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Streaming macht Howard Carpendale nicht wirklich glücklich

Am 14. Januar wird Howard Carpendale 75 Jahre alt. Im Gespräch mit MusikWoche blickt er auf seine lange Karriere und den Wandel in der Branche zurück, erklärt aber auch, warum Persönlichkeit für Künstler wichtiger sei als eine bloße Abfolge von Hits.

14.01.2021 12:01 • von Dietmar Schwenger

Am 14. Januar 2021 wird Howard Carpendale 75 Jahre alt. Im Gespräch mit MusikWoche blickt er auf seine lange Karriere und den Wandel in der Branche zurück, erklärt aber auch, warum Persönlichkeit für Künstler wichtiger sei als eine bloße Abfolge von Hits.

Sie haben schon früh in Ihren Liedern auf die politischen Missstände in Südafrika hingewiesen, später mit dem Obama-Song "Yes We Can" oder mit Trump-Witzen auf der Bühne in den politischen Diskurs eingegriffen. Hat Unterhaltung auch mit Haltung zu tun, wie das Udo Jürgens immer sagte?

Als Künstler hat man keine Nachhaltigkeit, wenn man nur von Hits lebt. Es geht doch auch um die Ecken und Kanten, und als Künstler sollte man auch über andere Dinge nachdenken, als nur über die Liebe zu singen. Deswegen ist mir auch ein Titel wie "Willkommen auf der Titanic" so überaus wichtig. Der Song wurde vor 30 Jahren für meinen neugeborenen Sohn geschrieben, trifft aber Wort für Wort immer noch zu, weil der Text genau die Welt beschreibt, in der wir heute leben. Aber letztlich muss jeder Künstler für sich entscheiden, welchen Weg er geht.

Welcher war das bei Ihnen?

Ich persönlich habe durch meine angelsächsische Herkunft früher als andere verstanden, dass es gerade bei Konzerten nicht reicht, wenn man nur 20 Hits spielt. Die Leute kommen, weil sie eine Personality-Show sehen wollen. Die Zuschauer sind einfach neugierig auf einen Menschen. Und ich habe von meinem damaligen Manager Dieter Weidenfeld gelernt, wie wichtig es ist, dass man als Persönlichkeit in die Promotion eingebunden wird. Deswegen haben wir dann auch Bilder in die Öffentlichkeit gegeben, auf denen ich mit Menschen außerhalb der Musikwelt zu sehen war - wie etwa mit Nelson Mandela, deutschen Politikern oder mit Sportlern. Für die Musik gilt das genauso: Man kann keine lange Karriere haben, wenn man nicht auch ein bisschen kontrovers ist. Deswegen habe ich es nie für schlimm gefunden, wenn Fans sagen, dass ihnen eine neue Platte von mir nicht gefalle, weil sie eben anders ist als die vorangegangenen. Diese kreative Weiterentwicklung ist wichtiger als eine Reihe von Hits, die irgendwann doch in Vergessenheit geraten. Am gefährlichsten ist es doch, wenn die Leute aus dem Konzert gehen und sagen, ach ja, das war so wie immer. Deswegen ist mir manchmal lieber, wenn sie zunächst denken, das Konzert auf der Tour davor habe ihnen besser gefallen, weil die neue Show eben neu und ungewohnt war.

Was bedeutet das für den Auftritt eines Künstlers?

Man muss authentisch sein. Es wäre falsch, wenn man sich überlegt, man müsse politischer sein, auch wenn einem das gar nicht entspricht. Die Leute merken irgendwann, was echt ist und was nicht. Wenn ich über gewisse Dinge rede, dann sind das Dinge, die mich wirklich ärgern und die mich bewegen. Das ist dann einfach notwendig.

Wenn man Ihre letzten Liveproduktionen gesehen hat, so sind Sie in den vergangenen zehn oder 15 Jahren Ihrem Ziel, als echter Bühnenkünstler wahrgenommen und nicht mehr auf den Schlagersänger reduziert zu werden, ziemlich nahegekommen, oder?

