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Knapp 4000 Onlinebesucher bei Eurosonic Noorderslag

Mit knapp 4000 Fachbesuchern aus 124 Ländern hat die Digitalausgabe von Eurosonic Noorderslag laut eigenen Angaben die Erwartungen übertroffen. Zu den Highlights der letzten beiden Konferenztage gehörten die Keynote von Scumeck Sabottka und eine Runde zum Brexit.

18.01.2021 11:16 • von Dietmar Schwenger
Blieb in diesem Jahr leer: der Grote Markt in Groningen während Eurosonic Noorderslag (Bild: ESNS)

Mit knapp 4000 Fachbesuchern aus 124 Ländern hat die Digitalausgabe von Eurosonic Noorderslag (ESNS) vom 13. bis 16. Januar 2021 laut eigenen Angaben die Erwartungen übertroffen. Zum Vergleich: Im Vorjahr hatten die Veranstalter bei der letzten physischen Ausgabe des niederländischen Showcasefestivals mit angeschlossener Konferenz 4323 Delegierte gezählt.

Die jetzigen Teilnehmer hätten das Beste aus der Lage gemacht, virtuelle Panels verfolgt und sich online auf der neuen Plattform von Eurosonic getroffen. Auch hätten die Showcases eine "viel größere Reichweite" erzielt als in den Vorjahren. Dadurch hätten sie das Ziel mehr als erreicht, niederländische und europäische Musik zu fördern und in Europa zirkulieren zu lassen.

"Wir sind wirklich überwältigt vom positiven Feedback, viele sagen, dass damit ein neuer Standard gesetzt worden sei. Die Digitaledition hat unsere wildesten Träume mehr als erfüllt", sagt Robert Meijerink, Head of Programme Eurosonic Noorderslag. "Die ESNS-Plattform konzentriert sich auf neue Acts aus Europa und will Musik-Professionals aus aller Welt zusammenbringen, die dann den aktuellen und künftigen Status des Musikbereichs und der Branche diskutieren. Dank unseres Partners NPO 3FM und den EBU-Mitgliedern konnte ESNS eine noch größeres Publikum in Europa und darüber hinaus erreichen. Wir hoffen inständig, dass wir 2022 wieder eine physische Ausgabe veranstalten können und wieder zusammen sein können, wollen aber auch unsere Online-Unternehmungen im nächsten Jahr ausbauen."

Beim Showcaseprogramm zeigte ESNS die vorab aufgezeichneten Konzerte von 189 Acts aus 36 europäischen Ländern. Alle Auftritte sind auch weiterhin auf der Plattform 3fm.nl/esns kostenlos abrufbar. Viele niederländische Bands hatten ihre Konzerte in den Clubs aufgenommen. Das war das erste Kultur-Event in den Niederlanden, bei dem alle Crews, die Künstler und die Produktionsmitarbeiter auf Corona getestet wurden.

Am ESNS-Freitag ging die aufwändig in einer 3D-Anmutung produzierten Music Moves Europe Talent Awards über die Bühne. Moderatorin Melanie C. präsentierte die acht Gewinner: Inhaler (Irland), Julia Bardo (Italien), Lous And The Yakuza (Belgien), Melenas (Spanien), Rimon (Niederlande), Sassy 009 (Norwegen), Vildá (Finnland) und Alyona Alyona (Ukraine). Die ukrainische Rapperin gewann zudem den Public Choice Award 2021, was Mariya Gabriel als EU-Commissioner For Culture ankündigte.

Unter dem Namen ESNS Kickstart verliehen die Ausrichter des Showcasefestivals zudem einen neuen Preis für holländische Acts. So erhielten Froukje, Joya Mooi und Yssi SB jeweils 5000 Euro und die Zusage, 2022 bei Eurosonic aufzutreten. Das Festivals soll dann - hoffentlich physisch - vom 19. bis 22. Januar 2022 in Groningen über die Bühne gehen.

Bei den 66 Panels des Konferenzprogramms sprachen 274 Branchenpersönlichkeiten. Zudem gab es gut 10.000 einzelne Meetings über die digitale Plattform. Zu den am meisten gesehenen Panels gehörten "Successful Covid Festival Formats", "Streaming Is Here To Stay!", die Workshops mit Bandcamp und Spotify sowie die Keynote Interviews mit Wendy Ong (Managerin Dua Lipa), Scott Cohen (Warner Music) und Neil Warnock (UTA).

Am Freitag gab auch MCT-Chef Scumeck Sabottka der britischen Agentin Emma Banks ein Keynote Interview. Er erzählte von seinen Anfängen bei Fritz Rau und Marcel Avram und erklärte, warum er sich mit MCT nie größeren Agenturen angeschlossen habe - auch wenn es ihn geärgert habe, wenn er Bands wie R.E.M. an andere Firmen verloren habe. Um auch künftig unabhängig zu bleiben, müsse man sich auf die Details konzentrieren und schnell sein.

In der vielbeachteten Runde "Unfuck Brexit", die am 19. Januar bei der von MusikWoche präsentierten Reeperbahn Focus Session eine Fortsetzung findet, ging es um die Folgen des Brexits für die Livebranche. Auch wenn derzeit wegen Corona noch keine direkten Auswirkungen spürbar seien, werden diese kommen, wie etwa Mark Davyd (Music Venue Trust) ausführte. Er wies darauf hin, dass es im Brexit-Vertrag 359-mal um Fischerei gehe, während die Livebranche mit keinem Wort erwähnt werde. "Wir als Livebranche haben keinen Deal mit der EU und müssen nun welche mit den 27 einzelnen Ländern schließen", sagte der Engländer.

Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, sah das ähnlich. "Derzeit bin ich noch nicht besorgt, aber wir müssen irgendwann einen Deal finden. Das ist auch eine Aufgabe für die Politik. Ich bin mir aber sicher, dass die Bands einen Weg finden werden, um zu den europäischen Festivals auf das Festland zu kommen." Derzeit sei es noch zu früh, die Sommerfestivals 2021 abzusagen, die Entscheidung darüber müsse im März, spätestens Anfang April fallen. "Im Herbst 2020 waren wir noch optimistischer, nun sind wir von Woche zu Woche skeptischer. Das Ganze wird doch länger dauern als gedacht."

Der niederländische Steuerexperte Dick Molenaar erläuterte in der Brexit-Runde, dass die UK-Acts nun einen Status hätten wie Bands aus den USA, Kanada oder Australien, mit denen es ja Vereinbarungen gebe, wie man in Europa touren könne. Probleme sieht Molenaar eher bei der steuerlichen Absetzbarkeit von Kosten, den Sozialabgaben und dem Merch-Verkauf. Die größte Herausforderung sieht er in den Bereichen Trucking und Transport. Einfacher werde es hingegen bei der Mehrwertsteuer, da nun keine EU-Nummer dafür mehr angegeben werden müsse.

Molenaar glaubt, man hätte beim Brexit-Deal mehr für die Livebranche erreichen können, will aber auch keine unüberwindbaren Hindernisse erkennen. Auch hätten viele Länder eh Regelungen, bei denen Acts für einen bestimmten Zeitraum lang ohne Visa touren dürfen. In den Niederlanden seien das etwa sechs Wochen.