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ILMC zeichnet #AlarmstufeRot aus

Bei den jährlich im Rahmen der ILMC vergebenen Arthur Awards erhielten Sandra Beckmann und Tom Koperek für die von ihnen gegründete Initiative #AlarmstufeRot am 4. März einen Preis als "Unsung Hero". Im Konferenzprogramm sorgte das Keynote Interview mit Irving Azoff für Aufsehen.

05.03.2021 09:29 • von Dietmar Schwenger
Ausgezeichnet mit einem Arthur Award bei der ILMC: Sandra Beckmann und Tom Koperek von AlarmstufeRot (Bild: Screenshot, ILMC)

Bei den jährlich im Rahmen der ILMC vergebenen Arthur Awards erhielten Sandra Beckmann und Tom Koperek für die von ihnen gegründete Initiative #AlarmstufeRot am 4. März 2021 einen Preis als "Unsung Hero". Die von der britischen Agentin Emma Banks moderierte, gut einstündige Gala ging live, aber ohne Zuschauer in der Royal Albert Hall in London über die Bühne. Per Videoschaltung bedankten sich Beckmann und Koperek für die Unterstützung und bekräftigten, dass sie weiterkämpfen werden, bis die Krise überstanden ist und auch darüber hinaus.

Im virtuellen ILMC-Konferenzprogramm sorgte das Keynote Interview mit Irving Azoff für Aufsehen. Offen erzählte der US-amerikanische warum Phil Anschutz von AEG ihn "hasse" und warum er sich von Live Nation nach der Fusion mit Ticketmaster und der Managementagentur Frontline schon bald wieder getrennt habe: "Michael Rapino und ich hatten das im Vornherein so ausgemacht, da ich lieber in einem privaten, familiengeführten Unternehmen arbeite als in einem börsennotierten." Deswegen sei er froh, dass er jetzt mit seinem Sohn Jeffrey als CEO eine gemeinsame Firma mit rund 120 Mitarbeitern leite. Auch freue er sich, dass drei seiner vier Kinder in der Musikbranche arbeiten würden.

In dem anderthalbstündigen, vom britischen Künstlermanager Ed Bicknell geführten Videointerview kamen die beiden aber um das Thema Nummer ein, Corona, nicht herum. "Wir können nur spekulieren, wann eine Rückkehr zu normalen Konzerten mit voller Kapazität wieder möglich ist. Keiner weiß das derzeit wirklich." Er gehe aber davon aus, dass Shows eher stattfinden als zunächst befürchtet. "Hier in den USA sind wir optimistisch. Die Fallzahlen sind zuletzt schneller gesunken als gedacht, der neue Impfstoff von Johnson & Johnson ist gerade freigegeben worden und President Biden hat gesagt, dass alle, die das wollen, bis Ende Mai geimpft sein werden."

Dennoch seien auch in den USA die Regelung von Staat zu Staat unterschiedlich. Während einige bereits alles ohne Restriktionen öffneten, herrschten in anderen Bundesstaaten wie etwa in Kalifornien noch sehr strikte Regeln, oft sei das von County zu County unterschiedlich, was die Tourplanung schwierig mache. "Wir müssen wohl bis 2022 warten, bevor vollumfängliche Tourneen wieder möglich sind, ohne dass uns Covid einen Strich durch die Rechnung macht."

Dennoch halte er etwa an den beiden Londoner Konzerten der von ihm gemanagten Eagles im Juli fest, auch weil Großbritannien bei der Bekämpfung der Pandemie sechs Wochen vor Kontinentaleuropa liege. Europa sei für ihn immer wichtig gewesen, auch wenn derzeit 80 Prozent seiner Umsätze aus dem US-Geschäft kommen. "Musik wird in Europa viel mehr geliebt und geschätzt als in den USA." Das habe man auch daran gesehen, dass dort Unterstützung und Versicherungen gegen Corona gegeben habe, während in den Staaten so wie keine Hilfsprogramme aufgelegt worden seien.

