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COO Diekmann analysiert Lage der DEAG und des Livemarkts

Trotz der Corona-Krise konnte die DEAG bei der Vorlage der Zwischenbilanz für die ersten neun Monate 2020 ein Plus melden. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert COO Christian Diekmann, was dieses Ergebnis bedeutet, bezieht Position zu Themen wie Kurzarbeit und Kostenmanagement, analysiert die Entwicklung der DEAG-Aktie und spricht über die Perspektiven für den Neustart des Konzertgeschäfts.

27.11.2020 12:10 • von
Rechnet damit, dass Konzerte mit einer gewissen Kapazität 2021 wieder stattfinden dürfen: Christian Diekmann (Bild: DEAG)

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Trotz der weiterhin virulenten Corona-Krise und Umsatzrückgängen konnte die Deutsche Entertainment AG (DEAG) am 26. November 2020 bei der Vorlage der Zwischenbilanz für die ersten neun Monate des laufenden Jahres vor Steuern ein Plus melden. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert Christian Diekmann, was dieses Ergebnis für das Unternehmen bedeutet. Zudem bezieht der COO des Livekonzerns Position zu Themen wie Kurzarbeit und Kostenmanagement, analysiert die Kursentwicklung der DEAG-Aktie und spricht über die Perspektiven für den Neustart des Konzertgeschäfts.

MusikWoche: Bei der Bekanntgabe der Zwischenbilanz fürs dritte Quartal wirkte die DEAG-Spitze trotz coronabedingten Umsatzeinbußen durchaus glücklich mit den Ergebnissen, oder?

Christian Diekmann: Wir sind mit den Ergebnissen in den ersten neun Monaten und im dritten Quartal wirklich sehr zufrieden.

MusikWoche: Was trägt dazu bei?

Christian Diekmann: Wir befinden uns in einem Jahr, das uns das Geschäft in einem bislang unvorstellbaren Ausmaß zerschossen hat. Daher sind wir mit 39 Millionen Euro Umsatz und einem positiven Ergebnis nach neun Monaten, aber gerade auch im dritten Quartal, sehr zufrieden. Gleiches gilt in Hinblick auf unseren Cash-Bestand, der bei rund 50 Millionen Euro liegt. Und natürlich freuen wir uns über einen positiven Ausblick für das Gesamtjahr. Das ist unser Ziel gewesen. Und dafür haben wir in den vergangenen Monaten hart gearbeitet.

MusikWoche: Was hat dazu geführt, dass Sie ganz ordentlich dastehen?

Christian Diekmann: Nachdem wir im März mit einem Berufsverbot belegt wurden, haben wir uns bemüht, die Situation realistisch einzuschätzen und früh begonnen, uns gut auf eine längere Pause vorzubereiten. Dabei waren einige Aspekte wie intensives Kostenmanagement und unsere Ausfallversicherung, die auch Pandemie abdeckt, sehr wichtig. Wir haben die Herausforderung aber auch angenommen und nutzen die Zeit. Wir haben neue Veranstaltungskonzepte entwickelt und umgesetzt, wir haben die Integration unserer neuen Ticket-Plattform Gigantic.com vorangetrieben und im September sind wir mit dem neuen Joint Venture Singular Artists in den irischen Markt eingetreten. Der enge Austausch mit unseren Partner im Konzern bei den vielfältigen neuen Aufgaben ist sehr hilfreich.

MusikWoche: Spielt dabei das Thema Kurzarbeit eine Rolle?

Christian Diekmann: Ja, das Thema Kurzarbeit spielt dabei auch eine Rolle.

MusikWoche: Wie viele Mitarbeiter der DEAG befinden sich derzeit in Kurzarbeit?

Christian Diekmann: Etwa 70 Prozent unserer Mitarbeiter*innen sind in unterschiedlichen Anteilen von Kurzarbeit betroffen. Das Management der Absagen und der Verlegungen und auch die Arbeit an den oben genannten Aktivitäten gibt es ja auch. In den ersten Monaten haben wir das Gehalt allerdings auf 100 Prozent aufgefüllt.

MusikWoche: Was für Sparmaßnahmen gab es außerdem?

Christian Diekmann: Das Kostenmanagement zieht sich durch weite Teile des Unternehmens. Zum Beispiel in der Verwaltung, dem Vertrieb, der Reisetätigkeit und in weiteren Bereichen. Ein wichtiges Ziel ist es allerdings, unser Team zusammen zu halten und kein Personal abzubauen. Das schaffen wir, in Irland bauen wir sogar Schlüsselpersonal auf!

MusikWoche: Welche Rolle spielen Förderprogramme für ein Unternehmen wie die DEAG?

Christian Diekmann: Aus den bisherigen Programmen der Soforthilfe und den Überbrückungsgeldern I und II erhielten wir noch keine Mittel, weil wir die Antragsbedingungen nicht erfüllten. Wir sind aber zuversichtlich, Unterstützung aus den laufenden Programmen zu erhalten. Zum Beispiel aus den Programmen Neustart Kultur und der November-Hilfe. Für alle Unternehmen und Akteure der Kulturwirtschaft und damit für die gesamte Infrastruktur der Kultur in Deutschland sind diese Hilfen notwendig, um heile durch diese Krise zu kommen.

MusikWoche: Wie sieht es mit den Versicherungsfragen aus, die Sie bereits ansprachen?

Christian Diekmann: Wir haben bisher rund zehn Millionen Euro als Schadenausgleich für abgesagte Veranstaltungen erhalten und die nach 2021 verlegten Konzerte behielten den vollen Versicherungsschutz. Das ist natürlich eine große Unterstützung dabei, unsere Unternehmensgruppe gut durch diese Zeit zu bringen und auf die veränderten Bedingungen zu reagieren.

