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Jahresumfrage: 2020 hat Spuren hinterlassen

2020 war ein besonderes Jahr. Da fiel es oft nicht so leicht, positive Aspekte der vielschichtigen Herausforderungen herauszukitzeln. Deshalb fragte MusikWoche ausgewählte Akteure der Branche, was sie aus dem Corona-Jahr 2020 gelernt haben.

23.12.2020 10:08 • von
Was für ein Ritt: Ende 2020 dürfte mancherorts die Luft ein bisschen raus sein platt sein, aber ein Plattfuß bedeutet noch lange keinen Totalschaden (Bild: Foto: Imago, Sven Simon; Layout: MusikWoche)

2020 war ein besonderes Jahr. Da fiel es oft nicht so leicht, positive Aspekte der vielschichtigen Herausforderungen herauszukitzeln. Deshalb fragte MusikWoche ausgewählte Akteure der Branche, was sie aus dem Corona-Jahr 2020 gelernt haben.

Manlio Celotti, Managing Director The Orchard: Meiner Meinung nach hat uns COVID in diesem Jahr vor allem gezwungen, unsere Arbeitsgewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Ich bin enorm stolz darauf, wie sich das Team von The Orchard fast umgehend auf Home Office eingestellt hat, indem es auf hundertprozentig digitale Kommunikation übergegangen ist. Wir hatten großes Glück, dass wir aufgrund der Technologie, dem motivierten Team und durch die Bank sehr starken Veröffentlichungen keinen Moment aus dem Takt gekommen sind. Den positiven Kommunikations-Effekt werden wir definitiv auch in Zukunft, wenn alles wieder »normal« läuft, in unsere Arbeitsstruktur integrieren.

Jens Michow, Präsident BDKV: Dass es ein großes Gap zwischen den politischen Erwartungen der Praktiker*innen einerseits und dem politisch Durchsetzbaren andererseits gibt. Um von der Politik das zu erhalten, was man sich wünscht, muss man unglaublich dicke Bretter bohren. Wir haben es geschafft, dem Wirtschafts- und Finanzministerium nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung unseres Wirtschaftszweiges sondern auch den gesellschaftlichen Nutzen von Kulturereignissen transparenter zu machen. Das hat uns aber viel zu viel Zeit gekostet. Daher wird es in der Zukunft eine wichtige Aufgabe sein, Öffentlichkeitsarbeit für die Konzert- und Veranstaltungsbranche zu betreiben, eine Imagekampagne zu initiieren und damit der Kulturveranstaltungsbranche ein Gesicht zu geben und ihre Wahrnehmung zu steigern - so, wie es die meisten Wirtschaftszweige seit langem erfolgreich tun. Das wird Geld kosten, aber es ist unverzichtbar. Im Übrigen fürchte ich, dass die aktuelle Krise nicht die Letzte sein wird, die uns heimsucht. Dafür sollten wird uns so schnell wie möglich wappnen. Der BDKV wird dazu auch seine personelle Ausstattung aufstocken müssen. Mit einer One-Man-Show, wie ich sie in den letzten Monaten betrieben habe, ist der Verband mittelfristig für die Herausforderungen des Wirtschaftszweigs nicht hinreichend gerüstet ist. Gelernt habe ich in den letzten Monaten aber auch, wie wichtig es ist, Allianzen mit allen Branchensektoren zu schmieden, mit denen es gemeinsame Schnittmengen gibt. Die Bündelung der wirtschaftlichen Interessen aller Branchen der Musikwirtschaft im Forum Musikwirtschaft einerseits und entsprechend der Zusammenschluss der maßgeblichen Verbände des Veranstaltungsmarkts im Forum Veranstaltungswirtschaft andererseits ist für mich eine der wenigen positiven Ergebnisse der Corona-Krise. Die Foren bieten schon jetzt allen Beteiligten eine herausragende Plattform bieten, um zentrale Themen ihres Wirtschaftszweigs zu identifizieren, zu erörtern um sie dann an die Politik und die Öffentlichkeit zu adressieren. Das wird auch für die Zukunft eine wichtige Grundlage für eine effizientere Verbandsarbeit sein. Vor allem ist das Gewicht derartiger Zusammenschlüsse, die ja jeweils ihre gesamte Branche und nicht nur einen Teilsektor repräsentieren, weitaus stärker als das des einzelnen Verbandes.

_____"OBWOHL WIR DIE MEISTE ZEIT DES JAHRES RÄUMLICH GETRENNT WAREN, SIND WIR ALS TEAM HIER IN DEUTSCHLAND UND AUF DER GANZEN WELT NÄHER ZUSAMMENGERÜCKT ALS JE ZUVOR." Bernd Dopp, Warner Music.

Bernd Dopp, Chairman & CEO Warner Music Central Europe: Im Wesentlichen zwei Dinge. Zum einen, dass wir unsere Arbeit remote effektiver erledigen können, als zunächst gedacht, denn obwohl wir die meiste Zeit des Jahres räumlich getrennt waren, sind wir als Team hier in Deutschland und auf der ganzen Welt näher zusammengerückt als je zuvor, und wir haben weiterhin großartige Erfolge für unsere Künstler*innen erzielt. Zum anderen haben wir gesehen, dass Musik wie nie zuvor mit Technik verschmolzen ist - so ist Live-Streaming in diesem Jahr zum Mainstream geworden. Zu sehen, wie beispielsweise Robin Schulz ein Live-DJ-Set von zu Hause aus vor insgesamt fast fünf Millionen Zuschauern spielt, war unglaublich!

Timo Feuerbach, Geschäftsführer EVVC: Das zurückliegende Corona-Jahr hat tatsächlich die Veranstaltungsbranche enger zusammenwachsen lassen. Aufgrund der Heterogenität der Branche war es in der Vergangenheit immer schwierig, der Politik die Bedeutung, die Tragweite und die Zusammenhänge zu veranschaulichen. Dies konnten wir in den vergangenen Monaten durch den Schulterschluss vieler Verbände der Branche und zusammen mit #AlarmstufeRot deutlich ändern. Gemeinsam konnten wir in vergleichsweise kurzer Zeit die Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Branche realisieren - ein Projekt, das ein Verband alleine nicht hätte stemmen können. Wir haben miteinander Briefings, Handlungshilfen und Konzeptpapiere für die Politik erarbeitet, um passgenauere Hilfsprogramme für die Veranstaltungswirtschaft zu erzielen. Und auch nur im Schulterschluss mit allen konnten wir beispielsweise das persönliche Gespräch mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz erreichen. Diesen Weg werden wir weiter gehen - sicherlich auch über die Zeit der Pandemie hinaus. Im Forum Veranstaltungswirtschaft haben sich nun die fünf großen Verbände der Branche als Allianz zusammengeschlossen, um auch in Zukunft für einen gemeinsamen schlagkräftigen Auftritt bei der politischen Lobbyarbeit Interessen, Netzwerke, Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln. Gelernt haben wir in den vergangenen Monaten natürlich auch, wie sich der Veranstaltungsmarkt verändert. Für die Digitalisierung und den Weg hin zu hybriden Events hat die Pandemie wie ein Katalysator gewirkt und die Entwicklung unglaublich beschleunigt. Sicher ist, dass dieser Aspekt nun dauerhaft Bestandteil unseres Veranstaltungsalltags sein wird. Sicher ist aber auch, dass diese Formate immer nur eine Ergänzung zum unmittelbaren und persönlichen Austausch sein können, für den insbesondere die Veranstaltungszentren die optimale und professionelle Bühne sind. Dies zu vermitteln - sowohl in Richtung der Kunden als auch in Richtung der Politik - wird nun dauerhafte Aufgabe der Betreiber von Veranstaltungshäusern bleiben.

Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzender CTS Eventim: Das Jahr 2020 war für uns fraglos das schwierigste unserer Unternehmensgeschichte. Aber zugleich ist die Corona-Pandemie und ihre Folgen für unsere Branche eine Bewährungsprobe für unsere Leistungsfähigkeit als Unternehmen. Wir haben die Bestätigung erhalten, dass das umsichtige Wirtschaften der vergangenen Jahre genau die richtige Strategie war, um für Belastungen wie durch die Pandemie gut aufgestellt zu sein. Dank unserer Flexibilität konnten wir umgehend mit einer angepassten Kostenstruktur und höherer Effizienz auf die neuen Herausforderungen reagieren und so eine Entlastung in zweistelliger Millionenhöhe erzielen. Und wir sind besonders stolz darauf, ohne coronabedingten Kündigungen durch die Krise zu kommen. Ebenso hat es sich bewährt, auch und gerade angesichts der besonderen Herausforderungen voll auf die Stärken eines hochmotivierten Teams zu setzen: Innovation, Technologie und Branchenexpertise. Damit überzeugen wir nach wie vor unsere Kunden - bestehende und neue. Wir haben keine Zweifel daran, dass wir aus der Krise agiler und gestärkt hervorgehen werden.

