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Erfolge mit Düsseldorfer Modell bei D.Live

D.Live gehörte seit dem Corona-Ausbruch in Deutschland zu denPionieren mit alternativen Liveformaten und Hygienekonzepten. MusikWoche fragte nach einem ersten Fazit, und wie es weitergehen soll.

25.11.2020 13:22 • von Jonas Kiß
Sieht sich als Erfinder der Autokonzerte: D.Live-Chef Michael Brill (Bild: D.Live/Marcus Pietrek)

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D gehörte seit dem Corona-Ausbruch in Deutschland zu den Pionieren mit alternativen Liveformaten und Hygienekonzepten. MusikWoche fragte nach einem ersten Fazit, und wie es weitergehen soll.

»Uns hat bereits der erste Lockdown im März mit voller Wucht getroffen«, sagt Michael Brill, Geschäftsführer D.Live, der 2020 ohne die Pandemie als Rekordjahr für die Gesellschaft verbuchen können hätte. D.Live betreibt in Düsseldorf unter anderem die Merkur Spiel-Arena, den ISS Dome und die Mitsubishi Electric Halle. Geplant waren für 2020 382 Veranstaltungen mit 2,3 Millionen Besuchern. »Stattdessen mussten wir am 12. März plötzlich mehr als 40 Veranstaltungen auf einen Schlag absagen oder verschieben, über 300.000 Besucher waren hiervon betroffen. Da wir uns im Team bereits Ende Februar mit dem Bekanntwerden der Behandlung des ersten Corona-­Patienten im Uniklinikum ­Düsseldorf mit den möglichen Folgen der beginnenden Pandemie beschäftigt haben, war uns rasch die Bedeutung einer Grundsatzentscheidung bewusst: entweder 'abwarten' oder 'weitergehen' und haben sofort mit jedem erdenklichen Einsatz und Kreativität versucht, Wege zu finden, wie in diesen Zeiten Veranstaltungen ermöglicht werden können.«

Da D.Live ohnehin auch als Outdoor-Kinobetreiber fungiert - jährlich veranstaltet die Gesellschaft auf den Rheinwiesen in Düsseldorf das alltours Open Air Kino mit einer Kapazität von 2000 Besuchern pro Vorführung - und man sowohl das Equipment wie auch das Geschäft gut kenne, habe man sofort die Umsetzung des Autokinos favorisiert und dieses mit der Erfindung der »Autokonzerte« logisch weiterentwickelt. »So konnten wir unser gesamtes Know-how und unsere Netzwerke vollständig für eine 100 Prozent Corona-sichere Veranstaltungsreihe nutzen«, so Brill weiter.

Mediale Präsenz

»Die mediale Präsenz hat die Notsituation unserer Branche aufgedeckt, wir konnten in unserer Community weiterhin ein attraktives kulturelles Angebot bieten«. Auch habe eine systematische Erfahrung des Besucherverhaltens bei der Entwicklung weiterer Konzepte enorm geholfen und D. Live habe fast das gesamte Team vollständig weiter beschäftigen können. »Mit rund 100.000 Besuchern bei mehr als 90 Veranstaltungen war es ein unfassbarer Erfolg. Am meisten hat uns die Reaktion der zahlreichen Künstler bewegt, denen die Option, weiter auftreten zu können, Mut und Zuversicht geschenkt hat.« Dagegen konnte D.Live keine Hilfsprogramme in Anspruch nehmen, allerdings sei man als städtische Gesellschaft an dieser Stelle ganz anders abgesichert.

Blick nach vorn

Für 2021 wollen Brill und sein Team bei der Marschroute von 2020 bleiben: »Für uns gibt es nur den Weg nach vorn. Wir dürfen nicht anhalten, abwarten, uns treiben lassen und von dem Geschehen abhängig machen. Unsere Branche hat sich immer durch eine so besondere Leidenschaft, Innovation und den überraschenden Moment ausgezeichnet.« Man müsse noch energischer die Rolle der von der Branche gebotenen Kultur aufzeigen und dafür Sorge tragen, dass man nicht als eine »nicht notwendige Freizeitbeschäftigung« abgestempelt werde. »Das würde verheerende Auswirkungen für unsere Zukunft haben«, fürchtet Brill.

