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Diversity muss laut Dominiqe Casimir "gelebt werden"

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Dominique ­Casimir, Executive Vice President Global Repertoire & Marketing EU, APAC & LATAM bei BMG.

15.04.2021 12:47 • von Jonas Kiß
Verantwortet bei BMG das internationale Geschäft: Dominique Casimir (Bild: Fotos: Julia Schoierer, Montage: MusikWoche)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Dominique ­Casimir, Executive Vice President Global Repertoire & Marketing EU, APAC & LATAM bei BMG.

Stefanie Kim: Sie besetzen eine globale Rolle, wo tagtäglich - von Sydney über Singapur und Stockholm bis nach Sao Paulo - die Welt in ihrem Rechner zusammenkommt. Was sind die Herausforderungen in solch einer Position?

Dominique Casimir: Zeitzonen spielen natürlich eine wichtige Rolle in meinem Tagesablauf. Mein Morgen startet mit Australien und Hongkong; wenn die Kids in der Vorschule sind, geht es mit Terminen in Kontinentaleuropa weiter, nachmittags kommt Brasilien dazu; der Abend gehört den Künstler:innen und Kolleg:innen in den USA, die Fragen und Themen für die neuen Märkte besprechen wollen. Mit jedem Land kommt eine andere Sprache dazu, eine andere (Musik-)Kultur, und jeder Markt bringt andere Anforderungen und Herausforderungen mit sich, die ich erst einmal verstehen muss(te). Wichtig bei der Zusammenarbeit mit den lokalen Teams ist es, erst einmal zuzuhören und zu verstehen, wie man gemeinsam für die Künstler:innen das Beste aus jedem Markt herausarbeiten kann. Da gibt es schon ganz schöne Unterschiede.

Stefanie Kim: Wird das lokale Know-how und damit auch der lokale Markt unterschätzt im Hype um globale Kampagnen?

Dominique Casimir: Die lokalen Künstler:innen und Kolleg:innen gilt es meiner Meinung nach immer zu stärken. Natürlich gibt es stark »reisendes« angloamerikanisches Repertoire, welches immer global gedacht wird. Aber auch französisches oder spanischsprachiges Repertoire kann und muss international gedacht und gearbeitet werden. Wir können globale Kampagnen nur wirklich global ausrollen, wenn die lokalen Büros in ihrem jeweiligen Markt auch stark aufgestellt sind. In Europa war eine meiner Aufgaben, die Strukturen zu schaffen, die die lokalen Teams und gleichzeitig die länderübergreifende Zusammenarbeit stärken können.

Stefanie Kim: Entstehen durch den lokalen Austausch auch Learnings, die universeller einsetzbar sind innerhalb der Firma - entstehen dadurch neue Wissensströme?

Dominique Casimir: Wir sind seit Jahren so organisiert, dass es zentrale Teams und Zusammenarbeit gibt, die nicht lokal begrenzt werden. Dazu gehört ganz klassisch die Administration, Technologie, BLA, HR und Finance. Neben diesen Services existiert im Publishing der sogenannte Writers Service, das heißt, dass die lokalen A&Rs weltweit miteinander wöchentlich kommunizieren. Gleiches gilt für Synch, Digital Sales und Digital Marketing. Diese Teams leben aber natürlich auch von der Arbeit vor Ort, dem spezifischen Wissen über das Land, die Sprache und die Gegebenheiten.

Stefanie Kim: Nach #BLM hat BMG mutig den Schritt in das Unbequeme gewagt und verkündet, dass die Royalties der Künstler überprüft werden. Darüber hinaus hieß es in einer Pressemitteilung: »Neben weiteren Initiativen wird BMG für alle Standorte weltweit Ziele hinsichtlich der Vertretung von ethnischer Herkunft, Geschlecht und Minderheiten definieren und ein "Unconscious Bias"-Training zum Abbau unbewusster Vorurteile für alle Mitarbeitenden einführen«. Wie haben Sie das umgesetzt?

Dominique Casimir: Die Verankerung von Diversity & Inclusion im Recruiting-Prozess und die Durchführung von Unconscious Bias Trainings werden von unserem HR-Team vorangetrieben. Dazu gehört auch, dass Führungskräfte für die Vielfalt ihrer Teams verantwortlich sind, und dass dies künftig in ihren Jahreszielen aufgenommen wird. Das globale D&I Council mit seinen lokalen Vertretungen wurde ganz demokratisch von allen Mitarbeitenden gewählt. Es dient als Sprachrohr für die vielen verschiedenen Communitys, die uns ausmachen, und ist im direkten Austausch mit der Geschäftsführung. Zudem haben wir eine großangelegte Studie aller historisch erworbenen Recorded-Kataloge durchgeführt, um zu prüfen, ob BMG durch Akquisitionen Kataloge übernommen hat, deren Vertragsbedingungen schwarze Künstler:innen diskriminieren. Die Ergebnisse haben wir Ende letzten Jahres vorgestellt und andere Labels dazu aufgerufen, ähnliche Überprüfungen durchzuführen.

Stefanie Kim: Hat sich nach #BLM der Dialog über diskriminierende Erlebnisse innerhalb der Mitarbeiterschaft verändert?

Dominique Casimir: Wir haben den Blackout Tuesday genutzt, um den Dialog zu öffnen. Es gab kleine moderierte Gruppen und standortübergreifende Panels. Uns war wichtig, dass wir uns austauschen und Erlebnisse teilen. Uns war nach diesem Tag aber auch klar, dass es nicht damit getan ist. Die Tatsache, dass Diversity und Inklusion auch durch unser Council gerade quasi allgegenwärtig sind, hilft ungemein, die Leute zu sensibilisieren und sich zum Thema Diskriminierung auszutauschen und Gedanken zu machen.

