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Future Of Festivals richtete Blick auf 2021

Auch der zweite Konferenztag von Future Of Festivals bot am 14. November Panels, Präsentationen und Interviews über verschiedene Aspekte des Festivalmarkts in Deutschland. Immer wieder rekurrierten die Gesprächsrunden dabei auf die Frage, ob oder in welcher Form es 2021 Festivals geben könnte.

16.11.2020 09:27 • von Dietmar Schwenger
Sprach bei Future Of Festivals. Karsten Elbrecht von CTS Eventim (Bild: Screenshot, Future Of Festivals)

Auch der zweite Konferenztag der von der Agentur Fuchs & Hirsch in Berlin veranstalteten Digitalkonferenz Future Of Festivals bot am 14. November 2020 Panels, Präsentationen und Interviews über verschiedene Aspekte des Festivalmarkts in Deutschland. Immer wieder rekurrierten die Gesprächsrunden dabei auf die Frage, ob oder in welcher Form es 2021 Festivals geben könnte.

"Wir haben uns darauf eingestellt, dass es erst im zweiten Halbjahr 20221 wieder größere Veranstaltungen geben wird", sagte Celine Kühnel, Geschäftsführerin eps, bei der Runde "Q Vadis 2021", der am Freitagnachmittag in Berlin über die Bühne ging. 2021 werde noch kein normales Jahr, aber sie sei sich sicher, dass es wieder mehr Events geben werden als 2020.

"Viele Festivalveranstalter sind skeptisch, Angst und Verzweiflung sind groß", fügte Johannes Grüss von der LiveKomm in der Runde an. "Niemand kann sagen, wie es weiter geht. Es wird auf jeden Fall ein sehr schwieriger Weg." Und Kira Taige, Veranstalterin des Berliner Artlake Festivals, stellte die verschiedenen Strategien der Veranstalter vor. Während manche bereits alles auf 2022 verschöben, würden andere zumindest noch einen Plan B mit reduzierten Lösungen für 2021 in der Hinterhand haben. Zugleich fürchtet sie, dass Ticketpreise steigen würden.

Kühnel ist sich sicher, dass es vor März 2021 keine Aussagen geben werde, die zur Planungssicherheit beitragen würden. Sie warf aber auch die Frage auf: "Was passiert mit den Festivalbesuchern? Wie können wir die Menschen aktivieren, wenn es irgendwann wieder losgeht?" Sie brachte auch die 18- bis 19-Jährigen ins Gespräch ein, die möglicherweise nun in einer Zeit ohne Festivals aufwachsen und dabei vielleicht als Zielgruppe für die Open Airs verloren gingen.

Grüss schlug vor, dass sich mehrere Festivals nacheinander ein Gelände nutzen könnten, um die Kosten geringer zu halten. Digitalevents seien zwar im B2B-Bereich eine Option auch für die Zeit nach Corona, aber die Leute wollten Partys feiern, Menschen kennenlernen und neue Musik entdecken, dafür brauche es physische Festivals. "Digital funktioniert das nicht."

Konkret erwartet Kühnel, dass es eine Marktbereinigung geben werde. Sie hoffe, dass es die Nachwuchsfestivals schaffen, durch die Zeit zu kommen, wobei diese möglicherweise den Vorteil hätten, dass sie kreativer seien und schneller Lösungen finden und umsetzen könnten. Sie forderte alle Zuhörer auf, den Verbänden beizutreten und appellierte an die Politik: "Nehmt unsere Branche ernst! Denn wir sind es, die all diese Konzepte sicher umsetzen können."

In einem Interview schilderte Deichkind-Managerin Tania Tchorzewski, wie der Lockdown und die Beschränkungen danach beim 50-köpfigen Team hinter Deichkind "richtig reingehauen" hätten, aber man müsse das Beste aus der Lage machen. Auch glaubt sie, dass vor allem kleinere und mittlere Festivals für 2021 kreative Lösungen finden könnten.

Eine der spannendsten Runden der zweitägigen Konferenz, die eigentlich bereits im Mai stattfinden sollte und dann in den November verschoben wurde, war das Aufeinandertreffen des Bonner Veranstalters Julian Reininger von der fünfdrei eventagentur, die das Green Juice Festival ausrichtet, und Bernd Dicks vom Parookaville. Reiniger berichtete bei der "Durch dick und dünn" getauften Runde, wie bei der kurzfristig umgesetzten Streamingaktion Bonn Live Spendengelder in Höhe von 14.000 Euro für die örtliche Kulturszene zusammengekommen seien. Er habe dann nach den ersten Lockerungen auch Autokonzerte und den Kulturgarten in den Bonner Rheinauen für 2000 Zuschauer veranstaltet, bei denen ihm keine einzige Infizierung bekannt geworden. "Deswegen sind wir optimistisch, dass wir das 2021 auch noch einmal machen könnten."

Dicks unterstrich als Veranstalter einer Großveranstaltung, dass diese reduzierten Konzepte für Parookaville kein gangbarer Weg seien, auch wenn man dann bei der digitalen Umsetzung des Elektronikfestivals 100 Gäste zugelassen habe, für die es 40.000 Bewerbungen gegeben habe. Mit der Streamingausgabe von Parookaville, für die man einen hohen sechsstelligen Betrag ausgegeben habe, seien mehrere Millionen Menschen erreicht worden. "Wir haben sie glücklich gemacht und den Sommer für sie etwas lebenswerter gemacht." Zudem erwähnte Dicks, dass nur 30 Prozent der Ticketkäufer für die Ausgabe 2020 ihr Geld zurück wollten. "Das hat uns sehr geholfen."