MusikWoche: In der Bilanz zum dritten Quartal kündigt die DEAG zudem an, den Neustart vorzubereiten. Was meinen Sie damit?

Christian Diekmann: Richtig. Daran arbeiten wir auf unterschiedlichen Ebenen. Wie schon erwähnt schlossen wir ein Joint Venture mit erfahrenen Promotern in Irland. Mit Fin O`Leary, Brian Hand und Simon Merriman werden wir Singular Artists schnell zu einem wichtigen Promoter in Irland aufbauen und so auch unser Ticketing weiter ausbauen können. Ein weiteres Beispiel ist die mehrjährige Partnerschaft zwischen Myticket und der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Sie führt zu einem Anstieg unseres Ticketvolumens um rund 450.000 Karten und beinhaltet auch ein Namensponsoring.

MusikWoche: Gibt es weitere Beispiele?

Christian Diekmann: Unser Partner Christian Doll hat mit seinem Team bei C2-Concerts und Chimperator schon im April die BW-Bank Kulturwasen aus dem Boden geschossen. 70.000. Besucher bei 120 Veranstaltungen bis Ende September. Und das in diesen Zeiten. Eine Meisterleisung. Weiteres Beispiel ist unser Christmas Garden. Uns schien völlig klar zu sein, dass das Konzept in diesem Jahr möglich ist. Also haben wir in einer beispiellosen Aktion seit März aus den bestehenden sechs Standorten in zwei Ländern, zwölf Standorte in drei Ländern gemacht. Sehr viel Arbeit in kurzer Zeit und natürlich eine gute Vorbereitung auch auf die Zeit nach Corona.

MusikWoche: Aber mussten diese Events nicht ebenfalls abgesagt werden?

Christian Diekmann: Tja, die in Deutschland und Spanien leider ja. Christmas at Wallaton Hall in Nottingham findet aber statt und hat schon heute, eine Woche vor der Premiere, über 50.000 Karten verkauft. Aber. Man muss das wohl positiv sehen: Die ausgefallenen Standorte sind fertig produziert und verschieben sich einfach auf 2021. So haben wir in den nächsten Monaten Zeit gewonnen, das Konzept weiter auszurollen.

MusikWoche: Was macht Sie außerdem zuversichtlich?

Christian Diekmann: Im Allgemeinen natürlich die Gewissheit, dass die Menschen sich unheimlich freuen werden, hoffentlich bald wieder Konzerte und Veranstaltungen besuchen zu dürfen und Kultur erleben zu können. Aber auch das Ergebnis unseres unternehmensweiten Ideenwettbewerbs.

MusikWoche: Warum?

Christian Diekmann: Unser Ziel war es, gemeinsam mit allen Mitarbeiter*innen Ideen für neue Veranstaltungskonzepte zu erarbeiten. Ergebnisoffen, ohne Vorgaben. So können wir mit unserem bisherigen Geschäft und zusätzlich mit neuen selbst produzierten Events durchstarten. Das Feedback, das Engagement und die Ergebnisse waren unglaublich. Es war - und ist noch - eine richtig gute Aktion, die allen viel Spass macht und natürlich gerade in Zeiten des Home Office auch verbindet.

MusikWoche: Was für Vorschläge sind dabei herausgekommen?

Christian Diekmann: Alles ist dabei. Einfallsreich und innovativ. Kunst, Sport, Ausstellungen, Open-Air-Konzepte, auch multimediale Konzepte. An den vielversprechendsten 15 wird schon gearbeitet.

MusikWoche: Apropos, wann rechnen Sie denn damit, dass es mit Konzerten, Veranstaltungen oder Festivals wieder losgehen kann?

Christian Diekmann: Mir fehlt die berühmte Glaskugel. Aber es gibt sicher eine sehr gute Chance für ein Szenario, in dem Anti-Gen-Schnelltests in die Eventorganisation so eingebunden werden, dass in 2021 Konzerte mit einer gewissen Kapazität wieder stattfinden dürfen. Ich hoffe, dass hier ein Konsens möglich wird. Hinzu kommt der Durchbruch bei der Impfstoffentwicklung, der die Planungssicherheit für Konzerte in 2022 wieder gewährleistet und wir sie bereits in 2021 mit allem, was dazu gehört, vorbereiten können.

MusikWoche: Gilt das auch schon für Festivals?

Christian Diekmann: Bezüglich der Schnelltests ist das doch eine Frage der Kapazität, der organisatorischen Machbarkeit und der entstehenden Kosten. Aber ein Impfstoff wird auch die größten Festivals wieder ermöglichen, denke ich.

MusikWoche: Was passiert, wenn weder Impfstoffe noch Schnelltests helfen?

Christian Diekmann: Wir haben uns wie gesagt auf eine lange Auszeit vorbereitet, aber ab 2021 wird das Geschäft wieder anlaufen können!

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der DEAG-Aktie?

Christian Diekmann: Es ist klar, dass so starke Verwerfungen Auswirkungen auf die Entscheidungen der Anleger haben. Wir kommen von 6,30 Euro im März und haben unseren Kurs halbiert. Erstaunlich war die direkte Reaktion an dem Tag der Veröffentlichung von Biontec und Pfizer. Alle Kurse der Entertainmentbranche stiegen um 15 Prozent und mehr. Das stimmt positiv.

MusikWoche: Also rechnen Sie damit, dass sich die Kurse der Livebranche mittelfristig weiter erholen können?

Christian Diekmann: Ja. Die Kurse werden sich nach der Krise ein Stück weit erholen. Und das Vertrauen wird zurück kommen. Wir haben das beste Produkt der Welt. Die Beliebtheit von Live-Events bei den Menschen wird bleiben. Die Attraktivität von Veranstaltungen ist ungebrochen.

Interview: Knut Schlinger