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Reeperbahn Festival analysierte Brexit-Folgen

Bei der dritten Reeperbahn Festival Focus Session, die am 19. Januar zum Thema "Brexit - What´s The Deal" über die Bühne ging, schauten 148 Teilnehmer aus ganz Europa zu. Das sind gut 50 mehr als bei der letzten Focus Session zu "Coronahilfen" im Dezember 2020.

21.01.2021 09:38 • von Dietmar Schwenger
Warnten vor den Folgen des Brexits: Julia Frank, James Wright (links) und Rob Chalice (Bild: Screenshot, Reeperbahn Festival)

Bei der drittenReeperbahn Festival Focus Session, die am 19. Januar zum Thema "Brexit - What´s The Deal" über die Bühne ging, schauten 148 Teilnehmer aus ganz Europa zu - unter anderem aus Großbritannien, Deutschland, Irland, Holland, Italien, Frankreich, Dänemark und der Schweiz. Das sind gut 50 mehr als bei der letzten Focus Session zu "Coronahilfen" im Dezember 2020. Die durchschnittliche Verweildauer beim Brexit-Focus betrug 64 Minuten - etwas weniger als bei der zweiten Focus Session, wo die Zuschauer 70 Minuten vor den Bildschirmen blieben.

Die geringere Verweildauer könnte an technischen Problemen gelegen haben, die vor allem anfangs die Übertragung der Runden störten. So begann die Focus Session begann um 16 Uhr mit einem "Brexit Status Report", in dem Tom Kiehl (Deputy CEO & Director of Public Affairs UK Music) eine erste Einschätzung zu den Auswirkungen und Folgen des Brexit-Deals abgab.

Danach ging es um "Tax & Toll: New Duties & Declarations For The Live & Recorded Sector". Bei der mit 115 angemeldeten Zuschauern bestbesuchten Veranstaltung sprachen Dick Molenaar (Partner All Arts Tax Advisers) und Kevin Offer (Tax Partner Hardwick and Morris) analysierten die konkreten Folgen des Brexit-Deals. So führte Molenaar aus, dass Großbritannien für die EU künftig den Status eines Drittlandes wie die USA, Kanada, Australien oder die Schweiz erhält. Für diese gelte dann in einigen EU-Ländern eh eine Regelung, dass für eine bestimmte Zeit kein Visa erforderlich sei.

Kevin Offer erläuterte, dass die 30 Tage Arbeitserlaubnis, die derzeit für Schlagzeilen sorgten, wohl von der UK-Regierung kämen, da dieser Zeitraum auch für andere Arbeitsbestimmungen gelte. Der Zeitraum sei allerdings für Bands aus dem Vereinigten Königreich zu kurz, wenn sie eine ausgiebige Europatour spielen wollten. "Das muss von der Politik noch adressiert werden." Allgemein erwartet Offer jedoch für europäische Acts weniger Probleme als für ihre britischen Kollegen, die nun gemeinsam mit ihren Anwälten mehr Vorbereitungszeit in eine Europatour investieren müssten. "Bei diesem Deal haben sie nicht an tourende Bands gedacht, fügte er an.

107 digitale Zuschauer interessierten sich für die anschließende Runde "Recorded Music: Conditions & Commitments", bei der ein Tenor war, dass Label und Publishing nicht so stark vom Brexit betroffen seien wie die Livebranche. Die in Berlin lebende Engländerin Kat Young (Senior Product Manager MusicHub), Mark Chung (Freibank Music Publishing/VUT), Peter Quicke (Managing Director Ninja Tune) und Drew Hill (Managing Director Proper Music Distribution) berichteten von ihren bisherigen Erfahrungen und tauschten sich über die bevorstehenden Herausforderungen aus.

"Der Brexit macht die ganze Sache ein wenig komplexer", sagte Kat Young und begründete dies damit, dass es nun deutlich anspruchsvoller sei, als Brite etwa in Deutschland eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Man brauche einen Arbeitgeber, der einen unterstützt, und ohne einen akademischen Abschluss werde es schwierig. "Der Weg zu einer Arbeit in Europa ist deutlich stressiger geworden."

Drew Hill lobte die Arbeit der Berufsverbände, die den Labels dabei hälfen, den Vertrag und seine Auswirkungen für die Praxis zu verstehen. "Meine Sorge, dass Güter, die wir nach Europa schicken, irgendwo feststecken, hat sich nicht bewahrheitet, aber wir brauchen nun mehr Verwaltungs- und Papierarbeit, um unsere Geschäfte mit den EU-Ländern fortzuführen - was viele Leute nicht realisiert haben, als sie für den Brexit stimmten und das bis heute noch nicht getan haben."

Auch würde die Mehrwertsteuer beim Import steigen. Allerdings wies der Proper-Chef auch darauf hin, dass man die Terminologie ändern müsse: "Wer ist nun Exporteur, wer ist Importeur?" Gewinner beim Brexit-Deal seien weder Labels noch Live-Unternehmen, sondern wohl eher die Transportunternehmen, die mehr Geld für ihre Dienstleistungen verlangen könnten.

