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PR-Branche harrt vorm Rechner aus

Die Corona-Krise trifft auch die PR-Branche -wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße. MusikWoche fragte ausgewählte Agenturen, wie sie bislang durch die Krise gekommen sind.

13.11.2020 09:58 • von Dietmar Schwenger
Betrifft auch die PR-Branche: die Corona-Krise (Bild: Engin Akyurt, Pixabay)

Die Corona-Krise trifft auch die PR-Branche -wenn auch in unterschiedlichem Ausmaße. MusikWoche fragte ausgewählte Agenturen, wie sie bislang durch die Krise gekommen sind.

Carsten Stricker, Geschäftsführer verstärker PR: verstärker kommt einigermaßen gut durch die Krise. Wir arbeiten seit dem 13. März primär remote, telefonieren jeden Tag ausgiebig und zoomen um die Welt. Unsere Infrastruktur haben wir verschlankt, noch flexibler gemacht und so an die neuen Gegebenheiten angepasst. Gut ist, dass es dieses Jahr sehr viel tolle neue Musik gibt. Die fehlende persönliche Präsenz unserer zum Großteil internationalen Künstler*Innen konnten wir glücklicherweise meist mit digitalen Interviewformaten auffangen, auf die sich auch die Medien zumeist schnell eingestellt haben. Aber die Konzerte fehlen (uns) schon sehr. Man merkt, dass Kampagnen wahrscheinlich auch in Zukunft, unter anderem durch ausbleibende Liveeinnahmen und Livepräsenz, anders funktionieren werden - zeitlich, strategisch und wirtschaftlich. Unser Jubiläumsjahr 2020 wird halt ein »Augen zu und durch«-Jahr. Aber im Vergleich zu vielen Freund*innen und Kolleg*innen in der Veranstaltungsbranche geht es uns okay.

Tina Ziegler, Managing Director Themroc PR & Promotion: Da wir vor allem für Live-Acts und Tourneen arbeiten, sind auch wir durch die Corona-Krise stark betroffen. Ich bedauere sehr, dass es neben dem aktuellen Lockdown kein Konzept gibt, wie vor allem die Veranstaltungsbranche überleben soll. Für viele Menschen wurde de facto seit mittlerweile neun Monaten ein Berufsverbot verhängt und die Frage ist, wie es nach der Krise für sie weitergeht. Durch die Fokussierung auf den Bereich Social Media, konnten wir die Verluste aus dem klassischen Promotion-Geschäft etwas abmildern.

Sebastian Krol, Geschäftsführer Backseat PR: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr nahmen wir in der gesamten Branche eine gewisse Schockstarre wahr. Davon waren wir insofern betroffen, als dass einige Albumveröffentlichungen in einer Stimmung der Verunsicherung in den Herbst verschoben wurden und es plötzlich deutlich ruhiger wurde. Die Einbußen konnten allerdings durch die Corona-Soforthilfe vom Bund und dem Land Hamburg kompensiert werden. Anschließend normalisierte sich unsere Auftragslage wieder, was bis heute glücklicherweise anhält. Wir vermuten nicht, dass Veröffentlichungen künftig in großem Maße zurückgehalten werden und noch zeichnet sich auch nicht ab, dass die Budgets der Bands und Labels geringer ausfallen. Wir denken jedoch, dass letzteres nur eine Frage der Zeit ist, da die Einnahmen aus Konzerten vermutlich noch eine Weile weiter ausbleiben werden.

Michael Frohoff, Kruger Media: Macht Events! Hybrid mit maximaler digitaler Reichweite. Das hat uns respektive unsere Kunden bisher gut durch die Krise gebracht. Ob Midem, Opus Klassik oder MagentaMusik360. Ein weiterer Faktor ist unsere Aufstellung neben PR auch Social Media und Content Production anzubieten, sprich Kommunikation aus einer Hand. Wir haben natürlich einiges an Verschiebungen ins nächste Jahr, die uns treffen. Mit Neugeschäft wie Lautsprecher Teufel oder Wagram Music können wir dies zum Teil kompensieren. Meine Sorge ist, dass auch in der Medienbranche nach der Kurzarbeit Stellen gestrichen werden. Mit einer einhergehenden weiteren Zentralisierung von Verlagen werden außerdem Flächen und Vielfalt für Kulturthemen schwinden. Das wird unseren Job nicht erleichtern. Ein positiver Trend der letzten Wochen ist, dass es einen Bedarf nach neuen Stories gibt. Kein Corona, sondern einfach gute Bilder mit guter Laune oder ganz gegenteilig Themen mit Tiefe. Das ist die Lücke. Raus mit Euren Geschichten!

