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Aus- und Fortbildung im Musikgeschäft: Vernetzt trotz Lockdown

Um die Corona-Pandemie einzudämmen, begann im Winter ein zweiter Lockdown. MusikWoche wollte wissen, wie Studierende mit Maßnahmen wie Kontaktbe­schränkungen, Ausgangssperre und Online-Unterricht umgehen. Ist der Austausch dadurch schwieriger geworden oder hat es auch die Kreativität beflügelt?

04.03.2021 13:22 • von Jonas Kiß
Lernen mit Laptop: Online-Tools sind nun im Studienalltag essenziell. (Bild: Screenshot, MusikWoche)

Um die Corona-Pandemie einzudämmen, begann im Winter ein zweiter Lockdown. MusikWoche wollte wissen, wie Studierende mit Maßnahmen wie Kontaktbe­schränkungen, Ausgangssperre und Online-Unterricht umgehen. Ist der Austausch dadurch schwieriger geworden oder hat es auch die Kreativität beflügelt?

»Glücklicherweise konnten wir die Music Business Summer School im September letzten Jahres größtenteils als Präsenzveranstaltung mit Abstands- und Hygieneregeln in Hamburg durchführen«, berichtet Sarah Amirfallah von der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM). Die internationale Version der School musste kurz darauf hingegen als reiner Onlineevent stattfinden. Bei beiden Veranstaltungen hätten der Verlauf und das Feedback der Studierenden im Anschluss gezeigt, dass Wissensvermittlung auf digitalem Wege durchaus möglich sei und sogar Spaß machen könne. »Dies hat uns auch ermutigt, die Gratis-Online-Workshopreihe 'Inspiration Information' zu lancieren, die von Branchenprofis dankbar angenommen wird.« Schwieriger sei es mit dem Networking: Zwar sei auch eine digitale Vernetzung laut Amirfallah machbar und nachhaltig, aber der direkte physische Austausch in Gesprächen oder Diskussionen habe »natürlich eine andere Qualität« und sei nicht vollständig ersetzbar. »Nichtsdestotrotz konnten unsere Studierenden wertvolle Kontakte knüpfen und digitale Networking-Tools kennenlernen«, bilanziert Amirfallah.

Auch Miguel Kertsman, Course Director of Masters Programs am Zentrum für Angewandte Musikforschung an der Donau-Universität Krems in Österreich, findet, dass die allgemeine Stimmung überall herausfordernd sei, da man die akademische Erfahrung nicht vom täglichen Leben trennen könne. »Unsere StudentInnen sind motiviert, bemerkenswert anpassungsfähig und unsere DozentInnen ebenso.« Zum Beispiel hat eine der Dozentinnen, Dr. Judith Merians, eine erfahrene Hollywood-Anwältin und ehemalige Senior Business Affairs Executive bei Firmen wie Warner Bros, ihre Vorlesungen und Seminare wegen der neunstündigen Zeitverschiebung die ganze Nacht hindurch online von Los Angeles aus gehalten. »Die DozentInnen und ich haben Wege gefunden, auch Tests und Hausarbeiten ohne Probleme durchzuführen«, sagt Kertsman. Trotz der Herausforderung einer intensiven Online-Erfahrung seien die Studierenden sehr engagiert und die Produktivität sei hoch und sehr gut. »Da ich in diesem Format bei jeder Vorlesung in ihrer Gesamtheit >anwesend< sein muss - für den Fall, dass technische Unterstützung benötigt wird - bitten mich die DozentInnen jedoch manchmal, als Lehrgangsleiter von Zeit zu Zeit aktiv an den Seminaren teilzunehmen, wenn ich weitere Perspektiven in die laufende Diskussion einbringen kann.« Das Onlinestudium habe in diesem Fall laut Kertsman auch »erweiterte kooperative Lernerfahrungen« ermöglicht. »Natürlich würde es jeder noch vorziehen, zumindest eine Mischung aus physischem Unterricht auf dem Campus und Online-Aktivitäten zu haben. Aber das ist jetzt unsere Realität, und wir versuchen alle, das Beste daraus zu machen«, so Kertsman.

