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Patrick Mushatsi-Kareba "will ­gewinnen, ganz klar"

Anfang Oktober eröffnete Sony Music die neue Europazentrale in Berlin. Patrick Mushatsi-Kareba, CEO Sony Music GSA, erläutert im Gespräch mit MusikWoche seine Ziele und Pläne am neuen Standort, spricht über alte und neue Mitarbeiter, den Wettbewerb im Musikbiz oder Themen wie Diversität, aber auch die Corona-Pandemie.

29.10.2020 10:15 • von
Angekommen in Berlin: Patrick Mushatsi-Kareba am neuen Standort von Sony Music an der Bülowstraße (Bild: Foto: Bella Lieberberg; Gestaltung: MusikWoche)

Anfang Oktober eröffnete Sony Music die neue Europazentrale in Berlin. Patrick Mushatsi-Kareba, CEO Sony Music GSA, erläutert im Gespräch mit MusikWoche seine Ziele und Pläne am neuen Standort, spricht über alte und neue Mitarbeiter, den Wettbewerb im Musikbiz oder Themen wie Diversität, aber auch die Corona-Pandemie.

MusikWoche: Schön haben Sie es hier, aber es scheinen noch längst nicht alle Umzugskisten ausgepackt zu sein. Wie sehen Ihre Planungen aus, bis wann wollen Sie den neuen Standort so ganz beziehen?

Patrick Mushatsi-Kareba: Da spielen zwei Komponenten in die Planungen herein: Zum einen gibt es bauliche Arbeiten, die noch im Fluss sind.

MusikWoche: Welche wären das?

Patrick Mushatsi-Kareba: Da wäre in erster Linie das Studio zu nennen, das derzeit noch hier im Erdgeschoss entsteht.

MusikWoche: Sie bauen tatsächlich ein Studio mit ein?

Patrick Mushatsi-Kareba: Damit stößt man allenthalben auf Begeisterung, was ganz interessant ist. Wie Sie wissen, hatten früher quasi alle Labels ihre eigenen Studios. Insofern muss ich immer ein wenig schmunzeln, wenn Leute sagen, dass es doch eine super Idee sei, ein Studio zu haben. Ich finde auch, dass das eine super Idee ist. Aber das haben nicht wir erfunden.

MusikWoche: Was wäre die zweite Komponente?

Patrick Mushatsi-Kareba: Das betrifft die Situation mit Corona, die es uns zum jetzigen Zeitpunkt nicht ermöglicht, mit allen Mitarbeitern am neuen Standort in den Büros zu sitzen. Insofern ist es etwas schwierig zu sagen, wann wir hier vollumfänglich eingezogen sein werden. Die baulichen Maßnahmen sind in ein paar Monaten abgeschlossen. Aber die aktuelle Lage macht es uns derzeit nicht möglich zu sagen, wann wir hier in voller Stärke eingezogen sind.

MusikWoche: Wie gehen Sie mit dem Thema Corona und Präsenz im Büro um?

Patrick Mushatsi-Kareba: Wir fahren das derzeit sehr vorsichtig hoch, aber es steht noch in den Sternen, wie sich die Lage weiter entwickelt.

____"Ich war schon immer ein Befürworter von Home Office." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Sie haben den Umzug im Frühjahr 2019 bestätigt. Gab denn seit dem Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie noch einmal den Anstoß, etwas umzuplanen und zum Beispiel offenere Räume durch kleinere Zellen zu ersetzen?

Patrick Mushatsi-Kareba: Nein, 9,5 von zehn Entscheidungen haben sich gut gefügt, so dass wir hier keine Kurskorrekturen vornehmen mussten. Das gilt für die bauliche Struktur, aber auch für meine Einstellung zu Themen wie Home Office. Ich war schon immer ein Befürworter von Home Office und bin sehr weit davon weg, Leuten zu unterstellen, dass sie nicht arbeiten, wenn sie zu Hause sind. Das lässt sich auch aus der jüngeren Geschichte des Unternehmens hierzulande belegen: So habe ich als eine meiner ersten Maßnahmen 2018 die Zahl der Home-Office-Tage verdoppelt, mit dem Disclaimer, dass man gern darüber hinaus noch mehr Tage von zu Hause aus arbeiten darf, wenn es mit den jeweiligen Vorgesetzten abgestimmt ist. Insofern fügten sich die Maßnahmen jetzt in unsere allgemeine Strategie ein. Dazu gehört zum Beispiel die Einführung von Microsoft Teams ab Sommer 2019. Das mag hinter vorgehaltener Hand bei manchen zu der Kritik geführt haben, dass der ehemals bei Apple tätige Typ nun das Unternehmen hier zwangsweise digitalisieren wolle, führte aber auch dazu, dass wir auf die derzeitigen Situation ok bis sehr gut vorbereitet waren.

