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Klaus-Peter Schulenberg setzte erstes ILMC-Highlight

Zu Beginn der 33. ILMC hatten sich 1034 Fachbesucher für die erstmals rein digitale Ausgabe des Livebranchentreffs registriert. Höhepunkt des ersten Tages am 3. März war ein Keynote Interview mit Klaus-Peter Schulenberg, in dem der CTS-Eventim-CEO zwar von einem bevorstehenden "goldenen Zeitalter" sprach, das wohl aber erst 2023 oder 2024 anbrechen werde.

04.03.2021 09:29 • von Dietmar Schwenger
Bei der virtuellen ILMC: Greg Parmley (links) und Klaus-Peter Schulenberg (Bild: Screenshot, ILMC)

Zu Beginn der 33. ILMC hatten sich am 3. März 2021 insgesamt 1034 Fachbesucher für die erstmals rein digitale Ausgabe des Livebranchentreffs registriert. Zudem haben rund 500 Delegierte am 2. März bereits an den beiden vor der eigentlichen ILMC stattfindenden Konferenzen teilgenommen, dem ILMC Production Meeting (IPM) und der Green Events & Innovations Conference (GEI). ILMC-Chef Greg Parmley begrüßte die virtuellen Zuschauer mit einer gewohnt aufwändigen Inszenierung, bezeichnete 2020 als ein "Annus Horribilis" für die Veranstaltungswirtschaft und bat um einen stillen Moment des Gedenkens an zuletzt verstorbene Persönlichkeiten der internationalen Livebranche.

Unmittelbar danach begann ein vielfältiges Konferenzprogramm mit bis zu drei gleichzeitig stattfindenden Panels, die zumeist Zugriffszahlen um die 500 erreichten. Höhepunkt des ersten Tages war ein Keynote Interview mit Klaus-Peter Schulenberg, das um 18 Uhr deutscher Zeit begann. In dem Gespräch mit Parmley sprach der CTS-Eventim-CEO zwar von einem bevorstehenden "goldenen Zeitalter", das wohl aber erst 2023 oder 2024 anbrechen werde.

Zunächst aber erzählte Schulenberg von seinen Anfängen in der Branche, wie er früh im Internet eine Chance erkannte, die "wenig schöne Erfahrung beim Kartenvorverkauf bei Ticketschaltern" durch neue Technologien abzulösen. Damit sei CTS Eventim so erfolgreich gewesen, dass man seit 2001 beständig gewachsen sei, 2019 sei das bislang beste Jahr in der Unternehmensgeschichte gewesen, bevor dann Corona kam.

Das Unternehmen habe angesichts der ausgefallenen oder verschobenen Tourneen zuerst alle Versicherungen geprüft, dann aber auch Kosten reduziert, ohne auch nur einen einzigen der 3500 Mitarbeiter zu entlassen, die nach zunächst 95 Prozent bei nun 90 Prozent ihrer monatlichen Nettobezüge stünden. Der Branche habe die Gutscheinlösung geholfen, damit habe man sowohl den Veranstaltern wie auch den Fans helfen können, so Schulenberg. 90 Prozent der Ticketkäufer hätten darauf positiv reagiert.

Nun gehe es um die Wiederöffnung der Livebranche, CTS Eventim sei hier im ständigen Austausch mit den Behörden. Dabei lobte Schulenberg das Impfpraxis der Briten: "Man mag von Boris Johnson halten was man will, aber er hat die Impfung sehr professionell durchgezogen, was nun zu einer Art Euphorie in Großbritannien geführt hat, was man zuletzt an den starken Ticketverkäufen gesehen hat. In Deutschland sind wir beim Impfen noch nicht soweit, das ist ein gewisser Skandal."

Schulenberg glaubt, dass die Livebranche auch ein zweites Jahr ohne Festivals überleben kann, auch weil die Fans so treu seien und ihre Tickets auch dieses Mal nicht zurückgeben würden. Optimistischer ist er bei Indoor-Shows, hier könnten Konzerte im dritten oder vierten Quartal 2021 mit einer Kapazität von 50 Prozent, "vielleicht sogar 75 Prozent", über die Bühne gehen.

Zum Thema DreamHaus äußerte er sich nicht allzu ausführlich: "Matt Schwarz ist ein sehr erfahrener Professional, der bei DreamHaus einen guten Job macht und dort ein passendes Unternehmen aufbaut. Alle unsere Veranstalter bei unserem Netzwerk Eventim Live begrüßen ihn herzlich."