Heutzutage seien die Menschen laut Kertsman bereits übermäßig mit digitalen Geräten und Bildschirmen konfrontiert. Das Hinzufügen von akademischen Aktivitäten in dieser virtuellen Welt bringe neue Herausforderungen mit. Man müsse aufmerksam und sensibel für die Bedürfnisse aller in der Gruppe sein und die Vorlesungen entsprechend steuern: Tempo, Pausen und curriculare Überlegungen. »Ehrlich gesagt würde ich nicht sagen, dass diese Situation die Kreativität der Studierenden besonders gefördert hat. Studierende mit einer höheren kreativen Veranlagung werden unabhängig von den Umständen kreativ sein. Dank der neuesten Technologien und der Fähigkeit der Menschen, sich anzupassen, funktioniert der akademische Prozess sehr gut. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass, Pandemie hin oder her, die Vorstellung einer 'alles-digitalen' Welt, nicht nur im Bildungsbereich, sondern generell, einfach für niemanden ein sehr gesundes Angebot ist«, schlussfolgert Kertsman.

Anna Marks, College Principal des BIMM Institute Berlin und Hamburg, sieht die Lage folgendermaßen. Obwohl die aktuelle Corona-Situation Kulturbetriebe, Agenturen und Künstler vor einige Herausforderungen stellt, werde Musik gerade jetzt mehr denn je gebraucht. Besonders in schwierigen Zeiten sei Musik ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens und aus unserem Alltag nicht wegzudenken. »So glauben wir vom BIMM Institute, dass gerade jetzt die richtige Zeit ist, sich der eigenen Kreativität zu widmen. Mehr denn je werden junge Musikschaffende der nächsten Generation gebraucht, um die Musikbranche in Zukunft zu verändern, neue Konzepte für Konzerte und Festivals zu erstellen und innovative Business-Modelle zu entwerfen. Am BIMM Institute geben wir genau dieser Generation von Nachwuchskünstlern und Musikexperten mit unseren Bachelor-Studiengängen die Möglichkeit, von den Besten der Besten aus der Branche zu lernen und dies in hochmodernen Unterrichtsräumen, mit der neuesten Technik und Ausstattung. Darüber hinaus sind alle unsere Dozent*innen Musikschaffende, die seit Jahren aktiv in der Musikindustrie tätig sind.« Das BIMM Institute bietet den Studierenden ein breites Netzwerk aus Experten, um ihnen die ersten Karriereschritte in der Branche zu ermöglichen und sie bestmöglich auf ihre musikalische Berufslaufbahn vorzubereiten. »Wir legen viel Wert auf die Beschäftigungsfähigkeit unserer Studierenden und unterstützen sie in Sachen Jobsuche, wo wir nur können. In den letzten drei Jahren fanden 86 Prozent unserer Absolventen einen Job in der Musikbranche«, erklärt Marks.

Das BIMM Institute hatte schnell auf die aktuelle Lage und die damit einhergehenden Regularien reagiert. So konnte die private Hochschule im Frühjahr 2020 den gesamten Unterricht auf Online-Learning umstellen und setze nun alles daran, Präsenzunterricht in kleineren Gruppen unter den geforderten Hygienekonzepten ab Ende März wieder anbieten zu können. »Ein positiver Effekt der aktuellen Situation, in der wir uns viel in einer virtuellen Welt bewegen, ist, dass die Zusammenarbeit zwischen den acht BIMM Colleges stark gefördert wurde und ein Austausch der Studierenden zur Kreativität beiträgt«, sagt Marks.