Marco Linke, Inhaber cmm - consulting for music & media: Im April hatten wir eine ordentliche VÖ-Delle in unserem Plan. Dennoch können wir uns glücklich schätzen, da wir in 2020 Rekordzahlen zu verzeichnen haben. Kunden, VÖs und Umsatz sind nochmals gestiegen. Ein Trend, der bei uns seit 2004 dankenswerterweise anhält. Natürlich sind reichlich Tourneen ausgefallen. Besonders ärgerlich war es im Frühjahr, als wir die Arbeit mit Interview-Akquise und -Organisation, Gästelisten und der PR bereits erledigt hatten. Danach folgten dieser Schwebezustand und kurzfristige, chaotische Absagen, teilweise von einem Tag auf den anderen - bei laufenden Tourneen. Besonders traurig sind wir über die Absage des heimischen Festivals Autumn Moon von Veranstalter Panem et Circenses um Dominik Wrhel. Es wäre die sechste Ausgabe des Dark-Rock-Goth-Indie Festivals hier bei uns in Hameln gewesen, für welches wir von Anfang an die PR gemacht haben. Ein wunderbares Festival, verteilt über vier Locations in Hameln, welches tausende Musikfans anzieht und mehrere tausend Touristen und Hamelner, die über den dazugehörenden und liebevoll gestalteten Mystic Halloween Market an der Weser Promenade flanieren. Es hätte jetzt im Oktober stattfinden sollen, war aber aufgrund der Corona-Maßnahmen in der Form nicht möglich. Die Veranstalter haben allerdings mit einem ausgeklügelten Konzept erfolgreich ein kleines Ersatz-Autumn-Moon im Kulturhaus Break Out in Asendorf veranstaltet. Ansonsten haben wir deutlich mehr Live-VÖs im Schedule, darunter Lockdown-Sessions oder Streaming-Konzerte von Bruce Soord und Katatonia, die ihre Streaming-Shows noch in diesem Jahr als CD/DVD/BluRay und/oder Vinyl veröffentlichen. Generell haben wir reichlich Streaming-Konzerte in diesem Jahr beworben. Es scheint, als hätte die Corona Krise einige Albumproduktionen beschleunigt, und es wurden Re-Releases aus dem Boden gestampft, um etwaige Ausfälle durch Konzerteinnahmen zu kompensieren. Zusätzlich haben wir ein Wachstum an EP- und Digital-Single-VÖs bei unseren Kunden bemerkt - wahrscheinlich eine Kombination aus Corona und der neuen heiß diskutierten Streamingdienst-Politik. Inwieweit sich die zu erwartende Rezession auf Musikkonsumenten/käufer und damit auf unsere internationale Kundschaft auswirkt, wird sich leider erst zeitverzögert zeigen. Wir können uns ganz sicher nicht davon frei machen, dass sich die ganze Krise doch noch wirtschaftlich auf uns auswirkt. Wir wünschen allen Kollegen, Musikern und Bands, die auf das Livegeschäft angewiesen sind, eine baldige Verbesserung der Situation - auch den Printmagazinen, denen die Anzeigenkunden aus dem Live Sektor weggebrochen sind.

Rainer Aschemeier, Geschäftsführer Klassik21: Obwohl ich meine Agentur Klassik21 gerade zum Eintritt des ersten Lockdowns Mitte März 2020 gegründet habe, hatte ich bisher nicht über Auftragsmangel zu klagen und hatte seitdem gut zu tun. Ich befürchte aber, dass bestimmte Auswirkungen der Krise mit zeitlicher Verzögerung auftreten werden. Der Fokus lag bislang natürlich fast ausschließlich auf der Album-Promotion, während Live-PR wegen der Corona-Auflagen für Konzerte bisher kaum möglich war. Indes ist festzustellen, dass die Presse selbst Probleme zu haben scheint: Fast alle Klassik-Magazine mussten sich im laufenden Jahr irgendwie einschränken, sei es durch weniger Ausgaben als in normalen Jahren oder sogar durch Substitution von Printheften durch Digitalausgaben. Das lässt befürchten, dass nicht alle Magazine gut aus der Krise herauskommen werden. Die Themenpräsentation im Rundfunk hat hingegen dieses Jahr sehr gut funktioniert. Wenn ich allerdings höre, dass es mehrere öffentlich-rechtliche Kultursender gibt, die derzeit planen, Album-Rezensionen abzuschaffen und das auch noch als »Programmreform« verkaufen wollen, dann kriege ich echt die Krise: Dann wird über Künstler, die nicht konzertieren dürfen und deren CDs nicht mehr rezensiert werden, also einfach gar nicht mehr berichtet? Diese Krise müsste eigentlich gezeigt haben, wie wichtig Tondokumente sind und dass ein Musikalbum absolut vergleichbaren Kulturwert besitzt wie ein Buch. Als positiv bewerte ich, dass aus der Not eine Tugend gemacht wurde und zum Teil neue Online-Formate entstanden sind, bei denen sich zeigen muss, ob sie nachhaltig sein werden.

