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Till Brönner setzt Corona eine Ruck-Rede entgegen

Till Brönner meldet sich in der Corina-Krise mit einem fundierten Zwischenruf zu Wort, fordert dabei eine angemessene Unterstützung der Kultur- und Musikwirtschaft durch die Politik ein, macht aber auch klar, dass die Kreativen selbst nicht deutlich genug für ihre Interessen einstehen würden.

28.10.2020 13:17 • von
Fordert, dass nun etwas für die Kultur-und Veranstaltungsbranche passieren müsse: Till Brönner in seiner Videobotschaft (Bild: facebook.com/tillbroenner, Screenshot)

Die Stimme der Kreativschaffenden selbst war im Zuge der bisherigen Corona-Krise oft nur vermittelt zu vernehmen. Dann kamen Die Ärzte in die "Tagesthemen" und rückten neben der Album-PR zumindest für einen Moment auch die Probleme ihrer Crew und Mitstreiter ins Licht der Öffentlichkeit.

Dass es auch anders geht, beweist gerade Till Brönner: Mit einem fundierten Zwischenruf meldet sich der Trompeter über seine sozialen Kanäle bei Instagram oder Facebook zu Wort, fordert dabei eine angemessene Unterstützung der Kultur- und Musikwirtschaft durch die Politik ein, macht aber auch klar, dass die Kreativen selbst nicht deutlich genug für ihre Interessen einstehen würden.

"Seit Monaten schaue ich mir nicht nur an, wie eine ganze Branche von Corona lahmgelegt wird, sondern auch, wie verhalten und übervorsichtig Bühnenkünstler sich auch nach acht Monaten dazu äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht", mahnt der Künstler in seiner mehr als sechs Minuten langen Videobotschaft an. "Ich halte diese Zurückhaltung aus unseren eigenen Reihen für fatal, da sie ein falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet, in der sich unser Berufszweig aktuell befindet."

Deshalb sei es nun an der Zeit, etwas klarzustellen: "Hier geht es nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind, es geht um uns alle. Und es geht um Geld, um viel Geld." Er selbst sei Künstler, aber eben auch Vater, Arbeitgeber "und Leistungsträger einer Nation, die sich auch selbst gern Land der Dichter und Denker nennt", betont Brönner. Zudem empfinde er sich angesichts zahlreicher Auftritte auch auf internationalen Bühnen durchaus auch als Botschafter des Landes.

"Vor diesem Hintergrund ist es umso skandalöser, welch unwürdigem Schauspiel wir gerade beiwohnen müssen", betont Brönner. Ein Land wie Deutschland werde schon niemanden hängen lassen, den es zuvor ausgebildet und ihm "eine Steuernummer verpasst" habe, sei zu Beginn der Corona-Krise sein Eindruck gewesen. Dann aber erzählt Brönner vom Sommer, der zwar genauso viele Urlaubsfotos und-karten gebracht habe wie sonst, allerdings von außerhalb der Branche. Bei ihm hätten sich hingegen die Nachfragen von Mitstreitern gehäuft, ob es denn bei ihm auch so mau aussehe, führt Brönner aus und zählt unter anderem Musiker, Licht- und Tontechniker und die vielen anderen Gewerke aus dem Live- und Konzertgewerbe auf bis hin zu Clubbesitzern und Hallenbetreibern. Er spreche hier von "hunderten qualifizierten Menschen", allein in seinem Umkreis.

"Hochgerechnet sind wir viele, sehr sehr viele", betont Brönner. Mit "weit über 1,5 Millionen" sogar so viele, dass der Vergleich mit Branchen wie der Automobilindustrie hinke. Dabei gehe es um einen Wirtschaftszweig mit "einem Gesamtumsatz von, bitte festhalten, über 130 Milliarden Euro". Für Brönner ist angesichts dieser Zahlen klar: "Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem."

Er wolle keinen falschen Eindruck erwecken, betont der Musiker: "Wir alle wollen uns schützen und geschützt werden vor diesem verdammten Virus." Aber wenn ein ganzer Berufszweig per Gesetz gezwungen werde, "seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit auch dafür sorgen, dass diese Menschen auch nach Corona noch da sind".

Brönner beweist beinahe nebenbei, dass er auch populistische Töne beherrscht: "Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen, und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld zwei anbieten? Wir Musikkünstler sind weder arbeitslos, noch hatten wir vor Corona ein Nachfrageproblem", attestiert Brönner dem Wirtschaftszweig.

"Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernstzunehmende Gewerkschaft haben, und genau das rächt sich jetzt", mahnt Brönner. Der Ruf nach der Kulturstaatsministerin sei zunächst richtig gewesen, könne aber nicht alles sein. Nun müsse es aber darum gehen, unter anderem auch das Wirtschafts- und Finanzministerium zu erreichen.

Brönner rechnet vor, dass Deutschland 83 Millionen Einwohner zähle, von denen aber gerade einmal 16,5 Millionen die Hauptsteuerlast tragen würden. "1,5 Millionen davon sind wir, und wir liegen damit auf Platz zwei der Beschäftigtenzahlen. Bis heute aber gibt es kein funktionierendes Hilfsprogramm, dass dieser Tatsache ernsthaft Rechnung trägt."

Brönner wendet sich schließlich direkt an die "lieben Politiker": "Das Land steht kulturell still", warnt der Musiker. Wenn die Politik nun nicht handele, heiße das "Licht aus. Und genau dazu darf es meiner Ansicht nach nicht kommen". Schließlich gerate das ganze pluralistische System in Gefahr, wenn Kultur nicht mehr frei arbeiten und frei wirtschaften könne. Brönners Fazit: "Kultur ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht und spült - man höre und staune - Geld in die Kassen des Staats." Das hätten auch die Politiker in der Antike schon gewusst. "Es heißt jetzt aufwachen und zeigen, dass wir verstanden haben."

Mit seiner am Abend des 27. Oktober veröffentlichten Videobotschaft sammelte Brönner bis zum Mittag des 28. Oktober bei Instagram mehr als 430.000 Likes ein, mehr als 19.000 waren es bei Facebook.

Till Brönner zählt zu den international bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Musikern der Gegenwart. Er ist als Trompeter, Sänger, Komponist, Produzent und Fotograf aktiv und war schon zweimal für einen Grammy nominiert. Vor knapp einem Jahr startete er mit DEAG Classics & Jazz noch im November und Dezember 2019 auf eine Weihnachtstournee, am 30. Oktober steht bei Sony Music Masterworks die Veröffentlichung seines neuen Albums in Zusammenarbeit mit Bob James an, "On Vacation".

Text: Knut Schlinger