Damit es 2021 mit Veranstaltungen weitergehen kann, sofern die Behörden dies zulassen, sollen auch im neuen Jahr Hygienekonzepte eine entscheidende Rolle spielen, wie Hauke Schmidt erläutert, der für die Hygiene- und Infektionsschutzkonzepte bei D.Live hauptverantwortlich ist: »Wir konnten in den vergangenen Monaten einige Veranstaltungen ? sowohl im Public- als auch im Corporate-Events-Bereich ? durchführen. Dazu gehörte im September auch die einzige Live-Show der Ehrlich Brothers mit 2500 Besuchern im ISS Dome. Es ist für uns verblüffend gewesen, wie sehr die Besucher kooperativ waren und sich uneingeschränkt an die notwendigen Maßnahmen gehalten haben.«

Auch die Künstler wie Chris und Andreas Ehrlich sowie die Produktionen hätten an jeder Stelle mitgewirkt und dazu beigetragen, dass ein Maximum an Sicherheit für alle Beteiligten umgesetzt wurde, so Schmidt. »Das galt übrigens auch für das Fußballpublikum bei der Fortuna und dem KFC Uerdingen, die ja aktuell beide ihre Heimspiele in der Merkur Spiel-Arena austragen. Wichtig ist es dabei, eindeutig und transparent zu kommunizieren, sodass die Menschen nachvollziehen können, welche Regeln gelten und warum. Einfache und klare Vorgaben sind dabei hilfreich. Wir müssen ja in gewisser Weise auch Vertrauen in unsere Maßnahmen und unseren Umgang mit einer potenziellen Infektionsgefahr schaffen. Dafür ist es wichtig, dass die Ticketkäufer schon im Vorfeld wissen, in welche Situation sie sich begeben.«

Bei D.Live spricht man im Hygienebereich gar von einem »Düsseldorfer Modell«, das Schmidt mit den besonderen Erfahrungen in der Corona-Zeit in der Landeshauptstadt begründet: »Wir haben schon im Frühsommer 2020 Konzepte für Veranstaltungsformate unterschiedlicher Größenordnungen erstellt. Diese haben wir auf Basis der Praxis­erfahrungen fortlaufend optimiert. Wir haben uns angesehen, welche Maßnahmen gut funktionieren und den gewünschten Effekt erzielen, und welche Maßnahmen zwar in der Theorie gut klingen, in der Praxis aber verpuffen oder zu wenig Nutzen bringen. Letztere haben wir verändert oder durch andere Tools ersetzt.« Gleichzeitig sei von Anfang an wichtig gewesen, auf das aktuelle Infektionsgeschehen reagieren zu können. »Deshalb beinhalten unsere Konzepte Stufenmodelle, die gemäß der aktuellen 7-Tages-Inzidenz mehr oder weniger strenge Infektionsschutzmaßnahmen beinhalten.«

