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Amy Zayed findet, wir müssen noch "an unserer Einstellung arbeiten"

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Amy Zayed über deren Erfahrungen als blinde Journalistin.

21.01.2021 13:30 • von Jonas Kiß
Im Tourbus, bei der Arbeit als Musikjournalistin: Amy Zayed (Bild: Nahed Zayed)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Amy Zayed über deren Erfahrungen als blinde Journalistin.

Amy Zayed dürfte die einzig blinde Pop-Journalistin Europas sein. Als Pionierin auf dem Gebiet ist sie für renommierte Radiostationen im Einsatz, ihre Arbeiten wurden unter anderem in New York und London ausgezeichnet.

Sie gehört zu einer der wenigen Journalistinnen, die bilingual sowohl für nationale als auch für internationale Sender arbeitet. Ich lernte Amy Zayed in Köln bei einem Pressetag kennen und habe ihre Sehbehinderung am Anfang gar nicht wirklich wahrgenommen. Zu offen und einnehmend ist sie als Gesprächspartnerin, nicht nur mit einem exzellenten Musikgeschmack und Know-how, sondern auch mit ihrer direkten Art. Sie kann in Künstlerinterviews charmant und gnadenlos zugleich sein, was sich nur wenige trauen.

Stefanie Kim: In Deutschland leben 13,5 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen. Interessanterweise werden aber nur drei Prozent mit einer Behinderung geboren, sprich mehr als 95 Prozent erwerben Ihre Behinderung im Laufe des Lebens. Warum sind sie in der Musikbranche nicht sichtbar?

Amy Zayed: Ich kann natürlich nur für blinde Menschen sprechen, und ich kenne leider keine Zahlen. Aber was mir auffällt ist, dass es immer noch gewisse Klischees gibt. Denn es gibt bis jetzt zum Beispiel noch keinen Künstler oder keine Künstlerin mit Behinderung, die mir einfällt, die einfach nur cool ist und Musik macht. Da schwingt immer dieser Nebengedanke mit: Er oder sie macht das trotz der Behinderung, wie toll! Bei Blinden ist die Behinderung sichtbar, daher ist die Wahrnehmung glaube ich anders. Mir fallen so Leute wie Corinna May oder Joana Zimmer ein, die in Interviews immer auf ihre Blindheit angesprochen wurden, sodass das Interview leider irgendwann nur noch um die Blindheit ging und nicht mehr um die Musik.Wenn man als Mensch mit Behinderung gerade in dieser Branche ernst genommen werden will, dann muss man sich selbst akzeptieren mit seiner Behinderung, denn erst dann verliert man auch die Angst vor dem Scheitern, beziehungsweise die Angst, bei den Leuten anzuecken.

Für mich bedeutete das auch zu polarisieren. Nach dem Motto: Nur weil Ihr bei einer Blinden ein unauffälliges, stilles Mauerblümchen erwartet, muss ich aber noch lange keins sein! Ich glaube, es ist sowieso schon schwer für Frauen in diesem Business, wenn dann noch eine Behinderung dazukommt, muss man wirklich hart im Nehmen sein. Ich hatte einfach ganz viel Glück. Weil das die meisten nicht haben, gehen sie unter oder versuchen es erst gar nicht.

Stefanie Kim: Mit 14 Jahren haben Sie beim Radiosender BFBS angefangen, obwohl Sie in dem kleinen Ort Hövelhof groß geworden sind. Wie kam es dazu?

Amy Zayed: Hövelhof liegt zwischen Paderborn und Bielefeld, mitten in der Hochburg der British Army, die dort damals und noch bis heute stationiert ist. In den 80er-Jahren und frühen 90er-Jahren gab es außer BFBS keinen anderen Jugendsender, der so aktuelle und neue Musik gespielt hat. Der Sender war präsent, wie heute etwa 1Live. Mit 13 habe ich nichts anderes gehört und fand die Moderatoren so toll, weil sie eine Art Familie waren. Sie redeten mit uns Hörern, als säßen wir mit im Studio oder sie bei uns im Wohnzimmer, und ich wollte unbedingt dazugehören. Also rief ich an und versuchte mit meinen damals zwei Jahren Schulenglisch, an den Spielen teilzunehmen, bei denen Hörer etwas gewinnen konnten. Man sagte mir aber, das ginge nicht, weil meine Eltern nicht beim britischen Militär waren.

