Handel

"Auch der Musikfachhandel muss wieder geöffnet werden - und zwar jetzt!"

Die aktuellen Lockerungen lassen auch im Einzelhandel Hoffnungen sprießen. Abhängig von den Vorgaben von Bund und Ländern sowie den regionalen Inzidenzwerten sollen nun auch Einkäufe nach Terminvereinbarung oder sogar weitergehende Öffnungen möglich sein. Während die Buchgeschäfte sogar eine Sonderrolle spielen, profitiert der Musikfachhandel aber zunächst nicht von diesem Kulturbonus.

08.03.2021 15:10 • von
Sieht große Teile des stationären Musikfachhandels vor dem finanziellen Ruin: SOMM-Geschäftsführer Daniel Knöll (Bild: Markus Nass)

Die jüngsten Lockerungen lassen auch im Einzelhandel Hoffnungen sprießen. Abhängig von den Vorgaben von Bund und Ländern sowie den regionalen Inzidenzwerten sollen nach Click & Collect nun auch Einkäufe nach Terminvereinbarung (Click & Meet) oder sogar weitergehende Öffnungen möglich sein. Die Buchgeschäfte spielen dabei eine Sonderrolle, und werden seit dem 8. März an "einheitlich in allen Bundesländern dem Einzelhandel des täglichen Bedarfs zugerechnet", wie es auf den Onlineseiten der Staatsministerin-für-Kultur- und Medien heißt.

Sie können nun "mit entsprechenden Hygienekonzepten und einer Begrenzung von einer Kundin oder einem Kunden pro 10 qm für die ersten 800 qm Verkaufsfläche und einem weiteren für jede weiteren 20 qm" wieder öffnen. "Ich freue mich, dass für Buchhandlungen, aber auch für Museen, Galerien und Gedenkstätten unter bestimmten Bedingungen jetzt ein schneller Neustart möglich ist", sagte dazu Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Der Musikfachhandel profitiert indes zunächst nicht von diesem Kulturbonus. Vor diesem Hintergrund wollte MusikWoche von ausgewählten Repräsentanten und Fachhändlern wissen, was sie davon halten, dass der Buchhandel den Tonträger- und Musikfachgeschäften vorgezogen wird?

"Es ist mir ein Rätsel, worin der Unterschied liegt, ob Papier mit Worten bedruckt ist, oder mit Noten", kommentiert Birgit Böcher, Geschäftsführerin des Gesamtverbands Deutscher Musikfachgeschäfte: "Vielleicht kann uns da die Bundesregierung aufklären, denn warum macht sie einen Unterschied zwischen dem Buchhandel, der öffnen darf, beziehungsweise wie in Berlin gar nicht erst schließen musste, und dem Notenfachhandel? Dem Notenfachhandel - einem der traditionsreichsten Handelszweige und wichtige Anlaufstelle für Musiker:innen aller Art - wurde mit dem zweiten Lockdown im Dezember nicht nur das wichtige Weihnachtsgeschäft, sondern durch den Verbot von öffentlichen Aufführungen, wie Chor- oder Schulkonzerte, auch ein wichtiger Umsatzbringer genommen." Viele der kleinen Notenfachgeschäfte würden "seit Dezember Umsatzrückgänge von bis zu 80 Prozent im Vergleich zum Frühjahr 2019" verzeichnen, berichtet Böcher, "ängstlich gehen die Inhaber:innen an ihre Reserven, die zur Altersvorsorge vorgesehen waren". Hilfsgelder aus dem Wirtschaftsministerium blieben indes Fehlanzeige, klagt die GDM-Geschäftsführerin. "Und die bestehende Nachfrage nach Noten wird derweil freudestrahlend von Amazon & Co gedeckt ...."