Chantal Delgado, Head of Marketing Die 4ma: Die aktuelle Situation hat auch uns vor besondere Herausforderungen gestellt, die sicherlich mit gewissen Einbußen verbunden sind. An dieser Stelle zu klagen, wäre aber vermessen, da viele andere, zum Beispiel aus dem Veranstaltungs- und Livegeschäft, bekanntlich sehr viel härter von den Umständen betroffen sind. Für uns läuft es vergleichsweise gut, da der Großteil unserer Kernbereiche wie die Radiopromotion oder der Social Media Bereich erfolgreich laufen und mehr denn je gefragt sind. Die zwischenzeitliche Umstellung ins Home Office lief problemlos, da die nötigen technischen Voraussetzungen bei uns schon vor der Krise vorhanden waren. Natürlich vermissen wir den persönlichen Kontakt bei Konzerten und Promotionreisen mit unseren Musikern, Medien- und Geschäftspartnern. Umso intensiver findet der Austausch über Videokonferenzen, Telefonate und andere digitale Wege statt. Wir sind hoffnungsvoll und freuen uns jetzt schon auf »die Zeit danach« mit einer Musikbranche, so wie wir sie kennen und lieben.

Michael van Almsick und Marie von Baumbach, van Almsick & Team: Die Folgen der Pandemie sind für die Live-Branche in der Tat verheerend. Aber jede Krise bietet gleichzeitig auch Chancen und Möglichkeiten für die PR-Branche - denn gerade jetzt ist es von entscheidender Bedeutung, Künstler im Gespräch zu halten, die Fans zu ermutigen und auf die Situation der Branche aufmerksam zu machen. Zahlreiche (internationale) TV-Formate sind plötzlich bereit, Interviews per Skype und Zoom umzusetzen. Wir platzieren Live-Konzertmaterial auf der ganzen Welt im Fernsehen. Digitale Strategien und Online-Präsenz haben noch mehr an Bedeutung gewonnen, was zu einer deutlichen Steigerung der Klick-Raten auf den Seiten der Künstler führt. Covid-19 ist jetzt vor allem eine Geduldsfrage. Wir sind davon überzeugt, dass die Pandemie - effektiv genutzt - für die PR-Branche und Künstler neben allen Herausforderungen auch große Chancen bietet, und wir daraus gestärkt hervorgehen werden.

Frank Steinert, Geschäftsführer Supersteini Musikmarketing: Wir kommen bislang halbwegs gut durch die Krise, da wir uns sehr schnell mit Maßnahmen wie Kurzarbeit, Überbrückungshilfen und Reduzierung der Fixkosten beschäftigt haben. Um uns herum sind die Folgen der Corona-Krise oft wesentlich schlimmer, vor allem bei den Solo-Selbstständigen und so ziemlich allen Teilen der Musikbranche, die direkt oder indirekt vom Live-Geschäft abhängig sind. Entsprechend hatten auch wir im Frühjahr und Sommer gravierende Umsatzeinbußen aus dem Live-Segment hinzunehmen. Glücklicherweise konnten wir dies mittlerweile durch diverse Kampagnen abseits der Musik wie zum Beispiel unsere aktuelle Plakatierung zum neuen »Borat«-Film oder auch aus dem Getränke- und Sportsegment sehr gut kompensieren. Nun kommen bereits wieder diverse Albumveröffentlichungen hinzu, auch wenn die Labels zurzeit mehr Track Business betreiben. Die Alben, zu denen auch Tourneen stattfinden sollen, werden ja teils erst nächstes Jahr veröffentlicht. Back to normal wird aber wohl nicht so schnell zu machen sein. Wir gehen davon aus, dass der Spuk erst 2022 vorbei sein wird.

