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Nur ein Newcomer hat es ­geschafft

Coronabedingt fallen derzeit viele Möglichkeiten weg, Künstler aufzubauen. MusikWoche fragte ausgewählte Schlager-Experten, inwiefern ­Newcomer unter dieser Lage besonders leiden oder ob nicht die verstärkte ­Digitalisierung infolge der Pandemie auch Chancen bietet.

16.04.2021 10:45 • von Dietmar Schwenger

Coronabedingt fallen derzeit viele Möglichkeiten weg, Künstler aufzubauen. MusikWoche fragte ausgewählte Schlager-Experten, inwiefern ­Newcomer unter dieser Lage besonders leiden oder ob nicht die verstärkte ­Digitalisierung infolge der Pandemie auch Chancen bietet.

"Die Pandemie erschwert den Newcomeraufbau extrem", stellt Ken Otremba, Geschäftsführer Telamo, fest. "Zum einen fehlen die Möglichkeiten, neue Künstler einer breiten Zielgruppe zugänglich zu machen - sei es im Livebereich, in Diskotheken/Clubs oder bei Stadtfesten und Events allgemein. Gott sei dank finden nach wie vor die TV-Sendungen statt, sodass es Möglichkeiten gibt neue Künstler vorzustellen." Um die neuen Acts aber in der Wahrnehmung der Fans zu verankern, damit sie sich eine Fanbase aufbauen, dafür fehlten derzeit wichtige Parameter, auch weil sich viele etablierte Acts um die wenigen verfügbaren Slots im Funk, TV oder Print bemühten, weiß Otremba. "Social Media ist natürlich eine Chance, gerade auch für neue Künstler. Gerade der Schlager lebt aber von dem Erleben, von dem Künstlerkontakt. Rein virtuelle Hits oder Stars wie im Pop-, Dance-Bereich oder allgemein in der Influencer-Welt sind im Schlager rar. Daher hoffen wir sehr, dass die Offline-Welt baldmöglichst wieder zur Normalität zurückkehrt, damit wir die vielen hochtalentierten Acts und Newcomer, die wir über die letzten Monate entwickelt haben, auch auf die Straße schicken können."

Das sieht Andreas Mehlhorn, Geschäftsführer AME. Media, ähnlich: "Die Pandemie beeinträchtigt die Newcomer-Förderung ganz erheblich, gerade Newcomer sind sozial weniger abgesichert und desto heftiger betroffen." Zudem fehle die Möglichkeit, eine Veröffentlichung mit Autogrammstunden und Live-Auftritten zu unterstützen. Das sei zwar für alle Künstler wichtig, aber für Newcomer umso mehr, da sie sich erst einmal eine Fanbase aufbauen müssten. Gleichwohl sieht Mehlhorn auch einen gewissen positiven Effekt: "Die Digitalisierung und gerade die letzten zwölf Monate in Pandemiezeiten haben natürlich den ein oder anderen Schlager-Fan mehr zum Streamen gebracht, bei unserer Künstlerin Marina Marx sehen wir zum Beispiel enormes Wachstum bei den Streamings und bei TikTok."

Jörg Hellwig, Managing Director Electrola, weist darauf hin, dass im Schlagersegment das physische Produkt immer noch eine große Rolle spiele. "Insofern ist die aktuelle Handelssituation für dieses Repertoire eine ziemlich anspruchsvolle Herausforderung. Bei den etablierten Acts ist der digitale Anteil sehr unterschiedlich, abhängig von der individuellen Zielgruppe. Dennoch unternehmen alle Künstler und wir gemeinsam große Anstrengungen, ihre digitale Präsenz zu optimieren. Insbesondere Social-Media-Aktivitäten werden forciert, dabei unterstützen wir unsere Künstler inhaltlich, mit Content-Plänen und mit unserer sehr reichweitenstarken Plattform >Ich find Schlager tollGefällt mirder< Playlist oder erstellen sich ihrer eigenen Playlists. Hier spielt es erst einmal keine Rolle, ob der Künstler bekannt oder unbekannt ist. Hauptsache der Song ist gut. Und ist der gute Song des Newcomers erst einmal in der Playlist, so wird der Hörer vielleicht aufmerksam und schaut, was für Songs der Künstler noch zu bieten hat. Aber auch der Rundfunk hat eine wahre Renaissance erlebt. Die Menschen verbringen mehr Zeit im Home Office und möchten sowohl Musik hören als auch über die aktuelle Lage informiert bleiben. Und für diesen Mix aus News und Musik ist und bleibt das Radio das beste Format. Auch im Rundfunk legen wir als Label besonderen Wert darauf, unsere Newcomer nach vorn zu bringen. Beispiele wie die 16-jährige Vanessa Katharina, die gleich mit ihrer ersten Single bei Fiesta Records in die Airplay Charts eingestiegen ist, zeigen, dass Newcomern auch im Rundfunk eine Plattform gegeben wird. Daher ist es gerade jetzt für Newcomer wichtig, sich zu platzieren. Natürlich können die Künstler ihr Können aktuell nicht live unter Beweis stellen, aber dennoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich mit den Großen zu messen. Wir setzen uns aber auch dafür ein, die DJs konstant weiter zu bemustern, damit sie, wenn es wieder erlaubt ist, ein großes Repertoire unserer Songs vorliegen haben, um die Tanzflächen mit unseren Songs zu füllen. Denn der Support und die Feedbacks der DJs sind unersetzlich. Sie sorgen dafür, dass deutsche Musik beim Publikum Gehör findet. Auch wir von Fiesta Records hoffen, dass sich die Lage bald bessert und wieder Live-Auftritte möglich sind, sodass wir unsere Newcomer raus in die große, weite Welt schicken können."

Ambivalent urteilt Matthias Fischer, Geschäftsführung Siebenpunkt Verlag und Labelmanager Depro: "Jede Krise bietet auch Chancen. Dass wir uns nun pandemiebedingt anders mit den Themen Förderung und Künstleraufbau auseinandersetzten, können wir allerdings nicht bestätigen. Bis heute kommt es bei uns sehr auf ein gutes Bauchgefühl an, die ersten Schritte zu wagen und eine Vision zu haben, wie man das Künstlerische in wirtschaftliche Bahnen lenken kann." Daran habe auch die verstärkte Digitalisierung durch Corona nicht viel geändert. Man habe nun im Vorfeld zwar stellenweise mehr Zahlenwerk als Grundlage für Entscheidungen, aber letztlich habe keiner das Patent auf Erfolg. Fischer gibt ein konkretes Beispiel: "Seit Kurzem betreuen wir mit Phil Schaller einen 14-jährigen Sänger, der gerade als Teil der Schlagerkids erfolgreich unterwegs ist. Doch sowohl bei Phil als auch bei der soeben begonnen Zusammenarbeit mit dem Singer/Songwriter Lasse spielte die aktuelle Situation keine grundlegende Rolle beim Für und Wider. Im Gegenteil: Wer sich allzu sehr von Gestern und Jetzt leiten lässt, der vergisst, dass er im Morgen leben wird."

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