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DKV-Präsident Moritz Eggert setzt auf Dialog mit der Politik

Der Vorstand des Deutschen Komponistenverbands (DKV) hat kürzlich Moritz Eggert einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt. Im MusikWoche-Interview erläutert der Komponist und Hochschulprofessor unter anderem seine Zielsetzungen im neuen Amt angesichts der besonderen Herausforderungen durch die Corona-Krise.

08.12.2020 14:22 • von Frank Medwedeff
Will, dass der DKV mit vereinter Stimme spricht: Moritz Eggert (Bild: Mercan Fröhlich)

Der Vorstand des Deutschen Komponistenverbands (DKV) hat kürzlich Moritz Eggert einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt. Im MusikWoche-Interview erläutert der Komponist und Hochschulprofessor unter anderem seine Zielsetzungen im neuen Amt angesichts der besonderen Herausforderungen durch die Corona-Krise.

Musikwoche: Was motiviert Sie, in dieser sicher nicht ganz einfachen Zeit die Präsidentschaft des DKV anzutreten?

Moritz Eggert: In schwierigen Zeiten wie diesen ist Solidarität gefordert. Wie viele Kolleg*innen habe ich die letzten Monate vor allem Nabelschau betrieben, anstatt viel zu komponieren oder zu arbeiten. Die Luft war einfach raus aus den meisten Projekten: Aufführungstermine waren verschoben oder fielen vollständig aus. Da dachte ich mir, bevor ich mich jetzt weiter selbst bemitleide, setze ich mich lieber für andere ein. Ich war auch schon einmal im Vorstand vor vielen Jahren und habe aus familiären Gründen pausiert, diesmal hat man mich noch einmal sehr freundlich gefragt, und ich fühlte, dass ich nicht nein sagen kann in diesen Zeiten.

MusikWoche: Was sind die größten Herausforderungen für den DKV und seine Mitglieder - und speziell auch für Sie in ihrem neuen Amt?

Moritz Eggert: Anders als Komponistenverbände in den meisten Ländern repräsentieren wir weder den Staat noch Kulturpolitik, stattdessen sind wir ein unabhängiger Interessenverband aller freischaffenden Komponistinnen und Komponisten verschiedenster Genres, von Jazz bis Pop, Filmmusik bis zeitgenössische Musik. Ich denke, dass es gerade in diesem Moment wichtig ist, mit einer vereinten Stimme zu sprechen. Daher finde ich es falsch, untereinander Diskussionen über die Qualität unterschiedlicher Musiken zu führen, sondern gerade in den Unterschieden eine gemeinsame Stärke zu finden, die auch bei der Politik Gehör bekommen kann.

MusikWoche: Was sind die wichtigsten Ziele, die Sie sich gesteckt haben?

Moritz Eggert: Ich möchte den DKV weiter auf dem Weg ins 21. Jahrhundert begleiten, was natürlich auf der Arbeit meiner Vorgänger aufbaut. Hierzu gehören neue Anstrengungen, was die Mitgliederwerbung angeht, ein zunehmendes Bewusstsein dafür, dass Frauen eine stärkere Rolle spielen sollten, und generell ein Überdenken des Images und der Möglichkeiten, die wir Mitgliedern bieten können. Ich freue mich schon sehr über viele prominente Neuzugänge in den letzten Wochen, ebenso über die Entstehung einer "Jugend-AG", die sich speziell für die Belange der jungen Generation einsetzen wird.

MusikWoche: Die Corona-Krise ist sicherlich auch für viele Komponistinnen und Komponisten existenzbedrohend. Haben Sie einen Überblick, inwiefern die DKV-Mitglieder bislang überhaupt Hilfsgelder erhalten haben? Welche Erwartungen stellt der DKV an die politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern? Tut die GEMA genug, um zu helfen?

Moritz Eggert: Mit der Reaktion der GEMA waren wir alle eher zufrieden - sie hat als eine der ersten Institutionen sehr schnell und effizient reagiert. Aber die Töpfe dort sind natürlich begrenzt, da sie auf den Tantiemen von Liveaufführungen basieren. Im Moment geht es, weil immer noch Gelder aus den Vorjahren verteilt werden, aber spätestens ab Ende 2021 werden die Auswirkungen von Corona voll einschlagen, was viele in ihrer Existenz bedrohen wird. Deutschland hat im internationalen Vergleich eher viele Hilfsgelder verteilt für die Kultur, aber natürlich ist es nie genug angesichts der weiterhin unsicheren Situation. Problematisch ist auch der Flickenteppich aus Maßnahmen in den verschiedenen Bundesländern, die unterschiedlich effizient und gerecht sind. Hier den Überblick zu behalten, ist sehr schwer. Ich möchte hierzu die Mitglieder ausführlich befragen, damit wir der Politik Verbesserungsvorschläge machen können. Aber ich will nicht, dass wir die Rolle von larmoyanten Beleidigten einnehmen - ich kann mir nicht vorstellen, dass die momentanen Maßnahmen von irgendeinem Politiker gerne verkündet werden, denn niemand will wirklich, dass keine Konzerte stattfinden oder Opernhäuser geschlossen sind. Lösungen müssen also im Dialog mit der Politik gefunden werden - da hilft ständiges Anklagen nichts.

