Events

Oberhaus und Christoph müssen bei der c/o pop "ständig neudenken"

Die c/o pop 2020 startet am 21. Oktober in Köln unter nochmals verschärften Corona-Bedingungen. MusikWoche sprach mit Geschäftsführer Norbert Oberhaus und Convention-Direktor Ralph Christoph.

21.10.2020 14:28 • von Jonas Kiß
Mussten die co pop kurzfristig komplett in den digitalen Raum verlegen: Norbert Oberhaus (links) und Ralph Christoph (Bild: MusikWoche)

Die startet am 21. Oktober in Köln unter nochmals verschärften Corona-Bedingungen. MusikWoche sprach mit Geschäftsführer Norbert Oberhaus und Convention-Direktor Ralph Christoph.

Im Rahmen der etablierten Convention-Festivals in Europa gehören Sie nun mit dem c/o-pop-Termin parallel zum Amsterdam Dance Event (ADE) zu den letzten 2020er-Veranstaltungen. Was sind ihre Learnings des Corona-Jahres, welche Konsequenzen mussten Sie ziehen?

Norbert Oberhaus: Es war ein schmerzlicher Prozess. Nachdem wir im März absagen mussten, sind wir davon ausgegangen, das ursprüngliche Programm, das ja komplett fertig war, nahezu identisch im Oktober nachzuholen. Im Sommer kamen erste Zweifel daran auf. Aus dem geplanten Mix aus Live und Digital wurde nun ein komplett digitaler Auftritt.

Ralph Christoph: Über die Musik-Conventions hinaus haben Messen und Kongresse gestreamt, was das Zeug hält. Im Sommer strömte dann alles nach draußen, und die Abruf-Raten tendierten gegen Null. Das haben wir analysiert und uns gefragt, was im Netz funktionieren könnte. Und es war schnell klar, dass das kein Programm sein kann, das nur aus abgefilmten Panels oder Vorträgen besteht. Wir haben bereits im Vorfeld begonnen, Web-Beiträge vorzuproduzieren, etwa mit dem Kölner Reggae-Musiker Gentleman, den wir in der Indoor-Fußball-Halle von Lukas Podolski treffen.

Norbert Oberhaus: Die Bestimmungen wurden ja in den letzten Wochen weiter drastisch verschärft. Ein Panel, das in unserem zentralen Studio im Stadtteil Ehrenfeld stattfinden und gesendet werden sollte - also live on stage - ist jetzt wieder zur Zoom-Debatte mutiert. Bei manchen Beiträgen sitzt nun nur noch die Moderation in Köln und die Teilnehmer*innen wieder in ihren Arbeitszimmern. Ständig neue Anforderungen an Ablauf und Technik verlangen vom gesamten Team starke Nerven. Ständiges Neudenken und Umsetzen wurde zur Königsdisziplin! Die c/o pop hat sich darauf spezialisiert, Bands und Künstler aus Deutschland zu präsentieren, die später auf Festivals in ganz Europa spielen können. Im Gegenzug brachten internationale Export-Agenturen ihre KünstlerInnen nach Köln. Letztere Dimension fehlt in diesem Jahr...

Ralph Christoph: Leider. Wir mussten den geografischen Rahmen ja immer enger ziehen. Im Spätsommer wurde klar, dass es "International" nicht geben würde, zumal viele Länder vor einem neuen Lockdown standen. Oder - wie jetzt in Irland - ein zweites Einfrieren erleiden müssen. Schlussendlich ist nun nahzu halb Deutschland ein Risikogebiet. Im Detail war und ist es bis zum Schluss ein ewiges Hin und Her...

Norbert Oberhaus: Aus all dem folgte die finale Frage: Wie können wir uns abheben? Inwieweit investieren wir sinnvoll in technische Ausstattung...?

Und? Was machen Sie anders?