Guido Evers und Tilo Gerlach, Geschäftsführer der GVL: Dieses Jahr war für uns ein Katalysator in vielerlei Hinsicht. Wir sind als Unternehmen, als Partnerin unserer Berechtigten und als Teil der Kreativbranche neue Wege gegangen. Zugleich war die GVL für viele unserer Künstler und Hersteller eine finanzielle Konstante in einem Jahr, das unbeständiger kaum hätte sein können. Wir haben alle Verteilungen wie geplant durchgeführt und konnten zusätzlich Vorschusszahlungen und Corona-Unterstützungen an unsere Berechtigten auszahlen. Außerdem haben wir mit neuen Dialogformaten unsere Kommunikation intensiviert. Wie die meisten andere Firmen musste sich auch die GVL von heute auf morgen neuen Herausforderungen durch die Arbeit im Homeoffice stellen. Wir alle haben dabei viel Neues gelernt und mussten den einen oder anderen Prozess anpassen. Wir sind stolz, dass wir das als Team geschafft haben. Auch die Kreativbranche ist angesichts der Herausforderungen, Unsicherheiten und Sorgen weiter zusammengerückt und hat sich gemeinsam für die nötigen öffentlichen Hilfen eingesetzt.

Detlef Schwarte, Geschäftsführer Reeperbahn Festival: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt ... Das Jahr hat für mich deutlich gemacht, dass es Entwicklungen gibt, die man kaum für möglich hält. Und dass es dann sehr schwierig sein kann, diese Entwicklungen richtig einzuschätzen, wenn sie eingetreten sind. Zum anderen fand ich bemerkenswert, dass Politik und Gesellschaft sich relativ schnell für den Schutz der Gesundheit und die Rettung von Leben entschieden und die ökonomischen Aspekte hintenan gestellt haben. Diese grundsätzliche Einstellung würde ich mir auch angesichts anderer globaler Krisen und menschlicher Notlagen wünschen.

_____"ERFOLGREICHSTER INDIE, ERFOLGREICHSTES SCHLAGERLABEL, PLATZ DREI IN DER GESAMTMARKTLABELSTATISTIK - DIESE BILANZ IST IN SO EINEM JAHR NOCH VIEL HÖHER ZU BEWERTEN." Ken Otremba, Telamo.

Ken Otremba, Geschäftsführer Telamo: Das Jahr 2020 hat uns allen extrem viel abverlangt. Mit einer aktuellen Album-Nummer-eins rein in den Lockdown war für die Künstlerin Marianne Rosenberg nach dem größten Erfolg ihrer Karriere mit das Schlimmste, was ihr passieren konnte - und für uns als Label der Startschuss für eine dauerhafte Ausnahmesituation. Improvisieren, spontanes Umplanen, logistische Klimmzüge - all das war gefordert. Aus dem Home Office die Informationsflüsse aufrecht erhalten, die Sorgen, Ängste und Fragen der Partner beantworten - täglich auf neue Situationen reagieren. Glücklicherweise konnten wir durch unser großartiges Team all diese Challenges meistern, und sind mit unseren Künstlern sehr erfolgreich durch dieses stürmische Jahr gekommen: Erfolgreichster Indie, erfolgreichstes Schlagerlabel, Platz drei in der Gesamtmarktlabelstatistik - diese Bilanz ist in so einem Jahr noch viel höher zu bewerten.

Harald Heker, Vorstandsvorsitzender GEMA: 2020 war ein absolutes Ausnahmejahr, in jeglicher Hinsicht dominiert von der Corona-Pandemie. Das gilt für die Gesellschaft als Ganzes, aber gerade auch für den Kulturbetrieb und die Musikbranche. Neben das menschliche Leid, das die Pandemie verursacht hat, tritt bei Künstlern und Musikautoren, Verlegern, Konzertveranstaltern und anderen in dieser Branche der immense wirtschaftliche Schaden. Die flächendeckende Absage von Musikveranstaltungen und die weitgehende Schließung kultureller Einrichtungen haben vielen Musikschaffenden schlicht den Boden unter den Füßen weggezogen. Das schmerzt enorm.

Die GEMA hat frühzeitig reagiert und das in ihrer Macht Stehende getan, um die wirtschaftlichen Folgen für unsere durch die Coronakrise massiv betroffenen Mitglieder soweit wie möglich abzufedern. Komponisten, Textdichter und Verleger konnten unbürokratisch Mittel aus unserem Hilfsfonds beantragen, und Mitglieder, die zugleich als Performer auftreten, eine Vorauszahlung für künftige Ausschüttungen in den Live- und Wiedergabesparten. Besonders hervorheben möchte ich außerdem, dass wir trotz der Widrigkeiten alle Verteilungstermine einhalten und die Lizenzeinnahmen in gewohnter Weise ausschütten konnten - ebenfalls ein wichtiger - wenn auch kein außergewöhnlicher - Beitrag zur wirtschaftlichen Unterstützung unserer Mitglieder. Zudem koordiniert die GEMA seit Herbst die Mittelverteilung für Musikaufführungsstätten, Clubs und Festivals im Rahmen des Programms »Neustart Kultur« der Bundesregierung, mit dem Einrichtungen verschiedener Kultursparten in die Lage versetzt werden sollen, so schnell wie möglich ihren Betrieb wiederaufzunehmen.

Für unsere Organisation selbst war das Jahr ebenfalls höchst herausfordernd. Wie in vielen anderen Unternehmen mussten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich kurzfristig an das Arbeiten im Home Office gewöhnen, also fern vom Büro mit Hilfe digitaler Tools im Tagesgeschäft effizient zusammenarbeiten, außerdem aber auch Sonderprojekte wie die Organisation der erwähnten Hilfsprogramme und die damit verbundene schnelle und unbürokratische Auszahlung der Gelder bewältigen. Diese Herausforderung haben wir hervorragend gemeistert.

Mein persönlicher Höhepunkt in diesem schwierigen Jahr war unsere Mitgliederversammlung, die natürlich »nur« digital stattfinden konnte. »Nur« steht bewusst in Anführungszeichen, denn tatsächlich war diese erste rein virtuelle Mitgliederversammlung ein Erfolg. Der GEMA ist es gelungen, den engen Kontakt zu ihren Mitgliedern trotz widriger Umstände aufrecht zu erhalten und eine ordnungsgemäße Versammlung zu realisieren. Auf diesem Wege haben mehr Mitglieder als je zuvor an der Versammlung teilgenommen. Ein großer Schritt nach vorn also bei unserer Digitalisierungsoffensive - darauf können wir weiter aufbauen.

2020 wird auch in unserer Geschäftsbilanz tiefe Spuren hinterlassen. Die Lizenzeinnahmen erreichen bei weitem nicht das Niveau der Vorjahre, was bedeutet, dass 2021 die Ausschüttungen an unsere Mitglieder zurückgehen werden. Die GEMA wird deshalb in den kommenden Monaten erneut Unterstützungsmaßnahmen für besonders betroffene Mitglieder initiieren, um die Folgen des »Coronajahrs« 2020 abzumildern. Wir sehen allerdings auch die Politik gefordert, weitere Hilfen für die Kultur- und Kreativwirtschaft auf den Weg zu bringen, insbesondere für Solo-Selbständige.

Doch das allein wird nicht reichen. Um die Einnahmen der Urheber zu verbessern, gilt es, ihre Rechte konsequent zu vertreten und durchzusetzen. Die Umsetzung der europäischen Urheberrechtsrichtlinie in deutsches Recht spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es ist unabdingbar, gerade die jetzige Situation führt dies wieder einmal schmerzlich vor Augen, dass Musikurheber für die Nutzung ihrer kreativen Werke im Internet fair entlohnt werden. Noch immer verdienen große Plattformen Milliarden mit den Inhalten geschützter Werke, ohne deren Urheber angemessen daran teilhaben zu lassen. Bei dieser Fehlentwicklung muss die Politik endlich konsequent gegensteuern. Die bisherigen Einlassungen aus dem zuständigen Bundesjustizministerium lassen die Intention erkennen, die Verhandlungsposition der Urheber zu stärken, jedoch sehen wir bei zentralen Punkten noch erheblichen Nachbesserungsbedarf. Umso wichtiger ist es, dass Musikurheber und Künstler jetzt ihre Stimme erheben und öffentlich Flagge zeigen für die Sache des Urheberrechts. Es geht um ihre Existenz.

Ich möchte nicht schließen, ohne einen optimistischen Ausblick zu wagen. Ich bin zuversichtlich, dass wir, nachdem die Pandemie weitgehend besiegt ist, schnell wieder zu einem normalen Kulturbetrieb zurückfinden werden. Denn die vergangenen Monate haben gezeigt, wie sehr uns Kulturereignisse und Musikerlebnisse fehlen, welch bedeutende und bereichernde Rolle sie in unserem Leben zu normalen Zeiten spielen.