Also fing ich an, Musikwünsche, Verbesserungsvorschläge und Geburtstagskarten an die Redakteure zu schreiben. Bis dann eine deutsche Rezeptionistin dachte: Wer zur Hölle ist dieses Mädel? Sie lud mich und meine Mutter kurzerhand ins Studio nach Köln ein. Dort lernte ich dann alle kennen: unter anderem den damaligen Programmchef und meinen Mentor und Radiopapa Peter McDonnagh. Ab dann wuchs in die Radiowelt hinein, wie Zirkuskinder in die Welt des Zirkus. Musikjournalismus durfte ich aber erst mit Anfang 20 machen. Mein Radiopapa war der Meinung, dass ich mir erst ein dickes Fell bei Militärnews und Soldateninterviews aneignen sollte, bevor ich mit Rockstars rede.

Stefanie Kim: Ihr Ziel war also ganz klar das Radio - hat man Sie bei der Berufsberatung dabei unterstützt?

Amy Zayed: Leider null! Meine Mutter hat mich sehr unterstützt. Mein Vater war verdammt skeptisch. Ich sollte gefälligst Jura studieren und Richterin beim internationalen Gerichtshof werden. Aber Journalistin? Das war viel zu gefährlich für sein kleines Mädchen. Bei der Berufsberatung saß damals ein gelangweilter Typ, der nicht wusste, was er mit mir anfangen sollte. Als ich voller Inbrunst sagte, ich will Journalistin werden, dachte er, ich sei übergeschnappt oder bräuchte einen Psychiater. Er ließ mich einfach sitzen und ging zum nächsten Klassenkameraden.

"VIELES HAT NICHTS MIT ABLEHNUNG ZU TUN, SONDERN MIT UNWISSEN"

Stefanie Kim: Sie haben mal in einem Interview gesagt: »Ich hab mich in London bei der BBC nicht als blinde Journalistin gefühlt, sondern als Journalistin, als Mensch, und dann erst als jemand, der zufällig blind ist.« Da steckt eine Menge drin. Was ist der gravierende Unterschied zwischen der BBC und einem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender?

Amy Zayed: Ich glaube, um fair zu sein, muss man vorweg sagen, dass die BBC einfach einen viel höheren Erfahrungswert hat bei Journalisten mit Behinderung. Ich schätze, dass dort insgesamt rund 130 Journalisten mit Behinderung arbeiten. Es gibt bei der BBC eine Abteilung, die sich Accessibility Department nennt. Da wird alles, was mit der Behinderung zu tun hat, abgewickelt, wie zum Beispiel die Beantragung einer Arbeitsassistenz bei einer Reportage oder die Aktivierung eines Screenreaders am Arbeitsplatz. Es arbeiten dort nicht nur Blinde, sondern auch Gehörlose, Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer, oder Journalisten mit Hirnlähmung. Dadurch ist es für die Kollegen dort einfach nicht neu, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten.

