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Deutscher Musikmarkt trotzt der Corona-Krise ein Umsatzplus ab

Die deutsche Musikwirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt ächzt weiter unter den Problemen des Lockdowns. Doch zumindest im Bereich Recorded Music sorgt ganz offenbar die wachsende Onlinenutzung von Musik unterm Strich für einen Silberstreif am Horizont. Das zeigt die Bilanz des Bundesverbands Musikindustrie für 2020, die ein Umsatzplus im prozentual höheren einstelligen Prozentbereich ausweist.

04.03.2021 11:02 • von
Kurs auf drei Viertel: der Umsatzanteil digitaler Formate am deutschen Musikmarkt lag 2020 bei 71,5 Prozent (Bild: Bundesverband Musikindustrie, GfK Entertainment)

Die deutsche Musikwirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt ächzt weiter unter den Problemen des Lockdowns. Doch zumindest im Bereich Recorded Music sorgt ganz offenbar die wachsende Onlinenutzung von Musik unterm Strich für einen Silberstreif am Horizont. Das zeigt die Bilanz des Bundesverbands Musikindustrie für 2020, die ein Umsatzplus im prozentual höheren einstelligen Prozentbereich ausweist.

_____MUSIKMARKT VERBUCHT UMSATZPLUS VON NEUN PROZENT

"Trotz der pandemiebedingten Maßnahmen sind die Umsätze der Musikindustrie in Deutschland im vergangenen Jahr gewachsen", heißt es denn auch beim Branchenverband, der am 4. März 2021 seine Zahlen vorlegte. Die Einnahmen aus Tonträgerverkäufen und Erlösen aus dem Streaminggeschäft summierten sich demnach von Anfang Januar bis Ende Dezember 2020 nach Endverbraucherpreisen und inklusive Mehrwertsteuer auf 1,785 Milliarden Euro - das ist ein durchaus eindrucksvolles Plus von neun Prozent gegenüber 2019.

Damit fiel das Umsatzplus noch deutlich freundlicher aus, als es sich zum Halbjahr 2020 mit Zuwächsen von knapp fünf Prozent angedeutet hatte, und übertraf sogar die Dynamik des Vorjahres, als das Plus für 2019 noch bei 8,2 Prozent lag. Auch bestätigt das aktuelle Ergebnis den Aufwärtstrend, schließlich fiel noch 2018 ein Minus bei 0,4 Prozent und 2017 von 0,3 Prozent an.

Treiber der Entwicklung war erneut das Audiostreaming, wie nicht zuletzt ein erster Trendbericht von BVMI und GfK Entertainment zu Jahresbeginn hatte ahnen lassen, laut dem 2020 binnen zwölf Monaten rund 139 Milliarden Musikstreams gezählt wurden, was im Vorjahresvergleich ein Plus von knapp 30 Prozent bedeutet.

Diese Tendenz kann der BVMI nun auch für die Umsatzentwicklung bestätigen:

Demnach wuchsen die Einnahmen der Plattenfirmen aus der Vermarktung von Musik über die verschiedenen Streamingdienste im Jahr 2020 um 24,6 Prozent auf einen Umsatzanteil von nunmehr 63,4 Prozent am Gesamtmarkt - 2019 waren es noch 55,5 Prozent. Rechnet man noch Downloads und andere digitale Auswertungsformen hinzu, dann stammten 71,5 Prozent, und somit knapp drei Viertel des Umsatzes, aus online stattfindender Musiknutzung.

Der Umsatzanteil beim Audiostreaming lag mit 63,4 Prozent allerdings gut zwei Prozentpunkte unter dem in der Halbjahresbilanz des BVMI verzeichneten Wert, wobei sich hier immer noch manche traditionell aufs Jahresende hin zielende Veröffentlichungsplanung bemerkbar gemacht haben dürfte. Ein bisschen Weihnachtsgeschäft geht ganz offenbar noch immer, trotz coronabedingter Schließungen im stationären Handel.

Dennoch hatte laut BVMI-Analysen vor allem die CD unter den geschlossenen Geschäften "deutlich zu leiden", wie es angesichts von Umsatzeinbußen um 18 Prozent aus Berlin heißt. Die CD stellte jedoch weiterhin das nach Umsätzen zweitstärkste Format des deutschen Musikmarkt.

