mich sofort angesprochen. In der Schulzeit hat sich da so manches ergeben an Kontakten, was mich dann inspiriert hat zum Weitermachen, zum selbst Spielen. Ich habe relativ früh begonnen, Klavier zu erlernen, dann Klarinette und dann Saxofon.

MusikWoche: Sie haben auch ursprünglich Klavier und Klarinette studiert. Was waren Ihre Inspirationsquellen, sich für das Saxofon zu begeistern?

Klaus Doldinger: Das waren gewisse Liveerlebnisse, wo man in Konzerten gehört hat, was sich da tut, und wie Jazz überhaupt praktiziert wird. Das war eine Übergangszeit nach dem Krieg in Deutschland. Da war Jazz noch nicht sehr angesagt. Als junger Mensch war es für mich sehr interessant und aufregend, live Musiker zu hören, die rhythmisch starke Musik auf der Bühne spielen konnten und mit einem großen Repertoire das Publikum überzeugten. Für mich war ein ganz wichtiger Punkt, festzustellen, dass es da ein Repertoire gab und gibt, das weit darüber hinausging, was man sich damals als populäre Musik vorstellte. Das war in den frühen Jahren ab 1945 eine ganz neue Erfahrung, die ich machen durfte, und aus der sich das Interesse für Jazz ergeben hat. Meine Mutter war daran interessiert, dass ich am Konservatorium die Möglichkeit bekam, Klavier zu studieren. Das war für mich ein guter Start. Dass daraus später ein Beruf wird, hätte ich mir damals aber noch nicht vorstellen können.

MusikWoche: Wie ging es dann weiter mit Ihrer Hinwendung zum Jazz?

Klaus Doldinger: Es gab damals noch keine richtige Livemusikszene. Die hat sich ­innerhalb von vier, fünf Jahren entwickelt. Im Fernmeldebauamt in Düsseldorf gab es einen größeren Saal, wo gelegentlich Konzerte stattfanden, an denen ich teilnehmen und sehen konnte, was sich abspielt, wenn Musiker zusammentreffen, auf der Bühne musizieren und das Publikum begeistern. Dass sich das mit dem Jazz weiter fortpflanzte, war damals noch nicht vorhersehbar. Durch die Szene in Düsseldorf hat sich für mich ein neues Weltbild ergeben, in dem der Jazz eine entscheidende Rolle spielte. Da gab es den Hot Club, wo sich viele Musikinteressierte trafen. Das hat mich fasziniert, an den Veranstaltungen teilzunehmen. Einige Jazzfans hielten dort Vorträge mit Schallplatten. Auf diesem Wege habe ich den Jazz wahrgenommen als eine Musik, die lebendig war, was in der Kriegszeit noch nicht der Fall gewesen war. Ich hatte dann einige Kontakte zu Musikern. Dann gab es den Westdeutschen Rundfunk in Köln, der eine Bigband hatte. So lernte ich den Jazz auch über den Umweg öffentlich-rechtlicher ­Rundfunk kennen. Ich nahm viele Musiker wahr, die auch live auftraten. Das hat mich inspiriert, und ich habe versucht, mich da musikalisch drauf einzustellen. Am Konservatorium habe ich Klassikunterricht gehabt, aber auch die Möglichkeit als Pianist, mich in Richtung Jazz umzusetzen.

MusikWoche: Wann haben sie dann mit dem Saxofon angefangen?

Klaus Doldinger: Da war ich schon 16,17 Jahre alt. In Düsseldorf gab es eine Livejazzszene, die dem Dixieland zugewandt war. Ich hatte da großen Spaß dran. Nachdem ich auf dem Konservatorium neben Klavier- auch Klarinettenunterricht nehmen konnte, habe ich mich dann auch schnell auf die Swingmöglichkeiten mit dem Sopransaxofon einstellen können.

MusikWoche: Wann war Ihnen klar, dass Sie Berufsmusiker werden wollten?