MusikWoche: Braucht man denn mit den ersten Erfahrungen der Corona-Zeit überhaupt noch eine Deutschland- oder GSA-Zentrale?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, die brauchen wir definitiv. Eine der wichtigsten Erfahrungen ist zwar, dass wir die allermeisten Aktivitäten und Geschäfte durchaus virtuell erledigen können. Aber es sind die letzten fünf bis zehn Prozent, in denen sich die Musikwirtschaft von anderen Branchen unterscheidet.

MusikWoche: Zum Beispiel?

Patrick Mushatsi-Kareba: Zum Beispiel wenn es darum geht, Partner zu treffen und von Angesicht zu Angesicht für Künstler zu begeistern, sie zu inspirieren und sich selbst von ihnen inspirieren zu lassen. Diese letzten paar Prozente kann man nur persönlich machen, sie haben aber einen überproportional hohen Effekt auf das gesamte Geschäft. Hinzu kommt als eine Quintessenz für den eigenen Zugang zu einem Office - und da denke ich, dass ich für die meisten Kolleginnen und Kollegen spreche - dass man gelernt hat, wie wichtig es ist, sich auch mal auf dem Gang auszutauschen und Informationen einzuholen.

MusikWoche: Was machen Sie, damit der Team Spirit bei all dem Home Office nicht verloren geht?

Patrick Mushatsi-Kareba: Dafür haben wir beinahe ab dem ersten Tag zahlreiche interne Maßnahmen ergriffen, von virtuellen Yoga-Stunden über virtuelle DJ-Sets und Townhall Meetings bis hin zu Kolleginnen und Kollegen, die sich miteinander vor dem Bildschirm eine Pizza bestellt und dann beim Essen unterhalten haben. Es gab darüber hinaus zudem Empfehlungen für Podcasts oder Gigs von Künstlern, die zum Beispiel in einem Fall von Los Angeles aus für die Belegschaft gespielt haben. Das alles kann den persönlichen Austausch nicht ganz ersetzen, manches aber ein wenig kompensieren - und das ist auch notwendig, sogar dringend notwendig, weil Menschen sehr unterschiedlich auf einen Lockdown reagieren. Das haben wir von Anfang an sehr ernst genommen.

MusikWoche: Da manche Sony-Music-Mitarbeiter den Umzug nicht mitgemacht haben, dürfte der Wechsel in der Zeit des Lockdowns auch besondere Herausforderungen im Bereich Recruiting mit sich gebracht haben. Konnten Sie bereits alle gewünschten Posten besetzen, und wie lief das Onboarding?

Patrick Mushatsi-Kareba: Wir haben zwar noch nicht alle Stellen besetzt, die meisten aber schon. Und wir hatten keine Probleme, neue Leute zu finden. Ob wir immer den richtigen Ersatz ausgewählt haben, kann ich allerdings vermutlich erst in einem Jahr beantworten. Es war dann eine durchaus interessante Übung, ein Onboarding für Menschen zu machen, die man teils erst ein halbes Jahr später erstmals persönlich gesehen hat. Unterm Strich aber hat das alles gut geklappt.

MusikWoche: Und wie lief das mit den Mitarbeitern, die sich gegen den Umzug entschieden haben?

Patrick Mushatsi-Kareba: Die Kolleginnen und Kollegen, die sich für einen Verbleib in München entschieden haben, waren bis zum letzten Tag professionell dabei. Das Gros hat zudem erkannt, dass der Umzug keine Entscheidung gegen München ist und eine gewisse Sinnhaftigkeit mit sich bringt.

MusikWoche: Wie meinen Sie das?

Patrick Mushatsi-Kareba: Nun, ich bin auch dafür da, Potenziale zu heben. Dazu gehört natürlich die Frage nach der Bewertung des Standortes. Offenbar bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Standort eine große Bedeutung mit sich bringt. Das habe ich nicht zu meinem persönlichen Vergnügen gemacht, denn Sie können sich vorstellen, was für einen Kraftakt so ein Umzug zum Beispiel auch in Hinblick auf Ressourcen bedeutet.

____"München war aus meiner Sicht schon damals ein Standortnachteil." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Sony Music war bereits in den frühen Nullerjahren in Berlin. War der Umzug der damaligen Sony BMG nach München aus Ihrer Sicht ein strategischer Fehler?

