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Neue Aerosolstudie liefert Argumente für Kultur-Neustart

Im Auftrag des Konzerthauses Dortmund hat das Fraunhofer Institut die räumliche Ausbreitung von Aerosolen in einem Konzertsaal untersucht - und kommt zum Ergebnis, das mit den richtigen Maßnahmen Infektionsübertragungen selbst bei Vollbesetzung nahezu ausgeschlossen werden könnten. Eine geringere Auslastung als 50 Prozent habe zudem "keinerlei Mehrwert für den Infektionsschutz".

13.01.2021 15:56 • von Marc Mensch
Isabel Pfeiffer-Poensgen unterstreicht als Kultur- und Wissenschaftsministerin in NRW die Relevanz der Studie (Bild: Bettina Engel-Albustin/MKW)

Die Erkenntnisse sind nun wirklich nicht ganz neu, ist man womöglich versucht, festzustellen. Denn eine aktuelle Aerosolstudie könnte durchaus als eindrucksvolle Bestätigung jener Erkenntnisse des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin angesehen werden, mit denen der HDF Kino bereits seit vergangenem Juli für Kinowiedereröffnungen unter wirtschaftlich tragbaren Bedingungen werben konnte (wir berichteten).

Leider lässt sich kaum behaupten, dass die Politik in Bund und Ländern diesen Erkenntnissen bislang übermäßig Rechnung getragen hätte - was entsprechende Hoffnungen angesichts der Vorlage des neuen Papiers zunächst einmal erheblich schmälern könnte. Allerdings heißt es vielleicht nicht umsonst "Steter Tropfen höhlt den Stein", zumindest gibt es schon ein positives Signal aus NRW, dass die neue Studie Eingang in politische Beratungen zu Wiedereröffnungsszenarien für die Kulturbranche finden wird. Dazu am Ende mehr.

Zunächst einmal von vorne: Im Auftrag des Konzerthaus Dortmund haben das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut und die Messtechnik-Firma ParteQ in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt und Hygieneexperten die räumliche Ausbreitung von Aerosolen und CO2 in einem Konzertsaal experimentell untersucht und dazu Anfang und Mitte November 2020 umfangreiche Messungen unter Zuhilfenahme eines "atmenden" Dummys im Zuschauerraum und Foyer des Konzerthauses vorgenommen.

Besonders interessant ist diese neue Studie deshalb, weil sie unterschiedliche Szenarien beleuchtet, darunter nicht zuletzt jenes einer Vollbesetzung des Auditoriums.

Zu den Kernergebnissen der Studie, auch als YouTube-Video.

Demnach habe die Auswertung der Untersuchungen gezeigt, dass im Saal die Gefahr von Infektionen durch Aerosolübertragung nahezu ausgeschlossen werden kann, wenn ausreichende Frischluftzufuhr über eine raumlufttechnische Anlage erfolgt und Besucher während der Vorstellung einen Mund-Nasen-Schutz tragen. In dieser Konstellation habe es auf sämtlichen Nachbarplätzen des Dummys (also auch den Sitzen vor und hinter ihm) praktisch keine Beeinflussung durch Prüfaerosole gegeben. Insbesondere störe ein Event mit großer Teilnehmerzahl den Luftaustausch nicht, sondern fördere diesen (zumindest in der untersuchten Lüftungskonstellation) durch thermische Effekte sogar noch. Theoretisch wäre - sollte auch am Platz ein Mund-Nasenschutz getragen werden - demnach auch zum jetzigen Zeitpunkt eine Vollbesetzung denkbar. Empfohlen wird jedoch, diese bis zu einem Absinken der Infektionszahlen auf ein niedrigeres Niveau aufzuschieben und gegebenenfalls über modellbasierte Berechnungen abzusichern. Die aktuell propagierte Lösung sieht eine Belegung des Saales in einer Art Schachbrettmuster mit je einem freigelassen Platz zwischen den Sitzgruppen vor. Diese Methodik, die seit langem von den Kinos für ihre Säle gefordert wird, würde es ermöglichen, wenigstens 50 Prozent der normalen Sitzplatzkapazität zu nutzen.