Klaus Doldinger: Das war erst später, nachdem ich das Abitur gemacht hatte. Dann habe ich das Musikwissenschaftstudium in Köln/Bonn angefangen. Und wir hatten ja schon eine Band in Düsseldorf, die Feetwarmers, mit Gleichaltrigen, die mit großer Freude Dixieland spielten und mich an diese Musik hinführten. Dann kamen auch schnell das Interesse für Modern Jazz und der Gedanke, selbst als Musiker auf der Bühne meinen Lebensweg zu beschreiten.

MusikWoche: Udo Lindenberg nennt Sie ihren "Mentor". Hatten Sie auch einen Mentor, der Ihnen den Weg geebnet hat?

Klaus Doldinger: Im Hot Club in Düsseldorf gab es Leute, die Vorträge hielten über Jazzmusik, etwa Dietrich Schulz-Köhn, der dort regelmäßige Plattenabende veranstaltete und verschiedene Aufnahmen herbrachte. In der damaligen Zeit waren die Schallplatten ja noch nicht so verbreitet. Das war eine Besonderheit, wenn ein Experte wie Schulz-Köhn mit Platten den Leuten die Musik näherbringen konnte und mit seinen Vorträgen und seinem Wissen über die Entwicklung des Jazz. Da wussten viele zuvor ja gar nicht, dass es den Jazz schon seit 1900 herum gab.

MusikWoche: Neben Jazz und Jazzrock unterschiedlichster Spielarten und Musik für etliche Film- und Fernsehproduktionen haben Sie zum Beispiel auch als Paul Nero eingängige Unterhaltungsmusik veröffentlicht oder auch mal Musik für Werbespots kreiert. Woher kommt diese enorme Bandbreite?

Klaus Doldinger Es hat sich alles ganz langsam, peu à peu, entwickelt. Der Kontakt zum Robert-Schumann- Konservatorium war entscheidend und die Kenntnisnahme von Leuten, die in der Werbeindustrie tätig waren. In Düsseldorf gab es Filmfirmen, die auch Werbefilme produzierten und denen auffiel, dass da ein junger Mann war, der Klarinette und Klavier spielte und Musik erfinden konnte. Daraus hat sich ergeben, dass man mir gelegentlich Vorschläge machte, zu gewissen Projekten im Filmbereich die Musik zu machen. So zum Beispiel die Ufa-Werbefilm, die in Düsseldorf beheimatet war. Das war für mich eine neue Erkenntnis, dass es die Möglichkeit gab, auch als Komponist einen gewissen Erfolg zu haben.

MusikWoche: In diesem Jahr feiert auch ihre Band Passport 50-jähriges Jubiläum. War es die ursprüngliche Ausrichtung, mit der Band in Richtung Jazzrock zu gehen?

Klaus Doldinger: Nicht so richtig. Ich war auf der Jazzseite mit Swing und Modern Jazz und Bebop. Was später mehr in die kommerzielle Richtung ging, hat sich mit der Zeit entwickelt. Und das ­ergab sich aus dem Livejazz. Durch den Vertrag mit Warner Music ­bekamen wir die Möglichkeit, ­internationale Tourneen zu spielen - in den USA, in Südamerika und in ganz Europa. Und wir hatten das Glück, dass unsere Platten ja ­international veröffentlicht wurden. Das war hilfreich, etwa bei Konzerten in den USA Stücke spielen zu können, die dem Publikum dort bereits bekannt waren, die aus meiner Feder stammten, uns viel Spaß gemacht haben und die Lebendigkeit der ­Musikszene in Europa dargestellt haben.

MusikWoche: Zum Bandjubiläum kommt bei Warner Music das Doppelalbum "The First 50 Years Of Passport" heraus. Was war die Intention hinter dieser Werkschau?

Klaus Doldinger: Diese Veröffentlichung stellt die Weiterentwicklung der Band Passport dar, die wir über die Jahre durchlaufen haben. Neben den sogannten Erfolgswerken, die wir auch live immer gespielt haben, sind auch Stücke drauf, die nicht so geläufig sind, und die wir nicht so häufig aufgeführt haben.

MusikWoche: Welche Ihrer Kompositionen, Alben oder Soundtracks Ihrer Karriere halten Sie für ihre besten oder haben für Sie persönlich einen ganz besonderen Stellenwert?

