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Österreichs Musikwirtschaft taxiert Corona-Ausfälle auf 30 Millionen Euro

Die Musikindustrie in Österreich erzielte 2020 ein Umsatzplus von 3,4 Prozent. Doch abseits der Streamingzuwächse warnten die Repräsentanten der IFPI Austria bei der Präsentation der Jahresbilanz am 10. Februar vor den Folgen der Corona-Krise, taxierten den Schaden für die Musiklabels auf rund 30 Millionen Euro, und fordern von der Politik Hilfen in Höhe von drei Millionen Euro.

10.02.2021 15:14 • von
Streaming vor CDs, Leistungsschutzrechten und der LP: die Umsatzverteilung am österreichischen Musikmarkt im Jahr 2020 (Bild: Präsentation der IFPI Austria, Screenshot)

Die Musikindustrie in Österreich erzielte 2020 im Bereich Recorded Music bei Gesamtumsätzen in Höhe von 171,6 Millionen Euro ein Umsatzplus von 3,4 Prozent zum Vorjahr 2019. Das zeigt die Jahresbilanz der IFPI Austria. Allein das Streaming sei um rund ein Drittel gewachsen, und habe dabei den Musikmarkt im vierten Jahr in Folge im Plus gehalten, hieß es bei der in den Onlinebereich verlegten Vorstellung des Berichts am 10. Februar 2021. Dabei gerieten die eigentlichen Kennzahlen allerdings schnell in den Hintergrund.

Stattdessen bemühten sich Dietmar Lienbacher, Managing Director Sony Music Austria und Präsident des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft, Cornelius Ballin, General Manager Universal Music Austria, Franz Pleterski, General Manager Warner Music Austria, Hannes Tschürtz, Geschäftsführer Ink Music, und Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft, um ein umfassendes Bild der Lage im österreichischen Musikmarkt. Das war geprägt von den Folgen der Corona-Krise für die heimische Musikwirtschaft, den daraus resultierenden Forderungen an die Politik und die Betreiber der Streamingdienste, aber auch von der laufenden Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht.

Vor allem die Schließungen im stationären Handel und das Verbot von Konzerten und Veranstaltungen hätten "zu erheblichen Umsatzrückgängen und Verwerfungen am Musikmarkt" geführt, bilanzierte denn auch IFPI-Präsident Dietmar Lienbacher, und taxierte die Umsatzausfälle der Musiklabels in Österreich in Folge der Corona-Krise auf rund 30 Millionen Euro. Als Hilfsmaßnahme forderte Lienbacher von der Politik einen "Ausfallersatz" in Höhe von drei Millionen Euro.

Die bisherigen Hilfsmaßnahmen hätten im Musikgeschäft nur wenige erreicht, "die anderen schauen durch die Finger", berichtete Hannes Tschürtz, der in der Runde zunächst die oftmals kleinteilig organisierte Wertschöpfungskette im Musikgeschäft vom Song über Aufnahme, Veröffentlichung und Livedarbietung samt der damit hoffentlich verbundenen künstlerischen Markenbildung erläutert hatte.

Das heimische Repertoire sei im stationären Handel und bei physischen Produkten überproportional stark vertreten und daher vom Lockdown besonders stark betroffen, ergänzte anschließend Dietmar Lienbacher. Das betreffe zum Beispiel auch den Konzertverkauf. 2020 kam es dadurch nach Hochrechnungen der IFPI Austria zu einem dramatischen Umsatzeinbruch von 40 Prozent bei Produktionen aus Österreich. Zudem hätten es heimische Produktionen im Streaming traditionell schwer gegen die internationalen Stars. Cornelius Ballin stellte in diesem Zusammenhang fest, dass es bei den Streamingdiensten "nur wenige" redaktionelle Kapazitäten gebe, um sich um Musik aus Österreich zu kümmern.

