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Maximilian Kolb sieht die Branche "im größten Umbruch der Musikindustrie"

Seit 2019 leitet Maximilian Kolb als Managing Director die Geschicke von BMG in der GSA-Region, und steuerte das Unternehmen jüngst mit der Übernahme einer Mehrheit am Veranstalter Undercover auch ins Livegeschäft. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Kolb Zwischenbilanz, spricht über Corona, ­Strukturen und Zukäufe, aber auch über Transparenz und die Wertschöpfungskette im Musikbiz.

26.11.2020 11:15 • von
Zieht nach gut anderthalb Jahren an der Spitze von BMG GSA im Gespräch mit MusikWoche Zwischenbilanz: Maximilian Kolb (Bild: Frederike van der Straaten; Layout MusikWoche)

Seit 2019 leitet Maximilian Kolb als Managing Director die Geschicke vonBMG in der GSA-Region, und steuerte das Unternehmen jüngst mit der Übernahme einer Mehrheit am Veranstalter Undercover auch ins Livegeschäft. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Kolb Zwischenbilanz, spricht über Corona, ­Strukturen und Zukäufe, aber auch über Transparenz und die Wertschöpfungskette im Musikbiz

MusikWoche: An der Wand in Ihrem Büro finden sich unter anderem Edelmetalle für Kontra K und eine LP von Trettmann ...

Maximilian Kolb: Sehen Sie hier auch Max Giesinger?

MusikWoche: Ja, den auch. Aber bei den HipHop-Acts hatte ich das Gefühl, dass die ein Beispiel für die Künstler sind, mit denen Sie sich bei BMG von Beginn an beschäftigt haben. Stimmt das so?

Maximilian Kolb: Tatsächlich gar nicht so sehr. Als ich vor inzwischen über sieben Jahren bei BMG angefangen habe, arbeitete ich zunächst vor allem im Publishing, zum Beispiel mit den Mighty Oaks oder auch mit Daniel Nitt, der viel für Mark Forster geschrieben und produziert hat. Als ich dann zusätzlich Recorded-Aufgaben übernahm, war Max Giesinger das erste große Signing, das wir gemacht haben.

MusikWoche: Sie haben im April 2019 das Ruder bei BMG GSA übernommen, seit dem Frühjahr 2020 ist nun Corona ein großes Thema. So etwas wie Routine dürfte sich bei Ihnen da wohl nicht eingestellt haben. Wie fällt denn vor diesem Hintergrund Ihre Bilanz der ersten anderthalb Jahre aus?

Maximilian Kolb: Gerade vor diesem Hintergrund fällt die Bilanz sogar ziemlich routiniert aus. Das liegt einerseits daran, dass ich nicht neu in die Firma gekommen bin, die internen Abläufe schon seit vielen Jahren genau kannte und einige davon selbst mit aufgebaut habe. Und andererseits daran, dass wir unsere Arbeitsabläufe bereits vorher digitalisiert haben. Dadurch hat die Corona-Situation nicht dazu geführt, dass wir unsere normalen Verhaltensweisen ändern mussten. Was natürlich verloren gegangen ist, ist das enge Miteinander im Büro.

MusikWoche: Und die Bilanz?

Maximilian Kolb: Ich schaue in den anderthalb Jahren zurück auf viele schöne Signings und auf tolle Veröffentlichungen, gleichzeitig aber auch auf viele neue Aktivitäten wie den Aufbau des Merchandising-Bereichs oder das Livegeschäft. Zudem haben wir die Label- und das Publishing-Teams ausgebaut. Das sind die wichtigsten Pfeiler meiner ersten anderthalb Jahre.

MusikWoche: Sie sprachen davon, dass Team ausgebaut zu haben. Im Frühjahr 2020 waren es 49 Mitarbeiter, wie viele sind bei BMG nun derzeit fürs GSA-Geschäft aktiv?

Maximilian Kolb: Wir sind aktuell 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was unter anderem daran liegt, dass wir das Labelgeschäft als Fokus-Bereich ausbauen. Gleiches gilt für den Katalogbereich als eine unserer Wachstumsplattformen.