Grundsätzlich sei Schulenberg optimistisch, warnte aber auch wie zuletzt bei einem "Pollstar"-Interview vor einer Marktsättigung im Jahr 2022 mit einem "gewaltigen Wettbewerb" bei gleichzeitig nicht endlosen Mitteln, die Fans beim Kartenkauf zur Verfügung stünden. Deswegen sage er den Veranstaltern: "Seid vorsichtig, geht nicht alle Risiken ein." Denn Schulenberg befürchtet gesamtwirtschaftlich eine Rezession, die verfügbaren Einkommen werden sinken, die Steuern hingegen steigen.

Dennoch ist er sich sicher, dass die Blockbuster unter den Tourneen ausverkauft sein werden. Sorgen mache er sich eher um "den mittleren, unseren Brot-und-Butter-Markt." Profitieren von der der zunächst nur territorialen Liverückkehr könnten aber die heimischen Acts, die sofort alle Möglichkeiten bei den sich bietenden Szenarien ergreifen würden. "Aber eine Wiederöffnung ist keine Erholung. Es wird dauern, bis gerade die älteren Konzertbesucher wieder unbelastet in die Hallen gehen werden." Deswegen müsste der Markt darauf reagieren - unter anderem damit, dass Garantiesummen für Künstler sinken sollten. Auch müssten Acts und Agenten bereit sein, bei Konzertabsagen die Risiken zu tragen. "Agenten sollten nun bescheiden vorgehen."

Auch rechnet Schulenberg mit lokalen Kosten, die bis zu 20 Prozent steigen könnten, weil die erforderlichen Hygienemaßnahmen Geld kosten und die Hallen möglicherweise höhere Mieten verlangen, um ihre Verluste aus 2020 und 2021 zu kompensieren.

Für die Zukunft hatte Schulenberg in dem einstündigen Gespräch aber auch positive Ausblicke in petto. So schwärmte er von den Möglichkeiten, die 5G etwa beim Ticketverkauf eröffne. "CTS Eventim will nicht nur Marktführer, sondern auch Technologieführer bleiben. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass Blockchain die künftige Technologie beim Ticketing sein wird, weil es dort zu viele Hürden etwa beim Ticketweiterverkauf oder der Rückerstattung von Geldern gebe. Er glaube vielmehr an Mobile Ticketing, das sei die Zukunft.

Im Austausch mit der Politik brauche die Livebranche eine starke Lobbyarbeit, aber das sei teuer und die Bereitschaft in der Branche, dies zu finanzieren, sehe er noch nicht. Mit dem BDKV arbeitete CTS Eventim sehr eng zusammen, "Wir unterstützen Jens Michow und seine Gefährten." Auch mit Live Nation könne er sich ein gemeinsames Vorgehen bei der Lobbyarbeit vorstellen. "Ich nehme Wettbewerb niemals persönlich, warum sollten wir hier also nicht mit Live Nation zusammenarbeiten? Für CTS Eventim war das Prinzip Partnerschaft immer wichtig und ich lade jeden ein, mit uns zusammenzuarbeiten."

Gegen Ende des Gesprächs wurde Schulenberg nachgerade philosophisch: "Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass die Gesellschaft stärkre zusammenhält. Die Jungen sind solidarisch mit den Alten. Ich weiß zwar nicht, ob wir von einer Ego-Gesellschaft zu einer Wir-Gesellschaft kommen, aber es wichtig, diese Frage zu stellen."

Mit Spannung erwartet wurde auch das traditionelle "Open Forum", bei dem sich in diesem Jahr der britische Live-Nation-Manager Phil Bowdery mit Tim Leiweke (Oak View Group), Emma Banks (CAA) und Jay Marciano (AEG Presents) austauschte. "Auch wenn es nun ein Licht am Ende des Tunnels gibt, aber unglücklicherweise wird das Virus noch länger die Branche dominieren."

Leiweke warnte, dass die vollständige Öffnung von Texas ab dem 8. März und der Wegfall aller Restriktionen dort möglicherweise zu früh sein könnte. "Das könnte auf all die anderen Bundesstaaten zurückfallen." Aber er ist sich sicher, dass irgendwann alles mit einer Begeisterung zurückkommen werde. "Denn es gibt nichts Vergleichbares wie eine Liveshow, Livestreaming wird das niemals ersetzen können. Musik ist die Essenz unserer Seele."