Esther Eden, Songwriting-Studentin am BIMM Institute Berlin, findet es gut, dass das BIMM Institute den Studierenden die Möglichkeit gegeben hat, an einem »Shooting« innerhalb der »Summer Series« teilzunehmen. »Das BIMM Institute hat ein tolles Team von Kreativen organisiert, und somit ein erfolgreiches Event auf die Beine gestellt«, berichtet die Studentin: »Ich habe mich so gefreut, dass ich nach Monaten wieder mit dem Gitarristen Jan Kurfürst auftreten konnte - natürlich unter Einhaltung der erforderlichen Abstandsregeln. Besonders schön finde ich, dass meine Musik nun auch von Studierenden anderer BIMM-Standorte gehört wird.«

An der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim wird der Studienbetrieb bereits seit dem Sommersemester 2020 erfolgreich digital durchgeführt, wie die Popakademie-Geschäftsführer Hubert Wandjo und Udo Dahmen wissen lassen. »Es haben sich dabei innerhalb und additiv zum Lehrbetrieb einige Formate wie Streaming Konzerte, unsere Konferenzen Zukunft Pop 2020 und Future Music Camp 2021 sowie die International Songwriting Week 2020/2021, das International Summer Camp 2020 und das International Band und Business Camp 2021 als besonders erfolgreiche Onlineformate herausgestellt, was auch für die Zukunft nach Corona eine interessante Perspektive darstellen wird.« Das von der Popakademie entwickelte Online-Lehrangebot soll laut Wandjo und Dahmen auch künftig Bestandteil des Programmes sein. Viele Studierende würden den Fokus im Augenblick auf ihre eigenen Projekte und die Produktion neuer Songs legen. Dabei würden Songwriting und Produzieren unter anderem für Filmmusiken eine größere Rolle als in der Vergangenheit spielen. Insgesamt sei die Situation für die Studierenden herausfordernd.Die Popakademie unterstützt durch Stipendien und einen Hilfsfond für besondere Härtefälle.

»Wir sind jedoch zuversichtlich, dass nach der Pandemie auch die Livekonzerte und -veranstaltungen wieder einen Aufschwung erfahren werden und damit für junge Künstlerinnen und Künstler wieder Möglichkeiten entstehen, sich ihrem Publikum vorzustellen. Hier sind kreative Lösungen gefragt, die auch neue Formate einschließen«, denken Wandjo und Dahmen: »Insgesamt ist der persönliche Kontakt und der Austausch im Networking zwischen den Studierenden und Dozierenden in der Popakademie durch ihre Veranstaltungen und Konzerte nicht zu ersetzen und wir hoffen sobald wie möglich wieder in einen direkten, zwischenmenschlichen Austausch zu kommen.«

_Pausen im Pandemie-Alltag

Das Erich Pommer Institut startete im Oktober 2020, neben den Weiterbildungsveranstaltungen für die Medienbranche, bereits in den vierten Jahrgang des Masterstudiengangs »Digital Media Law and Management LL.M.' MBA«. Laut Philipp Künstle, Geschäftsführer Erich Pommer Institut, ging es im ersten Lockdown darum, die Präsenzveranstaltungen so schnell wie möglich in digitale Formate zu gießen, um den Studierenden die Möglichkeit zu geben, weiterhin am Studium teilnehmen zu können. »Wichtiger Bestandteil war auch unser 'Train The Trainer'-Format, mit dem wir unsere Dozierenden optimal auf die digitale Lehre vorbereitet haben.« So hätten schnell auch Online-Tools wie das Whiteboard und digitale Lernstrategien in die Lehre Einzug erhalten.

»Wir merken auch, dass die Studierenden und Lehrenden immer fitter im Umgang geworden sind mit all den Technologien. Wir sind also gemeinsam miteinander gewachsen«, sagt Künstle: »Auch wenn es natürlich nie das persönliche Treffen und Zusammenkommen ersetzen wird, so bekommen wir von unseren Studierenden die Rückmeldung, dass sie dankbar für den Blick nach vorne sind, den wir ihnen mit der Online-Lehre ermöglichen. Auch der Austausch untereinander in den Pausen hilft, um zwischenzeitlich ein bisschen Abstand zum Pandemie-Alltag gewinnen zu können.«