Axel Ballreich und Karsten Schölermann, Geschäftsführende Vorstände der LiveMusikKommission (LiveKomm): Wir haben erfahren können, dass die Clubkultur in diesem Land ein größere und sogar in der Pandemiekrise stetig wachsende Bedeutung hat. Wir durften große Solidarität erfahren, Fundraising Projekte haben weitaus besser funktioniert, als wir uns dies je hätten träumen lassen. Dies lässt uns trotz allem mit Dankbarkeit und durchaus auch einer gewissen Demut aus diesem für uns eigentlich furchtbaren Jahr gehen. Zumal die Bedeutung der Clubkultur durch unsere Aufnahme in die heiligen Hallen der Politik weiter gesteigert wurde. Die Gründung des parlamentarischen Forums »Clubkultur & Nachtleben«, der Zusammenschluss in den Foren der Musik- und Veranstaltungswirtschaft, die soeben fertiggestellte Clubstudie, die erstmals bundesweit belastbares Zahlenmaterial zu unserem Tun wird liefern können, unser Mitwirken wie auch unsere Berücksichtigung bei den Neustart-Kultur-Programmen und die bevorstehende Gründung einer Bundesstiftung LiveKultur belegen, dass wir versucht haben, die erzwungenermaßen stille Zeit sinnvoll zu nutzen.

____"UNTER UMWELTGESICHTSPUNKTEN HABEN WIR IN DIESEM JAHR VIELES RICHTIG GEMACHT." Birgit Heuzertoth, Beggars.

Birgit Heuzeroth, General Manager Beggars Group Germany: Wir haben auf jeden Fall gelernt, dass wir im Home Office wunderbar funktionieren können, dass wir für internationale Meetings nicht immer um den Globus fliegen müssen, sondern uns im Zoom-Call treffen können. Und dort sogar erste Bekanntschaften mit neuen Künstler*innen machen und uns zusammen ihre kommenden Werke anhören können. Natürlich fehlte das wirliche »Socialising«, aber unter Umweltgesichtspunkten haben wir in diesem Jahr vieles richtig gemacht.

Jörg Heidemann, Geschäftsführer Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT): Dass wir mit unserem Credo »Act United, Stay Independent« richtig liegen, denn solidarisches Agieren für gemeinsame Interessen war auch der Grundgedanke bei der Gründung des Forum Musikwirtschaft. Von der Aufklärung über die enge Verzahnung der Musikbranche, zweier gemeinsamer Studien, der Mitarbeit in der Ausgestaltung des »Neustart Kultur«-Programms bis hin zum konstruktiven Austausch mit der Politik sowie anderen Verbänden der Kultur- und Kreativwirtschaft, haben wir gemeinsam als Forum Musikwirtschaft einiges geschafft. Wir beim VUT haben anhand der diesjährigen VIA Awards außerdem gelernt, dass es auch oder gerade in der Krise wichtig ist, die Vielfalt der unabhängigen Musikkultur zu ehren, auch wenn eine digitale Feier echte Begegnungen nicht ersetzen kann.

Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio: Wir haben eine ganze Menge gelernt - zum Beispiel, wie gut der Zusammenhalt in unserem Team auch in dieser langanhaltenden Krisensituation ist. Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen haben sich über Monate nicht gesehen und arbeiten nach wie vor von zuhause. Natürlich gab es insbesondere in der Anfangsphase der Pandemie sehr viel zu tun, beispielsweise die Verlegungsplanung und -kommunikation aller Veranstaltungen. Es war schön, zu sehen, dass wir das als Team gemeinsam geschafft haben. Aber auch die Tatsache, dass wir in den vergangenen Jahren erfolgreich waren und gut gewirtschaftet haben, sodass wir niemandem kündigen mussten, sollte uns über die Ernsthaftigkeit der Situation nicht hinwegtäuschen. Die Corona-Pandemie ist auch für uns, aber insbesondere die gesamte Wertschöpfungskette der Live-Branche, eine noch nie dagewesene Zäsur, die noch lange spürbar bleiben wird - von ihren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen einmal abgesehen. Wir haben ebenfalls gelernt, wie wir uns in dieser Situation für die Branche starkmachen können und sind in politischen Gremien genauso aktiv wie in den Medien, um auf die besonderen Herausforderungen der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen. Auch hier zeigte sich übrigens wieder ein besonderer Zusammenhalt: Europas führende Festivalveranstalter, die normalerweise in gesunder Konkurrenz zueinander stehen, haben sich zu einer Taskforce zusammengeschlossen, die mit einem einheitlichen Hygienekonzept Festivals auch unter Pandemiebedingungen möglich machen soll. Unsere liebste Lektion aus diesem schwierigen Jahr: Egal ob unser Team, andere Promoter, Künstlerinnen und Künstler oder Gäste - alle ziehen gerade an einem Strang, damit sichere und verantwortungsbewusste Veranstaltungen schnellstmöglich wieder Realität werden.

Maik Pallasch, Head of Music DACH, Spotify: Es schmerzt schon sehr, zu sehen wie Künstler*innen und die gesamte Live- und Veranstaltungsbranche unter Covid-19 leiden. Ohne Konzerte, Live Events und Clubnächte fehlt auch bei Spotify etwas. Nicht nur weil wir selbst viele Events und Drehs rund um Veröffentlichungen und andere Themen organisiert haben. Vor allem weil Konzerte und Clubs ein entscheidender Motor für die Entwicklung neuer Künstler*innen und die Etablierung neuer Musik sind. Gerade bei erfolgreich tourenden Künstler*innen - egal ob groß oder klein - sehen wir immer wieder, wie stark sich Konzerte auf das Streaming von Musik auf Spotify auswirken.

Bei Spotify sind wir froh, dass sich das Nutzungsverhalten während Corona und vor allem in den Lockdownphasen lediglich verlagert hat. Im ersten Lockdown konnte man beobachten wie wichtig zum Beispiel Workout-, Yoga- oder Wellness-Inhalte, aber auch lokale Subgenres wurden. Auf diese Veränderungen inhaltlich zu reagieren war sehr aufwendig und hat bei uns zu vielen Ad hoc-Projekten geführt. Gleichzeitig bin ich sehr stolz auf das gesamte Team für den deutschsprachigen Raum, in dem alle gemeinsam dazu beigetragen haben, unsere geplanten Musikinitiativen erfolgreich umzusetzen. Zum Beispiel konnten wir mit rein organischem Wachstum innerhalb von acht Monaten für unsere Playlist Modus Mio einen Instagram-Kanal mit aktuell über 85.000 Follower*innen aufbauen. Über das Radar Programm konnten wir mehr als 25 neue Künstler*innen dabei unterstützen, die ersten oder nächsten wichtigen Schritte zu machen. Mit Momentum, unserem Artist Marketing Programm für Künstlerinnen, konnten wir verschiedene Veröffentlichungen mit Marketing und Budgets unterstützen und hoffen, damit einen Anreiz in der Industrie zu schaffen, mehr Künstlerinnen unter Vertrag zu nehmen und erfolgreich zu machen. Und mit track IDs, den co-kuratierten DJ Playlists, haben wir aus Deutschland heraus ein globales Programm mit einigen der relevantesten DJs weltweit gelauncht, das ihnen nicht nur in Zeiten geschlossener Clubs sehr viel mehr Visibilität bei Spotify verschafft und verschaffen wird.

So herausfordernd die Zeiten gerade auch sind, ich freue mich trotzdem auf das nächste Jahr und alle Projekte und Initiativen, die da kommen werden. Vor allem aber auf den Moment, wenn alle Clubs, Veranstaltungsorte und Festivals wieder ohne Einschränkungen ihren Betrieb aufnehmen können.

Dieter Semmelmann, Geschäftsführer Semmel Concerts: Aus dem Jahr 2020 haben wir gelernt, dass Nichts wirklich sicher ist und zu jederzeit mit Allem gerechnet werden muss. Zeitgleich haben wir als Team gesehen, dass wir jede Unwägbarkeit gemeinsam meistern können. Eine der wichtigsten Erkenntnisse in solchen Zeiten.

___"DER ANFÄNGLICHE AKTIONISMUS AUS DEM ERSTEN LOCKDOWN IST MITTLERWEILE BESSEREN, MODERNEREN UND VOR ALLEM MONETARISIERTEN IDEEN GEWICHEN." Marie Heimer, ease agency.

Marie Heimer, Managing Director ease agency: Als Digitalagentur sind wir es gewohnt, dass sich Anforderungen und Details ständig ändern - aber dieses Jahr war eine besondere Herausforderung. Der anfängliche Aktionismus aus dem ersten Lockdown a la »alle müssen sofort aus dem Schlafzimmer ein Unpluggued-Konzert streamen« ist mittlerweile besseren, moderneren und vor allem monetarisierten Ideen gewichen und wurde professionalisiert. Die Digitalisierung ist jetzt überall angekommen - und unausweichlich geworden - für uns ist das Feld der Möglichkeiten nahezu explodiert. Während wir früher Konzerte und Tickets vor allem beworben und begleitet haben, ist das Geschäftsmodell für Streams, Fanclubs oder direkte Kommunikation in den Fokus geschoben worden. Was wir daraus gelernt haben: jeder Künstler ist anders, jeder braucht einen individuellen Ansatz, mit dieser Situation umzugehen - aus Tausenden von möglichen Wegen ins Digitale den genau richtigen zu finden ist die Kernaufgabe von ease.

_____"AUFGRUND DER MASSIVEN RÜCKGÄNGE DER LIZENZEINNAHMEN KOMMEN SCHWIERIGE ZEITEN AUF UNS ZU." Rudi Schedler, Schedler Music.