Der Chef der Oak View Group mahnte aber auch an, dass man den Clubs helfen müsse, denn ohne sie gebe es keine neuen Acts. Deswegen appellierte er an die gesellschaftliche Verantwortung der Branche: "Wir sollten diese Zeit nutzen, um zu sehen, was wir diesem Planeten angetan haben. Wir als Branche waren immer die Vorreiter, nicht nur bei der Umwelt, sondern auch bei sozialen Fragen."

Marciano wie auch Emma Bank wiesen auf die Gefahr hin, eine ganze Generation von jungen Musikern zu verlieren, weil es derzeit keine Möglichkeit gebe, sich live zu präsentieren. "Acts haben heute zwar viele Möglichkeiten, um ihre Musik zu veröffentlichen, aber Plattformen wie TikTok funktionieren nicht - und nicht jeder Künstler, der über TikTok einen Hit hat, hat auch einen zweiten."

MusikWoche-Autor Manfred Tari leitete eine Diskussionsrunde, in der es unter der Überschrift "Collaboration: The Multiplayer Experience" um die Frage ging, ob die Livebranche einen übergreifenden Verband brauche, um gegenüber der Politik mit einer Stimme zu sprechen und erfolgreiche Lobbyarbeit zu betreiben. Denn bei vielen Politikern gebe es immer noch zu wenig Wissen über die Livebranche, wie Lucy Noble, Leiterin der Royal Albert Hall und Vorsitzende der National Arena Association, erklärte.

Diesem Bild wollte der deutsche Grünen-Politiker Niklas Nienaß nicht entsprechen, der in dem Panel beklagte: "Wir alle sprechen davon, etwa die Schulen wieder zu öffnen, aber nicht von der Kultur, obwohl man dort hervorragende Hygienekonzepte entwickelt hat und gezeigt hat, wie man Covid-gerechte Veranstaltungen ausrichtet." Er räumte aber ein, dass andere Branchen wie etwa Fluggesellschaften effektiver Lobbyarbeit betrieben.

Zugleich sei ihm klar, dass Techfirmen wie Amazon mehr Macht besäßen als die gesamte Livebranche zusammen. Diese Unternehmen hätten dann auch anders als die Veranstaltungswirtschaft einen direkten Zugang zu Politikern, was ungerecht sei. "Die Politik muss das ändern, zugleich sollte aber die Livebranche auf die Politik zukommen, wie auch umgekehrt." Noble erwähnte den jüngst in Großbritannien gegründeten zentralen LIVE-Verband. Dafür hätte man eine teure PR-Agentur mit besten Verbindungen zur Politik bezahlt, die dann aber die gewünschten Resultate gebracht hätte.

Olivier Toth, Geschäftsführer der Luxemburger Spielstätte Rockhal wie auch Co-Initiator der Arena Resilience Alliance (ARA), von Testkonzerten in der Rockhal, die bewiesen hätten, wie sichere Veranstaltungen auch unter Corona-Bedingungen möglich seien. 78 Prozent der Besucher dieser Shows hätten sich vollständig sicher gefühlt. In derselben Runde führte Dana DuFine (ASM Global) aus, dass man die Liveerfahrung neu gestalten müsse. "Wir müssen erreichen, dass die Leute sich wieder sicher fühlen in den Hallen, weswegen wir auf kontaktlose Systeme setzen - vom Kartenverkauf bis zum Ordern von Getränken in der Halle."

Weitere Panels beschäftigten sich mit dem Versicherungswesen, den Veränderungen im Geschäft der Agenten und Streamingkonzerten, Künstleraufbau oder Perspektiven für kleine Spielstätten, während ein ganzer Themenstrang namens "Pulse" neuen Technologien und deren Anwendung in der Livebranche gewidmet war.

Am Abend begann das Liveprogramm mit mehreren vorab aufgezeichneten Showcases, zudem boten wie ILMC-Ausrichter ein virtuelles Poker-Spiel und ein "Escape From Reality"-Quiz an. Das Konferenzprogramm am ILMC-Mittwoch beschloss eine Liveausgabe des Bob Lefsetz Podcasts. Der US-amerikanische Blogger sprach knapp zweieinhalb Stunden mit dem britischen Künstlermanager Ed Bicknell, der anekdotenreich von seiner bewegten Karriere in der Musikbranche mit Künstlern wie Wishbone Ash, Gerry Rafferty, Bryan Ferry und den Dire Straits erzählte.