Das schlägt ganz offenbar auch auf die Jahrescharts durch: Hier zeigte Franz Pleterski, dass es 2020 bei den Singles kein Song aus Österreich unter die Top 10 der erfolgreichsten Hits des Jahres geschafft habe und nur fünf in die Top 100. Bei den Alben hingegen schafften es fünf heimische Produktionen in die Top 10, von denen aber drei schon aus dem Jahr 2019 stammten.

Zurück zu den Zahlen zeigte sich denn auch, dass Streaming-Abos sich 2020 im Musikmarkt Österreichs als einzig krisensicheres Marktsegment erwiesen haben. Hier wuchsen die Umsätze um gut 32 Prozent auf 91,6 Millionen Euro. Sie sorgten damit bereits für fast zwei Drittel der Einnahmen am Musikmarkt.

Cornelius Ballin erläutert, dass 90 Prozent der Einnahmen im Streaming auf die Vermarktung von Musikabos entfielen, nur vier Prozent hingegen auf werbefinanzierte Videodienste wie YouTube. Der gesamte werbefinanzierte Bereich sei zwar "wichtig" auf dem Weg zu einem möglichen Einstieg in ein Premium-Abo, auf Dauer aber sei werbefinanzierter Musikkonsum "nicht nachhaltig".

Beim Verkauf physischer Tonträger brachen die Einnahmen hingegen um weitere 15 Prozent ein. Dabei sei der stationäre Handel noch deutlich schwerer betroffen: Hier lagen die Rückgänge laut IFPI-Angaben sogar bei knapp 30 Prozent.

CD-Umsätze brachen um mehr als 20 Prozent auf 30,5 Millionen Euro ein, Vinyl-Schallplatten verzeichneten hingegen ein Umsatzplus von über 15 Prozent auf nunmehr neun Millionen Euro. Das Vinyl kommt damit auf einen Marktanteil von 6,5 Prozent und überholte sogar die Download-Umsätze, die auf einen Anteil von 4,5 Prozent absanken. Der Verkauf von Merchandising-Produkten ging um 33 Prozent zurück.

Die Schließungen im Handel sowie in der Gastronomie und Hotellerie sorgten schließlich auch für Rückgänge und Ausfälle bei der Verwertungsgesellschaft LSG, die bei Einnahmen von 27,1 Millionen Euro ein Minus in Höhe von 14 Prozent verbuchte. Angesichts der teils existenzgefährdenden Auswirkungen der Corona-Krise habe die LSG bereits seit März 2020 Hilfsprogramme initiiert. Franz Medwenitsch, der auch die Geschäfte der LSG leitet, ließ durchblicken, dass man wohl weitere Programme auflegen wolle: "Hier würden wir uns wünschen, dass der Staat der LSG dabei hilft, zu helfen."

Von den Zahlen schlugen die Köpfe der österreichischen Musikwirtschaft schließlich einen Bogen zur Politik. Dabei wurde schnell deutlich, dass das Thema Urheberrecht auch in Österreich für Diskussionen sorgt:

"Bei der aktuellen Reform des Urheberrechts verfehlt das Justizministerium klar die Ziele der EU-Richtlinie", fasste Franz Medwenitsch als Geschäftsführer des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft zusammen. "Die urheberrechtliche Verantwortung der Plattformen soll durch neue Schlupflöcher verwässert und beim Urhebervertragsrecht die Balance einseitig zulasten der Kreativ- und Medienwirtschaft gekippt werden. Warum will das Justizministerium unserer digitalen Zukunft schaden?"

Unter anderem verwies Medwenitsch auf eine derzeit in Österreich geplante Ausnahmeregelung für Film- oder Musikausschnitte von bis zu 20 Sekunden Länge, die in Deutschland sogenannte Bagatellschranke: "20 Sekunden aber sind auf einem Dienst wie TikTok längst eine abgeschlossene Nutzung", machte Medwenitsch klar. Das aber sei nicht die Intention der EU-Richtlinie gewesen. Er forderte den Gesetzgeber auf, die Entwürfe "gründlich zu überarbeiten" und signalisierte Bereitschaft zum Diskurs, auch gemeinsam mit Film- und Medienwirtschaft.

Text: Knut Schlinger