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Die Perspektive ­einer Minderheit ist laut Ama Walton "sehr wertvoll"

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Ama Walton, Fachanwältin für Medien und Urheberrecht und Wirtschaftsmediatorin, über Erfahrungen im Laufe ihrer Karriere.

12.11.2020 13:48 • von Jonas Kiß
Findet es wichtig, mutig zu sein: Ama Walton (Bild: Kaveh Kasravi)

In einer fortlaufenden Serie geht Stefanie Kim in Partnerschaft mit MusikWoche der Frage nach, wie divers sich die Musikindustrie hierzulande gestaltet. Dafür sprach Kim nun mit Ama Walton, Fachanwältin für Medien und Urheberrecht und Wirtschaftsmediatorin, über Erfahrungen im Laufe ihrer Karriere.

Stefanie Kim: Was sind Ihre Erfahrungen zu Diversität und Inklusion in der deutschen Medienindustrie? Sie waren die erste schwarze Frau, die eine Rechtsabteilung, zuerst bei dem Indie Label Virgin, dann bei dem Majorlabel EMI Music, geleitet haben. Sie waren Geschäftsführerin bei der Constantin Music, dann als globaler General Counsel und Chief Human Re­sources Officer im BMG Board. Schwarz, Frau, Führung, Deutschland. Wie ging das?

Ama Walton: Ich denke, dieser Weg wäre in einer anderen Branche womöglich nicht möglich gewesen. Wenn ich vor 20 Jahren bei einer Versicherung oder eine Großkanzlei angefangen hätte, wäre ich vermutlich auf weniger offene Strukturen gestoßen. Meinen ersten Job als Anwältin hatte ich bei Virgin Schallplatten in München. Das war mein Traumjob, da ich unbedingt in einem kreativen Umfeld arbeiten wollte. Das Jurastudium habe ich als veraltet, wenig offen und unmodern erlebt. Ich weiß noch, wie ich an die Theologische Fakultät ausweichen musste, um Rethorik zu lernen. Es war mir wichtig, in der verkrusteten juristischen Welt eine Nische zu finden. Hier wollte ich erfolgreich sein und wünschte mir, akzeptiert zu werden und dazuzugehören. Aufgrund meines bikulturellen, weiblichen und schwarzen Hintergrunds habe und hatte ich zu vielen Themen eine andere Perspektive als meine Vorgesetzten - alle weiß und männlich - und meine Kollegen - alle weiß und fast alle männlich -, aber diese andere Sichtweise behielt ich damals für mich. Ich wollte mich unbedingt einfügen und wie die anderen sein. Damals war mir nicht klar, dass dies ohnehin nie geschehen würde, und wie wertvoll eine Außenseitenansicht, die Perspektive einer Minderheit sein kann.

Stefanie Kim: Welche Ergebnisse konnten Sie aus diesen Erfahrungen für sich schöpfen?

Ama Walton: Ich habe erkannt, dass mir meine Außenseiterrolle, Lernmöglichkeiten, Herausforderungen und Chancen bot, die ein in der deutschen Gesellschaft privilegierter Mensch selten hat. Heute weiß ich, gerade meine manchmal durchwachsenen, auch negativen Erfahrungen haben mir geholfen. Denn: Wer außen steht, beobachtet mehr. Ich habe gelernt, mich bei Entscheidungsfindungen, auf das gute Ergebnis und nicht auf den Konsens zu konzentrieren. Damit konnte ich zu einer besseren Entscheidungsfindung beitragen, indem ich auf irreführendes Gruppendenken aufmerksam machte und somit dazu beitrug, es aufzulösen. Wer außen steht, hört besser zu. Wer es gewohnt ist, dass die eigene Meinung eher überhört wird, ist auch für die leisen und nonkonformen Stimmen offen. Meine persönliche Erfahrung hat mir geholfen, unvoreingenommener zuzuhören. In Konflikten und Verhandlungen bin ich offener für die andere Seite und kann daraus Lösungen für beide Sichtweisen entwickeln.

Meine prägendste Beobachtung in der Musikindustrie war folgende: Auch die - von außen betrachtet - scheinbar homogene Gruppe weißer, heterosexueller, christlich geprägter Männer, hat viele verschiedene Perspektiven, die sich nicht alle trauen, diese offen zu teilen, wenn sie nicht der Mehrheit entsprechen. Wenn wir allen Beteiligten Raum geben, dann leben wir eine Kultur der Ermächtigung und des Respekts und genau das bedeutet aus meiner Sicht, Inklusion. In einer solchen Organisationskultur können wir zu stärkeren und gründlicheren Entscheidungen kommen, die uns helfen werden, in einer Welt des ständigen Wandels und der Disruption nicht nur zu überleben, sondern zu gedeihen.

Stefanie Kim: Wie hat sich mit diesen Erfahrungen ihr Verhalten geändert und sich auf ihre berufliche Entwicklung ausgewirkt?