Patrick Mushatsi-Kareba: Der Schritt hätte damals bestimmt länger diskutiert werden sollen. München war aus meiner Sicht schon damals ein Standortnachteil.

MusikWoche: Gab es noch eine andere Option als Berlin?

Patrick Mushatsi-Kareba: Das habe ich mich immer wieder gefragt, und habe mir die Entscheidung auch nicht einfach gemacht. Es gab auch tatsächlich eine andere Option.

MusikWoche: Welche denn?

Patrick Mushatsi-Kareba: Wir hätten uns für München entscheiden können, dann jedoch ohne Wenn und Aber. Das hätte dann bedeutet, dass die Kollegen aus Berlin nach München gezogen wären. Rückblickend lässt sich immer sehr leicht von Fehlern sprechen. Aber man hätte sich schon viel früher ganz eindeutig zu München bekennen müssen. Das ist jedoch in meinen Augen nicht passiert - das Damoklesschwert München-Berlin, Berlin-München schwebte schon länger in der Luft. In den Neunzigern gab es hierzulande noch mehrere Zentren, aber heute täte man sich meiner Meinung nach im Musikgeschäft schwer, fünf gewichtige und singuläre Gründe zu finden, die zum Beispiel für den Standort München sprächen.

MusikWoche: Was gab denn bei Ihnen den Ausschlag für Berlin?

Patrick Mushatsi-Kareba: Zunächst die räumliche Nähe zu Künstlern, zu Managements und anderen Partnern. Wo sitzen die meisten von ihnen? Da gibt es nur eine Antwort, und die lautet Berlin. Darüber hinaus, und diese Einschränkung ist mir ganz wichtig, gibt es auch außerhalb Berlins viele bedeutende Partner und Multiplikatoren. Aber selbst diese kommen immer mal wieder nach Berlin. Gleichzeitig ist es so, dass wir unsere Arbeit in der GSA-Struktur auch international sehen - ich selbst arbeite bereits seit 20 Jahren unter dieser Voraussetzung. Und um das zu tun, brauchst du Leute, die ins Land kommen, und die kommen nun einmal definitiv eher nach Berlin als nach München, Frankfurt oder Köln. Und, last but not least, findet man hier einen Zugang zu Popkultur und allen anderen Formen der Kultur, den es so andernorts in Deutschland nicht noch einmal gibt - vereinzelt vielleicht noch in Hamburg, aber in dieser Form wirklich nur in Berlin.

MusikWoche: Lassen Sie uns über Zahlen reden: Wie viele Mitarbeiter gibt es künftig in Berlin, wie viele gibt es noch in München?

Patrick Mushatsi-Kareba: In München haben wir noch rund 100 Kolleginnen und Kollegen, die Zahl in Berlin ist noch fluide.

MusikWoche: Welche Abteilungen sind in München geblieben?

Patrick Mushatsi-Kareba: Dort sind noch viele Kollegen aus den Bereichen IT, Finance, Legal und Human Resources.

MusikWoche: Keine Labels mehr?

Patrick Mushatsi-Kareba: Doch, mit dem Family & Home Entertainment-Bereich bleibt eines unserer erfolgreichsten Labels in München. Hinzu kommen einige Kolleginnen und Kollegen aus der Commercial Unit, speziell aus dem physischen Geschäft, oder aus dem Concepts-Bereich.

MusikWoche: Bleibt damit der Standort an der Balanstraße erhalten?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, die Balanstraße bleibt. Wir haben hier eine gute Lösung gefunden, indem wir einige unserer Flügel zurückgeben konnten. Insofern gibt es keinerlei Einschränkungen, zum Beispiel in Hinblick auf den Komfort.

MusikWoche: Wie viele Mitarbeiter haben sich entschlossen, das Unternehmen im Zuge des Umzugs zu verlassen?

Patrick Mushatsi-Kareba: Rund 50 Prozent.

MusikWoche: Das ist mehr, als ich erwartet hätte.

Patrick Mushatsi-Kareba: Ich finde, dass dieser Wert absolut im Rahmen liegt. In meinem Berufsleben habe ich bereits zwei ähnliche Umzüge mitgemacht, und da lag die Anzahl derjenigen, die nicht mitgekommen sind, noch höher.

MusikWoche: Aber fürchten Sie bei so einer Größenordnung nicht um einen gewissen Verlust an Know-how?

Patrick Mushatsi-Kareba: Den nötigen Know-how-Transfer haben wir dank der Professionalität der Kolleginnen und Kollegen, die sich entschlossen haben, zu gehen, und im Zusammenspiel mit der HR-Abteilung hinbekommen. Ich kann allen nur danken, denn sie haben sich als absolute Profis erwiesen und dafür gesorgt, dass das reibungslos geklappt hat.