Rudi Schedler, Geschäftsführer Rudi Schedler Musikverlag: Das Jahr 2020 hat uns gezeigt, dass es in der Gesamtwirtschaft Gewinner und Verlierer gibt. In der Musikbranche jedoch fast ausschließlich nur Verlierer bis hin zu sehr starken Verlierern. Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen in 2020 waren für uns und unsere Autoren noch nicht so stark. Aufgrund der massiven Rückgänge der Lizenzeinnahmen bei der GEMA, AKM und SUISA von zum Beispiel Veranstaltern oder Discotheken in 2020 kommen aber schwierige Zeiten auf uns zu. Bis jetzt hat es nicht den Anschein, dass unsere Verwertungsgesellschaften Entschädigungszahlungen erhalten können, so wie es eben Veranstalter und andere Musiknutzungsbetriebe erhalten können. Das ist nicht fair! Es entsteht auch der Eindruck, dass unsere Vorstände oder Aufsichtsräte bei den Verwertungsgesellschaften das einfach so hinnehmen. Wenn Veranstalter, Ticketingfirmen, Musikhäuser und andere Musiknutzungsbetriebe Entschädigungszahlungen erhalten können, sollten auch wir, damit meine ich unsere Verwertungsgesellschaften, fünf bis zehn Prozent solcher Zahlungen vom Bund, Staat oder von den Musiknutzungsbetrieben erhalten können.

Michael Brill, Geschäftsführer D. Live: Dieses Jahr hat uns eindrucksvoll gezeigt, dass sich auch unsere Branche nach all den Boom-Jahren und Jahrzehnten, die hinter uns liegen, jederzeit nachhaltig verändern kann. Es lehrt uns, dass eben »alles anders bleibt« und es unsere Aufgabe ist, uns mit noch mehr Aufmerksamkeit möglichen Marktveränderungen zu stellen. Wir haben schließlich in den vergangenen Monaten gelernt, dass wir als Venue-Betreiber, Veranstalter, Produzent, Marketing- und Vertriebs-Experte auch viele andere Tätigkeitsfelder erschließen können. Wir besitzen aus unseren Erfahrungen des Show- und Sport-Biz eine enorme Flexibilität und Anpassungsfähigkeit als Unternehmen und sind in der Lage, in kürzester Zeit unsere Fähigkeiten und unser Know-how für andere Einsätze zu nutzen. Als D.Live haben wir beispielsweise das Akkreditierungsverfahren der kritischen Infrastruktur innerhalb weniger Wochen entwickelt und in unserer Stadt umgesetzt, Corona-Test-Drive-Ins entwickelt und betrieben, Pop-up-Isolationsstationen oder Arzt- und Behandlungspraxen konzipiert, entwickelt und realisiert und werden nun ein Impfzentrum betreiben. Wir können viel mehr leisten, als wir es uns jemals selbst zugetraut hätten und das ist zweifelsfrei ein großes und wertvolles Learning für eine systematische Weiterentwicklung unseres Geschäftszwecks und -inhaltes. Auch haben wir gelernt, dass wir als Branche uns wesentlich stärker organisieren müssen, um erheblichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen systematisch entgegenzutreten. Die Tatsache, dass die Inhalte unserer Branche innerhalb weniger Wochen als »nicht notwendig« und mit einer »Freizeitbeschäftigung« gleichgesetzt wurden, ist ein gewaltiges Warnsignal. Wir sind Teil der modernen Kultur, die unerlässlich zu unserem Alltag und Leben gehört wie Brot und Wasser. Wir haben zu wenig den Kulturbegriff für uns verwendet und dessen Bedeutung gewürdigt. Hier gibt es viel für uns zu tun. Die neu geschaffene Allianz der fünf maßgeblichen Verbände der Veranstaltungswirtschaft BDKV, der EVVC, ISDV, LiveKomm und VPLT ist mit Sicherheit ein großer Gewinn in der aktuellen Situation und ein richtiger und wichtiger Schritt. Dieser Zusammenschluss ermöglicht eine größere Wahrnehmung in Politik und Öffentlichkeit für unsere gesamte Branche.

_____"KÜNSTLERINNEN, KÜNSTLER UND SONGWRITER WERDEN IN DEN KOMMENDEN JAHREN EINE IMMER STÄRKERE VERHANDLUNGSPOSITION HABEN." Maximilian Kolb, BMG.

Maximilian Kolb, Managing Director BMG GSA: Das Jahr 2020 hat drei Trends immens beschleunigt. 1.) Die Digitalisierung der Branche: Sowohl unternehmensinterne Prozesse als auch die Art und Weise, wie Künstler*innen arbeiten und mit ihren Fans in Kontakt treten, haben sich stark weiterentwickelt. 2.) Die Neu-Definition von Katalog: Streaming rückt das wertvollste Gut der Musik ins Rampenlicht. Diese Entwicklung wird das Musikgeschäft grundlegend verändern. 3.) Die Emanzipation von Künstler*innen: Künstlerinnen, Künstler und Songwriter werden in den kommenden Jahren eine immer stärkere Verhandlungsposition haben, wenn es darum geht fairere Verträge auszuhandeln. Es ist daher wichtiger denn je, ihnen als Partner zur Seite zu stehen, der das Business um sie herum aufbaut, nicht umgekehrt.

Ernst-Ludwig Hartz, Geschäftsführer E.L.Hartz Promotion: Wir haben gelernt, dass wir die ersten waren, die nicht mehr arbeiten konnten und wir keine verlässliche Aussagen bekamen, wann und wie es weitergeht.

___"UNSER LEARNING IST, DASS WIR UNS ALS KREATIVINDUSTRIE NOCH BESSER VERNETZEN UND GEMEINSAM GEGENÜBER POLITIK UND GESELLSCHAFT PRÄSENTIEREN MÜSSEN." Sascha Lazimbat, Zebralution.

Sascha Lazimbat, COO Zebralution: Wir haben 2020 aus einer sehr privilegierten Position wahrgenommen: mit einem digitalen Geschäftsmodell, dass unter Corona in nur sehr geringem Ausmaß gelitten, an mancher Stelle sogar profitiert hat, und mit einem Team, dass nahezu ohne Limitierungen aus dem Remote Office weiterarbeiten konnte - bei unserem geografisch weitgestreckten Footprint hat die Umstellung auf rein digitale Kommunikation sogar dazu geführt, dass wir unsere internationalen Kollegen besser als je zuvor einbinden konnten. Unsere glückliche Position hat nicht unseren Blick darauf vernebelt, was die Pandemie mit unseren Partnern, Kollegen und Freunden aus den am härtesten betroffenen Bereichen gemacht hat - DJs, Künstler mit hohem Live-Anteil, Veranstalter*Innen, Venues, Booker*Innen, Stage-Hands, Merchandiser und dem gesamten Ökosystem der Kreativindustrie, dem wir uns auch zugehörig fühlen. Wichtige Teilbereiche der creative industries wurde von den Unterstützungsprogrammen von Bund und Ländern nur in Teilen erfasst, und viele sind immer noch ohne klare Perspektive und haben verständliche Existenzängste. Unser Learning daraus ist, dass wir uns in Zukunft als Kreativindustrie noch besser vernetzen und gemeinsam gegenüber Politik und Gesellschaft präsentieren müssen. Wir müssen uns engagieren: In Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Außerdem werden wir unsere Anstrengungen verdoppeln, spezifischere und bessere Lösungen für unsere Partner und Mitarbeiter*innen zu denken, zu planen, zu bauen und umzusetzen.

_____"IM HANDEL HAT SICH DIE GROSSE KREATIVITÄT DER INHABERGEFÜHRTEN GESCHÄFTE BEZAHLT GEMACHT." Manuela Nikele, Bertus.

Manuela Nikele und Andres Hubmann, Head of Labelmanagement & Promotion und Head of Sales, Bertus Musikvertrieb: Glücklicherweise war die Umstrukturierung bei Bertus Musikvertrieb gerade abgeschlossen, als die Pandemie auch hierzulande begann. Unsere MitarbeiterInnen waren noch geübt, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen und es war schön, das große Engagement aller zu erleben. Der Zusammenhalt ist trotz Home Office größer geworden. Im Handel hat sich die große Kreativität der inhabergeführten Geschäfte bezahlt gemacht, denn die Bedeutung von Musik und damit auch von physischen Tonträgern ist in den schwierigen Zeiten eher noch gewachsen. Bestell-, Abhol- und Lieferservices sorgten für Kundenbindung im stationären Handel, die Ladenbesitzer haben dem noch stärker werdenden Onlinehandel etwas entgegenzusetzen.

Uwe Frommhold, Vice President & COO AEG Germany: So eine Krise stellt vieles nicht nur in ein anderes, sondern völlig neues Licht. Wenn eine eigentlich sehr gesunde Branche plötzlich an den Rand der Existenz gedrückt wird, dann lernt man sich und andere auch neu kennen. Eine bittere Erkenntnis war, dass wir als Brache nicht auf etablierte Lobbystrukturen zurückgreifen konnten, die man in einer solchen Situation offensichtlich braucht. Als das Rennen um die Hilfspakete losging und die Verordnungen festgelegt wurden, hatten wir keine Stimme am Tisch. So sind auch Großveranstaltungen erst einmal hinten runtergefallen. Was nicht an der Solidarität innerhalb der Branche liegt, denn die hat sich sowohl lokal als auch überregional schnell koordiniert, aber politische Durchschlagskraft entwickelt man nicht über Nacht. Darüber hinaus hat die Krise aber auch gezeigt, dass wir uns auf unsere Partner verlassen können, genauso wie auf unsere Mitarbeiter, die sich in dieser auch für sie persönlich schwierigen Situation hervorragend bewegt haben.