Klaus Doldinger: Für mich ist das alles so ereignisreich gewesen, dass ich das mit wenigen Worten kaum beschreiben kann. Ich habe aber zum Beispiel besonders begrüßt, dass ich auch mit großem Orchester gelegentlich aufnehmen konnte wie mit Passport und dem Symphonieorchester des WDR. Und dass es Werke gab, die in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden wie die Musik zu Die unendliche Geschichte", Das Boot" und Film- und Fernseh-Erkennungsmusiken wie zum "Tatort".

MusikWoche: Was macht den besonderen Reiz des Komponierens für einen Film oder eine Fernsehserie aus? Was ist dabei komplett anders in Sachen Herangehensweise und Kompositionstechnik im Vergleich zur Arbeit an einem Jazzalbum, was ist vergleichbar?

Klaus Doldinger: Ein Jazzalbum hat eher ein besonders Eigenleben als eine Filmmusik, bei der das Drehbuch und die Art der Handlung eine Rolle spielen. Das ist schwer vergleichbar. Beim eigenen Repertoire - ich habe ja Hunderte von Stücke geschrieben - sind viele Kompositionen dabei, die sich schon vom Titel her aus reiner Fantasie entwickelt haben. Reizvoll an der Arbeit für meine Filmsoundtracks war, dass die Handlungen zum Teil gesellschaftlich eine gewisse Rolle spielten und vom Werdegang einer Story bestimmt waren, wobei man musikalisch auf die Dramatik oder den Humor gewisser Situationen eingehen musste. Das war ein entscheidender Punkt. Die reine Filmmusik ist natürlich eine Herausforderung für einen Komponisten, wobei es stilistische Unterschiede gibt zu dem, was man aus reiner Selbstfreude an der Musik komponiert hat. Und die Stücke waren zum Teil natürlich entsprechend einigermaßen anders. Einem Jazzalbum liegt ja eher eine freie Auffassung von Musik zugrunde, wo man sich natürlich an einer grundsätzlichen Stimmung orientiert, während man sich bei Filmmusik dem Drehbuch und der Handlung anpassen muss und diese dann entsprechend musikalisch gestaltet. Die Arbeit für den Film war für mich eine große Inspiration, Musik zu erschaffen, auf die ich sonst im eigentlichen Sinne nicht gekommen wäre, wenn es die Herausforderungen des jeweiligen Films und des Drehbuchs nicht gegeben hätte.

MusikWoche: Ihre bekannteste Komposition zumindest in Deutschland ist wohl die "Tatort"-Titelmusik. Hätten Sie gedacht, als sie es vor über 50 Jahren kreierten, dass daraus so ein ikonisches Musikstück wird?

Klaus Doldinger: Es war überhaupt nicht vorhersehbar, dass das so einen großen Aufhänger über so lange Zeit darstellen würde. Der "Tatort" war zunächst eine kleine mehrteilige Serie, und daraus entwickelte sich dann erst das Erfolgsprojekt. Es ist ganz gut, wenn man nicht immer im vornherein weiß, welchen Umfang das Projekt haben wird, für das man arbeitet. Gefühlsmäßig ist mir das "Tatort"-Motiv immer noch nahe wie die Musik für andere Projekte, die ich vor 40, 50 Jahren geschrieben habe. Drehbücher von damals könnte ich musikalisch heute nochmals umsetzen, wenn auch vielleicht heute etwas anders.

MusikWoche: Haben Sie sich für das "Tatort"-Motiv Tantiemen für jede Ausstrahlung bis heute sichern können?