MusikWoche: Was macht so ein Schnitt mit dem Durchschnittsalter der Mitarbeiter im Unternehmen?

Patrick Mushatsi-Kareba: Wir haben dazu noch keine Erhebung gemacht, aber ich würde schon erwarten, dass das Durchschnittsalter gesunken ist. Wir haben uns hier aber keine Zielgröße gesetzt. Wichtig ist für alle, vom Empfang bis zu mir selbst, eine Mischung aus den jeweils nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Mitte Zwanzig oder Mitte Vierzig ist.

____"Man kann das Geschäft nicht nur mit Zwanzigjährigen machen, aber eben auch nicht nur mit Sechzigjährigen." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Aber das Alter dürfte doch sehr wohl eine Rolle spielen, wenn es darum geht, den digitalen Umbruch zu bewältigen, oder?

Patrick Mushatsi-Kareba: Das ist aus meiner Sicht ganz klar eine Frage des individuellen Ansatzes: Wie neugierig ist man? Sie haben recht, ein Digital Native mit 25 hat zunächst einmal bessere Voraussetzungen. Aber eben nur zunächst einmal. Meiner Erfahrung nach ist das zwar durchaus altersabhängig, ich könnte aber aus dem Stegreif eine ganze Reihe an Kolleginnen und Kollegen nennen, die mit Mitte Vierzig oder Mitte Fünfzig ihre Neugier nicht verloren haben. Man kann das Geschäft nicht nur mit Zwanzigjährigen machen, aber eben auch nicht nur mit Sechzigjährigen. Deshalb gehört es auch zu meinen Aufgaben, Leute zusammenzubringen, die sich ergänzen. Und das mache ich frei von Vorurteilen hinsichtlich des Alters oder anderer Merkmale. So sind viele Kolleginnen und Kollegen mitgekommen, die schon 20 oder 25 Jahre in der Firma sind. Und denen bin ich extrem dankbar. Denn wir brauchen diese Erfahrung.

MusikWoche: Haben Sie bei der Suche nach Personal auch ein besonderes Augenmerk auf das Thema Diversität gelegt?

Patrick Mushatsi-Kareba: Was glauben Sie denn?

____"Die Hälfte von meinen Direct Reports sind Frauen. Ich mag mich irren, aber ich glaube, dass das bei Labels nicht so häufig vorkommt." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Ich würde erwarten, dass Sie das sehr wohl gemacht haben.

Patrick Mushatsi-Kareba: Genau. Die Antwort ist natürlich ja. Mir ist dabei zunächst einmal wichtig zu betonen, dass es keine politisch korrekte Punchline ist zu sagen: »Wir bauen auf Diversität«. Da muss vielmehr eine gewisse Natürlichkeit herein. Die ergibt sich, egal, wie man zu der Begrifflichkeit steht oder politisch positioniert ist, daraus, dass wir mit Menschen zusammenarbeiten und Musik veröffentlichen für ein wiederum sehr breites Spektrum an Menschen. Es gibt einfach keinen Grund dafür, warum nur Linkshänder Musik für Rechtshänder machen sollten. Wenn es Rechtshänder als Musikkonsumenten gibt, dann ist die Idee nicht ganz so blöd, auch auf Labelseiten Menschen zu haben, die Rechtshänder sind. Das ist zunächst einmal ein sehr einfaches Konzept. Das soll natürlich nicht Menschen diskriminieren, das Gegenteil ist vielmehr der Fall, und fußt auf der Annahme, dass wir Musik, Produkte und einen gewissen Lebensstil für ein Publikum mit einem immens breiten Spektrum anbieten, und das möchte ich bei uns im Haus repräsentiert sehen. Ich glaube daran, dass das nicht bloß ethisch und moralisch richtig ist, sondern letztendlich auch die besten Ergebnisse fördert. Wir haben deshalb Maßnahmen und unternehmerische Entscheidungen getroffen, die wirklich nachvollziehbar und nachprüfbar nichts mit den Ereignissen der vergangenen Monate - zum Beispiel George Floyd - zu tun haben. Ein Beispiel: Die Hälfte von meinen Direct Reports sind Frauen. Ich mag mich irren, aber ich glaube, dass das bei Labels nicht so häufig vorkommt.

MusikWoche: Zurück zu den Zahlen: Lässt sich über den Daumen peilen, was der Umzug das Unternehmen kostet?

Patrick Mushatsi-Kareba: Einen genauen Betrag möchte ich nicht nennen, es handelt sich aber um eine ordentliche Millionensumme.

