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Für Aria Nejati hat der "Paradigmenwechsel in der Popkultur längst begonnen"

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie ­divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit dem Medienmacher und Musikexperten Aria Nejati, der als einer der wichtigsten "Tastemaker" der Deutschrap-Szene gilt.

09.12.2020 13:37 • von Jonas Kiß
Holte den US-Rapper Travis Scott aufs Titelblatt des deutschen "GQ"-Magazins: Aria Nejati (Bild: Memo Filiz)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie ­divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit dem Medienmacher und ­Musikexperten Aria Nejati, der als einer der wichtigsten "Tastemaker" der Deutschrap-Szene gilt.

Stefanie Kim: Ihre Eltern sind Anfang der 90er-Jahre aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Wie war die Jugend für Sie?

Aria Nejati: Ich bin im Ruhrpott geboren und aufgewachsen. Die allerwichtigsten Tugenden dort sind harte Arbeit, Zusammenhalt und Authentizität. Bei Schalke will man keine tausend Übersteiger sehen, sondern Spieler, die nach 90 Minuten kaum noch atmen können. HipHop hat eine sehr ähnliche Charakteristik. Ich war immer auf der Suche nach der passenden Identität, und durch HipHop habe ich gelernt, dass Selbstverwirklichung die richtige Antwort auf viele Fragen ist.

Stefanie Kim: Sie haben einen direkten Draht zu Künstlern und der Industrie, gibt es da in der Verteilung der Black, Indigenous, People of Color (BIPoC) einen Unterschied?

Aria Nejati: Natürlich, der Unterschied ist wie Tag und Nacht. Unter Künstlern findet man die außergewöhnlichsten Lebenswege, aber die Industrie spielt immer noch nach konservativen Spielregeln. Patrick Mushatsi-Kareba ist der erste BIPoC als deutscher Major-Label-CEO. Frauen in Führungspositionen der Musikindustrie sind sehr rar gesät. Das muss sich ändern, man kann es nicht vehement genug fordern. Der Elfenbeinturm wird fallen. Wir müssen als Land und speziell als Kulturschaffende den Anspruch an uns haben, Diversität zu normalisieren. Es darf nicht als "exotisch" gelten, ein vielfältiges Team zu haben. Menschen wie Sylvia Rhone, Larry Jackson, Nima Etminan und Jay-Z sind eine große Inspiration.

Stefanie Kim: Noch sehr jung haben Sie einen ungewöhnlichen Schritt von hiphop.de zur "GQ" gemacht. Wie kam es dazu?

Aria Nejati: Ich habe Kunst und Kultur immer global verstanden. Die "GQ" ist eine Weltmarke, und ich wollte wissen, wie weit ich es mit HipHop in so einem konservativen Verlag treiben kann. Ich bin nach München gezogen, habe mir das tagtägliche Geschehen angeschaut und konnte dort viel lernen. Am Ende wusste ich, dass das nicht meine Welt ist. Aber ich habe gezeigt, dass ich diese Welt verändern kann.

Stefanie Kim: Ihr "GQ"-Cover mit Travis Scott sorgte für einen Hype um das Magazin, der hierzulande neu war. Welche Barrieren wurden aufgebrochen, und wie nachhaltig war das?

Aria Nejati: Die Ausgabe war eine Woche lang jeden Abend ausverkauft. Danach wurde sie nicht mehr gedruckt. Diejenigen mit einem Travis-Scott-Heft haben jetzt ein Sammlerstück. Manchmal geht eins für verrückte Summen bei eBay weg, das ist schon witzig. Einen schwarzen Rapper auf das Cover dieses traditionellen Männermagazins zu bringen, war ein Kulturkampf. Das hat mich ein paar graue Haare gekostet. Ich bin gesegnet, dass ich derjenige bin, der das ermöglicht hat - aber ein Künstler wie Travis gehört einfach aufs Cover. Der Paradigmenwechsel in der Popkultur hat längst begonnen. HipHop ist die treibende Kraft, das ist auch hierzulande nicht mehr zu leugnen. Diese Titelgeschichte mit Travis Scott war nur der erste Schritt. Mein Ziel ist es, 2021 einen deutschen Rapper auf dem Cover zu platzieren.

Stefanie Kim: Warum sind Ihnen Titelgeschichten mit Künstlern wie Travis Scott - oder deutschen Rappern - so wichtig?

Aria Nejati: Weil das unsere Helden sind, und sie gefeiert werden müssen. Ufo361, Juju, reezy, Capital Bra, Symba, Xatar, Shirin David, Nimo, Rin - diese Künstler bauen die neue deutsche Identität. Ich will das zelebrieren. Ewig ignoriert zu werden hat übrigens dafür gesorgt, dass HipHop sich eine eigene Infrastruktur gebaut hat, die schon lange nicht mehr auf alte Institutionen oder traditionell weiße Verlage angewiesen ist. Aber es macht Spaß, einen Parasit in die Matrix zu schicken. Wir haben unseren Platz jetzt auch dort erarbeitet, wo wir nie sein sollten. Ein deutscher Rapper auf dem "GQ"-Cover ist wie David, der Goliath mit der Steinschleuder zu Fall bringt.

Stefanie Kim: Seit 2020 sind Sie nun auch Mode­rator von »Hyped Radio« - der ersten deutschen Radioshow von Apple Music. Zane Lowe und Elton John gehören nun zu Ihrem Kollegenkreis. Was bedeutet das für Sie?