Stefanie Kim: Was sind besondere Learnings aus Ihrem Diversity & Inclusion Council? Wie bringen sich darüber hinaus Eure Mitarbeiter ein?

Dominique Casimir: Die Vertreter:innen des Diversity & Inclusion Councils treffen sich regelmäßig sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene. Für uns war es wichtig, dass das Council nicht nur ein Gesprächsforum ist. Es hat einen Überblick über alle D&I-Initiativen innerhalb der BMG und begleitet diese in einer beratenden Funktion. Es gibt also ein klares Briefing. Eines der ersten Projekte ist der Community Outreach: Unsere lokalen Kolleg:innen haben Förderprogramme für junge Menschen und Partnerschaften mit Organisationen aufgesetzt, unter anderem in den USA, UK und Australien. Ein ganz starker Motor für Veränderungen sind aber natürlich auch die Mitarbeitenden, die Impulse setzen, Themen ansprechen, die ihnen wichtig sind, und am Ende auch die Schnittstelle zu unseren Künstler:innen und Songwriter:innen sind.

Stefanie Kim: Glauben Sie, dass ein freiwilliger Diversity-Report eine Änderung herbeiführen könnte in der Kreativwirtschaft?

Dominique Casimir: Diversity muss gelebt werden und in der Unternehmenskultur verankert sein. Ich war auch lange zögerlich, ob die Frauenquote denn sein muss, und kann mittlerweile ganz klar sagen: Ja, es muss. Wenn Unternehmen keine Spielregeln bekommen, dann wird es am Ende selten angepackt. Ein freiwilliger Report ist zumindest eine Idee und wäre ein erster Schritt. Natürlich hat jedes Land eine andere Kultur, und es gibt bei einem freiwilligen Report auch das alles zu beachten. Gleichzeitig haben wir ein übergeordnetes Ziel, das alle unsere Standorte eint, und das ist »ein sicherer Arbeitsplatz mit gleichen Chancen«, jede:r soll sich bei BMG vertreten, geschützt und mit Respekt behandelt fühlen.

Stefanie Kim: Wie wichtig ist es, dass der CEO der Firma nicht nur eine Haltung kommuniziert, sondern auch handelt?

Dominique Casimir: Wir haben das große Glück, mit Hartwig Masuch einen CEO zu haben, der nicht nur redet, sondern auch macht. Was am Ende zählt, ist, dass etwas passiert, damit sich etwas verändern kann.

Stefanie Kim: Welches sind die drei wichtigsten Dinge, die Ihnen für ihr Leben sowohl beruflich als auch privat mitgegeben wurden?

Dominique Casimir: Meiner Generation ist das Internet mitgegeben worden. Das klingt jetzt wie ein Klischee, aber das hat angefangen, uns mit der Welt zu vernetzen. Ich habe mit so vielen Menschen in verschiedenen Ländern der Erde Kontakt und fast überall bekäme ich einen Platz zum Schlafen, das erfüllt mich sehr. Dazu arbeite ich natürlich mit einer universellen Sprache. Wir haben das große Glück, mit Musik und Geschichten zu arbeiten. Auch ganz wichtig: Diskussionen nicht aus dem Weg zu gehen, versuchen ehrlich zu bleiben, und auch mal Fragen stellen, und Organisationsvermögen.

Interview: Stefanie Kim

_zur Person

Dominique Casimir ist Executive Vice President Global Repertoire & Marketing EU, APAC & LATAM von BMG. In ihrer Rolle ist Casimir seit April 2019 dafür verantwortlich, Künstlerinnen, Künstler und Songwriter aus 15 kontinental-europäischen Territorien zu signen, zu promoten und zu betreuen. Zusätzlich leitet sie seit November 2020 das Verlags- und Labelgeschäft von BMG in Australien, Lateinamerika inklusive Brasilien und Mexiko, China und Hongkong. Zusammengenommen erwirtschaften alle Territorien, die an Casimir berichten, etwa ein Drittel der Erlöse von BMG. Unter ihrer Leitung stieg BMG 2020 in Deutschland in das Live-Musikgeschäft ein mit dem Ziel, Künstlerinnen und Künstlern eine neue Alternative zur etablierten Live-Branche zu bieten. Casimir kam 2008 zu BMG, steuerte die erfolgreiche Entwicklung des Labelgeschäfts und trug zum Aufbau des europäischen Marketingteams bei. Als SVP International Coordination & Music Supervision arbeitete sie an Produktionen wie »Deutschland 86« und »Babylon Berlin«. Ende 2016 wurde sie zum BMG Managing Director GSA befördert.

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977 als Kind südkoreanischer Einwanderer in Westfalen geboren. Ihre Eltern kamen im Rahmen des deutsch-koreanischen Wirtschaftpaktes nach Deutschland. Ihre Leidenschaft für Musik zog sie nach Köln. Dort betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC GIGA. Die Redaktion wurde für das innovative Format mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. 2000 ging es für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI als TV-Promoterin. Zu den Glanzzeiten von Capitol Records betreute sie unter anderem Coldplay, Blur, Kylie Minogue und ihre Idole - die Beastie Boys. 2005 ging es vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie aus der Elternzeit heraus KIMKOM - mit Herbie Hancock und Yoko Ono als erste Projekte. Neben der Musikindustrie klopften Fashion-Labels, E-Commerce und digitale Pioniere wie Google & YouTube bei KIMKOM an. Zehn Jahre nach der Gründung ist die Firma organisch gewachsen mit den Säulen Strategie, PR und Management. Neben Brands finden sich nun auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag. Künstler wie Lukas Rieger lassen sich von KIMKOM repräsentieren. Das fünfköpfige Team der Agentur agiert aus Berlin-Friedrichshain. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.

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