Die grundlegenden Maßnahmen sind in besagtem »Düsseldorfer Modell« zusammengefasst, das man auf die verschiedenen Venue-Typen des D.Live-Portfolios anpassen könne. »Das Düsseldorfer Modell bündelt die Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen für Veranstaltungen in unseren Venues: Mund-Nasen-Schutz-Pflicht, Rückverfolgbarkeit, Social Distancing, Hygiene (Reinigung, Desinfektionsmittelspender im Publikumsbereich), reduzierte Kapazitäten, Alkoholverbot, Zonenkonzept (autarke Besucherzonen), Teilnahmeregeln (keine Covid19-Symptome), angepasste Gastronomiekonzepte sowie ausreichend Parkmöglichkeiten für Besucher mit Pkw. Im Prinzip also das, was sich mittlerweile als eine Art Common-Sense zum Infektionsschutz bei Veranstaltungen etabliert hat.« Auch das letztlich nicht realisierte Großkonzert von Live Nation in der Merkur Spiel-Arena will Schmidt nicht als Rückschlag werten: »Als wir dann mit ?Give Live A Chance? mit einer Show für bis zu 13.000 Besucher in die Planung und dann in den Vorverkauf gestartet sind, haben uns sämtliche zuständige Behörden aus Stadt und Land bestätigt, dass unser Düsseldorfer Modell vorbildlich für die Umsetzung derartiger Events ist.«

Austausch mit Ämtern

Michael Brill fügt an, dass das hauseigene Safety-Department in den vergangenen Monaten viele stimmige Hygienekonzepte für die unterschiedlichsten Veranstaltungsformate erarbeitet habe und zu jeder Zeit die aktuellen Corona-Maßnahmen der Kommunen und Länder kenne. »Darüber hinaus zeichnet uns als D.Live unser besonderes Konstrukt und unser Netzwerk aus. Wir stehen seit Jahren in einem sehr engen fachlichen Austausch mit der Stadt Düsseldorf und den Verwaltungsorganen. Zudem sind wir in der besonderen Lage, auf vier Venues zugreifen zu können, die ganz unterschiedliche Charakteristika aufweisen. Was an einer Stelle vielleicht nicht funktioniert, können wir garantiert woanders umsetzen.«

Die größte Herausforderung bei Hygienekonzepten sei die sich regelmäßig ändernde Planungssituation durch die Anpassungen der Corona­schutzverordnung, führt Schmidt aus. »Überlegungen können eine Woche später schon wieder veraltet oder überholt sein. Alle unsere Konzepte entwickeln wir stetig weiter und nutzen unsere Erfahrungen, um weiter zu optimieren.« Dabei deckten sich die Schlussfolgerungen, die die Forschungsgruppe jüngst aus dem Leipziger Experiment »Restart19« gezogen habet, »nahezu vollständig« mit dem, was D.Live bereits seit dem Sommer im Rahmen der eigenen Infektionsschutzkonzepte umsetze. »Von daher sehen wir das Experiment in fachlicher Hinsicht als Bestätigung unserer Überlegungen.«

Unabhängig davon fürchtet Brill: » Sollte sich die gegenwärtige Situation noch länger unverändert halten, so wird dieses die gesamte 'Mathematik' unseres Geschäfts verändern: Dieses kann sich auf die Höhe möglicher Künstlergarantien, Splitmodelle, Aufwändigkeit der Produktionen und Häufigkeit von Events auswirken. Die Konsequenz wären sicherlich sinkende Kapazitäten, es wäre weniger Umsatz an die beteiligte Wertschöpfungskette zu verteilen.«

Als Perspektive zählt Brill auf: Schnelltestverfahren, »Safe Bubbles« und natürlich die Durchimpfung, welche die einzigen Lösungsansätze seien. »Der Entwicklungsstand des Rapid Testings scheint sich rasch zu entwickeln. Dann könnte eine Kombination mehrerer Verfahren (Schnelltest, Fiebermessung, bestimmte Hygieneschutzmaßnahmen) schnell die Kapazitätserweiterung zulassen.«

Und in puncto Impfungen gebe es in den letzten Tagen anscheinend große Bewegungen, die bundesweite Planungen von Impfzentren mit möglichem Start im ersten Quartal wären natürlich die beste Lösung, hofft Brill. »Zumindest könnten wir dann auf ein halbwegs normales viertes Quartal 2021 spekulieren und uns für 2022 auf den größten Run auf Tickets und Shows in der Geschichte unserer Branche vorbereiten. Alleine der Gedanke treibt uns weiter!«