MusikWoche: Hat sich das Land Berlin hier engagiert?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, das Land Berlin hat sich schon ins Zeug gelegt, als es um den Umzug ging. Auch eine gewisse Förderung gab es. Das war sehr gut, wir haben aber keinen Pitch darum gemacht, wer uns mehr gibt: Wir haben die Entscheidung für Berlin losgelöst von etwaigen Förderungen oder sonstigen Hilfen getroffen. Nachgelagert aber haben wir geschaut, wie man zusammenarbeiten kann. Dabei ging es gar nicht mal um große finanzielle Hilfen, oder um die ganze Stadt Berlin, vielmehr bezieht sich das vor allem auf Schöneberg.

MusikWoche: Wie meinen Sie das?

Patrick Mushatsi-Kareba: Uns war es wichtig, ein Statement zu setzen mit unserer Präsenz hier und dem Gebäude. Diese Präsenz aber soll eine Form der Offenheit zeigen: Wir wollten kein Albert-Speer-mäßiges Gebäude, das jeden Menschen im Vergleich klein erscheinen lässt. Ich möchte vielmehr, dass das Gebäude mit den Menschen spricht: Mit den Leuten, die daran vorbeilaufen, mit Gästen und Partnern, die zu uns kommen, und den Kolleginnen und Kollegen, die immer wieder hereinkommen. Das haben wir ganz gut hinbekommen. Darüber hinaus möchten wir mit dem Bezirk Schöneberg Hand in Hand zusammenarbeiten, bei Projekten und Workshops zum Beispiel, die wir mit Schülern starten wollen.

MusikWoche: Zuvor gab es bereits Standorte von Sony Music in Berlin in der Schlegelstraße und der Rosenthaler Straße. Sind die dort zuletzt ansässigen Abteilungen nun mit ins neue Haus gezogen? Und was macht das Verlagsteam von Sony/ATV?

Patrick Mushatsi-Kareba: Diese Kolleginnen und Kollegen werden künftig alle mit hier im Gebäude sein.

MusikWoche: Trifft das, um noch einen weiteren Standort ins Spiel zu bringen, auch auf Century Media zu?

Patrick Mushatsi-Kareba: Korrekt. Es bleiben ein paar Kolleginnen und Kollegen in Dortmund, unter anderem für die dort angesiedelte physische Supply Chain von Century Media. Aber das Gros des Teams sitzt, was mich besonders freut, hier ebenfalls künftig mit im Gebäude. Century Media ist für mich eine sehr wichtige Unit. Wir stehen vor einem sehr fragmentierten Markt, deshalb halte ich es für eine spannende Herausforderung, wie nun zum Beispiel das Bold Collective oder das Catalog-Team fortan mit Century Media zusammenarbeiten werden.

MusikWoche: Da dürfte es bisher nur wenige Synergien gegeben haben, oder?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, genau, das war ausbaufähig. Das sind aber genau die Situationen, auf die ich mich am meisten freue. Meine Hoffnung und auch meine Überzeugung ist es, dass diese positiven Effekte noch spürbar sein werden, wenn ich schon lange nicht mehr da bin.

____"Ich bin hier, um das Unternehmen strategisch bestmöglich aufzustellen, Potenziale zu identifizieren und zu nutzen und das Geschäft zu mehren." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Sehen Sie den Umzug nach Berlin als eine Kampfansage zum Beispiel an den Mitbewerber Universal Music mit dem Ziel, dem Marktführer Anteile abzujagen?

Patrick Mushatsi-Kareba: Nun, ich würde meinen Job falsch machen, wenn ich sagen würde, dass wir kleiner werden wollten. Es gab auch bereits Stimmen, die den Schritt als Angriff auf Universal Music sahen. Aber, mit Verlaub, das ist dummes Zeug. Ich bin hier, um das Unternehmen strategisch bestmöglich aufzustellen, Potenziale zu identifizieren und zu nutzen und das Geschäft zu mehren. Ich habe aber in keiner Weise eine Obsession in Bezug auf irgendeinen unserer Mitbewerber, und möchte hier auch eher von Partnern oder Mitstreitern sprechen. Klar ist aber: Wenn wir Chancen sehen, und die Chancen sind hier überproportional hoch, dann nutzen wir die, auf eine durchaus harte und kompetitive Art, gleichzeitig aber auch auf eine faire Weise, ohne Foul zu spielen.

____"Ich bin nicht der Typ, der seinem Ex-Verein einen Hattrick einschenken muss." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Spielt Ihre eigene Vergangenheit bei Universal Music dabei eine Rolle?