Klaus Doldinger: Ja, denn ich bin ja als GEMA-Mitglied automatisch beteiligt an dem, was die GEMA für die Autoren einnimmt. Ich war ja auch einige Jahre GEMA-Aufsichtsrat. Die Tantiemen werden nach gewissen Gesichtspunkten ausgeschüttet, die von Experten festgelegt werden. Da spielt natürlich schon eine Rolle bei der Bewertung, ob eine Musik automatisch in einer Serie immer wieder läuft oder nur ein- oder zweimal im Fernsehen zu hören ist. Die GEMA-Verteilung ist immer von sehr vernünftigen Leuten bewertet worden. Und da gab es natürlich ständige Sitzungen, um genau dieses Thema zu diskutieren. Eine allgemeingültige Möglichkeit zu finden, wie man das Honorar und die Ausschüttung von Tantiemen am besten gestaltet, ist schon ein schwieriges Thema. Dass man da Komponisten mit einbezieht in die Überlegungen, ist zweckdienlich. Kürzlich kam wieder ein Vorschlag, man sollte doch im Bereich Filmmusik erst ab einer Länge von 15 Sekunden überhaupt bewerten. Egal, wie lang die Musik ist, sie ist das Werk des Komponisten, der sie erfunden hat. Das sollte man in Betracht ziehen. Dass die Länge entsprechend mitzählt, ist schon klar, aber dass man erst ab einer gewissen Länge Musik bewerten soll, halte ich nicht für gerecht.

MusikWoche: Laut Wikipedia haben Sie in ihrem Leben mehr als 4000 Konzerte in rund 50 Ländern gegeben. Kommt das hin?

Klaus Doldinger: Könnte sein. Das sind Schätzungen. Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht. Es ist sehr schwer, eine allgemeingültige Zahl zu finden. Die Zahl der Veranstaltungen, die wir musikalisch gestaltet haben, war immer wieder unterschiedlich. Es gab Jahre, in denen wir extrem viel gespielt haben, dann wieder mal sehr wenig. Und momentan ist ja sowieso alles stillgelegt.

MusikWoche: Was bedeutet es für Sie als passionierter Jazzmusiker, vor Publikum auf der Bühne zu stehen?

Klaus Doldinger: Kommt ganz drauf an. Der Rahmen spielt immer eine Rolle, etwa ob es sich um Konzertveranstaltungen von Kulturvereinigungen handelt oder Auftritte in Night Clubs, in denen eine Band en suite ein oder zwei Wochen lang spielt.

MusikWoche: Auch Sie mussten vermutlich wegen der Corona-Pandemie Konzerte absagen? Wie weh tat das?

Klaus Doldinger: An die 50 Veranstaltungen mussten verlegt werden. Ob es dann mal tatsächlich Ersatzveranstaltungen gibt, das ist die andere Frage. Man muss ja dann wieder Termine finden, an denen man einen guten Auftrittsort bekommt. Der Lockdown der Liveszene ist aber besonders für jüngere Musiker ein heikles Problem.

MusikWoche: Wie lange sind Sie eigentlich schon bei Warner Music unter Vertrag? Was schätzen Sie an der Partnerschaft besonders?

Klaus Doldinger: Bei Warner Music bin ich schon gut 50 Jahre. Zuvor gab es 1962 einen jungen Mann, der mich kontaktierte und mich als erster unter Vertrag genommen hat - ein gewisser Siggi Loch, damals auch im Aufwind seiner Entwicklung. Und der wurde ja dann einige Jahre später Chef der Warner Music in Deutschland. Das war dann die feste Verbindung für mich, die Kombination, die mir am besten gefiel. Und Warner Music war ja schon eine großartige Adresse in der Schallplattenindustrie, die in Amerika groß war und sich auch in Europa bewährt hat. Ahmet Ertegün und sein Bruder haben mich sehr beeindruckt, weil sie mit Atlantic Records ja das entscheidende Label hatten. Wir haben durch Atlantic und Warner in New York Auftritte gehabt und weltweit. Dass ich bei so einer Erfolgsfirma unter Vertrag stand, hat unsere Möglichkeiten sehr verbessert, und wir konnten bis heute immer gut miteinander arbeiten.

MusikWoche: Wie kam es zur Einrichtung eines eigenes Studiokomplexes mit den Soundport Studios Ende der 70er Jahre?