_____VINYL LEGT UM FAST 25 PROZENT ZU

Dahinter schob sich derweil das Vinyl mit einem "weiteren deutlichen Plus von 24,7 Prozent" am Download vorbei auf den dritten Platz des Umsatzrankings. Die LP kommt inzwischen auf einen Anteil von 5,5 Prozent am Gesamtmarkt - und zeigt sich zudem mit weiter wachsender Dynamik von einer zwischenzeitlichen Delle deutlich erholt: Schon 2019 verbuchten Vinyl-Schallplatten ein Umsatzplus von 13,3 Prozent, das Minus des Formats von 5,2 Prozent im Jahr 2018 darf somit wohl als Durchhänger durchgehen.

An vierter Stelle der Werttabelle rangieren in der aktuellen Jahresbilanz nun die Downloads, deren Umsatzvolumen um weitere 24,8 Prozent einbrach, was den Marktanteil auf noch 4,2 Prozent fallen ließ.

Formatübergreifend legte das Digitalgeschäft im Jahr 2020 um 20,3 Prozent zu, die Umsätze mit physischen Tonträgern gaben hingegen trotz der freundlichen Entwicklung bei den LPs zusammengerechnet um deutliche 11,7 Prozent nach.

Die GVL-Einnahmen der Plattenfirmen lagen schließlich mit 216 Millionen Euro knapp über dem Vorjahr, als die Leistungsschutzrechte 215 Millionen Euro zum Kuchen beisteuerten.

_____BELASTBARE RAHMENBEDINGUNGEN FÜRS DIGITALE STANDBEIN GEFORDERT

Dass die Zuwächse im Streaming dem deutschen Musikmarkt die Jahresbilanz gerettet haben, macht aber auch klar, wieso die Interessenvertreter der Musikunternehmen aus dem Labelgeschäft auch weiterhin so vehement auf die "zwingende Notwendigkeit belastbarer Rahmenbedingungen im digitalen Raum" drängen, wie es auch nun wieder beim BVMI heißt:

"Es bestätigt sich, was sich schon im Sommer abgezeichnet hat", lautet das erste Fazit von Florian Drücke, dem Vorstandsvorsitzenden des BVMI: "Die gute Digitalaufstellung unserer Mitgliedsfirmen über die vergangenen Jahre führt dazu, dass unsere Branche am Gesamtumsatz gemessen aktuell gut durch die Krise kommt - mehr noch, durch die pandemiebedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben sich die Fans nolens volens zunehmend im digitalen Raum mit Musik versorgt, was uns ein Gesamtwachstum von neun Prozent beschert hat." Für Drücke ist klar: "Das ist ohne jeden Zweifel erstmal eine sehr gute Nachricht."

_____GUTE NACHRICHT, ABER MIT EINEM HAKEN

Allerdings nutzt Drücke die Gelegenheit, um trotz tendenziell froher Botschaften auch die Politik mit in die Pflicht zu nehmen: Die gute Nachricht dürfe nämlich "über zwei Dinge keinesfalls hinwegtäuschen: Zum einen sind die Künstler:innen und unsere Schwesterbranchen, allen voran das Livegeschäft, bekanntlich in dramatischem Ausmaß von den Lockdowns betroffen und die Spätfolgen der Konzertausfälle innerhalb unserer eng verzahnten Branchenwelt noch nicht absehbar."

Zum anderen, fügt Drücke an, "bedeutet der zunehmende Digitalanteil von derzeit 71,5 Prozent zwingend auch eine deutlich zunehmende Dringlichkeit hinsichtlich belastbarer Rahmenbedingungen im Netz. Ebenso wichtig ist für uns ein besseres Verständnis des digitalen Spielfelds, das die wirtschaftlichen Realitäten unserer Branche nicht ausblendet!"

Für den Verbandsvorsitzenden ist damit klar: "Die deutsche Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie darf nicht dazu führen, dass die filigrane Lizenzarchitektur für Musikfirmen und Künstler:innen beschädigt wird - denn der europäische Kompromiss will das Gegenteil: Kreative und ihre Partner sollen besser an den Umsätzen von User-Upload-Plattformen wie YouTube partizipieren."

_____VIDEOSTREAMING BLEIBT BEIM GESAMTUMSATZ UNTER VIER PROZENT

Videostreaming, so rechnet Drücke vor, gehöre zwar zu den beliebtesten Nutzungswegen im Onlinebereich, "trägt aber noch nicht einmal vier Prozent zum Gesamtumsatz in Deutschland bei!"

Sein Fazit: "Gerade in dem schnellen und wettbewerbsintensiven Umfeld darf der Gesetzgeber das nicht vergessen. Letztlich stellt sich bei der Ausgestaltung des Rechtsrahmens in Deutschland dieselbe Frage wie bei der Bekämpfung der Pandemiefolgen, nämlich: Welchen Wert hat die Kultur- und Kreativwirtschaft in unserem Land?"

Text: Knut Schlinger