Das freut mich riesig, dass Sie das sagen. Das hat sicherlich mit mehreren Faktoren zu tun. Ich habe seit 2012 ein neues, junges Managementteam, das einen ganz anderen Ansatz hat als zuvor Dieter Weidenfeld - wobei ich das unendliche Glück hatte, dass beide Managements nie zuerst auf das Geld geschielt haben. Beide haben immer gewusst, dass ich mich in meiner Rolle wohlfühlen muss, dann agiere ich am besten. Das war für mich ein Luxus, denn ich kenne Kollegen und ihre Manager - und ich nenne keine Namen -, denen geht es nur um Kohle. Das war für mich und mein Team aber nie der entscheidende Antrieb. Wir haben viele Anfragen abgelehnt, die sehr lukrativ gewesen wären, und tun das auch noch heute. So hätte ich schon längst als Juror in einer Castingshow sitzen können, aber für mich steht fest: Nein, so etwas mache ich nicht. Eine solche Haltung spiegelt sich dann auch in den Titeln meiner jüngsten Alben wider, die ganz bewusst "Viel zu lang gewartet", "Das ist unsere Zeit" oder "Wenn nicht wir" heißen. Damit wollten wir eine Botschaft transportieren. Und auch bei den Konzerten, beim Community-Feeling im Saal, habe ich in den letzten Jahren noch einmal viel hinzugelernt. Man kann auf der Bühne so viel mehr machen, als nur zu singen.

Gilt das auch für Ihre aktuelle Bühnenproduktion?

Ja, wir sind bei diesem kreativen Prozess nun bei "Der Show meines Lebens" gelandet. Und ich erzähle Ihnen dazu eine kleine Geschichte: Dieter Semmelmann war und ist für mich, auch im kreativen Prozess einer Show, ein Sparring-Partner, der offen seine Meinung kommuniziert. Sie kann oft fordernd sein, aber nur so können wir gemeinsam das Beste herausholen. Und genau das ist mein Ziel! Diese Show ist das Beste was ich jemals gemacht habe, und ich weiß nicht, ob ich das noch toppen kann - was ich in meinem Alter auch nicht muss. Dieter kam dann nach einem der neun ausverkauften Abende in Berlin in meine Garderobe und sagte: Howard, das ist Weltklasse! Das war für mich eine sehr ernst gemeinte Aussage. Sicher, ich bin ein wenig oldschool, kann und will mich nicht mit den Rolling Stones vergleichen, wohl aber mit den Shows, die ich in Las Vegas gesehen habe. Und ich würde behaupten, diese Show wäre auch in Las Vegas ein Erfolg.

Sie kennen die Musikbranche seit den 60er-Jahren. Wie würden Sie den Wandel beschreiben?

Vor allem die Siebziger und Achtziger waren sehr bunt, die Künstler waren befreundet, auch wenn es eine gewisse Konkurrenz gab. Und die Plattenfirmen haben alles bezahlt. Wenn ein Künstler etwas wollte, sagte das Label nur: Gib uns die Rechnung, wir zahlen. Und man hat dann ja auch Millionen Platten verkauft. Heute ist Musik ein knallhartes Geschäft. Allgemein ist es in dieser Branche härter und unpersönlicher geworden. Das gilt auch für die Beziehungen der Künstler untereinander. Man sieht sich nicht mehr regelmäßig wie etwa bei der "ZDF Hitparade" oder "disco", allenfalls noch bei den TV-Shows von Florian Silbereisen. Aber wenn dort dein Auftritt vorüber ist, die Show jedoch vielleicht noch drei Stunden läuft, gehst du ins Hotel zurück. Das Geschäft ist einfach nicht mehr dasselbe.

Höre ich da eine gewisse Wehmut? Denn andererseits bietet die Gegenwart auch viele neue Möglichkeiten, die es einst nicht gab.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre, hin zum Streaming, macht mich nicht wirklich glücklich. Denn wir werden nie wieder einen ganz großen, übergreifenden Hit wie "Ein Stern (der deinen Namen trägt)" oder Helene Fischers "Atemlos" haben. Die Generation von heute wird nie wieder den einen Hit gemeinsam erleben, dafür ist die Gesellschaft inzwischen viel zu sehr gespalten und isoliert, man erreicht die Menschen nicht mehr, selbst wenn man sich in zehn Talkshows setzt. Auch wird alles in Schubladen einsortiert, und jeder Künstler hat seine eigene Fangemeinde, da wird wenig gemischt. Davon profitiert allerdings die Livebranche, die bis zur Coronakrise ja floriert hat wie selten zuvor. Denn das Live-Erlebnis stiftet Gemeinsamkeit.