Aria Nejati: In einer Reihe mit solchen Leuten genannt zu werden, ist natürlich eine Ehre. Das sind Pioniere. Mein ­ direkter Kollegenkreis besteht aber aus den Menschen, die mit mir unmittelbar an der Show arbeiten. Die stehen nicht unbedingt vor der Kamera. Das sind hochgradig kreative und intelligente Leute mit viel Gespür für die Kultur. Ich lerne jeden Tag von ihnen. HipHop bewegt sich unfassbar schnell. Wer denkt, alles schon zu wissen, versteht morgen nichts mehr. Apple legte aber schon immer viel Wert auf Progressivität und Vielfalt. Deswegen bin ich sehr stolz, hier meinen Platz gefunden zu haben.

Stefanie Kim: Glauben Sie an Chancengleichheit in der Musikindustrie?

Aria Nejati: Nein, wir sind weit weg von Chancengleichheit. Alle drei deutschen Major-Label-CEOs sind männlich. HipHop-Medien werden historisch überwiegend von Weißen geführt. Wir müssen das Luftschloss zerschlagen, dass die Musikindustrie per Definition inklusiv ist. Auch HipHop hat extreme Probleme unter anderem mit strukturellem Rassismus und Sexismus, gerade auf industrieller Seite. Viele leugnen diese Chancenungleichheit, denn sonst müssten sie sich zum Beispiel dem eigenen internalisierten Rassismus stellen. Das wäre ein ungemütlicher Kampf, aber noch ungemütlicher ist es für diejenigen, die an strukturellem Rassismus leiden. Es darf nicht mehr reichen, kein Rassist zu sein. Jeder, der was von sich hält, muss anti-rassistisch arbeiten.

Stefanie Kim: Wie macht sich der strukturelle Rassismus und Sexismus in der Musikindustrie bemerkbar?

Aria Nejati: In erster Linie darin, dass es geleugnet wird. Die Musikindustrie schmückt sich gern mit den sonderbaren Biografien der Künstler, aber wirklich kulturfördernd sind Industrie und Medien erst dann, wenn in jeder Zelle eine Vielfalt an Perspektiven herrscht. BIPoCs müssen in der Regel doppelt so hart arbeiten, um überhaupt zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Es ist nicht zu fassen, dass das immer noch die Realität ist. Auch kommerzielle Mechanismen, die HipHop schneller und erfolgreicher bedienen kann, werden immer wieder von der Industrie beschnitten - um das Gesamtbild zugunsten historisch weißer Genres künstlich zu verzerren. Das muss aufhören.

Stefanie Kim: Was braucht es Ihrer Meinung nach, um Chancengleichheit herbeizu­führen?

Aria Nejati: Es ist immens wichtig, Marginalisierte zu ermächtigen. Mehr Frauen und BIPoC gehören in Entscheiderpositionen - genau wie Travis Scott auf das »GQ«-Cover gehört. In den Chefetagen muss sich Grundlegendes ändern. Die Menschen, die aktuell dort sitzen, müssen dafür zur Verantwortung gezogen werden. Wir brauchen nicht nur Diversität unter den Künstlern, sondern auch unter den Mogulen, an der Spitze des Berges. Unsere Generation wird das nachhaltig verändern, davon bin ich überzeugt.

Interview: Stefanie Kim

_zur Person

Aria Nejati ist 1993 als Kind iranischer Einwanderer im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Er gilt als einer der wichtigsten Medienmacher der deutschen Rapwelt. 2013 begann Nejati bei hiphop.de und spielte dort unter anderem als Chefredakteur und später als Creative Director eine große Rolle dabei, das Medium als führendes Rap-Magazin Deutschlands zu etablieren. Sein Studium »Populäre Musik und Medien« schloss er als Bachelor of Arts ab. Seit 2015 schreibt Nejati für diverse Gruner+Jahr-Publikationen, »Die Zeit« und für die deutsche »GQ«. Für das Magazin sprach er mit internationalen Künstlern wie Migos und Ice Cube. Er realisierte außerdem 2019 eine »GQ«-Titelgeschichte mit Travis Scott. Seit 2020 moderiert Nejati für Apple Music die erste deutsche Radioshow, »Hyped Radio«. Er begleitet viele deutsche Rap-Künstler seit den Anfängen ihrer Karriere und führte tiefgehende Interviews mit Größen wie Capital Bra, Loredana, Sido und Cro. Im internationalen Bereich sprach er mit Superstars wie Snoop Dogg, Kanye West, Future und Eminem. Im HipHop-Kontext gilt er als Kulturoptimist, der progressiven Entwicklungen sehr offen gegenüber steht. Nejati positioniert sich häufig deutlich mit intersektionaler Kritik an der Industrie und den Künstlern.

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977, als Kind südkoreanischer Einwanderer in Westfalen geboren. Ihre Eltern kamen im Rahmen des deutsch-koreanischen Wirtschaftpaktes nach Deutschland. Ihre Leidenschaft für Musik zog sie nach Köln. Dort betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC GIGA. Die Redaktion wurde für das innovative Format mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. 2000 ging es für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI als TV-Promoterin. Zu den Glanzzeiten von Capitol Records betreute sie unter anderem Coldplay, Blur, Kylie Minogue und ihre Idole - die Beastie Boys. 2005 ging es vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie aus der Elternzeit heraus KimKom - mit Herbie Hancock und Yoko Ono als erste Projekte. Neben der Musikindustrie klopften Fashion-Labels, E-Commerce und digitale Pioniere wie Google & YouTube bei KimKom an. Zehn Jahre nach der Gründung ist die Firma organisch gewachsen mit den Säulen Strategie, PR und Management. Neben Brands finden sich nun auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag. Künstler wie Lukas Rieger lassen sich von KimKom repräsentieren. Das fünfköpfige Team der Agentur agiert aus Berlin-Friedrichshain. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.