Ama Walton: Mir haben diese Erfahrungen geholfen, mich beruflich und persönlich immer weiter zu entwickeln. Ich habe von meinen Vorgesetzten immer wieder Chancen erhalten. Auch wurde mir immer wieder mehr Verantwortung für wichtige Projekte gegeben. Zum Beispiel haben Martin Moszkowicz und Gero Worstbrock bei Constantin Film Christoph Becker und mir das Vertrauen geschenkt, das Musical »Fack Ju Göthe«, eine der wertvollsten Filmmarken der Con­stantin, zu produzieren. Bei BMG hat mich der CEO Hartwig Masuch ins Board geholt und mir globale Verantwortung für Legal und HR gegeben. Ich bin diesen Mentoren dankbar für das Vertrauen und die Erfahrungen, die ich machen durfte. Das gilt auch insbesondere für Udo Lange von Virgin, meinem ersten Chef und Förderer, der mir zum Berufseinstieg schon die Verantwortung für die Rechtsabteilung bei Virgin in München anvertraut hat.

Stefanie Kim: Welche Transformationen braucht es in der Musikbranche in puncto Diversity und Inklusion?

Ama Walton: Es gibt noch einen weiten Weg zu gehen. Das gilt für die deutsche Wirtschaft allgemein, denn die Musikbranche spiegelt nur das, was sich generell in der Wirtschaft abspielt. Die Führungsriegen in den Unternehmen sind geprägt von einer homogenen Gruppe. Damit sich das ändert und auch die Führungsetagen diverser werden, ist es essenziell, dass sich jeder einzelne seiner Verantwortung bewusst ist, wen er einstellt, wen er befördert und welche Kultur vorgelebt wird. Dafür ist es wichtig, sich seiner eigenen Vorurteile, Voreingenommenheit und Zuschreibungen bewusst zu werden. Warum soll eine Frau, die offen ihre Meinung teilt, schwierig sein, während ein Mann mit demselben Verhalten durchsetzungsstark ist?

Wenn Menschen in Meetings die Erfahrung machen, ignoriert und überhört zu werden, ist es wichtig, mutig zu sein und noch mal das Wort zu ergreifen. Mir fiel das zu Beginn auch nicht leicht, weil ich nicht selbstverständlich damit aufwuchs, dass mir zugehört wurde. Es lohnt sich, mutig zu sein. Denn Widerstand lässt Muskeln wachsen und wir alle haben gemeinsam die Verantwortung nicht nur über Diversity und Inklusion zu sprechen, sondern aktiv daran zu arbeiten.

Interview: Stefanie Kim

_zur Person

Ama Walton ist Medienanwältin, Executive Manager und Mediatorin. Sie ist eine ausgewiesene Expertin in der Kreativwirtschaft mit den Schwerpunkten Film- und Musikbusiness und Urheberrecht sowie kooperative Verhandlungsführung und Konfliktlösung.

Sie ist ehemalige Vorständin der Bertelsmann Music Group, wo sie drei Jahre lang, zuletzt als deren globaler General Counsel und CHRO tätig war. Davor war sie Geschäftsführerin der Musikunternehmen der Constantin Film AG, die sie als Rechtsanwältin knapp zehn Jahre lang rechtlich und strategisch beraten hatte. Vor Constantin Film war Ama Walton als Senior Vice President Business & Legal Affairs im Management-Team der EMI Music Germany tätig.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und am King's College in London absolvierte sie die Wahlstation bei ProSieben Sat1 und stieg dann als Business & Legal Affairs Manager bei Virgin Music in den Medienbereich ein.

_zur Person

Stefanie Kim wurde 1977, als Kind südkoreanischer Einwanderer in Westfalen geboren. Ihre Eltern kamen im Rahmen des deutsch-koreanischen Wirtschaftpaktes nach Deutschland. Ihre Leidenschaft für Musik zog sie nach Köln. Dort betreute sie Brand Partnerships unter anderem für N*Sync und kam darüber zu NBC GIGA. Die Redaktion wurde für das innovative Format mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. 2000 ging es für edel records nach Hamburg, nur knapp ein Jahr später nach Köln zur EMI als TV-Promoterin. Zu den Glanzzeiten von Capitol Records betreute sie unter anderem Coldplay, Blur, Kylie Minogue und ihre Idole - die Beastie Boys. 2005 ging es vom Major nach Berlin, wo sie bei einer Agentur Bands wie Die Toten Hosen und Fettes Brot mitbetreute. Ein Jahr später berief EMI sie als Head of TV Promotion für Labels /Virgin/Mute. 2010 gründete sie aus der Elternzeit heraus KimKom - mit Herbie Hancock und Yoko Ono als erste Projekte. Neben der Musikindustrie klopften Fashion-Labels, E-Commerce und digitale Pioniere wie Google & YouTube bei KimKom an. Zehn Jahre nach der Gründung ist die Firma organisch gewachsen mit den Säulen Strategie, PR und Management. Neben Brands finden sich nun auch Bundesministerien im Kommunikations-Alltag. Künstler wie Lukas Rieger lassen sich von KimKom repräsentieren. Das fünfköpfige Team der Agentur agiert aus Berlin-Friedrichshain. Stefanie Kim ist darüber hinaus als Speakerin für die Themen Women Empowerment und Diversity tätig.