Anders als bei uns: Für uns ist es tatsächlich noch sehr neu. Woran das liegt, kann ich wirklich nicht sagen. Als ich mein Volontariat beim WDR begann, gab es zwei Probleme: Man hatte einen Erfahrungswert mit einer einzigen anderen Kollegin und man wollte, dass ich genau denselben Weg gehe. Man dachte auch, technisch habe sich nichts verändert, obwohl die Kollegin sieben Jahre vor mir volontiert hatte, was in der Welt der Technik so einiges bedeutet. Es konnte also wirklich nur in die Hose gehen. Und immer wenn irgendwas nicht lief, und ich mich dann beschwerte, kam der gute alte Satz: Aber seien Sie doch froh, dass wir alles möglich machen. Immerhin sind Sie blind. Ich glaube, in vieler Hinsicht hat das nichts mit Ablehnung zu tun, sondern oft mit Unwissen, und dem unbewussten Denken, dass ein Mensch mit einer Behinderung schlecht Journalist sein kann. Journalisten sind aktiv, sie sind mobil, flexibel, und im Musikbereich sind sie gerade als Frauen auch hip, trendy und schlagfertig... aber doch nicht blind! Und wenn es niemand wagt, mehr Menschen mit Behinderung in diesen Kreis reinzulassen, dann bleibt dieses Denken leider in Deutschland auch so. Die Erfahrungswerte steigen auch nicht.

Stefanie Kim: In diesem Kontext fällt mir auch auf, dass mir die britischen Künstler, mit denen ich gearbeitet habe, viel weniger voreingenommen vorkamen als deutsche Künstler. Wie nehmen Sie das war?

Amy Zayed: Ich habe erst angefangen mich zu fragen, wie mich Künstler wahrnehmen, als irgendwann mal ein Promoter meinte: Ich sag den Künstlern immer vorher, dass da jetzt eine Blinde kommt! Und bei all diesen Interviews war die Situation angespannt. Aber ich wusste nichts davon. Als ich es dann erfuhr, wurde mir dann klar, warum die Künstler so komisch waren. Ich meine, wenn ich Künstler wäre und mir der Promoter sagen würde, dass nun eine Blinde kommt, dann bin ich erst mal verwirrt: Was will der Promoter mir sagen? Soll ich irgendwas anders machen? Muss ich auf irgendwas achten? Kommt da ein bissiger Hund? Dieser arme Promoter wollte mir um Himmels Willen nichts Böses, er dachte, er hilft mir damit. Aber ich musste ihm sanft beibringen, dass das eher nach hinten losgeht. Ab da fing ich an, mir Gedanken zu machen, was Künstler wohl denken. Ich habe bis heute keine Ahnung. Ich habe aber ganz bewusst aus diesem Grund selten deutsche Künstler interviewt. Denn wenn ich das gemacht habe, hatte ich das Gefühl, dass da immer eine gewisse Betroffenheit mitschwang.

Stefanie Kim: Nach so vielen Jahren in der Branche - sehen Sie eine positive Entwicklung in der inklusiven Umsetzung für Menschen mit Behinderungen?

Amy Zayed: Ganz langsam tut sich was, aber für mein Denken leider viel zu langsam. Das liegt vor allem an der Aufklärungsarbeit von Aktivisten wie Raul Krauthausen oder anderen, die das Thema in den Vordergrund rücken. Ich glaube, woran wir noch am meisten arbeiten müssen, ist an unserer Einstellung. Wir müssen unser Mitleid überwinden. Es ist nicht zu verwechseln mit Mitgefühl. Mitgefühl ist etwas positives, denn wenn man mit jemandem mitfühlt, dann versucht man auch, dem Menschen dabei zu helfen, seine Träume, Bedürfnisse und Wünsche zu verwirklichen. Man versteht, dass jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, nicht abhängig sein möchte, sondern selbstbestimmt leben möchte. Mitgefühl beinhaltet auch Respekt. Mitleid hingegen stellt den Nichtbehinderten Menschen über den Behinderten. Es beinhaltet das Denken, dass der gute Samariter dem armen behinderten Wurm helfen muss.

Stefanie Kim: Welchen Umgang oder welche Begegnungen braucht es?