MusikWoche: Wenn Sie das Labelgeschäft als Fokus-Segment bezeichnen, heißt das zugleich, dass das Verlagsgeschäft als eigentliche Kernzelle der neuen BMG heute eine im Vergleich geringere Rolle spielt, oder ziehen Sie eher strukturell das nach, was im Publishing längst steht?

Maximilian Kolb: Publishing ist und bleibt unser Rückgrat und zudem eine unserer wichtigen Kernkompetenzen. Wenn man sich ansieht, wie wir das Verlagsgeschäft aufgebaut und strukturiert haben, dann sieht man, dass wir in diesem Bereich schon lange zu Hause sind. Recorded ist für uns im direkten Vergleich ein Wachstumsgeschäft: Hier ändern sich die Strukturen innerhalb der Branche in hoher Geschwindigkeit. Dadurch ergeben sich zugleich ganz neue Möglichkeiten, aber auch neue Arten, Deals zu machen oder mit Künstlerinnen und Künstlern sowie deren Managements zusammenzuarbeiten. So hatten wir den Großteil an Innovationen in den vergangenen drei Jahren zweifelsohne im Recorded-Bereich. Deswegen tritt das Publishing aber keinesfalls in den Hintergrund, ganz im Gegenteil. Denn wir bringen beide Bereiche noch näher zusammen.

MusikWoche: Wenn Sie neue Arten der Zusammenarbeit ansprechen, bezieht sich das vor allem auf die Beteiligung der Künstler?

Maximilian Kolb: Genau, aber nicht nur. Unser Artist Services Deal rückt die Künstlerinnen und Künstler in den Mittelpunkt. Wir haben daran geglaubt, wir haben daran festgehalten und wir haben diesen Deal etabliert, der so oder ähnlich inzwischen von beinahe allen anderen Unternehmen angeboten wird - wenn auch nicht in der von uns vorgelebten Transparenz und auch nicht immer mit dem internationalen Gedanken dahinter. Aber genau dieser Vertragstypus ist eine der grundlegenden Veränderungen, die BMG angestoßen hat - eine ganz neue Möglichkeit auf der Klaviatur der Deals, auf der bis dahin vor allem Bandübernahme- oder Distributionsverträge angeboten wurden.

MusikWoche: Was steckt denn für Sie noch an Potenzial in dieser Art der Künstlerverträge?

Maximilian Kolb: Nun, diese Artist Services Deals lassen sich zum Beispiel auch auf eine Kooperation mit Labels ummünzen. Das zeigt aktuell der Abschluss mit dem Komponisten und Musiker Nils Frahm und dessen langjährigem Manager Felix Grimm sowie deren neu gegründeter Produktionsfirma Leiter. Hier geht es darum, sowohl mit Nils Frahm als Künstler zusammenzuarbeiten, als auch mit Künstlern, die Nils Frahm selbst mit aufbaut. Das zeigt sich aber auch schon in der Zusammenarbeit mit Soulforce Records, KitschKrieg und Trettmann, mit denen wir sowohl künstlerzentriert, aber eben auch labelzentriert arbeiten.

MusikWoche: Neu im Portfolio von BMG ist, seit der jüngst verkündeten Übernahme von Undercover, auch der Livebereich. In einem früheren Gespräch mit MusikWoche hatte sich Dominique Casimir zum Thema Live noch zurückhaltend geäußert, was hat sich seitdem geändert?

Maximilian Kolb: Wir befinden uns momentan im größten Umbruch der Musikindustrie. Die Gewalten, die wir aus der Vergangenheit kennen, werden zweifelsfrei nicht die sein, die wir auch künftig noch sehen werden. Deshalb stellen wir uns immer die Frage, wie sich ein modernes Musikunternehmen für die Zukunft aufstellen muss.

MusikWoche: Und, wie soll das aussehen?

Maximilian Kolb: Nun, wir glauben daran, dass ein Musikunternehmen künftig alle Facetten der Wertschöpfungskette abdecken muss, um für Künstlerinnen und Künstler sowie deren Managements auch weiterhin interessant und vor allem relevant zu sein. Genau deshalb haben wir uns den Aspekt Live immer wieder angesehen und geschaut, wo unser Anknüpfungspunkt sein kann. Allerdings haben wir zunächst den Bereich Merch aufgenommen und hier angefangen, zum Beispiel mit Kontra K und Silbermond zu arbeiten. Der nächste große und logische Schritt für uns war dann einfach das Livegeschäft.