Deswegen sei für ihn auch der Streit um die Brexit-Reglungen für die Livebranche in Europa unverständlich. "Es ist doch lächerlich, dass wir etwa dieses Trucking-Problem für Tourneen auf dem Festland nicht lösen können, während wir mit Covid doch ein viel größeres Problem haben."

Angesprochen auf die aktuellen Abwanderungen von Agenten von ihren jeweiligen Firmen, um sich selbständig zu machen, bezeichnete Azoff dies als ein nachvollziehbares Vorgehen. "Agenten sind gern Unternehmer und ich glaube, dass die Agentenwelt auch in Zukunft die Livebranche prägen wird." Begünstigt würde diese Entwicklung auch durch das Streamen von Musik, worüber man viel schneller als früher Karrieren aufbauen und eine passende Nische für den jeweiligen Künstler finden können.

Nachdem sich Azoff zuletzt bei den Verlagsrechten von David Crosby und den Beach Boys engagiert hat, verteidigte er das Vorgehen: "Wenn Künstler in ihren Siebzigern sind, wollen sie manchmal, dass ihre Rechte in sicheren Händen sind. Wir sind zwar kein Higgnosis, aber wir können die Karrieren dieser Acts sicherlich noch einmal anschieben. Bei den Beach Boys etwa planen wir einen Biopic-Film wie jüngst bei Queen."

Begonnen hatte der zweite Konferenztag mit dem Panel "The Road To Recovery Part 2", eine Fortsetzung einer ähnlich konzipierten Session bei Eurosonic Noorderslag im Januar. Alexandra von Samson von Goodlive erklärte, dass sichere Shows möglich sind, wenn die Leute Masken tragen, für eine gute Ventilation gesorgt sei und Schnelltests zum Einsatz kämen. Ihr sei aber klar, dass Social Distancing ökonomisch sinnvolle Konzerte unmöglich mache. Auch bei Festivals frage sie sich, ob die Zuschauer dafür bereit wären.

Michal Sládek vom slowakischen Pahoda Festival erzählte von einem Massentest der slowakischen Bevölkerung. Aber danach seien die Todesfälle angestiegen, deswegen könne er das nicht empfehlen. Für Festivals sei es besser, wenn sich Besucher drei Tagen vor dem Festivalbesuch, vor dem Einlass, während der Veranstaltung und nach der Rückkehr testen lassen sollten. Sabine Funk von IBIT wies darauf man hin, dass man mit den Besuchern kommunizieren und sie erziehen müsse. "Problematisch ist auch, dass wir für das Testen vorm Einlass mit den entsprechenden Warteschlangen noch mehr Platz vor der Veranstaltungsstätte brauchen. Und da fragt sich, wer dafür die Kosten und die Verantwortung trägt."

Markus Wiersch vom Karlsruher Das Fest, warnte auch davor, Simulationen zu viel Aussagekraft beizumessen. "Simulationen sind zwar ein hilfreiches Werkzeug, aber sie können uns nicht die Zukunft vorhersagen, können uns allenfalls auf Fehler in den Ausgangsbedingungen aufmerksam machen. Es liegt an uns, die Aussagen zu interpretieren." Andy Mestka vom OpenAir St. Gallen strich heraus, dass die Corona-Lage sich so schnell verändere, dass die Ansagen von den Behörden und der Regierung immer zu spät kämen, um dann noch eine Großveranstaltung wie ein Festival hinreichend planen zu können.

Unter dem Titel "Brexit: Endgame" hatte sich nach Panels bei Eurosonic Noorderslag und einer Reeperbahn Festival Focus Session auch bei der ILMC eine Expertenrunde zusammengesetzt, um die Folgen des Brexits für die Livebranche zu untersuchen. Oleg Gaidar von World Touring Artists Consulting kritisierte den UK-Premierminister: "Wenn Boris sagt, dass die Tür offen stehe, ist das nicht genug." Der niederländische Steuerexperte Dick Molenaar, den auch Eurosonic und die Reeperbahner für ihre Brexit-Runden eingeladen hatten, prophezeite, dass es anfangs für UK-Acts schwerer sein werde, auf dem Kontinent zu touren, aber langfristig würden Regelungen gefunden werden. "Denn wir lieben Musik aus Großbritannien und wollen sie auch wieder live in Europa hören."