Patrick Mushatsi-Kareba: In meinem ersten Jahr hörte ich immer mal wieder ein »ach, der kommt von Universal«, aber inzwischen bin ich schon viel länger bei Sony Music als ich bei Universal Music war. Universal Music war die kürzestes Station in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn. Insofern wird mir das Thema viel zu hoch gekocht. Dennoch war die Zeit dort eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich bin nicht der Typ, der seinem Ex-Verein einen Hattrick einschenken muss, um sich dann besonders gut zu fühlen. Um bei dem Fußballvergleich zu bleiben: Ich will gewinnen, ganz klar, aber gegen jeden Gegner.

MusikWoche: Aber droht in Berlin nicht mit Universal Music, BMG und nun auch Sony Music sowie zahlreichen weiteren unabhängigen Musikunternehmen ein verschärfter Wettstreit um die größten künstlerischen Talente und die fähigsten Köpfe im Business?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, ganz bestimmt. Aber das ist kein Novum und nichts, was jetzt mit unserem Umzug startet. Diesen Wettbewerb gab es immer, und ihn wird es auch weiterhin geben. Ich will Mitarbeiter verpflichten, weil ich an deren Fähigkeiten glaube und daran, dass sie uns besser machen, aber nicht, um andere zu schwächen. Natürlich kann ich nur sagen, wie wir das handhaben. Wie andere das Thema angehen, müssen die beurteilen. Das gilt übrigens auch für Künstler: Ich ziehe keine besondere Befriedigung daraus, wenn ich einen Deal bekomme, und ein anderes Label somit nicht. So denke ich nicht.

MusikWoche: Wie würden Sie Ihr Denken denn beschreiben?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ich habe ein paar tiefgreifende Passionen, neben der Musik zum Beispiel Motorräder und Autos, bin aber gleichzeitig jemand, der 24/7 alles reinlegt in seinen Job. Das ist es, was ich auf den Tisch legen kann. Und das hat mich bislang sehr weit gebracht. Solange ich das mache, wird sich das nicht ändern. Und wenn ich es einmal aus irgendeinem Grund nicht mehr in dieser Intensität machen kann, würde ich aufhören. Das ist es, womit ich dem Unternehmen und unseren Künstlern dienen kann.

MusikWoche: Kommen wir bitte zur Aufteilung hier im Haus. Haben die Leiter der einzelnen Labels und Abteilungen sich die Räume für ihre Teams frei aussuchen können, oder verfolgen Sie hier einen besonderen, kollaborativen Ansatz?

Patrick Mushatsi-Kareba: Letzteres ist der Fall. Wir haben die Abteilungen strategisch im Gebäude positioniert. Einzelne zentrale Units wie Sony Music Partnerships, Bold Collective oder die unterschiedlichen Promotion-Disziplinen haben wir dabei so verteilt, dass andere sich drumherum positionieren und direkt auf sie zugreifen können. Zugleich ist zum Beispiel auch das Erdgeschoss mit seinem gastronomischen Angebot so konzipiert, dass die Leute angehalten werden, sich dort nicht bloß einen Kaffee zu kaufen, sondern sich dort auch aufzuhalten und so den Austausch zu fördern.

MusikWoche: Zwischen manchen noch jungen Abteilungen wie Gold League und lang etablierten Marken wie RCA gibt es gewisse Überschneidungen. Ist das ein natürlicher Wettbewerb zwischen den einzelnen Labels im Haus, den Sie bewusst befeuern?

Patrick Mushatsi-Kareba: Unser Markt ist ja - zum Glück - so groß, dass es quantitativ genug Signing-Ziele gibt, die auch die Anzahl dieser Labels rechtfertigen. Mir waren zwei Dinge wichtig: Zum einen sollten alle Labels ein potenzielles Zuhause für die allermeisten Künstler sein können, zum anderen sollten die Labels aber auch eine gewisse Identität ausarbeiten und definieren. Das ist etwas, was sich zunächst zwar wie ein Widerspruch anhört, ergibt aber, wenn man tiefer hereinschaut, doch Sinn. Schließlich gibt es Künstler, die zu allen Labels passen könnten, aber gleichzeitig auch wieder Aspekte, in denen sich die Labels voneinander unterscheiden. So gibt es immer wieder Künstler, bei denen sich mehrere Labels melden, aber das ist nicht die Regel. Mir ist deshalb eine gesunde Konkurrenz unter den Labels wichtig. Es mag anderswo ungesunde Konkurrenzsituationen geben, das möchte ich aber nicht, da das nur Ressourcen verschwendet.