Franca Barthel, Geschäftsführerin PR Agentur franel: Mit meiner Firma franel hatte ich das große Glück, dass ich keinerlei Auftragseinbußen hatte. Es gab zwar einige Verschiebungen von CD-Veröffentlichungen, aber unterm Strich lief der Pressebereich wunderbar weiter. Einige Zeitschriften konnten sogar - zumindest temporär - ihre Auflage steigern. Natürlich hat der Print-Bereich aber auch mit Anzeigen-Stops zu kämpfen, diese Info ging zwangsläufig auch an mir nicht spurlos vorbei; aber bedingt durch die jahrelange gute Zusammenarbeit mit Labels und Print-Medien wurde an einem Strang gezogen. Die Pandemie hat denke ich in allen Bereichen deutlich gemacht, dass vieles auf digitalem Wege möglich ist und Reisekosten gespart werden können, gleichzeitig tut man der Umwelt damit einen Gefallen. Wie immer hat alles zwei Seiten. Wichtig ist, dass man sich nicht unterkriegen lässt und für seine Leidenschaft, seinen Beruf voller Hingabe und Begeisterung, für das was man tut, arbeitet, kämpft und sich flexibel zeigt.

Ulf Bellmann, Geschäftsführer Medialuchs: Die Pandemie hat das Track Business nicht nachhaltig beeinflusst, und wenn dann eher zum Positiven, wie das auch die Umsatzzahlen einiger Plattenfirmen belegen. Allerdings wirkt sich der brachliegende Konzertbereich auf diverse Veröffentlichungen aus. So gehört es im Rockbereich immer noch dazu, ein neues Album mit einer Tour zu begleiten. Hier sehe ich an vielen Stellen deutliche Zurückhaltung bei Veröffentlichungen: ohne Tour, kein neues Album. Das gilt genauso im Segment des New Country. Eine gerade in Deutschland sich entwickelnde Sparte, die enorm von der Inspiration der Live-Konzerte der Künstler belebt wird. Durch die inzwischen langanhaltende Auswirkung der Pandemie sehe ich in diesen Bereichen nicht kurzfristig aufholbare Defizite. Und das gilt eben auch für Agenturen wie uns, die sich traditionell um das Radiomarketing dieser Genres kümmern. Insofern bietet eine Krise auch eine gute Gegebenheit, sich auf mehreren Standbeinen aufzustellen. Der Mix bringt uns durch die Krise.

Ragna Siegel, Geschäftsführerin Ragna-B. Siegel: Ab Mitte März war meine Agentur quasi lahmgelegt. Alles wurde gecancelt oder verschoben. Dadurch hatte ich fünf Monate Zwangsurlaub. Im August ging es dann aber weiter. Durch die finanzielle Unterstützung von Hamburg und Reserven bin ich aber einigermaßen gut durch diese Zeit gekommen.

Oliver Franke, Geschäftsführer Berlinieros PR: Die Corona-Krise trifft auch uns natürlich hart. Nachdem ich in meiner alten Agentur Friends & Sons schon zur Jahrtausendwende die Musikkrise voll abgekommen habe, wollte ich immer eine breite Kundenstruktur aus unterschiedlichen Branchen, um so etwas nicht noch mal erleben zu müssen. Das haben wir mit Kunden aus dem Musik-, DVD-, Sport-, Tourismus- und Live-Entertainment-Bereich auch gut hinbekommen. Dennoch sind 70 Prozent unserer Kunden aus diesen Bereichen von Shutdowns oder starken Beschränkungen betroffen. Davon sind dann auch wir stark betroffen.

Melanie Fürste, Geschäftsführerin Fürste PR: 2020 ist definitiv ein herausforderndes Jahr - in vielerlei Hinsicht. Aber es bot auch Chancen. Ein Geschäftsjahr ist ohnehin nicht von A bis Z durchplanbar, aber durch die Corona-Pandemie sind einige der noch zu Anfang des Jahres geplanten Projekte wie Album-Releases oder Tourneen hinfällig geworden oder haben sich zumindest auf unbestimmte Zeit verschoben. Es gab beziehungsweise gibt aber auch Projekte, die in und durch die Krise ihr Potenzial entfalteten, wie etwa die Social-Payment-Plattform Patreon, die binnen kürzester Zeit in den Fokus des Medien-Interesses rückte: Kreative können sich hier mit ihren Fans verbinden und auf unabhängige Weise finanzieren. Lockdown, ungewohnte Home-Office- oder auch Home-Schooling Situationen für alle Beteiligten haben auch die eigentliche PR-Arbeit zu einer echten Herausforderung gemacht, die sehr viel Geduld, Verständnis und Fingerspitzengefühl erforderten. Klingt merkwürdig, aber gefühlt sind dadurch auch alle ein bisschen näher zusammengerückt.