Amy Zayed: Ich erinnere mich vor allem an meine erste Begegnung mit einem von denen, die mich am Meisten unterstützt haben: Jeff van Gelder. Ich hatte damals angerufen, um Plattenfirmen zu überzeugen, mit dem Bielefelder Campusradio zusammen zu arbeiten. Jeff ging ran, und ich dachte aus irgendeinem Grund, er sei Praktikant. Er fing an, gnadenlos über Campusradios herzuziehen, und ich war so sauer, dass ich ihm dann an den Kopf geschmissen habe: Was bildest Du dir als Praktikant eigentlich ein, alles besser zu wissen? Ich habe in aller Form alles widerlegt, was er zuvor über Campusradios gesagt hat. Darauf folgte etwa 30 Sekunden Pause, und dann stellte sich der Mann vor mit: Mein Name ist Jeff van Gelder, Head of Radio Promotion Virgin Records. Und ich dachte: OK Amy, jetzt hast Du es verbockt, aber wenigstens musst Du da ehrlich aus der Show rauskommen. Also meinte ich: Selbst wenn Du der Präsident der Vereinigten Staaten wärst, Ahnung von Campusraios hast du wirklich gar keine! Und dann haben wir uns etwa zwei Stunden richtig gut unterhalten. Ab da war er nicht nur einer unserer allergrößten Unterstützer, als er erfuhr, dass ich nicht sehen konnte, ist er sogar mit mir über die Popkomm gegangen, und hat mich so ziemlich allen vorgestellt.

Stefanie Kim: Wir lernen nun ja dank Statistiken, dass inklusives Denken und Agieren einen Wert hat, der sich in positiven Zahlen niederschlägt. Wovor haben wir Angst, fehlt das Wissen der Inklusion oder fehlt es eher an der Haltung?

Amy Zayed: Ich glaube beides. Die Meisten kennen niemanden mit einer Behinderung. Wenn man fragt, dann ist es der Onkel der besten Freundin, der schon 80 ist und ein Hörgerät trägt. Wir fremdeln, und vor fremden Dingen hat man erst mal Angst und lehnt sie ab. Das ist auch der Grund, warum ich in den meisten Fällen versuche, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich hatte mal einen Redakteur, der irgendwo gelesen hatte, dass blinde Menschen pauschal langsamer lesen als Sehende. Aber er wusste nicht, wie er mir das sagen sollte. Irgendwann habe ich ihn dazu gebracht, das Taktgefühl zur Hölle zu schicken, und eine Ansage zu machen. Ich konnte ihn dann beruhigen, und ihm erklären, dass das definitiv eine Falschinformation war. Ich habe es schon oft gesagt, und mir nicht immer Freunde damit gemacht: Tactfulness is emotional cancer. Ich weiß, ich klinge krass. Aber gerade als blinde Frau begegne ich so viel schwachsinnigem Taktgefühl, das am Ende wirklich nur im Weg steht, anstatt meine Beziehung mit Kollegen oder Freunden weiter zu bringen.

_zur Person

Amy Zayed wurde in Paderborn geboren, ihre Eltern kamen aus Ägypten. Da ihre Mutter bereits in Kairo musikjournalistisch tätig war, wuchs Amy in einem Umfeld auf, wo Popkultur eine tragende Rolle spielte. Künstler wie David Bowie, die Beatles, Led Zeppelin und die Rolling Stones waren ihr früh vertraut, aber auch libanesische, ägyptische, französische und italienische Künstler waren ihr nicht fremd. Amy Zayed begriff schnell, dass Filme, Graffiti, Bücher und Musik - Popkultur im Allgemeinen - ein Spiegel des Zeitgeists sind und die globale Gesellschaft reflektieren. Ihre Leidenschaft gilt der Musik und dem Radio. Sie arbeitete sich bei BFBS von der Praktikantin bis zur weltweit einzigen Musikautorin des internationalen Senders hinauf. Parallel absolvierte sie ihre Magisterarbeit »Popmusik als Teil der englischsprachigen Literatur« und gründete das Campusradio Netzwerk NRW. Es dauerte nicht lange, da war sie beim WDR für 1Live tätig und anschließend auch bei der BBC in London. Aktuell ist sie als freie Journalistin, Autorin und Podcasterin aktiv.

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977 in Westfalen geboren. In Köln betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC Giga. 2000 ging sie für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI. 2005 ging Kim vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie KimKom. Neben Künstlern und Brands finden sich auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag der Agentur. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.