Oliver Hoppe, Geschäftsführer Wizard Promotions: Dass man immer mit dem Schlimmsten rechnen muss. 2020 wäre wahrscheinlich das erfolgreichste Jahr seit unserem Bestehen geworden, nun ist es rein wirtschaftlich das schlimmste. Nichtsdestotrotz sehe ich gern das Positive aus den letzten zehn Monaten - beruflich wie privat. Unser Team hat sich sehr schnell den neuen Bedingungen angepasst und ist aus meiner Sicht noch mehr zusammengewachsen, die Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern, insbesondere aus dem Verband der DEAG hat unheimlich viel Qualität gewonnen. Man hat endlich mal die Zeit auf die Sorgen und Nöte der Partner zu hören - und auch wenn jeder in seinem eigenen Boot sitzt, sind wir doch zumindest alle im selben Sturm. Die ständige Unplanbarkeit und finanzielle Unsicherheit sind natürlich leidige Begleiter, aber das Jahr hat mir auch viel Zeit gegeben, über die man sich nur freuen kann - weniger abendliche Künstlerbetreuung, weniger Reisen, mehr Sport, mehr Zeit mit der Familie, mehr Zeit für Freunde (wenn auch per Facetime). Wenn es wieder los geht, werde ich das alles vermissen. Insofern muss man es auch ein bisschen genießen.

Dirk Hohmeyer, Geschäftsführer P.S.E. Germany: Ich hätte nie geglaubt, dass meine Kollegen und ich in einem »nicht-systemrelevanten« Bereich arbeiten und so wenig konkrete Unterstützung verdienen. Es ist erschreckend festzustellen, wie wenig Profil doch unsere Branche hat. Touristik-Unternehmen, Fluggesellschaften werden mit Unsummen gefördert. Diese bezahlen ihre Steuern z.T. noch nicht einmal in Deutschland und entlassen trotz der massiven Unterstützung zigtausende Mitarbeiter. Wir hätten gerne nur Bruchteile unserer Steuerzahlungen aus 2019 zurück, das würde uns das Überleben leichter machen. Die populistischen Ankündigungen der Politiker ohne (zumindest bisher) praktikable Ansätze frustrieren. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass unsere Branche nach außen keine wirkliche Wahrnehmung und Lobby erfährt. Es gibt hier großen Optimierungsbedarf. Für uns begann 2020 eigentlich wieder sehr positiv, so hatten wir Anfang März bereits 65 Prozent der Eintrittskarten für die Night Of The Proms im November/Dezember 2020 verkauft, ohne Ankündigung des Programms und irgendwelcher Solisten. Dann begann die Coronazeit. Wir machen uns große Sorgen über die Existenz unser Partner, unserer Zulieferer und Supplier und helfen, wo wir helfen können. P.S.E. ist ein schlankes Familienunternehmen und lebt aktuell von der Substanz. Es gibt keine Tutorials, Bücher, Leitfäden oder Empfehlungen, was zu tun ist, somit lernen und agieren wir nach bestem Wissen und Gewissen. Wir haben uns bereits im August entschlossen, die Tournee auf 2021 zu verlegen und den Kartenkäufern einerseits angeboten, dass die Karten ihre Gültigkeit behalten und anderseits, dass wir die Karten auch zurücknehmen und erstatten. Weniger als drei Prozent der Eintrittskarten wurden zurückgegen - ein unglaublicher Vertrauensbeweis unseres Publikums.

Stefan Vogelmann und Holger Fleder, Managing Director Broken Silence: Unser Team war den unterschiedlichen Anforderungen gewachsen und hat sich auf diese besondere Situation erstaunlich gut eingestellt. Bemerkenswert ist es, wie sich die Endverbraucher im Lockdown schnell für andere Bezugsquellen entschieden haben und dabei geblieben sind. Wir haben uns nicht so sehr aus dem Konzept bringen lassen, sind zielstrebig und gelassen geblieben und haben die Zeit für die Neuausrichtung in den nächsten Jahren genutzt.

Sybil Franke und Sebastian Rüß, Geschäftsführer Velomax: Dass sich so ziemlich alles von einem Tag auf den anderen ändern kann und dass wir uns neu organisieren können, wenn es die Situation erzwingt. Statt abends auf Shows oder Sport-Events zu sein, konzipieren wir emsig Open-Air-Lösungen, öffnen unsere Häuser für neue Nutzungsmöglichkeiten, haben flächendeckend für alle Mitarbeiter Home-Office-Voraussetzungen geschaffen und bemühen uns unermüdlich (trotz aller bisherigen Ablehnungen) um Unterstützung von öffentlicher Seite. Das gab es alles so zuvor nicht.

Arndt Scheffler, Geschäftsführer white label eCommerce: Unvorstellbares ist plötzlich Realität geworden, fasst es für mich gut zusammen. Dass ein ganzes Land lahm gelegt wird, habe ich nicht für möglich gehalten und es ist nach wie vor aufschlussreich, wie einige Menschen damit umgehen. Ich habe gelernt, dass wir viel mehr können, als wir geglaubt haben, und ich weiß nun besser, auf wen Verlass ist. Die Erfahrungen der letzten Monate lehren, worauf es wirklich ankommt, und zeigen zugleich, dass Flexibilität hilfreich und wichtig ist. Ein weiterer Punkt ist die Effizienz der vielen Remote-Termine, verbunden mit der Erkenntnis, dass sich darüber dennoch weder Vertrauen noch Nähe aufbauen lassen. Zu guter Letzt: Wir können froh sein, in diesem Teil der Welt leben zu dürfen, den Klagen einiger unter uns zum Trotz.

Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender DEAG: Die überraschende und in dieser Form bis dato mit keinen anderen Krisen vergleichbare Situation hat vor allem eine ganz besondere Dankbarkeit hervorgerufen, weil der Kampfeswille und die Solidarität der Mitarbeiter untereinander und mit dem Unternehmen und dessen Zielen wirklich beeindruckend sind. Zudem hat sich gezeigt, dass viel Wahres im Motto »Irgendwas geht immer!« liegt - auch wenn es zunächst »nur« der Christmas Garden am englischen Standort Nottingham ist, sowie die Umsetzung von Schnelltestzentren und Dienstleistungen für Impfzentren in Deutschland.

Lothar Schlessmann, Geschäftsführer Hello Concerts: Was haben Sie aus dem Corona-Jahr gelernt? Die alte Kaufmannsregel: auf Kosten zu achten hat sich bewährt und war überlebenswichtig , ist aber nichts Neues und war schon vor 2020 bekannt. Staatlich Hilfen sind zwar groß angekündigt aber nocht nicht wirklich hilfreich angekommen. Die gegenseitige Sensibilität innerhalb unserer Branche hat erfreulicherweiße zugenommen, ebenso die Solidarität der Ticketkäufer mit Veranstalter und Künstler ist noch bemerkenswert positiv. Trotzdem, alles Sch......

Sybille Kornitschky, Projektleiterin jazzahead!: Ich habe sehr viel aus dem Corona-Jahr gelernt. Zunächst, wie wenig wir alle auf eine Pandemie dieses Ausmaßes vorbereitet waren: die Politik nicht, das Gesundheitswesen nicht, keiner von uns. Corona kam wie ein Tsunami von irgendwo weit her und stand plötzlich völlig unerwartet mit aller Wucht vor der eigenen Tür. Mir persönlich war immer schon klar, dass die Rahmenbedingungen des Jazzbusiness schwierig sind. Aber wie fragil das Gefüge ist, wie verletzlich und abhängig voneinander die Akteure in der Jazz- und Musikbranche im gesamten Umfeld der Kultur und dem Veranstaltungswesen sind, das hat die Pandemie brutal offengelegt. Dabei denke ich an Stichwörter wie Soloselbstständige, »Projekteritis« und Unternehmerlohn. Die meisten Künstler sind selbstständig, haben keine Festanstellung und keine gesicherte Altersvorsorge. Mit dem Wegfall der Veranstaltungen mussten viele an ihre privaten Reserven. In der öffentlichen Wahrnehmung war die Kunst- und Kulturbranche lange Zeit ein »Nice-to-have«. Dabei ist die Veranstaltungsbranche ein großer und wichtiger Wirtschaftszweig. Vielen war nicht ausreichend klar, dass auch unsere Branche eine volkswirtschaftliche Systemrelevanz hat und was für Folgen ein Veranstaltungsverbot für viele bedeutet. Dabei geht es nicht nur um den einzelnen Künstler, der auf der Bühne steht. Ob der Tontechniker oder die Kellnerin vom Catering: Hinter jeder Veranstaltung steht eine ganze Kette von Dienstleistern und Menschen, die mit dem Wegfall, dem Verbot der Veranstaltungen um ihre Existenz bangen müssen. Dies war vielen Außenstehenden lange Zeit nicht klar. Die Ironie ist, dass ausgerechnet die Pandemie dafür ein Bewusstsein geschaffen hat. Insofern haben wir auch gelernt, dass es nach all den realpolitischen Maßnahmen jetzt nun dringend notwendig ist, auch eine in die Zukunft gerichtete Debatte darüber zu führen, wie mittel- und langfristig mit diesen strukturellen Problemen umgegangen werden kann. Persönlich habe ich darüber hinaus für mich gelernt, wie dankbar ich sein kann, ein relativ gesichertes Arbeitsverhältnis zu haben und wie glücklich ich mich schätzen darf, bisher gesund durch diese Pandemie gekommen zu sein.