Robert Larasser, Managing Director RL Promotion: Nachdem inzwischen auch die Musikbranche digital funktioniert (was zu Beginn der Pandemie leider nicht der Fall war, auch wenn man es nicht glauben mag...), können wir mit unseren Partnern in wöchentlichen Videokonferenzen die Basics gut besprechen. Auch der Kontakt mit dem Radio klappt via Konferenz sehr gut und man telefoniert wieder sehr viel - was leider nicht immer ein persönliches Gespräch ersetzt, aber das geht uns ja allen so in der aktuellen Situation. Natürlich muss man bei dem einen oder anderen Kunden Abstriche machen, das betrifft auch alle - wichtig ist, dass alle Partner gesund bleiben und wir gemeinsam durchhalten. Auch mit ein paar bekloppten Verschwörungstheoretikern wie Xavier Naidoo oder dem Wendler kann die Gesellschaft leben. Wir freuen uns mit allen unseren Partnern in Radio, Industrie und den Medien bereits jetzt auf 2021 und wünschen gutes Durchhalten.

Alexandra Dörrie, Geschäftsführerin Another Dimension: Die ersten Monate waren schon sehr schwierig, weil die beantragte Corona-Hilfe erst zwei Monate später und mit Abzügen kam, die nicht nachzuvollziehen waren, da es bei mir keinen Bescheid dazu gab. Von den Aufträgen der Kunden her wurde es natürlich problematisch, da alle Promotionaufträge für Tourneen und Festivals gestrichen oder auf on hold genommen wurden. Zwei Kunden aus dem Segment bin ich wirklich sehr dankbar, denn obwohl eine Tournee beziehungsweise ein Festival ausfiel, wurde mein Honorar einmal ganz und einmal zur Hälfte beglichen. Die Konzertpromotion nimmt bei uns circa 50 Prozent der Auftragsmenge ein. Meine freie Mitarbeiterin Andrea Hendorfer konnte deswegen leider für fünf Monate nicht mehr für mich arbeiten - eine schreckliche Situation für sie. Seit August nehmen die Aufträge jedoch wieder deutlich zu, und ich habe das Gefühl, dass die anfängliche Corona-Schreckstarre etwas gewichen ist. Ganz besonders freue ich mich, dass wir - neben wirklich tollen anderen Veröffentlichungen - das neue AC/DC-Studioalbum und das großartige »Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound Of Liverpool« der Toten Hosen für Print und online promoten dürfen - welch Ehre. Jetzt hoffe ich, dass der neuerliche Teil-Lockdown, den ich für die Veranstaltungs- und Musikbranche als nicht tragbar ansehe, nicht wieder zu größeren Einbußen führt.

Antonia Kubas, Geschäftsführerin MCS - Marketing & Communication Services: Natürlich hat die Corona-Krise auch bei uns für Umsatzeinbrüche und eine veränderte Arbeitssituation gesorgt, aufgrund der langfristigen Zusammenarbeit mit Künstlern und Labels läuft unser Geschäft aber erfreulicherweise weiter. Zusammen mit unseren Künstlern arbeiten wir aktiv an der Kommunikation der aktuellen Probleme unserer Branche in den Medien.