MusikWoche: Welche Möglichkeiten hat der DKV über seine Stiftungen - den Förderungs- und Hilfsfonds des DKV und die Paul und Käthe Kick-Schmidt Stiftung - zumindest in Einzelfällen selbst Hilfe für notleidende Komponistinnen und Komponisten zu leisten?

Moritz Eggert: Diese eher kleinen Stiftungen werden manchmal dazu verwendet, in besonderen Härtefällen Hilfe zu leisten, dienen aber normalerweise zur Unterstützung von zum Beispiel Kompositionsaufträgen oder Konzerten. Einen wirklichen Hilfsfonds können und sollen sie nicht ersetzen, diese Impulse müssen von woanders kommen, fürchte ich.

MusikWoche: Wie trifft Sie selbst als Komponist die Corona-Krise? Vermutlich sind auch Aufführungen Ihrer Werke pandemiebedingt ausgefallen?

Moritz Eggert: Selbstverständlich: Gerade im letzten Monat ist eine Opernpremiere von mir - lustigerweise ein Stück mit dem Titel "The Last Days Of V.I.R.U.S." - ersatzlos ausgefallen, wird also auch nicht in der kommenden Spielzeit nachgeholt. Monatelange Proben und Arbeit waren nun vollkommen umsonst. Aber was soll ich jetzt speziell klagen? So wie mir geht es allen. Besonders Sorgen mache ich mir um die junge Generation, die sich gerade im Aufbruch befindet, zum Beispiel direkt nach dem Studium. Für die ist es jetzt sehr hart, da sie ihre Namen noch nicht etablieren konnten.

MusikWoche: Auch der DKV hat - etwa im Rahmen der Forderungen der Initiative Urheberrecht - den Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums zur Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie kritisiert. Wo hapert es hierbei noch besonders? Wie optimistisch sind Sie, dass eine Lösung im Sinne der Komponistinnen und Komponisten erfolgt?

Moritz Eggert: Wir haben einen großartigen Vorstand im DKV, der sich in diesen Fragen international sehr engagiert. Ich muss mich persönlich in diese Thematik erst noch mehr einarbeiten, da man als eher unkommerziell ausgerichteter E-Komponist nicht immer mit den Feinheiten des Urheberrechts zu tun hat. Aber es ist ein spannendes Thema: Es ist wahnsinnig schwierig, alle Wünsche unter einen Hut zu bekommen, vor allem, weil nicht alle an einem Strang ziehen und ganz unterschiedliche Vorstellungen haben. Solange der Dialog aber nicht verstummt, und alle Seiten letztlich eine Urheberrechtsrichtlinie wollen, kann ich mir vorstellen, dass eine Lösung in greifbarer Nähe liegt. Gerade eben haben wir konstruktive Vorschläge gemacht, die sich direkt auf den letzten Entwurf beziehen, zu finden auf unserer Homepage komponistenverband.de unter "News DKV".

MusikWoche: Wie viele Mitglieder hat der DKV momentan? Wie sieht die Mitgliederstruktur aus - in Bezug auf den Frauenanteil, und was das Verhältnis E-/U-Musik anbelangt?

Moritz Eggert: Momentan haben wir 1118 Mitglieder, davon sind derzeit 167 Frauen. Das genaue Verhältnis E zu U kann man nicht exakt beantworten, da wir die Mitglieder nicht so einteilen, und manche auch in mehreren Genres unterwegs sind, aber vielleicht sind unsere Fachgruppen repräsentativ: 150 gehören der DEFKOM an (Filmkomponisten), 181 der FEM (E-Musik) und 105 der VERSO (Singer/Songwriter). Man sieht also, dass das Verhältnis hier ziemlich ausgewogen ist.

MusikWoche: Wie sind die Aufgaben innerhalb des DKV-Vorstands verteilt?

Moritz Eggert: Der Vorstand hat keine spezifische Aufgabenteilung, sondern kommt regelmäßig als Thinktank zusammen, um über die Strategie des Verbandes zu entscheiden und sich auszutauschen. Der momentane Vorstand stellt eine sehr gute Mischung aus Komponistinnen und Komponisten aller Genres und aller Altersgruppen dar, viele davon sind auch im Aufsichtsrat oder diversen Gremien der GEMA tätig, sodass es hier einen guten Informationsfluss gibt, was aktuelle Entwicklungen im Urheberrecht und der digitalen Verwertung angeht. Ich denke, diese Expertise kann sich sehen lassen.

