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Bravado legt online und im Handel zu

Die Corona-Krise machte sich auch im Merch-Markt massiv bemerkbar. Bei Bravado konnte das Team um General Manager Michael »Michi« Hahn die Lage allerdings durch steigende Umsätze in den ­Bereichen Online und Retail auffangen und zudem zahlreiche neue Partner gewinnen.

09.12.2020 10:33 • von
Gaben im Februar im Berliner Anomalie Club den Startschuss für die nachhaltige Modekollektion von Green Berlin, dem Label des Rappers Marteria (von links): Klaus Bölitz (Management), Michael Hahn (General Manager Bravado), Marten Laciny (Marteria, Green Berlin), Christian Wolf (Senior Product Manager Bravado) sowie Pete Boateng, Sophia Poser und Chris Otto (alle Green Berlin). (Bild: Green Berlin, Bravado; Layout MusikWoche)

Die Corona-Krise machte sich auch im Merch-Markt massiv bemerkbar. BeiBravado konnte das Team um General Manager Michael »Michi« Hahn die Lage allerdings durch steigende Umsätze in den ­Bereichen Online und Retail auffangen und zudem zahlreiche neue Partner gewinnen.

Die Einnahmen im Geschäft mit Merch und Fanartikeln gaben laut der Konzernbilanz der französischen Universal-Music-Mutter Vivendi in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres um 42 Prozent nach. »Das deckt sich auch mit unserer Realität«, räumt Michael Hahn im Gespräch mit MusikWoche ein. Grund seien vor allem die ausgefallenen Tour- und Festivalverkäufe. »Dafür aber sind wir in anderen Bereichen stark gewachsen, vor allem im Onlinegeschäft.« Diese Entwicklung will Bravado weiter nutzen, und baut gerade weitere Onlineplattformen auf, um die Reichweite deutlich zu vergrößern: »Das ist durchaus ein strategisch wichtiger Schritt, denn für eine Top-Lizenz wie die Zunge der Rolling Stones kann man gar nicht genug Reichweite haben.«

Auch der Verkauf von Tonträgern und Bundles habe im Laufe des Jahres zugelegt: »Hier ist ein enormes Wachstum zu erkennen«, bestätigt Hahn. »Das ist umso erfreulicher, als wir hier unabhängiger agieren und den Bands noch mehr Service bieten können. Deshalb hat Bravado im deutschen Markt sogar die Zahl der fürs D2C-Direktkundengeschäft zuständigen Mitarbeiter aufstocken können.« Allerdings habe man im Tourverkauf auch Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen und keine Freien wie in früheren Jahren beschäftigen können. »Wir kommen aber mit einem blauen Auge davon und mussten keine Leute entlassen«, bilanziert Hahn. »Jetzt bereiten wir uns auf das neue Jahr vor und freuen uns darauf, wenn es wieder richtig losgeht .«

Die Zuwächse im Onlinebereich seien dabei über die eigenen Kanäle von Bravado zu beobachten, aber auch über die Shops der verschiedenen Künstler, die, während sie nicht auf Tournee gehen konnten, ihre Social-Media-Aktivitäten teils deutlich gesteigert hätten. »Das hat uns in die Karten gespielt«, sagt Hahn. Zudem hätte das Bravado-Team oftmals in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Bands neue Bundles geschnürt, zeitlich begrenzte Sonderverkäufe und Rabattaktionen gestartet oder auch Merch-Verkäufe in verschiedene Streaming-Events integriert. »Wir haben viele neue Aktionen für die Fans ausgedacht, um das Geschäft zu beleben - und das hat von HipHop bis Metal zumeist super funktioniert.« So sei zum Beispiel im Oktober eine Aktion zur Veröffentlichung des jüngsten Albums von Saltatio Mortis, »Für immer frei«, laut Hahn »durch die Decke gegangen«. Aber auch eine Kampagne rund um den YouTuber Julian Bam streicht der Bravado-Manager als »besonders erfolgreich« heraus, ebenso wie das »Horror Camp« von Sido und Knossi: »Unterm Strich hatten wir tatsächlich keinen Flop dabei.« Zum Erfolg dieser Aktionen trage die enge Zusammenarbeit zwischen Bravado und vielen Künstlern bei, betont Hahn: »Wir bereiten die Events samt der entsprechenden Links vor und steuern auch viele Künstlerkanäle auf verschiedenen Social-Media-Plattformen direkt. Auch durch die enge Abstimmung mit unseren Künstlerinnen und Künstlern haben wir diese Abläufe inzwischen perfektioniert.«