Jan Köpke, Geschäftsführer pop-up records: Zu Beginn der Pandemie im März sind uns in rasender Geschwindigkeit die Aufträge weggebrochen - insbesondere im Hinblick auf unseren internationalen Kundenstamm. Da sich viele Kampagnen natürlich auch maßgeblich an den Tourdaten orientieren, wurden laufende Kampagnen gestoppt, Alben und Singles zurückgezogen. Unsere Auftragsbücher waren von jetzt auf gleich zu einem Großteil wirklich leer gefegt. Auch was neue Aufträge anbelangte, konnte man die durch die Unsicherheit geprägte Zurückhaltung seitens der Kund*innen deutlich spüren. Dazu kam, dass der Record Store Day nicht mehr so wie geplant durchgezogen werden konnte, das war allen klar. Wir waren aber Mitte März bereits zu drei Viertel mit der Medien-Kampagne zum RSD durch. Also alles wieder neu. (und das auch nicht zum letzten Mal...) Von Anfang an war es insbesondere die fehlende Perspektive, wie lange die Corona-Starre nun anhalten wird, die es unglaublich kräftezehrend erscheinen ließ, hier durchzutauchen. Rein geschäftlich waren die ersten Wochen und Monate nur bitter - alles und jeder war (verständlicherweise) auf dem Rückzug - VÖs und Touren wurden kontinuierlich weiter nach hinten verschoben. Wenn man sich rückblickend vergegenwärtigt, wie viel Zeit man in Glaskugelgespräche und Lamenti, wie lange »der Spuk wohl noch anhält« gesteckt hat, fasst man sich doch an den Kopf. Neben dem geschäftlichen ist so eine Situation vor allem auch immer auf menschlicher Ebene eine Zerreißprobe für ein Team: Zusammenhalt, Motivation und Ideenreichtum sind hier zentrale Kräfte, und auch für uns war es definitiv eine Herausforderung, die wir bislang gemeinsam aber sehr gut meistern konnten. Unser Glück war und ist, dass wir einen seit Jahren gepflegten und doch recht mannigfaltigen Kundenstamm haben, so kamen dann ab Mai auch die ersten zarten Blüten in Form von Single-Kampagnen des einen oder anderen nationalen und internationalen Künstler*in wieder rein und einige der größeren Kunden, wagten sich dann doch mit Singles flankierten und zeitlich sehr gestreckten Albumkampagnen wieder heraus. Aber weder sind wir wirtschaftlich wieder auf dem Vorjahresniveau angekommen, noch sieht es im Moment (heute ist der 2. November 2020) danach aus, dass die nächsten Wochen und Monate irgendeinen Grund für Champagnerlaune zu bieten hätten. Bleiben die Glaskugelgespräche und Lamenti. Zusammenhalt, Motivation, Ideen. Und durchhalten.

Peter Klapproth, Inhaber und Geschäftsführer Head Of PR: Bislang sind wir sehr gut durch die Corona-Kreise gekommen, da unter anderen das Segment der Album-PR bis auf ein paar Release-Verschiebungen stabil geblieben ist. Zusätzlich konnten wir uns im Sommer federführend um die internationale PR der Weltpremiere des Wacken World Wide Streamingevents aus dem Hause ICS kümmern, welches ein voller Erfolg war. Bislang mussten wir keinerlei Corona-Soforthilfen oder Kurzarbeit beantragen. Wir versuchen, unseren Beitrag zur Eindämmung des Virus zu leisten, indem wir unseren Arbeitsplatz und unser Arbeitsumfeld den aktuellen Anforderungen anpassen. Dazu gehören vor Ort zum Beispiel entzerrte Arbeitsplätze, indem wir unseren Meeting- und Interview¬raum zu einem weiterem Büroraum umfunktioniert haben; es wurden Papierhandtücher sowie kontaktlose Seifenspender installiert, es stehen Desinfektionsmittel an den Schreibtischen, in der Küche und im Badezimmer bereit und es werden Masken getragen, wenn man seinen Arbeitsplatz verlässt oder die Tür öffnet - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Des Weiteren arbeiten wir vermehrt im Home Office und achten darauf, dass im Monat November nur maximal zwei Personen gleichzeitig im Büro tätig sind. Alle Kollegen*innen achten zusätzlich darauf, grundsätzlich die Kontakte zu reduzieren. Es stimmt mich zuversichtlich, dass unsere Partner*innen im In- und Ausland die Maßnahmen ebenfalls unterstützen und es in beide Richtungen ein großes Verständnis für die besonderen Umstände gibt, unter denen wir alle arbeiten und leben.