Sehen Sie noch weitere Kritikpunkte im Musikgeschäft?

Eine andere Entwicklung in der Branche, die mir nicht gefällt, ist der Umstand, dass unsere erstklassigen Komponisten und Textdichter nicht mehr die finanzielle Würdigung bekommen, die sie für ihre sehr wertvolle und so wichtige Arbeit verdient hätten. Natürlich müssen wir hier von den Künstlern absehen, die ihre eigenen Songs schreiben. Aber wie soll der so genannte "Nachwuchs" von unseren großen Texter-Vorbildern Fred Jay oder Joachim Horn - zwei wirklich geniale Textdichter - noch heute mit Songwriting Geld verdienen? Sie haben einfach keine Möglichkeit mehr, ihren Beruf auszuüben.

Sind Sie denn zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Ihrem Label?

Ja, ich komme mit Jörg Hellwig sehr gut zurecht - schließlich sind wir beide Golfer und reden auch über persönliche Dinge. Ich könnte mir keinen besseren Plattenfirmenchef wünschen. Auch sein gesamtes Team ist großartig. Leute wie auch der Senior A&R Manager Leonard Prasuhn sind wirklich gut, weil sie mit Leidenschaft für die Musik brennen und nicht einfach ihr Monatsgehalt kassieren und ihnen dann egal ist, was aus den Songs und dem Künstler wird. Ich finde es gut, dass das Electrola-Team so eng mit uns zusammenarbeitet und uns immer nach unserer Meinung fragt. Das ist ein Dialog auf Augenhöhe.

Kommt Ihnen zugute, dass die Rezeption von Musik offener geworden zu sein scheint? Wenn Cindy & Bert einst einen Song von Black Sabbath auf Deutsch aufnahmen, war das sofort "Schlager".

Über diese Art von Grabenkämpfen bin ich längst hinweg. Es war doch schon immer unlogisch, dass es Schlager ist, wenn man auf Deutsch singt, und Pop, wenn Englisch gesungen wird, was dann mit einer Abwertung der deutschen Songs einherging. Aber wir brauchen uns nicht zu verstecken. Die Texte, die ich und auch andere Künstler singen, sind gut.

Sie persönlich hatten ja schon immer eine gute Nase für Hits, die Sie dann selber aufgenommen haben - auch aus anderen Genres oder Ländern.

Das stimmt, da hatte ich oft wirklich eine ganz gute Nase. Aber das ist heute sehr schwer geworden, einfach weil es kaum noch möglich ist zu wissen, was ein Hit wird und was nicht. Das mag auch daran liegen, dass es die Hits, wie es sie früher gab, wie erwähnt heute nicht mehr gibt. Man kann nur versuchen, so qualitativ wie möglich zu arbeiten. Genau das haben wir bei meinen beiden Alben mit dem Royal Philharmonic Orchestra getan. Diese Projekte kamen genau zum richtigen Zeitpunkt, auch weil danach nun alles möglich ist - auch wenn ich jetzt noch nicht sagen kann, ob ich überhaupt noch einmal etwas Neues aufnehme.

Sie haben ja öfters Songs von Elvis Presley interpretiert, haben ganz am Anfang Ihrer Karriere einen Talentwettbewerb mit einem Elvis-Titel gewonnen und singen nun "In The Ghetto" bei der "Show meines Lebens". Haben Sie ihn eigentlich jemals live gesehen?

Leider nein, das ist das größte Versäumnis in meinem Leben.

Wohl aber haben Sie die Beatles getroffen, weil Sie deren Song "Ob-La-Di, Ob-La-Da" auf Deutsch singen wollten, nachdem Sie das "White Album" bei der damaligen EMI Electrola in Köln früh hören konnten, richtig?

