Livebiz

Thanscheidt warnt vor "Kahlschlag" in der Livebranche

Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, sieht die privaten Konzertveranstalter bei der Verteilung der Corona-Hilfsgelder im Hintertreffen und warnt vor einem Kahlschlag für die Branche, wenn die geltenden Einschränkungen bis in den Herbst 2021 und länger andauern. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda stellt längerfristige Hilfen in Aussicht.

26.10.2020 15:48 • von Frank Medwedeff
Sieht die privaten Veranstalter bei der Verteilung der Corona-Hilfen im Nachteil: Stephan Thanscheidt (Bild: FKP Scorpio)

In einem Beitrag zur Lage der Livebranche in der Coronakrise auf der Internetseite des Norddeutschen Rundfunks kritisiert Stephan Thanscheidt, der Geschäftsführer von FKP Scorpio, die Verteilung der Fördergelder: "Dass diverse Häuser, die das Jahr über sowieso schon sehr, sehr stark subventioniert werden, auch in der Krise doppelt und dreifach subventioniert werden, und die Privatwirtschaft hintenansteht, ist in den Augen vieler nicht fair", erklärt er.

Ein Problem sei, dass das vor Corona florierende Livemusikbusiness nicht im Fokus der Verantwortlichen in der Politik stehe: "Die Livebranche kannte niemand, weil wir nie Hilfe brauchten", wie Thanscheidt gegenüber dem NDR zu Protokoll gab. "Wir haben uns auch zu Zeiten diverser Wirtschaftskrisen immer selbst geholfen. Wir waren immer kreativ und haben diese Unabhängigkeit ja auch ein Stück weit geliebt."

Dass dies so in der Corona-Krise nun nicht mehr möglich sei, räumt in dem NDR-Beitrag auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda ein: "Wir müssen, das ist die größte Neuaufstellung, nicht nur in den Bereichen helfen, in denen wir schon vor der Krise auf dem Platz waren, und in denen es vergleichsweise einfach war, die Fördersätze zu erhöhen". Es gelte nun, zu sehen, wie man denen helfen könne, die normalerweise klarkommen, ohne eine kulturelle Förderung zu brauchen. "Und das ist schon der Bereich, in dem wir immer noch nicht fertig sind, ehrlicherweise". Aber man sei miteinander im Gespräch und sich in der Krise auch bereits näher gekommen, so Brosda.

Carsten Brosda gesteht ein, dass im Gegensatz zu etwa neun Millarden Euro für die Lufthansa die Kultur in puncto Hilfsmaßnahmen Nachholbedarf habe und verweist indes auf immerhin eine Milliarde vom Bund für den "Neustart Kultur" und allein in Hamburg 90 Millionen Euro zusätzlich zum regulären Kulturhaushalt. Man habe die Kultur diesmal durchaus früher im Blick gehabt als bei früheren Krisen. "Normalerweise war es immer so, dass man die Wirtschaftsprogramme aufgelegt hat, und dann musste man die Kultur hinten reinfummeln, weil die ein paar Besonderheiten hat, die nicht von Anfang an berücksichtigt worden sind. Das war diesmal erfreulicherweise etwas anders und etwas konzentrierter", wie der NDR Brosda zitiert.

Der Kultursenator der Hansestadt prophezeit: "Wir kommen gut ins nächste Jahr, wir kommen auch noch durchs nächste Jahr, wir schaffen sicherlich auch noch im übernächsten Jahr zu helfen, wenn wir durch die Krise einen Niveauversatz haben, dass die Leute am Tag eins danach nicht wieder genauso ins Konzert gehen wie das vor der Krise der Fall war. Aber wir müssen schon gucken, wenn sich die Prognosen bewahrheiten, dass wir im kommenden Jahr einen Impfstoff haben, dass wir es dann auch im Laufe der nächsten zwei Jahre schaffen, an die sehr gute und reichhaltige Entwicklung anzuknüpfen, die wir vorher hatten."

Konzertveranstalter FKP Scorpio, der bislang nur Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen habe, hat jetzt auch aus dem "Neustart Kultur"-Paket Hilfsgelder beantragt.

Die Förderung müsse generell großflächig verteilt werden, wie Geschäftsführer Stephan Thanscheidt bekräftigt: "Denn ansonsten sollte es, wenn es in der ersten Jahreshälfte noch nichts wieder geben wird, und erst so ganz langsam im Herbst wieder losgeht, einen echten Kahlschlag in der Live-Landschaft und der Kulturlandschaft generell in Deutschland geben."

Wenn die Coronamaßnahmen aber wieder zurückgefahren werden könnten, werden Livemusikevents laut Thanscheidt indes gefragter denn je sein: "Die jungen Menschen werden uns, sobald wir die Türen aufmachen, die Bude einrennen, wie Hunde, die lange angekettet waren und jetzt von der Leine gelassen werden."