Stefan Kahé, Geschäftsführer Kahé PR & Dialog: Schon mein Vater sagte, lass' die Finger von einem Musikstudium, das ist doch »brotlose Kunst«. Das war Ende der 80er-Jahre und ich fing damals an, mich mit Hape Kerkeling und Achim Hagemann in der Musikwelt umzuschauen, unterschrieb meinen ersten Plattenvertrag. In den 90ern lief es noch besser und mein Vertrag mit der Columbia für meine Band Luna Luna erscheint mir heute wie von einem anderen Stern. Danach schlug ich als fertig studierter Musikwissenschaftler und Publizist das Buch als PR-Agent auf, erst leitend in verschiedenen Plattenfirmen (Intercord, Koch Records und Universal Music), dann ab 2011 bis heute als Freiberufler mit eigener Agentur. Alles war gut! Doch in diesem Jahr ist plötzlich alles ganz anders, nichts erscheint mehr gut. Corona rules! Und schon kommt mir wieder der besorgte Spruch meines Vaters in den Kopf. Keine Frage, durch Corona kommt es für viele Künstler, Veranstalter und Agenturen zu einem staatlich verordneten Berufsverbot ohne bis dato wirklich durchdachte Hilfen. Eine ganze Branche mit über einer Millionen oft freiberuflich arbeitenden Menschen ist seit März mehrheitlich auf Eis gelegt und noch scheint kein Ende in Sicht. Und genau das ist eins der Hauptprobleme für uns alle: Der Branche fehlt eine klar erkennbare Perspektive. »Mensch Junge, ich habe es dir doch gleich gesagt«, memoriert es durch meine Gedanken. Aber mal ehrlich, wer konnte mit so einer Krise rechnen? Ich spreche an dieser Stelle vor allem auch für viele Partner, Künstler und Freunde, denn meiner Agentur geht es tatsächlich vergleichsweise gut. Ich habe bis heute zum Glück immer noch genug Aufträge aus der Tonträgerindustrie und verantwortete fast das ganze Jahr über die PR für die Initiative »3. Oktober - Deutschland singt«, die unter anderem auch von der Bundesregierung gefördert wurde. Erkennbare Ausfälle kommen bei mir in erster Linie, durch die zeitweise Undurchführbarkeit von Pressetagen zustande. Glücklicherweise bin ich als ehemaliger freier Journalist immer wieder auch als Schreiber gefragt und kann so einiges ausgleichen. Problematisch ist aber die fehlende Planungssicherheit. Das zeigt sich aktuell bei Veröffentlichungen, die verschoben werden und dann in Zeiten der Hochkonjunktur plötzlich mit reinspielen. Überfallartig heißt das Arbeit rund um die Uhr. Arbeit, die auch durch die im Home Office befindlichen und teilweise ebenfalls unter Druck stehenden Journalisten nicht einfacher geworden ist. An diesem Punkt hole ich auch schon mal befreundete Agenturen und PR-Strategen mit ins Boot, die ihren Umsatz zum Beispiel in erster Linie über Konzertveranstaltungen gemacht haben. Und hier beginnt auch mein Appell an die Branche. Wir müssen in diesen Seuchenzeiten einfach solidarischer sein und weiter Druck auf die Regierung ausüben, die offensichtlich immer weiter den üblichen starken und gut organisierten Lobbygruppen der Großindustrie nachgibt. Diese sicherlich über viele Jahrzehnte gewachsene Lobby der Industrie, der Banken und der Gewerkschaften fehlt den vielen betroffenen Freiberuflern. Es gibt sie halt »noch« nicht, die alles übergreifende IG Kultur. Mittlerweile tut sich aber was und die Politik fängt an zu erkennen, dass Gefahr im Verzug ist. Unsere Aufgabe für die Zukunft ist es, hier noch aktiver zu werden und weniger kleinteilig zu denken. Kultur ist Kultur - egal ob die subventionierte Hochkultur des Opernhauses, der Club oder die Kleinkunstbühne. Till Brönner hat mich gerade sehr beeindruckt, weil er wie kein Zweiter genau diese Problematik ins Rampenlicht gesetzt hat. Das Land der Dichter und Denker sollte jetzt endlich für genau dieselben einstehen. Flugzeuge und Autos können keine Bücher verfassen, Theaterstücke aufführen, keine Lieder schreiben, keine Instrumente spielen und schon gar nicht singen. Passiert nicht bald etwas, wird es sehr still in diesem Land und die Zukunft erscheint ungewiss. Ich komme aus Recklinghausen, der Stadt der Ruhrfestspiele. Der Leitspruch war dort immer »Kohle für Kunst und Kunst für Kohle«. Diese Idee - damals von Gewerkschaftlern ersonnen - sollte heute mehr denn je für ganz Deutschland gelten. Es geht um viel mehr als Geld, es geht um das kulturelle Leben dieser Republik, auch und gerade für die Zukunft!