Heinz Bross, Geschäftsführer Rimpo: National: Der rapide Zerfall der deutschen Tonträgerindustrie geht ungebremst weiter. Es gibt gefühlt keinen Branchenvertreter, der sich um den physischen Tonträger kümmert. Solange beim Streaming nur die Plattenfirmen, nicht aber die Künstler verdienen, wird sich daran auch nichts ändern. Wie anders wäre die unsägliche (und einfach nicht besser werdende) Liefersituation bei Rough Trade/GoodToGo, Bertus, Warner, Universal ... zu erklären? Regional: Die letzten 40 Jahre waren nicht umsonst und tragen Früchte! Wir haben mit dem Verkauf von Vinyl angefangen, und dieser Kreis schließt sich jetzt. Unser kleiner Laden überlebt auch solche Krisenzeiten durch treue Stammkundschaft, die einen engagierten Plattenladen auch im Jahre 2020 zu schätzen weiß. Unterhöhlt und ausgehebelt werden wir durch die besch.. Liefersituation (s.o.) und fehlende Ansprechpartner bei den Vertrieben (s.o.).

Michael Bisping, a.s.s. concert & promotion: Zunächst einmal die Bestätigung der alten Volksweisheit »dass man sich nie zu früh freuen soll«. Gingen wir noch Mitte Februar von einem der besten Geschäftsjahre der letzten zehn Jahre aus , waren wir schon vier Wochen später im Lockdown. Ich denke, eine Lehre für die gesamte Branche ist, wie wichtig für uns alle eine starke Interessenvertretung ist. Als Einzelkämpfer würden die meisten von uns wohl untergehen. Der BDKV, seit dem Zusammenschluss der beiden alten Veranstalterverbände ja nun wirklich das Sprachrohr (fast) aller Veranstalter, hat hier im Chor mit all den anderen Vertretern unserer Gesamtbranche im Bündnis »Alarmstufe Rot« für uns alle viel erreicht. Das sollten wir auch für die Zukunft im Blick haben: die nun bestehenden Verbindungen zur Politik auch weiterhin zu pflegen und die Kommunikation nicht abreißen zu lassen wird wichtig bleiben.

Marc Oßwald, Geschäftsführer Vaddi Concerts: Gelernt habe ich auf jeden Fall viel Demut. Darüber hinaus musste ich aber auch zur Kenntnis nehmen, welch niedrigen Stellenwert unsere Branche in der Politik hat(te). Da hat uns die Pandemie aber mittlerweile geholfen, sodass die Politik sich mit uns konstruktiv auseinandersetzt. Die subventionierte Kultur hatte es da viel leichter und bekam zusätzlich zu den regulären Geldern sehr viel schneller Hilfsgelder.

Thomas Jensen, Geschäftsführer ICS Marketing: Ich musste oft an etwas denken, das Lemmy in der Garderobe bei der letzten Motörhead-Show Hamburg gesagt hatte: »Nothing's sure, nothing.« Das vergangene Jahr hat das sehr deutlich und erschreckend gezeigt. Aber man darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Ich habe zum einen gelernt, dass unser Team unwahrscheinlich flexibel auf schwierige Situationen reagieren kann. Das hat sich besonders bei unserem Wacken World Wide gezeigt. Wir haben innerhalb kürzester Zeit das erste richtige digitale Festival in Deutschland umgesetzt. Das war grandios, das ist absolut der Hammer! Ich weiß, dass unser Team gut ist, das war mal wieder ein ganz besonders eindrucksvoller Beleg. Und natürlich habe ich wieder spüren dürfen, dass wir die geilsten Fans der Welt haben. Das war uns schon immer sehr bewusst, dieses Jahr hat das es nochmal eine neue Qualität erreicht.

Iris Rackwitz, Marketing & Eventmanagerin ZSL: Die Veranstaltungsbranche ist kleinteilig und vielfältig. Im Corona-Jahr sind wir alle zusammengerückt, haben uns vernetzt und auf Landes- und Bundesebene für uns gemeinsam gekämpft. Die Lobby-Arbeit wurde in den vergangenen Jahren leider vernachlässigt. Unsere Lobby entspricht nicht dem eigentlichen Stellenwert der Branche.

Sabine Loos, Geschäftsführerin Westfalenhallen Dortmund: Einzigartig ist die hohe Flexibilität, die die Musikbranche in diesem Jahr unter Beweis gestellt hat. In mühevoller Kleinarbeit wurde nach Alternativen und Terminen gesucht, um Musikinteressierte und Künstler in Zukunft wieder schnellstmöglich zusammenzubringen. In wohl kaum einer anderen Branche engagieren sich die Akteure und Mitarbeiter so mit Herzblut für ihr Gebiet. Außerdem hat das zurückliegende Jahr hierzulande erst jetzt vielen die Bedeutung der Veranstaltungsbranche verdeutlicht: Von der sechstgrößten Wirtschaftsbranche sind rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze abhängig. Mit diesem Wissen sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für 2021 gefordert, um die Jobs mit und nach der Pandemie zu sichern.

Christian Doll, Geschäftsführer C² Concerts: Gelernt haben wir, dass wir in einer doch sehr jungen, dynamischen und immer optimistischen Branche noch viel flexibler auf kurzfristige Änderungen reagieren müssen, als wir das bisher gemacht haben und gewohnt sind. Corona hat diesen Prozess noch beschleunigt - wir benötigen neue Geschäftsmodelle und genau passende Konzepte für die anhaltende Situation.

____"TEILE DER POLITIK HABEN DIE BEDEUTUNG DER KULTUR- UND KREATIVWIRTSCHAFT IMMER NOCH NICHT VOLL BEGRIFFEN." Frank Briegmann, CEO & President Universal Music.

Frank Briegmann, CEO & President Universal Music Central Europe und Deutsche Grammophon: Ich habe vor allem drei Dinge gelernt. Erstens, wie viel Arbeit wir noch vor uns haben, um immer wieder deutlich zu machen, dass Kultur für unsere Gesellschaft systemrelevant ist - und das nicht nur in Krisenzeiten. Der große Wunsch, Kultur endlich wieder gemeinsam zu erleben, macht dies von Tag zu Tag mehr deutlich. Teile der Politik haben die Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft immer noch nicht voll begriffen. Anders ist es kaum erklärlich, dass zum Beispiel die Corona-Hilfen für die Livebranche so lange gebraucht haben und in vielen Bereichen nach wie vor unzureichend sind und dass die Umsetzung der aktuellen EU-Copyright-Richtlinie in nationales Recht zu einem Drama für alle Kreativen und Rechteinhaber zu werden droht. Zweitens, dass Unternehmen, deren operative Prozesse und Businessmodelle bereits vor der Pandemie weitgehend digitalisiert waren, offenbar bessere Chancen hatten, glimpflich durch die Krise zu kommen. Auch die Musikwirtschaft hat von ihrem Vorsprung profitiert. Im Vergleich zu vielen anderen Branchen wird ihr Gesamtumsatz in diesem Jahr deutlich zulegen. Drittens, dass solche Krisen auch immer wieder Chancen bieten, um die eigenen Abläufe und Gewohnheiten zu verändern und Dinge zu hinterfragen.

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Ich habe unheimlich viel in diesem Jahr gelernt. Dinge, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Wie fragil unsere Branche ist, wenn man uns plötzlich die Arbeitsgrundlage nimmt. Wie wenig politische Lobby, öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung unsere Branche bisher hatte und welch Anstrengung es bedarf, um dies zu ändern. Aber auch wie kreativ, anpassungsfähig, flexibel und dynamisch unsere Branche sich an neue Gegebenheiten anpassen kann und versucht, produktiv zu bleiben. Wir sind letztendlich eine Branche von Kreativen und Machern, die ihre Arbeit aus Leidenschaft tut und die sich selber helfen will, wenn man sie lässt.

_____"DIE ZENTRALE ROLLE DER DIGITALERLÖSE FÜR UNSERE BRANCHE HAT SICH DURCH DIE PANDEMIE NOCH EINMAL BESONDERS GEZEIGT." Florian Drücke, BVMI.

Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie (BVMI): Die verschiedenen Akteur*innen der Musikwirtschaft haben in diesem Jahr gezeigt, wie man Solidarität trotz ganz unterschiedlichen Betroffenheiten in einem politischen Umfeld sehr schnell in die Tat umsetzt. Dass hat mich persönlich beeindruckt. Wenn wir das Bewusstsein für das Einende so erhalten, haben wir als gesamte Branche eine große Kraft. Die zentrale Rolle der Digitalerlöse für unsere Branche hat sich durch die Pandemie noch einmal besonders gezeigt und verdeutlicht dadurch auch die gewissen Resilienz in dem aktuellen Umfeld. Last but not least, dass mehrstündige Video-Calls möglich sind und hochgradig konstruktiv sein können.

Birgit Böcher, Geschäftsführerin Deutscher Musikverleger-Verband: Wir haben gelernt, dass wir auch in den eigentlich sichersten Zeiten nicht alles beherrschen können. Dass es einem unsichtbaren Virus gelingt, die Welt aus den Angeln zu heben. Wir haben gelernt, dass den Menschen das gemeinsame Erlebnis Musik extrem wichtig ist. Und dass Künstlerinnen und Künstler es trotz Social Distancing in die Wohnzimmer der Welt schaffen. Wir haben alle gelernt, dass Videokonferenzen und Home Office besser funktionieren als gedacht. Auf der anderen Seite haben wir auch gelernt, dass sie den persönlichen Austausch, der gerade in unserem Business so wichtig ist, nicht ersetzen. Ich habe gelernt, dass das Klischee, wie Politik gemacht wird, manchmal von der Realität überholt wird. Dass man aus Angst vor einem Shitstorm die Rechte der Kreativen auf dem digitalen Altar opfert und dass ein gewonnener Kampf auf EU-Ebene durchaus eine Niederlage in der Umsetzung in nationales Recht bedeuten kann (Stichwort Urheberrechtsrichtlinie). Dazu haben wir gelernt, dass die vielen Verbände der Musikwirtschaft mehr Gemeinsamkeiten haben als Trennendes. Dass man als Branche eine große Wirtschaftskraft haben kann, und der Bundeswirtschaftsminister trotzdem nicht mit einem spricht. Und wir haben gelernt, dass Verbände gerade in dieser Zeit unverzichtbar sind, manche Funktionäre aber durchaus (der DMV-Vorstand natürlich ausgeschlossen).

Patrick Mushatsi-Kareba, CEO Sony Music GSA: Trotz der Herausforderungen, die das Jahr 2020 hervorgerufen hat, ziehen wir bei Sony Music GSA eine durchaus positive Bilanz. Zum Teil waren wir dank unseres stark digital ausgeprägten Ansatzes bereits gut auf die Veränderungen im Arbeitsalltag vorbereitet. Unseren Einzugstermin in unsere neue Hauptzentrale in Berlin konnten wir nach Plan einhalten. Auch konnten wir unsere strategischen Ziele nahtlos umsetzen und unsere Chartsanteile deutlich steigern. Aktuelle Erfolge zeigen sich Label- und genreübergreifend bei Künstlern wie AC/DC und ihrem Album des Jahres, »Power Up«, Apache 207, oder Igor Levit, die in ihren jeweiligen Bereichen die Jahrescharts anführen. Wir sind sehr stolz auf die herausragende Leistung unserer Teams. So werden wir auch im kommenden Jahr mit unseren Künstlern die Zeit optimieren, um neues Repertoire zu entwickeln, mit dem Ziel auch in 2021 neue Highlights zu setzen.

Michael Hoeweler, Head of Amazon Music Deutschland: 2020 hat den anhaltenden Trend zur Musiknutzung über Alexa verstärkt, insbesondere Musik und Hörspiele für Kinder waren noch stärker nachgefragt als sonst. Das Jahr 2020 hat deutlich gezeigt, dass die Kombination aus Musikstreaming und andere Formen des Audio-Entertainments den aktuellen Bedürfnissen der Kunden am besten gerecht wird. Neben mehr als 70 Millionen Tracks - auch in HD - bietet Amazon Music seinen Hörern zudem Hörspiele, Spitzen-Fußball und seit September auch Podcasts, darunter das erste europäische Amazon Original »Boris Becker - Der Fünfte Satz«. Für Künstler haben wir zudem mit der Integration von Twitch in die Amazon Music App ein digitales Äquivalent zur Livebühne und damit verbundene neue Einnahmequellen geschaffen. Das Feedback der Kunden und Künstler bestätigt uns darin, dass dieses Angebot äußerst positiv wahrgenommen wird.

Thomas Chabin, Country Manager Deezer Germany: Wenn mir im Januar jemand gesagt hätte, dass mein meistgehörter Podcast in diesem Jahr das Coronavirus-Update mit Christian Drosten sein wird, dass unsere Firma am Freitag, den 13. März, alle Mitarbeiter*innen weltweit ins Home Office schickt, mein Büro fortan der heimische Küchentisch ist, wir fünf neue Mitarbeiter*innen komplett virtuell onboarden und unsere Weihnachtsfeier als Zoom-Call gestalten müssen, dann hätte ich ihn bestimmt für verrückt erklärt. Aber genauso ist es passiert, die globale Pandemie hat unseren Alltag und unsere Arbeitswelt grundlegend verändert. Sie hat neue Verhaltensweisen hervorgebracht und diese sind zum bisher wohl größten Treiber für die weitere Digitalisierung von Geschäftsfeldern geworden. Auch auf Deezer haben unsere Hörer*innen neue Streaming-Gewohnheiten und Verhaltensweisen entwickelt. Was das Streaming-Volumen angeht, haben sie Wochentage zum Wochenende werden lassen. Sie haben bevorzugt Mood-Playlists und ältere Lieblingssongs, insbesondere aus den 90ern gehört. Zudem stammen viele der meistgestreamten Songs und Alben in diesem Jahr wie »Dance Monkey« von Tones and I oder das Album »When We All Fall Asleep, Where Do We Go?« von Billie Eilish aus 2019. Gleichzeitig wurden über unseren Service mehr Podcasts, Hörbücher, Hörspiele und Radiosendungen als je zuvor gestreamt. Es scheint, dass 2020 Hören das neue Lesen geworden ist. Dazu passt auch der Start unserer neuen, eigenständigen Deezer Hörbuch-App im September. Der Launch hat mir deutlich gemacht, was man alles digital aus dem Home Office und sogar länderübergreifend in diesen Zeiten stemmen kann. Ein großer Dank geht hier an den Teamzusammenhalt und das Für- und Miteinander der Kolleg*innen in Frankreich und Deutschland sowie unseren Nutzer*innen für ihr wertvolles Feedback zur neuen App.

Christof Strimitzer, Leitung Marketing und Kommunikation Messe Congress Graz Betriebsgesellschaft: Kritisch betrachtet mussten wir erkennen, dass obwohl die Veranstaltungsbranche in der Gesellschaft sehr gut verankert war, tausende Arbeitsplätze sichert und Milliarden an Wertschöpfung generiert, wir im Zuge der rechtlichen Begleitmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie als Branche seitens der Regierung lange Zeit gar nicht wahrgenommen wurden. Gelernt haben wir im Zuge dessen aber auf jeden Fall, noch flexibler zu sein und schnell zu handeln. Was in unserer Branche natürlich nichts Neues ist, dennoch viele anspruchsvolle Herausforderungen mit sich brachte. Dies ist auch ein großer Vorteil für weitere Abwicklungen, da wir spezielle Vorgänge durchlaufen sind, die wir bis dato in dieser Form wohl alle noch nie hatten. Wir nehmen das Jahr 2020 einfach wie es war und freuen uns bereits auf 2021 - auf dass es dann wieder mit grandiosen Live-Momenten und vielen Emotionen weitergehen kann.

Jörg Böhm, Geschäftsführer Plattenmann: Ich habe gelernt, dass alles noch schlimmer hätte kommen können - und dass unsere Dienstleistung erfreulicherweise noch nachgefragt wird.

Katja Lucker, Geschäftsführerin Musicboard Berlin: Kunst und Kultur als Raum des Austauschs sind für die Demokratie unserer Gesellschaft elementar wichtig und gleichzeitig haben wir gesehen, dass es sich um ein extrem fragiles Konstrukt handelt - das wir nicht als selbstverständlich erachten dürfen und für das wir kämpfen müssen. Soloselbständige sind vor allem von wegfallenden Veranstaltungen getroffen, die Politik muss hier unbürokratisch unterstützen und allen, die unverschuldet nicht arbeiten können, solange unter die Arme greifen, bis ein relativ guter Normalbetrieb wieder möglich ist. Bei Pop-Kultur werden wir auch im Jahr 2021 mit voller Kraft systemrelevante Themen vorantreiben. Kunst ist kein Luxus und viel mehr als Unterhaltung. Gleichzeitig haben wir alle gelernt, dass nicht alle Treffen live und vor Ort nötig sind, sondern dass Onlinetreffen durchaus manchmal besser und vor allem nachhaltiger sind als permanent durch die Gegend zu fahren!