MusikWoche: Warum?

Maximilian Kolb: Ich denke, dass Unternehmen für die Zukunft gut gewappnet sind, wenn sie die Vielfalt des Marktes abdecken, und das beinhaltet eben neben Publishing und Recorded auch die Bereiche Merch und Live. Darüber hinaus sind wir ja schon länger in den Bereichen Filme, Bücher oder Podcasts aktiv.

MusikWoche: Und warum in dieser Krisenzeit, die ja nun das Livegeschäft ganz besonders trifft?

Maximilian Kolb: Hier müssen wir eher von einem »trotz dieser Krisenzeit« sprechen, denn die Gespräche hatten bereits lange vor der Pandemie begonnen. Für uns ist klar: Unsere Welt wird irgendwann wieder in normalen Gewässern laufen und damit wird auch das Livegeschäft wieder so stattfinden, wie wir es kennen. Deshalb nutzen wir die Zeit, um uns hier weiter zu organisieren und aufzustellen.

_____»Wir haben uns für Undercover entschieden, weil Fairness und Transparenz sich auch bei Michael Schacke und seinem Team eins zu eins in der Unternehmens-DNA finden.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: Haben Sie exklusiv mit Undercover gesprochen?

Maximilian Kolb: Nein, aber wir haben uns für Undercover entschieden, weil Fairness und Transparenz als die Grundpfeiler bei all unseren Publishing- und Recorded-Deals sich auch bei Michael Schacke und seinem großartigen Team eins zu eins in der Unternehmens-DNA finden. Michael hat immer mit einer Open-Books-Policy gearbeitet, sodass für Künstlerinnen und Künstler ersichtlich ist, welches Geld hereinkommt und was wieder rausgeht. Deshalb war es für uns schnell klar, dass wir gut zusammenfinden werden und mit dem, was bei Undercover bereits gegeben ist, gut skalieren können.

MusikWoche: Dürfen Sie dann künftig regelmäßig nach Braunschweig reisen oder kommt Undercover eher zu Ihnen nach Berlin?

Maximilian Kolb: Momentan stellt sich diese Frage gar nicht, da unsere Teams auch digital sehr gut zusammenarbeiten können. Das ist eine der größten Veränderungen, die diese Zeit mit sich gebracht hat: Alle haben verstanden, dass Home Office funktioniert und man sich keine Sorgen machen muss, ob das Team auch wirklich arbeitet. Denn ganz im Gegenteil. Es hat dazu geführt, dass gewisse Prozesse viel effektiver geworden sind. Auch in Bezug auf Geschäftsreisen, vieles kann man anders organisieren. Wir haben Termine auf das Nötigste heruntergebrochen.

MusikWoche: Noch einmal zurück zum Thema Merch: Wie und wann genau ist BMG ins Geschäft mit Fanartikeln eingestiegen?

Maximilian Kolb: Wir haben mit Merch relativ leise begonnen, weil wir es als zusätzliches Service-Segment sowohl für die Bereiche Recorded, Publishing und natürlich auch für Live sehen.

MusikWoche: Haben Sie hier auch zugekauft?

Maximilian Kolb: Nein, wir haben Merch im Team von Feline Moje als Leiterin unserer A&R-Aktivitäten im Recorded-Bereich organisch aufgebaut. Hier gilt, wie an so vielen anderen Stellen, dass wir immer wieder Menschen an Positionen setzen, die einen hohen Grad an Eigenverantwortung einbringen. Feline hat aus ihrer Zeit im Management von AnnenMayKantereit und weiteren tollen Künstlerinnen und Künstlern bereits die nötige Expertise mitgebracht, um entsprechende Strukturen aufzubauen.

_____»Der Bereich Management ist sicher etwas, das wir uns auch in Deutschland genauer anschauen werden.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: Stichwort Management: Müsste das denn nicht das nächste Feld sein, das unter dem BMG-Dach Sinn ergeben würde. Ist das bereits angedacht, oder sprechen wir dann eher in zwei Jahren darüber?

