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Forschungsteam hält Hallenkonzerte in Coronazeiten für möglich

Die Konzertsimulation mit Tim Bendzko auf der Bühne der Leipziger Arena vom 22. August hat laut dem "Restart-19"-Forscherteam ergeben, dass Hallenkonzerte zu Coronazeiten durchaus machbar sind - mit der richtigen Belüftungstechnik und unter Einhaltung weiterer Hygiene-, Abstands- und Verhaltensregeln.

29.10.2020 17:19 • von Frank Medwedeff
Stellten die Ergebnisse vor und gaben Empfehlungen für sichere Konzerte (von links): Stefan Moritz, Rafael Mikolajczyk, Armin Willingmann, Michael Gekle und Thomas Moesta (Bild: Universität Halle)

Das Team des Forschungsprojekts Restart-19 der Universitätsmedizin Halle (Saale) hat am 29. Oktober Ergebnisse der Corona-Studie zu dem "Konzert-Experiment" am 22. August 2020 mit Sänger Tim Bendzko in der Quarterback Immobilien Arena Leipzig präsentiert.

Das Gruppenbild zeigt (von links): Dr. Stefan Moritz (Projektleiter Restart-19 und Leiter Sachgebiet Infektiologie an der Universitätsmedizin Halle (Saale)), Prof. Rafael Mikolajczyk (Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Universitätsmedizin Halle (Saale)), Prof. Armin Willingmann (Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt), Prof. Michael Gekle (Dekan Universitätsmedizin Halle (Saale)) und Prof. Thomas Moesta (Ärztlicher Direktor Universitätsmedizin Halle (Saale)).

In der Leipziger Arena wurden mit Kontakt-Tracern - kleinen technischen Geräten, die den Teilnehmenden ausgehändigt wurden - die wissenschaftlichen Daten gesammelt, die das Forscherteam anschließend mehrere Wochen lang ausgewertet, modelliert, berechnet und überprüft hat.

Die Untersuchung ergab demnach folgende Ergebisse:

Die Gesamtzahl der mehrere Minuten langen kritischen Kontakte sei bei derartigen Veranstaltungen nicht sehr hoch und könne durch Hygiene-Konzepte "erheblich reduziert" werden.

Insbesondere während des Einlasses und der Pausen finden viele Kontakte statt. Daher müsse darauf der Fokus bei der Planung eines Konzertes in Coronazeiten liegen.

Schlechte Belüftung könne die Zahl der dem Ansteckungsrisiko ausgesetzten Menschen deutlich erhöhen.

Rund 90 Prozent der Studienteilnehmenden fanden es nicht schlimm, eine Maske zu tragen und seien bereit, dies weiterhin zu tun, um wieder Veranstaltungen erleben zu können.

Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten seien "die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering".

"Die Ergebnisse decken sich mit unseren Thesen insoweit, als dass wir vermutet haben, dass die Kontakte, die bei einer Veranstaltung erfolgen, nicht alle Teilnehmenden umfassen. Deshalb könnten Veranstaltungen unter bestimmten Bedingungen auch in der Pandemie-Situation stattfinden", so Studienleiter Stefan Moritz von der Universitätsmedizin Halle (Saale). "Die wichtigste Erkenntnis war für uns, wie groß die Auswirkungen einer guten Belüftungstechnik sind. Diese ist für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente."

Moritz erläuterte: "Wir haben zusammen mit einem Ingenieurbüro die gesamte Quarterback Immobilien Arena als Computermodell nachgebaut und in kleine Würfel geteilt. Danach haben wir simuliert, wie sich verschiedene Lüftungsvarianten auf die Aerosolverteilung ausgewirkt haben."

"Um die Auswirkungen der Übertragung auf die Ausbreitung der Epidemie in der Bevölkerung insgesamt zu untersuchen, haben wir ein detailliertes epidemiologisches Simulationsmodel entwickelt", wie Rafael Mikolajczyk vom Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik der Medizinischen Fakultät der Universität Halle anmerkte. "Wir griffen dabei auf existierende Modelle zur pandemischen Planung zurück und haben es entsprechend angepasst."

Anhand ihrer Erkenntnisse leiten die Forschenden folgende Empfehlungen ab:

1.: Veranstaltungshäuser benötigen Belüftungstechnik, die eine gute Belüftung und einen regelmäßigen Raumluftaustausch mit frischer Luft ermöglicht. Sinnvoll sei die Erstellung eines Bewertungssystems für eine adäquate Raumlufttechnik.

2.: So lange die Pandemie anhält, sei die Anwendung der Hygiene-Konzepte weiterhin unabdingbar mit Maskenpflicht in der Halle und dem Einsatz von "Hygiene-Stewards" zur Einhaltung der Standards.

3.: Der Bestuhlungsplan und somit die Gästezahl sollten an die Inzidenz angepasst werden.

4.: Als Zugang zu den Veranstaltungsorten sollten mehrere Eingänge vorhanden sein, um Besucherströme zu lenken. Wartezonen seien möglichst ins Freie zu verlagern.

5.: Während der Veranstaltung sollte auf den Sitzplätzen gegessen werden, um Gedränge und lange Kontakte an Imbiss-Ständen zu vermeiden.

Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Halle, gab zu Protokoll: "Wir waren vom Konzept dieses Projektes überzeugt und danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich daran beteiligt haben. Sie haben die Daten generiert, mit denen wir politische Entscheidungen auf wissenschaftlicher Basis fällen können. Sie haben die Daten generiert, die auch anderen Menschen in ganz Deutschland und sogar weltweit zugutekommen, die gern wieder zu Konzerten oder Spielen gehen möchten, die nicht im Freien stattfinden. Es freut uns, dass die Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen dieses Projekt finanziell ermöglicht haben."

Armin Willingmann, Sachsen-Anhalts Landesminister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, verlautete: "Die Corona-Pandemie verschärft sich aktuell in ganz Deutschland. Vor diesem Hintergrund ist 'Restart-19' umso wertvoller. Gerade die Veranstaltungsbranche braucht Erkenntnisse und Konzepte, mit denen sich Konzerte, Festivals oder Messen trotz Corona verantwortungsvoll organisieren lassen. Die Forscherinnen und Forscher der Universitätsmedizin Halle haben hier im Auftrag der Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen echte Pionierarbeit geleistet - auch wenn der Weg in eine neue Normalität sicherlich noch sehr lang ist."

Und Stefan Moritz bemerkte abschließend: "Das Experiment war aus unserer Sicht ein absoluter Erfolg, obwohl wir die ursprünglich geplante Teilnehmerzahl nicht erreicht haben. Es hat Spaß gemacht und war nicht nur ein wissenschaftliches, sondern tatsächlich ein kulturelles Erlebnis. Deshalb geht unser großer Dank auch an Tim Bendzko, der zusammen mit seiner Band aus der Konzertsimulation ein reelles Live-Konzert gemacht hat."