2020 habe noch unbeschwert begonnen, blickt Hahn zurück: »Das Jahr hat angefangen mit der Veröffentlichung einer eigenen Modekollektion mit Marteria und Green Berlin, einer ausverkauften Deichkind-Tournee und einer für uns sehr erfolgreichen Tour von Sabaton - dann kam der März.« Die Deichkind-Tournee endete wenige Tage vor dem ersten Lockdown: »Von 100 auf Null innerhalb einer Woche - das war für uns zunächst eine echte Herausforderung.« Doch auch diese Zeit und anschließend die ausgefallene Open-Air-Saison habe das Bravado-Team nutzen können, um neue Verträge mit ausgewählten Bands und Festivals zu schließen. »Da wären zum Beispiel Billy Talent zu nennen, Jan Delay und das Splash!-Festival, aber auch der YouTuber GamerBrother oder die Games-Marke World Of Tanks«, zählt Hahn auf. Bravado habe sich damit auch abseits des Kerngeschäfts Musik breiter aufgestellt. In den Bereichen Gaming, YouTube und Social Media arbeite man bereits mit der Agentur Instinct3 zusammen, strebe darüber hinaus aber auch weitere Kooperationen an: »Dabei ist es mir wichtig, mit Partnern und Agenturen zu arbeiten, die in diesem Umfeld das Know-how und die nötige Credibility besitzen«, betont Hahn.

_____NEUE SIGNINGS

Bravado schloss im Laufe des Jahres 2020 neue Merch-Deals mit Acts wie Jan Delay, Epica, Beast In Black, Feuerschwanz, Blues Pills, Epica, Equilibrium, Pur, Billy Talent, CRO und mit Festivals wie Splash!, Heroes und Superbloom sowie Marken oder Akteuren aus dem Gaming- und YouTube-Bereich wie World of Tanks, Dead by Daylight oder Saftiges Gnu.

»Das selbst in der Krise neue Künstler und Marken zu uns gestoßen sind, ist eine tolle Bestätigung fürs Team und für unsere Strategie. Denn auch hier bei uns gab es natürlich zu Beginn der Pandemie viele Fragezeichen.« Neue Abschlüsse und anhaltende Zuwächse, auch im Retail-Bereich mit Handelsgruppen wie H&M, Primark, Zara oder C&A und »allen Top-Lizenzen von Partnern wie Disney oder Marvel« hätten aber schnell zur Gewissheit geführt, dass das Business weiterläuft. Das dicke Plus im Bereich E-Commerce würde die Wochen bis Weihnachten nun jedoch zu einer Herausforderung für die Logistik machen: »Unsere Partner bei NKL - Nordkurier Logistik sind sehr gut aufgestellt und bekommen das alles hin, arbeiten allerdings auch am Limit.«

Pop-Up-Stores oder Masken sieht Hahn derweil nicht als große Umsatzbringer: Zwar seien Aktionen wie ein Sonderverkauf mit Fanartikeln von Billie Eilish zum Lollapalooza-Festival in Berlin 2019 nicht nur aus PR-Sicht erfolgreich gelaufen. Unterm Strich aber sehe er kaum eine heimische Band, die einen eigenen Store dauerhaft bespielen könne. »Dafür sind Pop-Up- oder Marken-Stores in der Bewirtschaftung einfach zu teuer.« Auch werde die Maske das klassische Black-T nicht dauerhaft verdrängen, ist sich Hahn sicher: »Wir haben die Maske als Standardprodukt eingeführt«, bestätigt er. »Allerdings wünsche ich mir bei diesem Artikel zum ersten Mal überhaupt, dass er kein Dauerbrenner wird. Und so wird es ja hoffentlich auch sein.«

Von der unsicheren Lage in Hinblick auf den kommenden Festivalsommer lässt sich Hahn nicht irritieren: »Wir richten uns darauf ein, dass es auch 2021 keine Festivals geben wird und Konzerte und Tourneen selbst in abgespeckter Form erst im Herbst wieder starten können.« Viele Bands würden ihre Live-Aktivitäten schon längst für 2022 buchen, hat er beobachtet. Bei Bravado entwerfe man die Kollektionen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Partnern dennoch so, als würden die Events wie geplant steigen. Zudem seien viele Verträge so ausgelegt, dass die Verschiebung um ein Jahr auch die Laufzeit entsprechend verlängere. »Denn all die Spekulationen bringen am Ende nichts. Wir bereiten uns auf den Neustart vor und freuen uns einfach, wenn die Festivals wieder stattfinden können. Dann geben auch wir wieder Vollgas.«

Text: Knut Schlinger