Maximilian Kolb: Auf internationaler Eben gibt bereits eine Zusammenarbeit mit der Shelter Music Group. Wir haben jetzt mit Live eine große und spannende Aufgabe vor uns, die wir erfüllen wollen. Wenn wir das in den kommenden zwölf Monaten sauber integriert haben, dann ist der Bereich Management sicher etwas, das wir uns danach auch in Deutschland genauer anschauen werden.

_____»Uns ist vor allem wichtig, ein glückliches Team zu haben. Denn nur so haben wir auch glückliche Künstlerinnen, Künstler und Songwriter.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Mitarbeiterstamm: Sind Sie mit rund 55 Köpfen bei BMG GSA bereits nach Ihren Wünschen aufgestellt, oder sehen Sie noch zusätzliches Potenzial?

Maximilian Kolb: Generell bin ich mit der Struktur sehr zufrieden. Dazu muss man ­sehen, woher wir kommen und wie das Wachstum der letzten Jahre dahinter aussieht. Unabhängig von der Zahl ist es uns aber vor allem wichtig, ein glückliches Team zu haben. Denn nur so haben wir auch glückliche Künstlerinnen, Künstler und Songwriter.

MusikWoche: Wie steht BMG GSA mit einem Team im konzerninternen Vergleich da?

Maximilian Kolb: Nach unseren Standorten in den USA und in UK ist das deutsche Team das drittgrößte. Allerdings sitzen in Berlin auch die Head-Office-Funktionen, sodass wir hier insgesamt über 200 Mitarbeitende sind.

MusikWoche: Mit Hartwig Masuch und Dominique Casimir sitzen auch der Konzernchef und die Europachefin bei Ihnen in Berlin mit im Haus, macht sich das im Tagesgeschäft bemerkbar?

Maximilian Kolb: Ja, ganz eindeutig. Und das ist auch gut so, weil ich mit Hartwig und Dominique zwei Vorgesetzte habe, die bereits lange Zeit im Musikgeschäft sind. Sie können sich vorstellen, dass es gerade auch hier in Deutschland viele gibt, die Hartwig und Dominique direkt ansprechen. Das ist eine große Stärke, die mir und uns als ein Game Changer wirklich helfen kann.

_____»Geschwindigkeit macht den Unterschied, aber auch, sich aus Deutschland heraus etwas zu trauen.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: Und was bringt diese enge Zusammenarbeit für Acts aus dem deutschsprachigen Raum an internationalen Perspektiven?

Maximilian Kolb: Zweifelsohne ist es so, dass wir hier mit dem Head Office natürlich in der Lage sind, anders in andere Märkte zu kommunizieren. Das hat nicht nur mit Hartwig oder Dominique zu tun, sondern auch mit Fred Casimir als internationalem Recorded-Chef. Natürlich müssen wir schauen, wo es Sinn ergibt, aber wir sind eindeutig in der Lage, schon in einem frühen Stadium mehr Aufmerksamkeit in andere Märkte zu lenken. Geschwindigkeit macht hier den Unterschied, aber auch, sich aus Deutschland heraus etwas zu trauen. Da sind wir in einer besonderen Situation.

MusikWoche: Gibt es dafür bereits Beispiele?

Maximilian Kolb: Da gibt es einerseits den ­Sound­track zu Babylon Berlin oder die internationale Kampagne zum neuen Album von Solomun, ­andererseits die Zusammenarbeit von Kontra K und alt-J auf deren »Reduxer«-Remix-Album oder internationale Synch-Platzierungen. Gleichzeitig haben wir Cypress Hill oder Aloe Blacc in Deutschland unter Vertrag genommen und von hier aus die internationale Kampagne ausgerollt, weil Deutschland für diese Künstler einer der wichtigsten Key-Märkte ist.

MusikWoche: Sie erwähnten vorhin glückliche Mitarbeiter. Sorgt denn da der Umzug eines großen Mitbewerbers nach Berlin nicht für Unruhe und Druck im Kessel in Hinblick aufs ­Personal und dessen Perspektiven?

Maximilian Kolb: Ich freue mich zunächst über jeden, der hier in der Stadt für mediale Vielfalt sorgt. Aber unser Geschäftsmodell ist ein anderes. Die Möglichkeit, unter einem Dach die komplette kreative Wertschöpfungskette bespielen zu können, ist etwas, das es in dieser Form so bei anderen Marktteilnehmern kaum oder gar nicht gibt. Das bietet unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen ganz anderen Lerneffekt.