Peter Quicke strich die Veränderungen im Umgang mit den europäischen Presswerken hin, für alles müsste man nun mehr Zeit im Voraus veranschlagen. Auch bei der Planung von PR-Kampagnen könne man nicht mehr wie früher vor allem auf den Live-Faktor setzen. "Damit haben wir einen Schlüsselfaktor bei der PR-Arbeit für unsere Künstler in der EU verloren." Aber auch grundsätzlich sei es traurig, dass man nicht mehr so einfach in Europa bewegen könne. Eine Konsequenz sei, dass Ninja Tune das Berliner Büro künftig ausbauen werde, um von dort aus besser die EU-Territorien betreuen zu können.

Mark Chung glaubt, dass für den Publishing-Bereich keine wesentlichen Veränderungen anstehen, insgesamt sehe er jedoch mehr administrative Arbeit für Verleger und Labels auf die Branche zukommen. Statt zwei Tagen beim Güterversand müsse man nun vier Tage einplanen. "Der Brexit ist keine positive Entwicklung vor allem für den physischen Markt, aber die meisten Kollegen sagen: Wir werden das schaffen."

Vor einer abschließenden Fragerunde, bei der Molenaar und Offer Zuschauerfragen beantworteten, kam bei "Live Music: Considerations & Concessions" die Livebranche zu Wort. Die persönlich nach Hamburg gekommene Julia Frank (Senior Executive Manager Touring Wizard Promotions) bezeichnete den Brexit als eine "sehr traurige Entwicklung, die auch den Aufbau neuer Acts und deren Austausch untereinander schwieriger macht. Man muss mehr Geld in die Hand nehmen. Wir werden also mehr Geld für weniger Acts ausgeben."

Auch die Regelung, bei der Trucks aus Großbritannien nur in drei EU-Ländern stoppen dürfen, hält Frank für problematisch. "Dafür müssen wir eine Lösung finden, aber wegen Covid haben wir nun wenigstens die Zeit, darüber nachzudenken." Auch die im Vertrag vorgesehenen Arbeits-Visas würden für eine Band nicht reichen, die durch ganz Europa touren wolle. "Die Tatsache, dass weniger UK-Bands in die EU kommen werden, ist sicherlich ein Verlust, aber als Unternehmen haben wir darauf reagiert, indem wir uns etwa intensiver um die Märkte im Osten der EU kümmern."

Philosophisch stellte sie fest: "Die Verlierer der jetzigen Brexit-Regelung werden vielleicht einmal die Gewinner sein, denn große Kunst kommt auch immer von großer Verzweiflung."

Der britische Agent Rob Challice (Paradigm) bezeichnete den Brexit ebenfalls als "traurig", auch weil er gehofft habe, dass der nun geschlossene Vertrag Regelungen für das Livegeschäft vorsieht, was aber nicht der Fall sei. Aber vor allem das Reiseproblem wie die 3-Stop-Regelung müssten bis Herbst 2021 gelöst werden. "So wie das jetzt vorgesehen ist, wird das nicht funktionieren."

James Wright (United Talent Agency UTA) hält ebenfalls die Probleme beim Trucking und der Verwaltung für die schwerwiegendsten. "Das könnte zusätzliche Kosten bedeuten." Er sei bei der Bewältigung der praktischen Folgen des Brexits nicht zu zu positiv gestimmt, man habe noch eine lange Wegstrecke vor sich. Dennoch sei der Brexit nicht so eine Katastrophe wie die Pandemie, betonte Wright.

Alle Programmpunkte der Focus Session zum Brexit haben die Ausrichter bereits auf der Reeperbahn-Plattform zur Verfügung gestellt. Auch Termin und Thema der nächsten Ausgabe stehen bereits fest: Am 16. Februar geht es um das Thema "Music, Marketing & DIY".

"Die Fragen, die der Brexit mit sich bringt, erfordern eine wirklich gründliche Beschäftigung. Die differenzierten Einschätzungen unserer Talk-Gäste mit Sicht auf die unterschiedlichen Teilmärkte der Musikwirtschaft und über die einzelnen Programmpunkte hinweg haben ein gutes Gesamtbild der Situation entstehen lassen", resümiert Detlef Schwarte als Konferenzchef des Reeperbahn Festivals.

"Ich freue mich darum, dass so viele Branchenvertreter und -vertreterinnen unser Angebot wahrgenommen haben und denke, dass die Focus Session bei der einen oder anderen Frage auch konkret helfen konnte. Wir setzen unsere Reihe an Mini-Konferenzen in den kommenden Monaten fort, denn es gibt noch reihenweise Themen, die eine ausführliche und facettenreiche Diskussion verlangen", so Schwarte weiter.