MusikWoche: Von Außen betrachtet scheint es, als würden Sie Labels wie RCA Deutschland derzeit mehr in den Fokus schieben, während zum Beispiel Ariola an den Rand rückt. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Patrick Mushatsi-Kareba: Im Gegenteil sind wir gerade dabei, Ariola etwas aufzufrischen: Quantitativ ist der Eindruck zwar durchaus richtig, aber wir glauben an die Marke Ariola und unterziehen diese gerade einer kleinen Generalüberholung. Die Idee ist, dass man Künstler findet, die die Marke Ariola repräsentieren, so wie unlängst mit Sarah Lombardi geschehen, genauso wie man auch Künstler hat, die die Marke Four Music repräsentieren. Wir glauben, dass es diese Künstler gibt, und suchen bereits danach. Über die Nähe zu Sony Music Partnerships oder Bold Collective wird es auch hier Synergien geben, die positive Effekte bringen.

MusikWoche: Was bedeutet das für die kreativen Prozesse?

Patrick Mushatsi-Kareba: Nun, unsere Branche neigt ein wenig zum Reflex: Derzeit funktionieren rote Hosen sehr gut? Also lasst uns nach roten Hosen suchen! Natürlich kann sich kaum ein Label davon freimachen, sich ein bisschen am Zeitgeist zu reiben. Noch spannender aber fand ich es immer, wenn wir uns nicht nur mit dem beschäftigen, was gerade jetzt funktioniert, sondern uns vielmehr bereits jetzt mit dem befassen, was morgen und übermorgen funktioniert. Dabei werden wir Fehler machen, und kaum zehn von zehn Treffern landen. Aber wenn wir dabei ein paar harte Treffer landen, bei denen die Leute manchmal vielleicht zu Anfang noch fragen, wer das überhaupt ist, oder dem sogar ablehnend gegenüberstehen, ist das gut. Das ist für mich strategisches Arbeiten.

MusikWoche: Haben Sie ein Beispiel für solche harten Treffer?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ich war lange genug auf der anderen Seite des Zauns, und habe zum Beispiel noch bei Apple in Zusammenarbeit mit Sony Music ein paar dieser Treffer landen können. Ich denke da an sehr früh gestartete Kampagnen mit Künstlern wie Tim Bendzko oder Namika, über die sich zunächst manche in der Branche gewundert haben. Das sind Projekte, die am meisten Spaß machen.

MusikWoche: Mit Epic und Gold League haben Sie zuletzt bereits in Berlin zwei Units gegründet. Sind Sie mit deren Entwicklung zufrieden, erfüllen sie die Erwartungen, oder übererfüllen sie sie sogar?

Patrick Mushatsi-Kareba: Eher letzteres. Gold League betreut sehr viele sehr gute Newcomer, die bereits mit den ersten Veröffentlichungen echte Ausrufezeichen setzen konnten, steht aber auch für die Zusammenarbeit mit Elvir Omerbegovic und seinen beiden Labels Selfmade und Division - das läuft sehr gut. Das gilt aber auch für Epic: Wenn man sich zum Beispiel die Kampagne mit Clueso anschaut, dann glaube ich, dass man nicht übertreibt, wenn man sagt, dass wir einem tollen, kreativen Künstler dabei geholfen haben, die nächste Stufe seiner Karriere zu erklimmen. Die Bandbreite ist da sehr interessant und sehr groß. So wird zum Beispiel das gesamte Latin-Repertoire von Sony Music hier bei Epic gearbeitet, ebenso aber auch interessante Newcomer und tolle Künstler wie Elias oder NGEE. Darüber hinaus haben wir, was sicherlich einige überrascht hat, jetzt Tokio Hotel auf Epic unter Vertrag genommen. Das wird eine Kampagne, auf die ich mich sehr freue. Das zeigt, dass wir uns hier relativ breit aufstellen wollen. Die beiden Labels machen hervorragende Arbeit.

____"Ich empfand es immer als sehr störend, wenn Manager das GSA auf ihren Visitenkarten stehen hatten, sich dann aber beinahe ausschließlich um das G gekümmert haben." Patrick Mushatsi-Kareba.

MusikWoche: Sie verantworten auch die Geschäfte von Sony Music in Österreich und der Schweiz. Wie präsent sind Sie in diesen beiden Ländern und sind Sie regelmäßig vor Ort?