Viel in den Vorjahren hatte auch Christoph Scholz von SC Exhibitions, wieder viel zu tun. Der Geschäftsführer des Touring-Exhibition-Departments von Semmel Concerts stellte bei drei Präsentationsveranstaltungen kommende Attraktionen vor allem aus dem nicht-musikalischen Livebereich vor - darunter eine von Semmel selber ausgerichtete Show zum 100-jährigen Jubiläum von Walt Disney im Jahr 2023.

Unter deutscher Führung ging auch das Panel "Ticketing: Moving Beyond 2020" über die Bühne. Scumeck Sabottka (MCT Agentur) und Nicole Jacobsen (Tickets.de) moderierten gemeinsam eine Runde, bei der die australische Ticketmaster-Chefin Maria O'Connor von der Öffnung des Landes berichtete. So könnten in Australien, wo derzeit 20 positiv Gestestete gemeldet worden seien, derzeit bereits Shows mit voller Kapazität stattfinden, aber es könne auch immer wieder zu Ansagen der Regierung kommen. So musste wegen gestiegener Zahlen in einer bestimmten Region die Kapazität des Harry-Potter-Musicals von 75 Prozent auf 50 Prozent gesenkt werden.

O'Connor stellte aber auch die Möglichkeiten des digitalen Ticketings vor, das bei der Pandemiebekämpfung helfen könnte - etwa bei der Kontaktverfolgung, weil Ticketmaster genau wisse, wer wo bei einem Konzert gesessen habe. Auch falsche Angaben zur Identität könnte Ticketmaster auf diese Weise aufdecken. Chris Lipscom vom britischen Kartenverkäufer AXA, der für den erkrankten Alexander Ruoff von CTS Eventim eingesprungen war, warb für einen Gesundheitspass, mit dem man sich dann frei bewegen könne.

Sabottka selber griff die Thematik eines von MusikWoche-Autor Manfred Tari am Vortag moderierten Panels auf und fragte, ob die Livebranche eine stärkere Lobbyarbeit brauche. "Denn während der Pandemie haben wir gesehen, dass man zwar auf einer anderer Seite steht als der Mitbewerber, aber letztlich doch in derselben "Scheiße". Lipscomb stimmte zu, meinte aber, dass die einzelnen Länder erst national die Lobbyarbeit verstärken und mit einer Stimme auftreten sollten, bevor man dies auf internationaler Ebene tun könne. So gebe es in Großbritannien nun den zentralen Verband LIVE, nachdem 2020 der Sport bei den Wiederöffnungen und Unterstützungen erfolgreicher gewesen sei als die Entertainmentbranche.

Besagter LIVE-Verband stellte sich dann in einer halbstündigen Präsentation den ILMC-Delegierten vor. LIVE-Präsident Greg Parmley, zugleich ILMC-Chef und Chefredakteur des "IQ"-Magazins, freute sich, dass es gelungen sei, hier Individuen zusammenzubringen, die sich ansonsten mit aller Macht bekämpften. Auch habe der Verband bereits erste Erfolge errungen. "Die Regierung hat unsere Botschaft vernommen und wir haben dazu beigetragen, dass die Hilfen für die Livebranche noch einmal erhöht wurden."

Corona und die Folgen waren auch die dominierenden Themen beim beim "Workshop: Covid Testing & Mitigation", bei den Panels "Covid-19: The Strategy Game", "Managers: Beyond The Old Normal ", "Touring In 2021 & Beyond: The Long Game" oder "The Engine Room: The IPM Review", aber bei Runden wie "Race Matters In Live: Levelling Up" standen soziale und gesellschaftliche Fragen im Vordergrund.