MusikWoche: Fürchten Sie keinen verschärften Wettbewerb um die besten Köpfe?

Maximilian Kolb: Nein, denn das holistische Profil, das wir bei BMG bieten, ist so woanders nicht zu finden.

_____»Wir sind noch immer eines der weltweit am schnellsten wachsenden Musikunternehmen.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: In einer früheren Umfrage von MusikWoche bezeichneten Sie BMG als das »am schnellsten wachsende Musikunternehmen der Welt«. Ist das noch so und gilt das national wie international?

Maximilian Kolb: Wenn man sich unsere Wachstumsraten ansieht und von neuen Playern im Markt absieht, die mit frischem Kapital Kataloge aufkaufen, sind wir noch immer eines der weltweit am schnellsten wachsenden Musikunternehmen. Allein bei den Zuwächsen im Streaming liegen wir weiterhin zwischen 30 und 40 Prozent, was unter anderem daran liegt, dass wir hier unsere Frontline- und Katalog-Aktivitäten weiter ausbauen.

MusikWoche: Die neue BMG hat in ihren Anfangstagen durchaus auch selbst Geld in Zukäufe gesteckt. Haben hier neue Player die Preise verdorben?

Maximilian Kolb: Die Preise sind durch viel frisches Kapital, das in den Markt gespült wird, durch die Decke gegangen. Wir sind deshalb eher auf organischen als auf akquisitorischen Wachstumspfaden unterwegs. Allerdings haben wir mit Zukäufen nicht abgeschlossen, werden hier aber nur dann aktiv, wenn es für uns sinnhaftig erscheint.

MusikWoche: Wie sieht es im kreativen Feld aus, welche Signings sind Ihnen ganz besonders wichtig?

Maximilian Kolb: Das sind Themen wie KitschKrieg und Trettmann, sowohl auf Publishing- als auch auf Recorded-Seite, oder Kontra K, mit dem wir unsere auf Recorded-Seite begonnene Zusammenarbeit inzwischen aufs Publishing und Merchandising erweitert haben. Zudem haben wir aus Deutschland Aloe Blacc unter Vertrag genommen oder zuletzt die Zusammenarbeit mit Benni Dernhoff ausgeweitet, der als Autor unter anderem mit Peter Maffay und Johannes Oerding aktiv ist. Wir haben mit Jules Kalmbacher und Jens Schneider im Pop-Bereich ein Power-Autoren-Produzenten-Duo, das unter anderem viel mit Max Giesinger arbeitet, gleichzeitig aber auch mit Stefanie Heinzmann einen neuen Deal geschlossen. Zusammen mit verschiedenen Katalogen, die wir übernommen haben, zeigt sich hier eine Mannigfaltigkeit an Deals, die sehr viel Spaß macht.

MusikWoche: Trägt auch das Thema Iconic Song zum Spaßfaktor bei?

Maximilian Kolb: Ja! Wir haben zum 30-jährigen Jubiläum des Songs »Wind Of Change« von den Scorpions eine Box gemacht, bei der wir aus der Sicht des Publishers gedacht haben. Insofern haben wir den Notendruck in den Fokus gerückt und drumherum ein hochwertiges Produkt gebaut. Das Thema Iconic Song haben wir inzwischen um ein Podcast-Format erweitert und wollen diese Idee in der aktiven Auswertung des Katalogs noch weiter in den Fokus rücken.

MusikWoche: Was ist denn der nächste Iconic Song?

Maximilian Kolb: Es gibt bereits viele Ideen und verschiedene Ansätze. Bei »Wind Of Change« und dem Jahr 2020 konnten wir exzellent auf den 3. Oktober hin planen und das auch sehr schön umsetzen. Das wichtigste dabei ist, dass die Produkte ihre eigene Geschichte stringent erzählen. Das soll auch künftig im Mittelpunkt stehen, und am Ende entscheiden wir uns für den schönsten Aufhänger. Denn nur wenn das Produkt und die Geschichte zusammenpassen, kann auch das unternehmerische Ergebnis sitzen. So, wie eben bei »Wind Of Change« mit dem Stück Mauer und dem hochwertigen, limitierten Druck. Die Konsumentinnen und Konsumenten haben hier zugegriffen, weil das Produkt so liebevoll und detailreich ausgearbeitet war. Daran muss sich der Nachfolger messen und diese Hürde überspringen. Wenn er das tut, legen wir los.