"Durch die immer noch andauernde Schließung von Ladengeschäften, seit Ende letzten Jahres, stehen mittlerweile große Teile des stationären Musikfachhandels vor dem finanziellen Ruin", weiß auch Daniel Knöll zu berichten, Geschäftsführer der SOMM - Society of Music Merchants. Dabei lebe der Handel mit Musikinstrumenten, Musikequipment, Noten und Tonträgern "von einer persönlichen Beratung und dem Kontakt zum Kunden", betont Knöll: "Wir gehören mit unseren Produkten ebenso wie Bücher zu den Erzeugnissen, die für Menschen eine hohe Relevanz in der Alltagsbewältigung aufweisen - gerade in Krisenzeiten. Deshalb ist es für mich nicht nachvollziehbar und inakzeptabel, weshalb hier mit zweierlei Maß gemessen wird." Die "scheinbar zufällig getroffenen Entscheidungen" würden sich "jeglicher sachgerechten und sachorientierten Problemlösung" entziehen und seien "wettbewerbsverzerrend und diskriminierend", macht der SOMM-Geschäftsführer deutlich. "Es ist aus unserer Sicht nicht hinnehmbar, dass die Öffnung von Buchhandlungen, Bibliotheken, Museen, Galerien und Gedenkstätten stattfinden kann, der Musikfachhandel aber weiterhin geschlossen bleibt. Auch der Musikfachhandel gehört ganz klar zu den Kulturbetrieben und muss, genauso wie der Buchhandel, wieder geöffnet werden - und zwar jetzt!"

Für Hugo Heinzen, Inhaber der Plattenkiste in Bad Neuenahr, zeigt sich anhand der jüngsten Entscheidungen wieder einmal, "wie bereits bei der Einstufung von Kulturgütern bei der Mehrwertsteuer, welchen Stellenwert die Musik bei der Bundesregierung und den zuständigen Kulturbeauftragten hat: Nämlich einen sehr geringen." Für den AMM-Händler ist klar: "Alle Formen und Medien der Kulturlandschaft sollten zum täglichen Bedarf zählen, zumal die großen Lebensmittelmärkte und Discounter auch immer wieder Musik- und Bildträger, genau wie Bücher, in ihrem Sortiment führen und verramschen." Heinzen streicht heraus, dass er sich für die Buchhändler freue, "aber den Weitblick auf das große Ganze vermisse ich bei unseren Entscheidern".

Peter Bongartz, Inhaber von Bongartz - Musik in allen Formaten in Erlangen, denkt, "dass sowohl Buch- als auch Plattenläden Stätten für Kultur sind", aber auch er verweist zugleich auf den Stand der Dinge in Sachen Mehrwertsteuer, was zeige, dass die aktuelle Unterscheidung ja nicht der Pandemie geschuldet, sondern schon viel älter sei: "Schon der ermäßigte Mehrwertsteuersatz gilt ja für Kultur, dass heißt für vegane Kochbücher, aber nicht für eine Beethoven-Sinfonien-Sammlung." Aber Bongartz streicht auch heraus, dass ein "Warum die und wir nicht" bloß eine Neiddebatte auslöse, "die nicht zielführend sein kann, wenn es das Ziel ist, diese Pandemie in den Griff zu kriegen". Für den AMM-Händler ist klar: "Wir sollten diese Neiddebatte nicht führen. Der aktuelle Beschluss fühlt sich für mich allerdings eher so an, als sei er eine Reaktion auf die Stimmung in der Bevölkerung und eher Wahlkampf als souveränes und zielführendes, politisches Handeln."

"Die Buchbranche macht schlicht die bessere Lobbyarbeit", meint Edmund Epple, Inhaber von Discy - Musik Buch Film Landsberg am Lech. Der Buchhandel arbeite überdies "insgesamt besser" zusammen, während den Plattenläden mächtige Partner fehlen würden. "Gerade der Facheinzelhandel spielt zum Beispiel in den Überlegungen der Musikindustrie oft kaum noch eine Rolle. Wofür sich also einsetzen?" Epple zeigt sich nachdenklich und berichtet von gemischten Gefühlen: "Wir sind Buchhandel und Plattenladen. Glück gehabt!? Ob die Lockerungen im Moment insgesamt so schlau sind, wage ich allerdings zu bezweifeln. Besser fände ich: Helfen und Impfen. Ich befürchte den nächsten Lockdown - Notbremse - und der wird dann endgültig kein Spaß mehr ..."

Text: Knut Schlinger