MusikWoche: Sieben Jahre lang hat Enjott Schneider den DKV geführt bis zu seinem Rücktritt im September dieses Jahres. Wie groß sind seine Fußstapfen? Hat er Ihnen einen Rat oder Tipp mit auf den Weg gegeben?

Moritz Eggert: Enjott Schneider kenne ich seit meinen allerersten Jahren in München - er war tatsächlich, bevor er als Komponist von zum Beispiel der Filmmusik von "Schlafes Bruder" richtig durchstartete, mein Akustiklehrer an der Musikhochschule. Ich schätze ihn außerordentlich als Musiker und Mensch - er ist ein ganz wunderbarer Freund und Kollege, der sich viele Jahrzehnte lang in sowohl der GEMA als auch im Komponistenverband für uns alle enorm engagiert hat. Diese Fußstapfen auszufüllen, maße ich mir ehrlich gesagt nicht an, aber ich möchte ihm natürlich kein unwürdiger Nachfolger sein. Mit Rat und Tipps könnte ich mich jederzeit an ihn wenden, und werde das auch bald tun, er wohnt ja in derselben Stadt!

MusikWoche: Mit welchen Argumenten machen Sie es einer jungen Komponistin oder einem jungen Komponisten schmackhaft, in den DKV einzutreten?

a) nur gemeinsam und in großer Zahl haben wir eine starke Stimme; b) wir können Hilfeleistungen bieten, die im Berufsleben Sinn machen, dazu gehören die Bereitstellung von kostenloser Rechtsberatung, Honorarrichtlinien, Informationen zur GEMA-Abrechnung sowie auch eine Vielzahl von engagierten Landesverbänden, in denen sich die Mitglieder auch zu ihrem beruflichen Vorteil vernetzen können; c) Komponist*innen können durchaus kollegial sein!; d) Der DKV setzt sich auf nationaler wie internationaler Ebene für die Belange von Komponist*innen ein und beeinflusst damit auch Entscheidungen der Politik, die die Verwertung und Anerkennung kreativer musikalischer Arbeit positiv verändern können.

Interview: Frank Medwedeff

zur Person

Moritz Eggert, am 25. November 1965 in Heidelberg geboren, ist Komponist, Pianist, Performer, Dirigent, Autor und Hochschulprofessor. Er gilt als gilt eine der vielseitigsten und abenteuerlustigsten Stimmen der zeitgenössischen Musik.

Von Anfang an arbeitete er in allen musikalischen Genres - sein Werkverzeichnis von inzwischen mehr als 275 Stücken enthält nicht nur 16 abendfüllende Opern, sondern auch mehrere Ballette und Arbeiten für Tanz- und Musiktheater, Orchestermusik, Kammer- und Ensemblemusik, Vokal-und Chormusik (mit einem starken Fokus auf Lied), Kirchenmusik, experimentelle und elektronische Musik, Instrumentalkonzerte, Musik für Kinder und Jugendliche, Film- und Radiomusik sowie Hörspiele und Open-Air-Aufführungen.

Neben seiner Komponistentätigkeit schreibt er regelmäßig für den von ihm begründeten "Bad Blog of Musick", einen der meistgelesenen Blogs für zeitgenössische Musik in Deutschland, für den er viel diskutierte satirische und provokante Artikel zu einem weiten Themenfeld über heutige Kultur und Kulturpolitik verfasst.

Moritz Eggert gilt als Verfechter eines notwendigen Wandels in der Neuen Musik sowie als Kritiker von Elfenbeinturmattitüde und Weltferne. Dies macht ihn auch zu einem leidenschaftlichen Unterstützer der jüngeren Komponistengeneration, der er sich seit 2010 auch als Professor für Komposition an der Münchener Hochschule für Musik und Theater annimmt.

Moritz Eggerts Musik wird weltweit aufgeführt, besonders bekannt ist unter anderem sein Zyklus für Klavier-Solo, "Hämmerklavier", der zu den am meisten gespielten Klavierwerken der Gegenwart gehört. Weitere wichtige Werke seines kompositorischen Schaffens sind etwa der für die Expo 2000 kreierte Liederzyklus "Neue Dichter Lieben", das Fußballoratorium "Die Tiefe des Raumes" (2005) und die Opern "Freax" (2007) und "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (2018). Eggert arbeitete unter anderem schon mit 2raumwohnung, Harald Schmidt, Jan Fabre, Christian Stückl oder Zubin Mehta zusammen.

Bereits von 2004 bis 2007 war Moritz Eggert Mitglied im Vorstand des DKV, und er gehört seit 2008 dem Bundesfachausschuss "Musikurheber" der GEMA an.