_____»Katalog definieren wir heute viel jünger.« Maximilian Kolb.

MusikWoche: Warum dieser Fokus auf die Katalog­vermarktung?

Maximilian Kolb: Unter anderem, weil wir Katalog heute viel jünger definieren: Für uns sind das nicht mehr bloß die 60er-, 70er- oder 80er-Jahre, das sind vielmehr längst auch die Nuller-Jahre und alles, was bald danach kam. Wir werden zum Beispiel noch dieses Jahr die Übernahme eines ikonischen deutschen Katalogs bekanntgeben und Titel aus den 2000ern, die seit mehreren Jahren aus den allermeisten digitalen Kanälen raus sind, wieder verfügbar machen. Das ist das Schöne am Streaming: Wir können die Kampagne um ein Album, das schon fünf Jahre alt ist, genauso stricken wie bei einer Neuveröffentlichung.

MusikWoche: Befürchten Sie durch die im Zuge der Corona-Krise ausfallenden Livekonzerte oder geringerer Werbeeinnahmen denn nicht gerade im Publishing Einbußen?

Maximilian Kolb: Wir hoffen darauf, dass das Livegeschäft irgendwann im kommenden Jahr wieder langsam loslegen kann, gehen allerdings davon aus, dass es einen Rückgang bei den GEMA-Einnahmen geben wird. Das ist etwas, was wir beobachten und dementsprechend antizipieren.

MusikWoche: Kommen wir zum Ausblick: Wo sehen Sie BMG GSA im nächsten Jahr um diese Zeit, und wo in fünf Jahren?

Maximilian Kolb: In zwölf Monaten sind wir alle, und ganz unabhängig von BMG, hoffentlich in der Corona-Krise ein ganzes Stück weitergekommen und verbringen, so man das will, wieder gemeinsam Zeit in den Büros und genießen den persönlichen Austausch. Gleichzeitig werden wir viele besondere Produkte veröffentlicht haben, denn wir haben schon jetzt eine gut gefüllte Pipeline. Darüber hinaus werden wir auch mit vielen spannenden Autorinnen und Autoren zusammenarbeiten. In fünf Jahren werden wir als Unternehmen einerseits die gesamte Wertschöpfungskette im Musikgeschäft kongruent und in Gänze abbilden können, andererseits auch viel Geschwindigkeit in den Markt bringen und dabei genauso pro-aktiv sein, wie wir das heute sind. Damit sind wir gerüstet für den positiven Umbruch, den unsere Industrie momentan erlebt - in dem sich Geschäftsmodelle ändern und wir immer digitaler und immer schneller werden. Unser Vorteil: Wir hatten schon immer diese Geschwindigkeit. Durch die Neugründung 2008 konnten wir uns ab dem ersten Tag als modernes Musikunter­nehmen aufstellen. Wir sind bestens dafür gewappnet, der moderne Player zu sein, der im Markt besteht, der sein nationales und internationales Geschäft um die Künstlerinnen und Künstler herum aufgebaut und auf diese ausgerichtet hat, und sie somit darin unterstützt, in einer großen kreativen Freiheit das zu machen, was sie wollen und nicht umgekehrt.

Interview: Knut Schlinger und Norbert Schiegl

_____Zur Person

Maximilian Kolb kam 2012 von Sony/ATV zunächst als A&R-Manager zu BMG. 2017 wurde er zum Director A&R Recorded Music GSA befördert und war in dieser Position sowohl für das Labelgeschäft als auch den Digital Sales Bereich von BMG GSA verantwortlich. Im April 2019 stieg Maximilian Kolb dann zum Managing Director BMG GSA auf und zeichnet seitdem sowohl für das Label- als auch das Verlagsgeschäft von BMG in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Kolb leitet ein Team von inzwischen 55 Mitarbeitern in Berlin und berichtet an Dominique Casimir, Executive Vice President Continental Europe Repertoire & Marketing.