Patrick Mushatsi-Kareba: In den letzten paar Monaten nicht, aber normalerweise bin ich da sehr involviert und versuche, meiner Verantwortung gerecht zu werden. Das gehört zu meinem Selbstverständnis. Ich empfand es immer als sehr störend, wenn Manager das GSA auf ihren Visitenkarten stehen hatten, sich dann aber beinahe ausschließlich um das G gekümmert haben. Ich habe in beiden Ländern langjährige Kontakte, was sehr hilft, sich dort einzubringen. So habe ich denn auch Künstler direkt unter Vertrag genommen, in der Schweiz zum Beispiel LieVin, einen vielversprechenden Zürcher Rapper. Ich wäre gern häufiger dort vor Ort, versuche aber zumindest, die Wege kurz zu halten und mich einzubringen.

MusikWoche: Gibt es da auch einen Know-how-Transfer, zum Beispiel mit dem Bold Collective?

Patrick Mushatsi-Kareba: Ja, absolut. Ich habe darüber hinaus zum Beispiel ein A&R-Meeting ins Leben gerufen, bei dem einmal im Quartal alle A&Rs aus der GSA-Region zusammensitzen. Das ist eine stattliche Gruppe an Menschen mit rund 30 bis 35 Teilnehmern.

MusikWoche: Nun sitzt in der Berliner Bülowstraße nicht bloß die GSA-Zentrale, sondern mit Daniel Lieberberg auch der Leiter der Sony-Music-Aktivitäten für Kontinentaleuropa und Afrika. Eröffnet das den Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum noch einmal ganz neue Perspektiven, zum Beispiel auf europäischer Ebene?

Patrick Mushatsi-Kareba: Sogar auf weltweiter Ebene, würde ich sagen. Das ist zunächst nicht an die Person Daniel Lieberberg gebunden, aber natürlich ist es für uns in GSA ein Vorteil, wenn derjenige, der Kontinentaleuropa verantwortet, hier sitzt, und nicht zum Beispiel in Helsinki. Grundsätzlich bringen die sich verändernden Gewohnheiten im Musikkonsum darüber hinaus aber auch den Vorteil, dass es für uns einfacher wird, Künstler unter Vertrag zu nehmen, die nicht aus der GSA-Region stammen oder hier leben, und mit ihnen die Welt als Spielplatz anzugehen. Es ist immer noch schwierig, dies in einer Stadt zu machen, die nicht New York, Los Angeles oder London ist, es war aber auch noch nie so einfach. So haben wir in GSA zahlreiche Künstler wie Justin Jesso oder Evangelia unter Vertrag, die nicht aus dem deutschen Sprachraum kommen. Das sehen wir als eine große Chance.

Interview: Knut Schlinger und Norbert Schiegl

____Zur Person

Patrick Mushatsi-Kareba ist ein deutscher Musikmanager. Der am 19. Oktober 1973 geborene Frankfurter startete seine Karriere in den späten 90er-Jahren als Journalist im Musik- und Kultur-Ressort des Stadtmagazins »FRIZZ«. Neben der Verantwortung für die Musikredaktion arbeitete Mushatsi-Kareba ab 1999 zusätzlich für die multinationale Nachrichtenagentur The Associated Press (AP), war bis 2008 Autor in deren Musikbereich. Im September 2002 wechselte Mushatsi-Kareba zur Deutschen Telekom, wurde beim damaligen Tochterunternehmen T-Online International AG mit Konzeption, Entwicklung und Führung einer digitalen Musikplattform betraut, ein Projekt, das als Musicload schnell zur Speerspitze des Musikportfolios des Unternehmens wurde. Im Frühjahr 2005 wechselte Mushatsi-Kareba in den Streamingbereich, verantwortete als Director die Geschicke der im selben Jahr gestarteten Plattform Napster, zuerst in Deutschland, dann auch in der Schweiz und in Italien. Nach erfolgreichem Markteintritt von Napster wechselte der Manager im Sommer 2008 zu Apple, verantwortete dort als Head of Music das Musikgeschäft von iTunes, anfangs in Deutschland und Österreich, dann zusätzlich in der Schweiz, Italien und im mehrheitlich osteuropäischen Länderverbund Pan-EU, ab 2015 auch als Kopf von Apple Music. Nach einigen Jahren an zentraler Position auf Seiten der Download- und Streamingplattformen, wechselte der studierte Politikwissenschaftler im Sommer 2016 auf die Labelseite, um als General Manager Marketing & Digital im Domestic-Bereich von Universal Music in Berlin Verantwortung zu übernehmen. Anfang 2018 wurde Mushatsi-Kareba zum CEO von Sony Music Entertainment in Deutschland, Österreich und Schweiz berufen. Patrick Mushatsi-Kareba lebt in Frankfurt am Main und Berlin. Er engagiert sich aktiv für mehr Vielfalt und Diversität in der Musikindustrie.