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Review: "Billie Eilish: The World's A Little Blurry"

Heute feiert auf Apple TV+ die außergewöhnliche Doku "Billie Eilish: The World's A Little Blurry" Premiere, die ein Jahr im Leben der 19-jährigen Popsängerin einfängt, als wäre man live mit dabei. Hier unsere Besprechung.

26.02.2021 07:48 • von Thomas Schultze
Die eindringliche Musik von Billie Eilish berührt Fans auf der ganzen Welt (Bild: Apple TV+)

Heute feiert auf Apple TV+ die außergewöhnliche Doku "Billie Eilish: The World's A Little Blurry" Premiere, die ein Jahr im Leben der 19-jährigen Popsängerin einfängt, als wäre man live mit dabei. Hier unsere Besprechung.

Starke Doku über ein Jahr im Leben von Billie Eilish, die dem Popstar so nahekommt, wie es einem Film möglich ist.

Die mittlerweile zahllosen Erfolge von Billie Eilish aufzuzählen, hieße zu versuchen, ihre Wikipedia-Seite abzuschreiben. Belassen wir es also bei der Feststellung, dass die nunmehr 19-Jährige eine Ausnahmeerscheinung in der Popmusik des Hier und Heute ist, ihre Persönlichkeit ebenso ungewöhnlich und eigen wie ihre Musik. Und dass sie damit die Welt im Sturm erobert hat: Ihre bisweilen bis auf einen Herzschlag oder ein Basszirpen reduzierte Musik trifft einen Nerv, spricht direkt und unmittelbar zu ihren Zuhörern, ist so persönlich wie eine fortwährende Beichte, introspektiv, zutiefst melancholisch, erschütternd ehrlich.

Das Konfessionale steht auch im Mittelpunkt von "The World's A Little Blurry", benannt nach einer Textzeile des Eilish-Songs "ilomilo". Der Doku gelingt, was man gerade erst bei "I Am Greta" über Greta Thunberg vermisste: Sie geht unter die Haut, weil zwischen der Erzählung und ihrem Sujet kein Blatt mehr passt. Man will nicht wissen, wie Regisseur RJ Cutler, ein erfahrener Dokumann, der zuletzt mit seinen Filmen über so unterschiedliche Zeitgenossen wie John Belushi oder Dick Cheney auffiel, an diese Aufnahmen gekommen ist, die den Zuschauer fühlen lassen, als sei er die sprichwörtliche Fliege an der Wand: Hautnah erlebt man mit, wie die zu diesem Zeitpunkt noch 16-jährige Sängerin mit ihrem Bruder Finneas die Lieder komponiert und aufnimmt, die sich auf ihrem im März 2019 veröffentlichten ersten Album "When We All Fall Asleep, Where Do We Go" befinden. Wie sie in zunächst noch kleinen Hallen ihre Fans begeistert. Und wie sie schließlich als Headlinerin in Coachella endgültig ihren Durchbruch erlebt. Das ist die Zäsur, wie der Film mit einer "Intermission" anerkennt. Danach geht das Popstarleben weiter, das Touren, das Singen, mit allen Höhen und Tiefen, bis zu den Grammys.

Das Narrativ des Films ergibt sich aus den Dingen, die Billie Eilish sieht, erlebt, kommentiert, streng chronologisch, ohne weitere Informationen oder Off-Kommentare. Einzig eingeschnittene Interviews mit ihren Eltern bilden einen Rahmen, der für Distanz sorgt. Denn da ist noch mehr: Ohne Filter lässt die Sängerin die Kamera teilhaben an ihren Tourette-Zuckungen, Depressionen und finsteren Gedanken, an ihrer Einsamkeit, aber auch an Alltäglich-Persönlichem wie das Bestehen des Führerscheins oder das erste Treffen mit ihrem eigenen großen Idol, Justin Biber. Vor allem aber ist da Billies Liebe zu dem Jungen Q, der ihre Gefühle nicht wirklich erwidert. Er ist mal zärtlich und liebevoll, mal ausweichend und abweisend. Es ist regelrecht herzzerreißend, Zeuge zu sein, wie es die Sängerin verzehrt, auch nach der Trennung. Und wie der Schmerz wiederum ihre Musik nährt. Unmittelbarer könnte man in einem Film nicht vor Augen geführt bekommen, was die Quelle von Kreativität ist. Und es macht den Film zu einem Ereignis, das jede Minute seiner 140 Minuten Laufzeit wert ist. Hut ab.

Thomas Schultze