Klaus Doldinger: Da ich so viel Musik produziert und angesammelt habe, entstand der Wunsch, eine eigene Räumlichkeit dafür zu bekommen. Das hat zur Eröffnung des eigenes Studios geführt, was sich über die Jahre auch bewährt hat. Die Aufnahmetechnik, die ganze Technologie, hatten mich ja schon immer sehr beschäftigt. Ich hatte ja auch zeitweilig mal den Weg in diese Richtung beschritten, als ich selber ein paar Jahre ein Studium einschlug, um Tonmeister zu lernen.

MusikWoche: Sie wurden im Lauf Ihrer Karriere mit etlichen Preisen und Ehrungen bedacht - vom Bundesverdienstkreuz über Echo und Echo Jazz fürs Lebenswerk bis zum Deutschen Musikautorenpreis. Über welche Auszeichnungen haben Sie sich besonders gefreut?

Klaus Doldinger: Da könnte ich keine besonders hervorheben. Jeder Preis hat natürlich seinen gewissen Reiz, und es ist immer eine positive Erfahrung, wenn man Beachtung findet und lobend erwähnt wird. Und es hat mich auch vieles angerührt.

MusikWoche: Sie haben sich auch als Aufsichtsrat der GEMA oder als künstlerischer Beirat in der Union Deutscher Jazzmusiker engagiert. Was hat Sie für diese Aufgaben motiviert?

Klaus Doldinger: Es liegt ja auf der Hand, dass Musiker, Komponisten und Musikproduzenten sich selber genauer mit ihrem Metier beschäftigen und sehr willkommen sind, bei solchen Gesellschaften Mitglied zu werden und teilzunehmen. Ich habe das sehr begrüßt, dort mit aufgenommen zu sein.

MusikWoche: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Klaus Doldinger: Ich kann mir nur erhoffen, dass sich die Entwicklung der letzten 50, 60, 70 Jahre fortsetzt. Ich habe ja als Kind miterleben müssen, was eine politische Ausrichtung in der Bewertung der Kultur bewirken kann. Der Jazz war ja in Deutschland totgeschwiegen. Es ist sehr wichtig, dass man die Zusammenhänge erkennt und die Vorteile, die sich ergeben aus der Weltoffenheit, die ich für wirklich erforderlich halte für die Entwicklung der Kultur der Menschheit.

zur Person

Klaus Doldinger wurde am 12. Mai 1936 in Berlin geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Wien, seine Jugend in Düsseldorf, wo er später Klavier, Klarinette, Musikwissenschaften und Tontechnik studierte. Ab 1952 spielte er bei der Düsseldorfer Dixielandband The Feetwarmers. 1960 heiratete er Inge Beck; zusammen haben sie drei Kinder - Melanie, Viola, Nicolas. 1962 rief er das Klaus Doldinger Quartett ins Leben. Ein Jahr später nahm er das Debütalbum "Doldinger - Jazz Made In Germany" auf, das dem Modern Jazz zugetan war. Parallel dazu spielte Doldinger unter dem Pseudonym Paul Nero etliche Tanzmusik-Alben ein und nahm Kompositionsaufträge der Werbe-, Film- und Fernsehbranchen an. 1969 wandte er sich mit der Formation Motherhood dem Jazzrock zu. Aus dieser Band entwickelte sich seine langlebigste Gruppe Passport, mit der er die Freie Musik kontinuierlich neu auslotete. Seine musikalischen Entdeckungsreisen führten ihn mehrfach um die Welt.

Zu den wichtigsten Passport-Werken zählen das brasilianisch geprägte Album "Iguacu" (1977), die Artrock-LP "Ataraxia" (1978) und Passport To Morocco" (2006), das mit einem Gold Award ausgezeichnet wurde. Die Titelthemen des ARD-"Tatort", der TV-Serien "Liebling Kreuzberg" und "Ein Fall für Zwei" sowie die Filmmusiken zu "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte" ragen aus Doldingers Soundtrack- und Trailer-Werk heraus. Er wurde unter anderem mit der Goldenen Kamera, dem Bayerischen Filmpreis, dem Bayerischen Verdienstorden und dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik ausgezeichnet. Klaus Doldinger war Aufsichtsratsmitglied der GEMA und Teil des künstlerischen Beirats der Union Deutscher Jazzmusiker.