Er glaubt auch daran, dass die Leute nach der Krise zurückkommen werden, auch wenn die Situation die Leute verändere und sie nun anders konditioniert würden. "Aber wir Menschen haben einen großen Freiheitsdrang und wir brauche Brot und Spiele. Menschen wollen Menschen sehen - und meine Hoffnung ist, dass die Festivalbesucher wieder zu uns kommen wollen."

Für Dicks sei ein Konzept des Festival-Splittings, bei dem man ein Festival auf zwei oder mehrere Wochenende verteile, "nicht bezahlbar", auch Festivals mit "Stimmungskillern" wie Abständen oder Maskenpflicht seien in der Praxis vor Ort nicht durchsetzbar. Umso wichtiger sei es, dass Großevents so bald wie möglich wieder wie früher möglich sind. "Es kann aber sein, dass wir bis 2022 warten müssen", räumte er ein. Der Sommer 2021 wird auf jeden Fall "eine gigantische Herausforderung. Wir können nur hoffen, dass die Bundesregierung dafür sorgt, dass die Veranstaltungsbranche nicht stirbt."

In einem Interview schilderte Karsten Elbrecht, Vice President Sales CTS Eventim, wie die Krise zum Teil auch den Konzern überrascht habe. "Wir waren immer davon ausgegangen, dass wir als CTS Eventim ja divers in vielen Märkten aufgestellt sind und deswegen damit leben könnten, wenn es in einem Markt mal nicht läuft, aber dass weltweit alles heruntergefahren wurde, war auch für uns eine neue Erfahrung." Intern habe man aber sehr gut reagier, der Digitalisierungsgrad sei auch vor der Krise schon so hoch bei CTS Eventim gewesen, das man von dem einen auf den anderen Tag ins Home Office habe wechseln können.

Zunächst habe man sich große Sorgen um einen "Banken-Run" gemacht, bei dem Kartenkäufer ihr Geld zurückwollten. Aber das vom BDKV ausgehandelte Gutscheinmodell habe für viele Veranstalter den Druck herausgenommen. Elbrecht nannte eine Zahl von 150.000 betroffenen Veranstaltungen, von denen mittlerweile 80 Prozent zum Teil schon zum dritten Mal verschoben seien, 20 Prozent seien ganz abgesagt worden.

Der Eventim-Manager sprach auch davon, wie ein Ticketingunternehmen wie CTS Eventim dazu beitragen könnte, mit den Folgen der Pandemie klarzukommen. So seien personalisierte Tickets und spezielle Check-In-Tools für die etwaige Nachverfolgung von Kontakten sehr hilfreich. Und die mitunter "mit aller Härte" nun eingetretene Digitalisierung hätte auch den positiven Effekt, dass CRM und Marketing "mehr Dynamik" bekämen. Auch habe CTS Eventim Merchandise-Konzepte weiter entwickelt und Merch-Shops für Partner entwickelt. Und grundsätzlich führten digitale Tickets dazu, dass man nun noch mehr über die Käufer wisse und auch mit dem einzelnen Käufer etwa über das sogenannte Up-Selling mehr erlösen könne.

Die vor dem erneuten Lockdown bereits stattgefundenen, kapazitätsreduzierten Konzerte bezeichnete Elbrecht als "zarte Pflänzchen", mit denen jedoch keiner Geld verdient habe. Shows mit Abstand seien generell schwierig, aber wenigstens hätten sie die Mensche wieder zurück in die Hallen gebracht. Für 2021 schlägt er ein "Treppenmodell" vor, bei dem man Schritt für Schritt den Livebetrieb wieder öffnen sollte, zugleich müsse man lernen, mit den Risiken zu leben. Dabei sei ihm klar, dass die Branche 2021 noch nicht an die Zahlen von 2019 heranreichen werde.

In einem Panel über Live-Streaming sprach der DJ, Produzent und Labelbetreiber Paul van Dyk über seine Erfahrungen mit online übertragenen DJ-Sets. für die er einen mittleren fünfstelligen Bereich ausgegeben habe. "Das Wichtigste war, die Leute untereinander zu verbinden, uns ging es um den interaktiven Austausch." Dennoch wisse er, dass alle Streamingangebote - auch bei noch so guter Technologie - kein Ersatz für echte Clubbesuche seien, sie seien vor allem ein Add-on. "Es gibt nichts Tolleres, als seine Lieblingsmusik im Club laut und mit anderen gemeinsam zu erleben", bekräftigte er.

Daniel Plasch, der zu den Initiatoren von United We Stream gehört, gab dem DJ recht. "Auf lange Sicht sind Streamingformate unbefriedigend. Für die Zeit waren sie richtig. Aber zwölf Stunden Raven im Berghain sind durch nichts zu ersetzen." Deswegen ist es auch so wichtig, dass die Politik Kultur als systemrelevant ansehe. Leider seien die Behörden nun in alte Muster zurückgefallen, ihr aktuelles Verhalten sei nicht reflektiert. "Wenn die Regeln eingehalten werden, gibt es Grund, Events abzusagen."

Paul van Dyk pflichtete ihm bei: "Es gibt die Möglichkeit auch für größere Events. Die Politik muss machen, was möglich ist. Wir brauchen eine Guideline, wann und wie es weitergeht."

Und auch andere Themen wie Arbeitsschutz, Versicherungen, Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Inklusion und Frauen in der Livebranche kamen bei der Konferenz nicht zu kurz.