Ich habe das Album gar aus dem Büro meines Chefs am Freitagnachmittag geklaut, als keiner mehr da war. Dann habe ich es am Wochenende gehört und bin am Montagmorgen zu ihm gegangen und gesagt: "Ob-La-Di, Ob-La-Da" wird mein nächster Hit. Deswegen sind wir dann auch noch London geflogen, um die Rechte bei Apple zu klären. Dort im Büro habe ich tatsächlich Paul, George und Ringo getroffen, mich mit Ringo sogar etwas länger unterhalten. Aber ich bezweifele, ob sich Paul McCartney noch an unsere Begegnung erinnern kann, schließlich war ich nur ein Sänger im Anzug aus Deutschland, der seinen Song aufnehmen wollte. Die Geschichte, wie es dann weiterging, ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, was sich in der Branche seitdem geändert hat. Denn wir haben "Ob-La-Di, Ob-La-Da" danach sofort aufgenommen, am dritten Tag war der Titel fertig gemischt und am vierten stand die Single schon in den Schallplattengeschäften. Das wäre heute undenkbar.

Sind Sie auch heute noch ein Musikhörer mit einem so breitgefächerten Interesse?

Wenn ich mir die Top 100 von heute anschaue, muss ich gestehen, dass ich die Hälfte leider nicht kenne. Das war früher nicht der Fall. Das geht zurück in meine Zeit in Südafrika, als ich in einer Band sang, in der wir von Elvis bis Jimi Hendrix alles gespielt haben und damit von Freitag bis Sonntag überall aufgetreten sind. Das hat mir in meiner späteren musikalischen Entwicklung ungemein geholfen, viele deutsche Kollegen hatten und haben diese Chance nicht. Wie soll jemand, der bei "DSDS" auftritt und plötzlich "Superstar" wird, ein Gefühl für Musik und die Bühne entwickeln?

zur Person

Howard Carpendale wurde am 14. Januar 1946 in Durban in Südafrika geboren.Noch in seinem Heimatland begann er neben erfolgreichen Sportaktivitäten eine Karriere als Sänger. 1966 ging er nach London, wo er seine Karriere als Profisänger begann. Bei einm Gastspiel in Köln sprach er bei der damalige Kölner EMI Electrola vor und erhielt einen Plattenvertrag. Zu seinen ersten Erfolgen gehörten "Das schöne Mädchen von Seite eins" und eine deutsche Version von "Ob-La-Di-Ob-La-Da", in den 70er-Jahren schrieb er zunehmend eigene Songs und bewies eine gute Hitnase, als er ausländische Stücke wie "Living Next Door To Alice" oder "Ti Amo" entdeckte und für den deutschen Markt neu aufnahm. Carpendale wurde einer der erfolgreichsten Sänger seiner Zeit, bislang soll er gut 25 Millionen Tonträger verkauft haben. Früh veröffentlichte der Künstler kritische Songs über das Apartheid-System in Südafrika wie "Johannesburg" und auch mit einer Pro-Obama-Single, "Yes We Can", machte er politisch von sich reden. Ab den 80er-Jahren war Carpendale auch als Schauspieler aktiv, unter anderem in dem Film "Niemand weint für immer". 2003 kündigte er seinen Abschied aus dem Showgeschäft an, kehrte aber 2008 zurück. Seitdem nahm er für die Universal-Music-Division Electrola mehrere Alben in einem modernen Pop-Sound auf und absolvierte mit Semmel Concerts erneut ausverkaufte Tourneen.

Termine "Die Tour meines Lebens" 2021

11.09. Nürnberg, Frankenhalle

12.09. Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal

14.09. Frankfurt, Jahrhunderthalle

15.09. Frankfurt, Jahrhunderthalle

16.09. Frankfurt, Jahrhunderthalle

17.09. Leipzig, Quarterback Immobilien Arena

19.09. AT-Wien, Wiener Stadthalle Halle D

21.09. Stuttgart, Porsche-Arena

22.09. Köln, Lanxess Arena

09.11. Dortmund, Westfalenhalle

10.11. Hamburg, Barclaycard Arena

11.11. Hannover, Swiss Life Hall

13.11. Dresden, Messe Dresden, Halle 1