Ralph Christoph: Nur abgefilmte Live-Konzerte wird es jedenfalls nicht geben. Wir sind nicht "Arte in Concert" oder der "WDR Rockpalast". Diese Formate sind nicht primär fürs Netz konzipiert, also haben wir die Musik radikal eingekürzt, manchmal nur auf drei Songs, wie bei den "Tiny Desk Concerts" des US-Networks NPR. Wir haben überlegt: Wie müsste Viva-2 heute aussehen? Von der Nutzung her gedacht sind wir quasi barrierefrei: Du klappst den Rechner auf - und dann läuft der Stream... Das Programm startete am Mittwoch-Abend mit der Übertragung der popNRW Preisverleihung, wird dann Donnerstag, um 17 Uhr mit der offiziellen Eröffnung fortgesetzt. Freitag und Samstag senden wir dann jeweils ab 12 Uhr. Im Anschluss können die Beiträge einzeln auf unserem Youtube-Kanal angeschaut werden.

Ein Geschäftsführer muss bei so einem turbulenten Prozess auch die Zahlen im Blick behalten. Ist das gelungen?

Norbert Oberhaus: Natürlich war die Frage: Wo sparen wir "live" etwas ein, wo kann man digital investieren? Gerade im Veranstaltungs-Segment verursachen Umplanungen immer Kosten. Logistik, Technik, Hotels, Catering etc; das wird ja von Politik und Verwaltung nur zu gerne übersehen. Stand jetzt haben wir aber geschafft, die Budgets entsprechend umzuschichten.

Schauen wir in die ungewisse Zukunft. Wie geht es weiter mit c/o pop 2021?

Ralph Christoph: Wir planen für 2021 mit dem etablierten Frühjahrs-Termin Ende April. Diverse Kollegen verschieben ja in den Sommer, auch um Außenräume besser nutzen zu können. Eine heikle Übung mit ungewissem Ausgang. Wir peilen eine zumindest hybride Veranstaltung an.

Norbert Oberhaus: Was die Menschen wirklich vermissen, ist das physisch Zufällige. Man trifft sich auf ein Bier in einem Club, und entdeckt nebenbei die beste Newcomer-Band der Welt.

Ralph Christoph: Der internationale Convention-Jetset wird sich auf jeden Fall bis über 2021 hinaus reduzieren. Daraus entsteht etwas Neues, das ist für alle ein "learning by doing".

Die Corona-Debatte mal beiseite, was sind darüber hinaus angesagte Convention-Themen bei der c/o pop 2020?

Ralph Christoph: Im letzten Winter war zum Beispiel das "Fair Streaming"-Modell ein heiß diskutiertes Thema, das wir nicht einfach so vorbeiziehen lassen wollen. Lassen sich die immer größer werdende Lizenzströme so umleiten, dass mehr Geld bei den KünstlerInnen hängen bleibt? Das ist ein dickes Brett, wo die gesamte Branche mitbohren müsste. Wir stellen diesen Entwurf nun noch einmal vor; um die Debatte für die Zukunft lebendig zu halten.

c/o pop versteht sich gerade in Nordrhein-Westfalen, wo etwa 20 Prozent der Umsätze der Veranstaltungswirtschaft gemacht werden, auch als Vernetzer. Wie schätzen Sie die Lage von Clubs und Branche allgemein ein?

Norbert Oberhaus: Wir beobachten, dass Venues mit einer Kapazität von über 500 bald in große Schwierigkeiten kommen werden. Das ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. Da kämpft letztlich jeder für sich selbst. Vieles hängt von den Vermietern und Dienstleistern ab.

Ralph Christoph: Mit der Zweiten Corona-Welle jetzt, könnte der Schaden so groß werden, dass er auf die nächsten Jahre nicht mehr zu beheben ist. Unabhängig von großflächigen Maßnahmen und Impfstoff-Hoffnungen brauchen wir jetzt die Bereitschaft, individuelle Praxis-Lösungen zu finden. Das kommt der Öffentlichen Hand sogar günstiger, als wenn sie noch einmal mit der großen Gießkanne fette Gelder ausschüttet, die nicht an den richtigen Adressen ankommen. Durchdachte Papiere liegen auf dem Tisch, etwa von den Grünen. Stellt sich die Frage, ob diese von den Regierenden angenommen werden.

Interview: Ralf Niemczyk