Der Knackpunkt: Diese Empfehlung gilt auch für das Szenario, dass die Gäste die Maske am Platz abnehmen - und zwar dauerhaft. Das zeitweise Abnehmen für den Verzehr wurde (da im Konzerthaus Dortmund nicht relevant) nicht gesondert untersucht, was aber angesichts des potenziell eher höheren "Schutzfaktors" aber wohl dahinstehen kann. Selbst in der Konstellation ohne Masken am Platz würden die Ergebnisse der Untersuchung keinen grundsätzlichen Anlass zu Bedenken geben. Anders als im Szenario mit Masken wird auf Basis der Erkenntnisse zwar grundsätzlich empfohlen, jeweils den direkten Vorderplatz freizuhalten, für restliche Nachbarplätze sei eine Infektion jedoch "sehr unwahrscheinlich" - und die Wahrscheinlichkeit für durch die Wahl des Schachbrettes eben noch weiter gesenkt. Eine "geringere Auslastung" als die dadurch ermöglichte, habe "keinerlei Mehrwert für den Infektionsschutz" wie es in der Zusammenfassung der Studienergebnisse heißt.

Etwas anders verhält es sich in den Gängen, den Toiletten und im Foyer, wo eine Maskenpflicht (auch weil engere Kontakte nicht auszuschließen seien) als grundsätzlich notwendig bezeichnet wird - was allerdings lediglich der ohnehin zwischen den beiden Lockdowns gelebten Praxis in den Kinos entspräche, Pflicht zum Anlegen der Maske vor Einnehmen und bei Verlassen des Platzes inklusive.

Vom Umweltbundesamt kommt klare Zustimmung: "Ich kann mich dem Fazit vollumfänglich anschließen. Bei schachbrettartiger Verteilung der Gäste und 100 Prozent Volllast der raumlufttechnischen Anlage ist das Infektionsrisiko sehr gering. Das Tragen von Mund-Nasenschutz im Saal ist von Vorteil, wenn auch nicht von so großer Bedeutung, wie vorher angenommen", erklärt Heinz-Jörn Moriske, Direktor und Professor im Umweltbundesamt (Leitung Beratungsstelle Umwelthygiene, FB II (BU)).

Unterdessen hat die nordrhein-westfälische Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen die Relevanz der Studie unterstrichen: "Das Thema Belüftung ist ein entscheidender Faktor für die Wiedereröffnung von Kultureinrichtungen. Die Studie des Konzerthaus Dortmund ist daher ein wertvoller Baustein für die Bemühung, den Spielbetrieb auch in Pandemiezeiten zu ermöglichen. Sie zeigt gleichzeitig, mit welch großem Verantwortungsbewusstsein die Kultureinrichtungen dem Publikum gegenüber handeln. Mit Blick auf die große Relevanz der Belüftung hat die Landesregierung eine gemeinsame Arbeitsgruppe unter anderem mit Vertreterinnen und Vertretern von Kultureinrichtungen eingesetzt, die auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen derzeit eine differenzierte Öffnungsstrategie erarbeitet. Teil dessen ist eine breit angelegte Analyse der Wirksamkeit von Belüftungssystemen in nordrhein-westfälischen Kultureinrichtungen, deren Durchführung Ende letzten Jahres begonnen hat."

Eine frohe Botschaft, so kurz nach dem Jahreswechsel? Im Grunde absolut, wenngleich mit einer wichtigen Einschränkung. Zwar soll es möglich sein, auf Basis der Studie auch Aussagen für andere Konzerthäuser oder Theater (oder eben Kinos) zu treffen, in denen in bestimmten Punkten vergleichbare Rahmenbedingungen herrschten - zu letzteren zählt neben der Lüftungsanlage aber auch die pure Größe des Saals, denn schon das große Raumvolumen sorgt für eine starke Verdünnung von belasteten Aerosolen. Insofern wären zusätzlich Studien notwendig, um die Ergebnisse auch für Kinosäle unterschiedlicher Größe in eine belastbare Form zu bringen. Die gute Nachricht zum Abschluss: Derartige zusätzliche Studien sollen durch das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut "mit relativ wenig Aufwand" durchführbar sein. Vermutlich ein geringer Preis dafür, nicht erneut mit 25 Prozent Kapazität starten zu müssen - und womöglich früher starten zu können.