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin RockCity Hamburg: Wir haben gelernt, dass Entscheidungen und Maßnahmen, wie das Schließen öffentlicher Kulturorte, von Anfang an falsch, aber doch richtig sein können und auch, dass wir mit diesen Widersprüchen leben müssen. Wir haben auch gelernt, dass die Kulturpolitik eine gesamte Branche falsch einschätzt und Kultur nicht als fester Bestandteil unseres Gemeinwesens begreift. Wir haben gelernt, wie verletzlich unsere Branche ist und dass wir schlichtweg alles überdenken müssen, denn ein VOR-Corona wird es nicht mehr geben. Und wir haben wieder einmal gelernt, welche große und großartige Kraft freigesetzt wurde und welch zahlreiche Angebote es gab und gibt. Sie alle haben gezeigt: Kunst und Kultur sind unabdingbar notwendig.

Norbert Oberhaus, Geschäftsführer cologne on pop, und Ralph Christoph, Director c/o pop Convention: Das Jahr hatte verschiedene Lern- und Erkenntnisstufen. Nachdem der Bereich Live-Entertainment und mit ihm nahezu die gesamte Veranstaltungswirtschaft in den Stillstand geschickt wurde, mussten wir erkennen, wie wenig dieser Wirtschaftszweig abgesichert ist und das Soloselbständige und Einzelunternehmer*innen, darunter natürlich auch viele Musiker*innen, in existenzielle Not geraten sind. Bei den in der Folge angelaufen Soforthilfen musste man schnell feststellen, dass Etliche hier auch durch das Raster gefallen sind. In diese erste Phase fiel aber auch für die Musikwirtschaft und ihre Unternehmen ein Digitalisierungsschub, den es ohne Corona so nicht gegeben hätte. Die zweite Phase war geprägt von einem Durchatmen in den Sommermonaten, die aber deutlich zeigten, dass unter den gegeben Hygienemaßnahmen (noch) keine wirtschaftlich tragfähige Rückkehr in die alte Normalität möglich ist. Parallel entwickelten Teile der Branche digitale beziehungsweise hybride Veranstaltungskonzepte, die eine steile Lernkurve hatten. Gleichzeitig haben wir eine hohe Solidarität innerhalb der Branche erkennen können und es hat sich gezeigt, dass die Netzwerkstrukturen, die in den letzten zehn Jahren auf lokaler, regionaler und vor allem Bundes-Ebene entstanden sind, enorm wichtig sind und entscheidend dazu beigetragen haben, Druck auf Politik und Verwaltungen auszuüben, als es um die Formulierung und Ausgestaltung von Hilfsmaßnahmen ging. Bei aller Kritik an der Passgenauigkeit der Hilfen und der immer noch zu langsamen Umsetzung: das hätte es so vor zehn Jahren nicht gegeben!

Udo Dahmen, Geschäftsführer & Künstlerischer Direktor, und Hubert Wandjo, Geschäftsführer & Business Direktor Popakademie Baden-Württemberg: An der Popakademie Baden-Württemberg war es schon immer wichtig flexibel und schnell auf Veränderungen jeglicher Art zu reagieren. Das Corona-Jahr zeigt, wie wichtig dies geworden ist. Wir haben gelernt, dass hybride Veranstaltungen, sowohl in der Lehre als auch bei Konzerten, eine immer größere Rolle spielen. Dass wir in der Lehre schon früh hybride Unterrichtsformen, digitale Formate und Lernplattformen eingesetzt haben, kam uns zugute. Zudem haben wir haben digitale Veranstaltungen mit internationalem Publikum erfolgreich durchgeführt, zum Beispiel das International Summer Camp oder das World Drum Festival. So wurde die Popakademie online einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Der Netzwerkcharakter und Austausch untereinander ist bei uns weiterhin sehr wichtig.

Jonas Haentjes, CEO Edel: Am meisten beeindruckt haben mich in diesem Jahr unsere Mitarbeiter*innen und Business-Partner*innen! Alle haben mitgezogen, waren bereit sich auf die ungewohnte Situation einzulassen, haben neue Ideen entwickelt und Teamwork bewiesen. Sie haben noch mehr als sonst gegeben, daraus sind tolle Projekte und Kooperationen entstanden. Eine Erkenntnis in diesem Jahr ist, dass unsere Produkte, in digitaler als auch in physischer Form, für unsere Endkund*innen auch in unsicheren Zeiten sehr relevant sind. Die Liebe zu Musik, Büchern und Entertainment scheint sogar gewachsen zu sein! Das freut uns natürlich sehr und bestätigt den Weg, den wir bei Edel gehen.

Karin Heinrich, stellvertretende Vorsitzende Interessenverband Musikmanager & Consultants (IMUC): Eine erschreckende Erkenntnis war, wie wenig unsere gesamte Branche - immerhin die sechstgrößte - anfangs von der Politik wahrgenommen und gewertschätzt wurde. Das hat einerseits wohl damit zu tun, dass die wenigsten einen Einblick in die so unterschiedlichen Aufgabengebiete haben und es andererseits keine gemeinsame Interessenvertretung gibt. Ohne Lobby geht es nicht! Erst durch die Aktivitäten von Alarmstufe rot, zahlreichen engagierten und auch dem Föderalismus geschuldeten Einzelaktionen und durch engagierte Künstler wie Till Brönner ist die Botschaft angekommen. Schön war zu sehen, wie sehr dem Publikum und uns allen Kulturereignisse aller Couleur gefehlt haben! Und schön war zu sehen, wie stark der Zusammenhalt im IMUC war!

Marion Schöne, Geschäftsführerin Olympiapark München: Die Pandemie hat Stärken und Schwächen unseres Unternehmens und auch der Veranstaltungsbranche offengelegt. Die Olympiapark München GmbH ist aufgrund ihrer Kapitalrücklagen der ergebnisstarken Jahre zuvor mit 'einem blauen Auge' davon gekommen. Finanziell waren wir also in diesem Jahr für die Krise gewappnet, auch weil wir unsere Freizeit- und Tourismuseinrichtungen zumindest eingeschränkt in den Sommermonaten bespielen konnten. Dabei hat sich die Arbeitsweise fast komplett verändert. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit des mobilen Arbeitens einrichten. Doch das Arbeiten im Home Office erfordert eine zum Teil neue Art der Kommunikation und Arbeitsweise. Wir haben festgestellt, dass wir zur schnellen Lösung von Problemen auch zusätzliche Methoden brauchen, wie zum Beispiel agile Teams zu bilden. Und wir haben erlebt, wie wichtig es ist, die Digitalisierung in unserem Haus voranzutreiben. Das Corona-Jahr hat uns zudem gezeigt, dass die Veranstaltungsbranche keine wirkliche Lobby hat beziehungsweise hatte und dass Solidarität einen langen Atem braucht. Tatsächlich schien es eine Zeit so, als wäre diese Branche verzichtbar, was nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht eine grobe Fehleinschätzung ist.

Kleo Tümmler, Vorstandsmitglied IMUC: Kultur ist systemrelevant, wir alle lernen das gerade auf schmerzhafte Weise. Musiker und Kulturschaffende waren die ersten, die für das Wohl der Allgemeinheit ihre Tätigkeit eingestellt haben. Gleichzeitig haben sie im ersten Lockdown meist kostenlos Stunden von Fernsehprogrammen mit Inhalten gefüllt, den Sommer über haben sie vor Fans in Autos oder in Strandkörben Konzerte gespielt. All das hat den Menschen viel bedeutet und geholfen durch die Zeit zu kommen. Auch wenn die Förderungen nicht passen und die Politik die Komplexen Strukturen unserer Branche weder kennt noch versteht, ein Leben ohne Musik ist und bleibt unvorstellbar.

Tessy Schulz, Vorstandsmitglied IMUC: Zu realisieren, Zeuge einer unvergleichlichen Situation zu sein. Mit nie dagewesenen Herausforderungen im persönlichen Leben und in unserer Branche konfrontiert zu sein. Umfassende Umfragen in verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass Musik die erste Möglichkeit ist, mit Stresssituationen umzugehen. In der vielleicht aussagekräftigsten Statistik von allen gaben acht von zehn Befragten an, dass sie in einer Welt ohne Musik nicht leben könnten. Zu realisieren, dass dieses Bewusstsein in anderen Ländern wie Großbritannien tief in der Bevölkerung und somit auch der Regierung verankert ist und im Vergleich zu Deutschland hier seit Anbeginn der Pandemie finanzielle Unterstützungen für alle branchenübergreifend liefen und weiterhin laufen.

Benjamin Budde, CEO Budde Music:

Die globale Lage hat sich dramatisch geändert dieses Jahr. Viele Industrien, unter anderem die Musikindustrie, leiden wirtschaftlich massiv unter der Pandemie. In diesem Jahr mussten wir noch flexibler und kreativer arbeiten, als in den Jahrzehnten zuvor. Gleichzeitig ist ein enges und vertrautes Netzwerk an Partnern essenziell, um neue Wege zu beschreiten und diese auch umzusetzen und vor allen sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem haben wir lernen müssen, dass Kommunikation noch wichtiger ist als uns allen ohnehin bewusst war. Ebenso haben wir die Interaktion mit Menschen in Person vermisst und gleichzeitig gemerkt, dass man nicht für jedes Meeting ins Auto, in die Bahn oder ins Flugzeug steigen muss.

Zusammenstellung: Dietmar Schwenger, Knut Schlinger, Jonas Kiß